»Der Nervenkrieg hat hier jedenfalls zugenommen«

Westliche Moskau-Korrespondenten in der Ära Chruščëv und der Wandel der Zensurpraxis um 1960
  1. Neuankömmlinge und Rückkehrer
  2. Isolation, Paranoia und der Aufbau von Vertrauen
  3. Auf der Suche nach den Nachrichten
  4. Glücksspiel im Zentralen Telegrafenamt
  5. Bürokratische Hindernisse, Unverständnis in den Heimatredaktionen und Berichterstattung als Politikum
  6. Das Ende der Vorzensur zum 23. März 1961
  7. Neue Beschränkungen
  8. Fazit: Moskau als Schnittstelle zwischen Ost und West

Anmerkungen

Auslandskorrespondenten gelten als Autoritäten besonderer Art. Sie sind umweht vom Mythos, gleichzeitig Chronisten und Abenteurer, Vermittler zwischen den Völkern und Rächer der Unterdrückten zu sein. Insbesondere während des Kalten Kriegs kam den westlichen Korrespondenten, die aus der Sowjetunion berichteten, eine Rolle zu, die von paradoxen Annahmen geprägt war: Einerseits sollten sie als Experten die brisanten politischen Entwicklungen im Zentrum der östlichen Supermacht beleuchten. Andererseits wurde davon ausgegangen, dass sie ohnehin nur innerhalb der engen von den sowjetischen Behörden gesetzten Grenzen vorgehen könnten, wenn sie nicht gar von ihnen gelenkt und gesteuert würden. Obwohl konträr, basierten beide Annahmen auf demselben Schema klarer Abgrenzungen.

Diese verengte Sicht sowohl der Rolle von Auslandskorrespondenten als auch des Ost-West-Konflikts wird inzwischen stärker differenziert. Zum einen belegen mediengeschichtliche Studien für verschiedene Orte des Nachkriegs-Europas, wie die dortigen Auslandskorrespondenten in transnationalen Handlungsräumen aktiv waren.[1] Die Korrespondenten werden als Akteure in einem Netz politischer und institutioneller Strukturen, gesellschaftlicher und kultureller Rahmenbedingungen sowie persönlicher Entwicklungsprozesse betrachtet. Sie werden als wirkmächtige Handlungsträger an internationalen Schnittstellen verstanden, und erst vor diesem Hintergrund wird ihre Rolle als ambivalente Meinungsbildner, ambitionierte Vordenker, inoffizielle Diplomaten und individuell motivierte Vermittler aufgezeigt. So betrachtet die Mediengeschichte die Auslandskorrespondenten als Personen, die zum erweiterten Kreis politischer Akteure in der internationalen Arena gehören. Zum anderen hinterfragen die Cold War Studies die nationalstaatlich basierten Abgrenzungen; das Interesse gilt nun stärker der konfliktbehafteten Verflechtungsgeschichte Europas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.[2] Dabei wird ebenfalls ein breiteres Verständnis politischer Akteure gefordert. Die außenpolitik- und diplomatiegeschichtliche Dimension sei zu verknüpfen mit medieninstitutionellen, gesellschaftlichen, kulturellen und alltagsgeschichtlichen Faktoren.

Greift man die Anregungen der Mediengeschichte und der Cold War Studies auf, werden mit einer transnationalen Perspektive auch für die westlichen Moskau-Korrespondenten vielschichtige wechselseitige Beeinflussungs- und Abgrenzungsmuster deutlich.[3] Wie Journalisten westlich-demokratischer Prägung aus dem Zentrum der »anderen«, sozialistisch-diktatorischen Supermacht zu Zeiten des offenen Systemgegensatzes berichteten, ist bisher nur ansatzweise untersucht.[4] Daher werden im Folgenden die Spannungsverhältnisse zwischen westlichen Korrespondenten und sowjetischen Institutionen analysiert sowie die beteiligten Personen, die Informationszugänge und die Zensurbeschränkungen beleuchtet. Den zeitlichen Schwerpunkt bilden die Jahre 1956 bis 1961 – vom Eintreffen der ersten westdeutschen Korrespondenten bis zu der als Wegmarke geltenden Abschaffung der Vorzensur. Als Quellengrundlage dienen autobiographische Texte, Zeitungsberichte und Archivmaterial. Die Presseartikel stammen aus der Berichterstattung der Korrespondenten in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« (FAZ) und der »New York Times« (NYT). Das hinzugezogene Archivmaterial stammt aus den Akten des Westdeutschen Rundfunks (WDR) in Köln, des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik (AA) im Politischen Archiv in Berlin, des sowjetischen Außenministeriums (MID) in Moskau und mehrerer dienstlicher Nachlässe amerikanischer Korrespondenten in der Library of Congress in Washington, D.C. (LOC).

Wenn man die Tätigkeit der westlichen, speziell der westdeutschen Korrespondenten in Moskau näher betrachtet, wird es möglich, ein vielschichtiges und präzises Bild des Ost-West-Konflikts jenseits der außenpolitisch-diplomatischen Ebene zu erhalten sowie die in den westlichen Medien verbreiteten Nachrichten als kontextgebundene Produkte zu analysieren. Die Arbeitsumstände der westlichen Korrespondenten waren ein alltäglicher Ausdruck gerade jener widersprüchlichen politischen Entwicklungen, über die die Korrespondenten eigentlich berichten wollten, zu denen ihnen aber oft der Informationszugang und die Übermittlungsmöglichkeiten versperrt waren. Die Hindernisse, mit denen die Journalisten um 1960 zu kämpfen hatten und die ihnen selbst nur in zweiter Linie berichtenswert erschienen, sind aus der heutigen Perspektive von besonderem Interesse.

1. Neuankömmlinge und Rückkehrer

Am Tag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion im Juni 1941 waren die dortigen deutschen Korrespondenten und Diplomaten interniert und wenig später ausgetauscht worden – gegen die sowjetischen Diplomaten und Korrespondenten, die in Berlin gearbeitet hatten. Nach Kriegsende dauerte es mehr als zehn Jahre, bis Journalisten aus der Bundesrepublik Deutschland als ständige Korrespondenten in der Sowjetunion akkreditiert wurden. Bevor ab Anfang 1955 erste Journalisten mit kurzfristigen Touristenvisa bzw. in Vorbereitung und Begleitung der Adenauer-Reise nach Moskau kamen, war die Stadt für westdeutsche Korrespondenten unerreichbar gewesen.[5] Als 1956 die ersten von ihnen die Berichterstattung aus Moskau aufnahmen, taten sie dies zu einer Zeit, als nur sehr wenige Bürger der Bundesrepublik die Welt jenseits der Grenzen nach Kriegsende aus eigener Erfahrung kannten. Darüber hinaus war die Sowjetunion für westliche Ausländer allgemein in der Zeit des frühen Kalten Kriegs weitgehend unzugänglich gewesen.[6] Erst in den Jahren nach Stalins Tod genehmigten die sowjetischen Behörden mehr westlichen Korrespondenten einen längerfristigen Aufenthalt.

Dem Eintreffen der westdeutschen Korrespondenten waren intensive diplomatische Verhandlungen vorausgegangen. Zunächst hatte Anfang 1955 der erste sowjetische Korrespondent seine Akkreditierung in Bonn beantragt – eine Frage, die auf oberster Ebene der Bundesregierung diskutiert wurde. Zur Debatte standen dabei die politische Linie in den bilateralen Beziehungen zur Sowjetunion, das deutsch-deutsche Verhältnis, die Integration in das westliche Bündnissystem und die wachsende staatliche Souveränität. Der Antrag wurde schließlich genehmigt, aber mit dem Ziel der Gleichbehandlung von Korrespondenten beider Staaten verbunden. Dieses Beharren prägte in den folgenden Jahren die Auseinandersetzungen um Akkreditierungen und Arbeitsbedingungen der Journalisten. Erst im Zuge solcher diplomatischer Versicherungen gelang es westdeutschen Medien, eigene Korrespondenten zu entsenden. Dies betraf etwa den Westdeutschen Rundfunk, die Nachrichtenagentur dpa und mehrere Zeitungen.[7]

Die ersten westdeutschen Moskau-Korrespondenten waren Männer unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher biographischer Hintergründe. Der älteste von ihnen war der 1905 geborene Hermann Pörzgen von der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, der bereits in den 1930er-Jahren als Korrespondent der »Frankfurter Zeitung« aus Moskau berichtet hatte. Er war bei Kriegsbeginn interniert worden, dann in Berlin in den Auswärtigen Dienst eingetreten. Während seines Aufenthalts in Bulgarien war er 1944 verhaftet und in die Sowjetunion überstellt worden, wo er unter der Anklage der Spionage wegen seines früheren Moskau-Aufenthalts vor Gericht gestellt und verurteilt wurde.[8] Pörzgen wurde erst im Herbst 1955 aus der Gefangenschaft entlassen. Er nahm in Frankfurt a.M. seine journalistische Tätigkeit umgehend wieder auf und übersiedelte bereits im Frühjahr 1956 erneut nach Moskau, wo er bis zu seinem Tod 1976 fast durchgängig blieb.[9]

Die folgende Alterskohorte bestand aus Männern wie Josef Riedmiller (Süddeutsche Zeitung), Ulrich Schiller (WDR), Heinz Lathe (Ruhr-Nachrichten und weitere Zeitungen) und Bernd Nielsen-Stokkeby (dpa). Sie waren in der ersten Hälfte der 1920er-Jahre geboren, nach der Schule in die Wehrmacht eingezogen und an die Ostfront beordert worden, wo sie in Kriegsgefangenschaft gerieten. Erst Monate bzw. Jahre später wurden sie in die Bundesrepublik entlassen. Nach ihrer Ankunft dort wurden sie Journalisten und kehrten Ende der 1950er-, Anfang der 1960er-Jahre in die Sowjetunion zurück – soweit ersichtlich, das politische System der Sowjetunion klar ablehnend, jedoch in dem persönlichen Bemühen, mit der Schuld der Vergangenheit zurechtzukommen und der Geschichte der feindlichen Kontakte zwischen deutscher und sowjetischer Bevölkerung eine bessere Alternative entgegenzusetzen. Nur die jüngsten Korrespondenten, angefangen mit dem 1928 geborenen Gerd Ruge (WDR), besaßen zuvor keine Erfahrungen mit Moskau und der Sowjetunion.[10]

Mit dieser personellen Zusammensetzung unterschied sich die Moskauer Korrespondentengruppe deutlich von den westdeutschen Journalisten in anderen Hauptstädten während der frühen Nachkriegszeit. Anders als beispielsweise in London waren in Moskau keine politischen Exilanten, jüdischen Emigranten, Remigranten oder Personen mit den Staatsangehörigkeiten beider Länder präsent und prägend.[11] Zudem war die für die Bundesrepublik beschriebene »45er-Generation«, d.h. die Gruppe der zwischen 1921 und 1932 geborenen Journalisten, für die das Kriegsende der zentrale biographische Moment gewesen war,[12] in Moskau auf differenziertere Art und Weise vertreten: Die zwischen 1921 und 1926 geborenen Personen, die als junge Männer die Kriegsfront und die Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion erlebt hatten, verfügten über einen spezifischen Erfahrungshintergrund für ihre neue Tätigkeit.

2. Isolation, Paranoia und der Aufbau von Vertrauen

Als die ersten westdeutschen Korrespondenten in Moskau ankamen, hatten die anderen westlichen Auslandskorrespondenten bereits die Spielräume getestet und Verhaltensmuster etabliert. Im Zuge innerstaatlicher Entstalinisierung und einer Beschwichtigung der ersten heißen Phase des Kalten Kriegs lockerten die sowjetischen Behörden ihre Einreisepolitik; ab 1955 genehmigten sie einer wachsenden Zahl ausländischer Korrespondenten die Akkreditierung. Von wenig mehr als 10 Personen Ende der 1940er-Jahre wuchs die Zahl der ausländischen Korrespondenten rasch auf 75, darunter fünf Frauen, Mitte 1957.[13] Ungefähr die Hälfte dieser Korrespondenten, so berichtete Pörzgen, kam aus dem »östlichen Lager, darunter acht Chinesen, sechs Tschechen, fünf Mitteldeutsche[!], die mit den übrigen Korrespondenten jedoch durchaus nicht in schlechten Beziehungen leben«. 15 Korrespondenten vertraten westliche kommunistische oder dem Kommunismus nahestehende Organe. Die nichtkommunistischen Medienvertreter zählten 26 Personen. Von ihnen kamen 13 aus Amerika (vermutlich aus den USA, aber Pörzgen bleibt hierbei unklar), 6 aus Italien und 7 aus Japan. Sie vertraten im Wesentlichen Nachrichtenagenturen, politische Wochenmagazine, Qualitätszeitungen und Rundfunkanstalten.[14]

Die sowjetische Bürokratie unterschied zwischen »Korrespondenten kommunistischer Presseerzeugnisse in bourgeoisen Staaten und Korrespondenten aus sozialistischen Staaten« einerseits sowie »bourgeoisen Korrespondenten« andererseits. Alle zusammen galten in der sowjetischen Behördensprache als »inostrannye korrespondenty« (ausländische Korrespondenten), kurz »inkory«. Die westdeutschen Korrespondenten wurden in Moskau als quasi-offizielle Vertreter eines sich im westlichen Bündnissystem verankernden Staats betrachtet und zählten unhinterfragt zum »bourgeoisen« Personenkreis.[15]

In Moskau gerieten die westdeutschen Journalisten in ein politisches und gesellschaftliches Umfeld, das vom Zweiten Weltkrieg, dem frühen Kalten Krieg und der Stalin’schen Herrschaft, von Vorurteilen, Misstrauen sowie einer allgemeinen Spionage-Paranoia geprägt war. Jahrzehnte der Isolation hatten die Lebens- und Vorstellungswelten der Einheimischen geprägt, auch wenn diese nach Wahrnehmung langjähriger Moskau-Korrespondenten ab ungefähr 1955 im Zusammenhang mit den Genfer Verhandlungen und der Abwendung vom Stalin’schen Personenkult deutlich offener im Kontakt wurden.[16] Die Korrespondenten ihrerseits besaßen andere Lebenserfahrungen und politische Sozialisationsmuster als die örtliche Bevölkerung. Sie sahen sich als auswärtige Beobachter, die nur vorübergehend in einem für sie fremden Land waren und jederzeit wieder abreisen konnten. Die sowjetische Gesellschaft erschien ihnen so gut wie unzugänglich. Die an anderen Orten charakteristische Vielschichtigkeit und Leichtigkeit journalistischer Netzwerke existierte in Moskau nicht. Bei den Korrespondenten herrschte das Gefühl vor, beruflich wie gesellschaftlich isoliert zu sein und ständiger Bedrohung durch den KGB zu unterliegen.

Die westlichen Ausländer – Korrespondenten, Diplomaten und einige wenige Wirtschaftsvertreter – lebten nicht in der vielbeschworenen Anonymität einer Großstadt, sondern in einer Situation, die sie wie die Enge eines Dorfes wahrnahmen. Hier war ihr Arbeits-, Privat- und Partyleben untrennbar vermischt. Mit spitzer Feder beschrieb Jeremy Wolfenden vom Londoner »Daily Telegraph« nach seiner Ausreise aus der Sowjetunion im Februar 1965 in einem langen Artikel, den die »New York Times« übernahm, das Leben der westlichen Ausländer in der sowjetischen Hauptstadt und bezeichnete es als »the Western Village in Moscow«.[17] Wolfenden schilderte die Situation der Expatriate Community, die auf der Suche nach Gesellschaft und Nähe sich selbst zu viel wurde. Gleichwohl bestanden aus Sicht zeitgenössischer Beobachter zwei Strömungen in dieser Gemeinschaft. Die einen hatten kein wirkliches Interesse daran, Land und Leute kennenzulernen; sie verbrachten ihre Zeit mit dem Partyleben des »Moscow Village«. Die anderen hatten ein großes Bedürfnis, die sowjetische Wirklichkeit besser zu verstehen, und litten sehr unter den Einschränkungen.[18] Um Isolation und Selbstisolierung zu durchbrechen, war mehr erforderlich als nur Sprachkenntnisse. Gerd Ruge erinnert sich, dass seine Bekanntschaft mit Boris Pasternak für ihn ein Schlüsselerlebnis bedeutete, denn Pasternak habe ihm gezeigt, dass und wie solche Grenzen mental zu überwinden seien.[19] Dieser gesellschaftliche und diskursive Rahmen prägte die Wahrnehmungshorizonte der Journalisten sowie dementsprechend den Austausch, die Deutung und die Bewertung gesammelter Erfahrungen und Informationen.

3. Auf der Suche nach den Nachrichten

Wie in anderen Hauptstädten auch, waren die örtlichen Medien die wichtigste Informationsquelle der ausländischen Korrespondenten.[20] In der Sowjetunion jedoch unterlagen diese Medien einem mehrschichtigen Kontroll- und Zensursystem, wobei der sowjetische Journalismus gleichzeitig als Instrument zur Erziehung und Lenkung der Bevölkerung im sozialistischen Sinne gedacht war. Entsprechend skeptisch waren die Heimatredaktionen der westlichen Korrespondenten, wenn diese ihre Berichte auf der Grundlage der sowjetischen Medien schrieben. Mangels besserer Informationsquellen nutzten die Korrespondenten in Moskau die offiziellen Medien, um außenpolitische Positionierungen der Staats- und Parteiführung sowie bevorstehende Veränderungen in der politischen Linie herauszulesen.

Viele Korrespondenten verfolgten regelmäßig 15 bis 20 Tageszeitungen und Periodika, um Informationsbruchstücke zu sammeln und zusammenzufügen. Gerade die kleineren Zeitungen der anderen Landesteile, deren Redakteure nicht so sehr wie die Hauptstadtredakteure darin geübt waren, die offiziellen Leitlinien einzuhalten, boten gelegentlich Informationen, die über die Zensurregelungen hinausgingen. Wie die sowjetische Bevölkerung bemühten sich die westlichen Korrespondenten um die Entschlüsselung – zwar mit weniger Sprach- und Landeskenntnis, aber mit mehr Distanz und einem anderen Hintergrundwissen. Allerdings kam es leicht zu Überbewertungen, Missverständnissen und Verwirrungen.[21] Das Wissen um die begrenzte Zuverlässigkeit der Informationen führte zu einem ständigen Misstrauen gegenüber dem gedruckten Wort und leicht zu Überinterpretationen. Auffällig war dabei, dass sich innerhalb der Sowjetunion während der Chruščëv’schen »Tauwetter-Jahre« neue Ansätze im Journalismus herausbildeten. Ambitionierte junge Reporter, insbesondere in der »Izvestija«, zielten darauf ab, ihre Texte als Fabeln lesbar zu machen und auf diesem verschlüsselten Weg ihr Publikum zu informieren.[22] Gleichzeitig differenzierte sich die Medienlandschaft auf spezifisch sowjetische Art und Weise. Die »Novyj Mir« galt als Identifikationspunkt der liberalen Intelligencija, allerdings ohne dass ihre Herausgeber sich selbst als solche verstanden hätten.

Während zum Beispiel in London die offenen und kontroversen Debatten im Parlament, denen die bundesdeutschen Korrespondenten beiwohnen konnten und die sie stark beeindruckten, Präzisierungen und Kontrastierungen zu dem aus den örtlichen Medien gewonnenen Bild ermöglichten, fehlte eine solche Perspektive in Moskau. Das amtliche Moskau ging weder auf die Korrespondenten zu, noch war es für die Korrespondenten zugänglich. Offene Gespräche, bei denen Regierungsentscheidungen erläutert wurden, gab es nicht. Statt einen Einblick in politische Diskussionen und Entscheidungsprozesse zu ermöglichen, verfolgte das sowjetische Außenministerium (MID) den Ansatz, die Informationen stark zu regulieren.[23]

Für die westlichen Korrespondenten stellten die Veranstaltungen des MID zwar keine freien Informationsmöglichkeiten dar, waren unter den damaligen Gegebenheiten aber dennoch eine häufig genutzte Nachrichtenquelle. Kontakte zu anderen offiziellen Stellen jenseits des MID verliefen noch schwieriger. Alle Interviewwünsche mussten schriftlich über die Presseabteilung des MID eingereicht werden. Auch hier zeigte sich, wie politisch aufgeladen die Lage war. Als im Sommer 1957 Ruge (WDR) und Nielsen-Stokkeby (dpa) von der Presseabteilung des MID ermahnt wurden, ihre Interviews mit sowjetischen Staatsbürgern auf offiziellem behördlichem Weg vermitteln zu lassen, berichtete die deutsche Botschaft empört über diese Einschränkung nach Bonn und stellte anheim, die dortigen sowjetischen Korrespondenten ebenso zu behandeln.[24]

Informationsbeschaffung und -entschlüsselung waren in Moskau keine Aufgaben, die allein bewältigt werden konnten. Die Schwierigkeit bestand darin, sich einen Kreis von Ansprechpartnern aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen aufzubauen, denen man vertraute und die den Korrespondenten ihrerseits vertrauten. Offizielle Ansprechpartner in inoffiziellen Gesprächsmomenten, quasi-offizielle Ansprechpartner wie die sowjetischen Journalisten (von deren offiziellem Auftrag durch die sowjetischen Innenbehörden und den KGB die Korrespondenten ausgingen) und sowjetische Büromitarbeiter/innen bildeten den erweiterten Kreis von Personen, über die die Korrespondenten versuchten, Informationen zu ermitteln und gegenzuprüfen. Allmählich entwickelten sich schließlich Bekanntschaften und Freundschaften zu einigen Intelligencija-Angehörigen. Gute Quellen zu kultivieren und gegenseitiges Vertrauen aufzubauen war im Kontext des Ost-West-Konflikts und der sowjetischen Bedingungen eine delikate Herausforderung.

In ihrer Berichterstattung kam es den Korrespondenten allerdings entgegen, dass ihre Redaktionen es für wert befanden, selbst die gewöhnlichsten Alltagsbeobachtungen im Politikteil der Zeitungen zu veröffentlichen. Als Augenzeugen schrieben die Korrespondenten über ihre Erlebnisse bei der Anreise mit einem Aeroflot-Flug ab Berlin-Schönefeld,[25] beim Einleben in der Stadt[26] sowie beim Einkaufen in den staatlichen Milchgeschäften, in der Bäckerei und auf dem Kolchosmarkt.[27] Solche Artikel bildeten ab, was die Journalisten und ihre Redaktionen als Interesse ihres westdeutschen Publikums ansahen: In der geteilten Welt des Systemkonflikts war das sowjetische Alltagsleben eine genaue Beschreibung wert. Darüber hinaus deuteten die Korrespondenten mangels Zugang zu den maßgeblichen politischen Akteuren und deren Entscheidungen das, was sie im Alltag beobachten konnten, als Ausdruck der größeren politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen.

In der Gesamtschau blieb die Informationslage dennoch desolat. Pörzgen hielt den Vorwurf der sowjetischen Diplomaten fest: »Aus dem Leeren gelangen Sie zu den größten Schlußfolgerungen!«[28] Für Pörzgen gab es »zweifellos […] etwas Wahres in diesem Ausspruch«, da den Korrespondenten unter den gegebenen Umständen gar keine andere Möglichkeit blieb, als die gesammelten Indizien zu kombinieren und auch etwas zu spekulieren. Den Korrespondenten sei das Problem bewusst, dass sie mit ihren eiligen Schlüssen oft falsch lägen, wie die zahlreichen Meldungen über Chruščëvs angeblichen Sturz, den künftigen Vorrang der Konsumgüter- vor der Schwerindustrie oder die Änderung der Oder-Neiße-Grenze zeigten. Pörzgen kommentierte: »So wird die Welt genarrt.«[29]

4. Glücksspiel im Zentralen Telegrafenamt

Ihre Rechte und Pflichten wurden den Korrespondenten nie schriftlich mitgeteilt. In den späten 1950er-Jahren diskutierten die verschiedenen sowjetischen Regierungsbehörden zwar einen schriftlichen Entwurf einschließlich einer geheimzuhaltenden Durchführungsanweisung.[30] Von der Kodifizierung wurde jedoch abgesehen. Denn die Rechtsabteilung des Außenministeriums gab zu bedenken, dass diese Regelungen zwar die bestehende Praxis spiegelten, mit ihrer Veröffentlichung aber zum ersten Mal einer breiteren Öffentlichkeit explizit mitgeteilt würde, dass die Korrespondenten Reiseerlaubnisse einholen mussten, dass sie bei Regelverstößen nach sowjetischem Recht zur Verantwortung gezogen wurden und dass eine allgemeine Zensurpflicht bestand. Diese Bekanntgabe würde ohne Not die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Einschränkungen lenken. Die Rechtsabteilung wandte außerdem ein, dies könnte von der Propaganda der kapitalistischen Staaten ausgenutzt und zum Beispiel in den Debatten um die Informationsfreiheit in den Gremien der Vereinten Nationen gegen die Sowjetunion verwendet werden.[31]

Auch ohne schriftliche Festlegung war die Praxis der Vorzensur, die die sichtbarste Einschränkung der Berichterstattung bedeutete, in Moskau etabliert. Die westlichen nicht-kommunistischen Korrespondenten mussten alle zu veröffentlichenden Berichte schriftlich im Zentralen Telegrafenamt einreichen und sie nach der Abnahme durch die Zensoren von dort aus an ihre Redaktionen im Westen übermitteln. Ausnahmen bestanden lediglich für Journalisten, die in wenig verbreiteten Sprachen schrieben. Bei den japanischen Journalisten beispielsweise verzichteten die sowjetischen Behörden auf eine Vorzensur.[32] Die Journalisten aus den sozialistischen Staaten sowie die westeuropäischen Kollegen von kommunistischen Zeitungen unterlagen nicht der Zensur, wohl aber ihren eigenen Verpflichtungen zu Parteidisziplin und Linientreue.

In den späten 1950er-Jahren waren es ungefähr 20 nicht-kommunistische westliche Korrespondenten, für die das Zentrale Telegrafenamt in der Gorkistraße (heute wieder Tverskaja) zu einem täglichen Anlaufpunkt wurde. Über den Hausaufgang Nr. 10, einen Nebeneingang des Telegrafenamts, gelangten die Korrespondenten zu dem abgetrennten Raum mit den Fernsprechverbindungen ins Ausland.[33] Das Verfahren lief folgendermaßen: Der Korrespondent übergab das Manuskript seines Berichts (in der jeweils eigenen Sprache) am Schalter einer Mitarbeiterin des Telegrafenamts, die die Unterlagen weiterreichte an jemanden, den die Korrespondenten weder sehen und noch ansprechen konnten. Die Bevollmächtigten der Hauptverwaltung für Literatur, kurz ›Glavlit‹, arbeiteten hinter verschlossener Tür. Während nach der Revolution zunächst die meisten Zensoren Intellektuelle gewesen waren, die oft selbst einige Zeit im Ausland gelebt hatten, hatte sich im Zuge des stalinistischen Terrors Mitte der 1930er-Jahre die Zusammensetzung des Personals verändert. Die neuen Zensoren stammten aus einer jüngeren Generation und galten, so die Beobachtung eines amerikanischen Korrespondenten, als »more loyal than competent«.[34]

Wie lange die Kontrolle eines Texts durch die Zensur jeweils dauern würde, war nicht vorherzusehen. Sie konnte Stunden in Anspruch nehmen, die die Korrespondenten wartend im Telegrafenamt verbrachten. Waren die Zensoren mit ihrer Tätigkeit fertig, gaben sie die Manuskripte an die Schalterbeamtin zurück, die sie an die Korrespondenten herausreichte. Die Zeitungskorrespondenten übermittelten ihre Texte telefonisch oder per Telegramm, die Rundfunkkorrespondenten mit Hilfe einer speziellen Radio-Leitung. Die vom Zensor markierten Wörter, Sätze und Abschnitte waren dabei unkommentiert aus dem Text auszulassen. Verstießen die Korrespondenten gegen diese Regeln, wurde die Radio- bzw. Telefonleitung sofort von den abhörenden sowjetischen Beamten unterbrochen.

Die Korrespondenten erhielten keine schriftlichen Richtlinien zur Zensur. Ob es konkrete Vorschriften für die Prüfung der Korrespondentenberichte gab oder ob die allgemeinen in der Sowjetunion geltenden Vorschriften auf sie angewandt wurden, ist bisher nicht geklärt. Geht man von den generellen Vorschriften aus, durften die Medien zum einen keine Informationen über staatliche, wirtschaftliche und militärische Geheimnisse bekanntgeben.[35] Die Kriterienliste der Zensoren umfasste militärische Angelegenheiten, Unglücke und Unfälle, Kriminalitätszahlen und Versorgungsengpässe sowie in Ungnade gefallene Personen. Zudem durften keine Wertungen verbreitet werden, die von der politisch-ideologischen Leitlinie abwichen – zum Beispiel im Hinblick auf innenpolitische Konflikte, internationale Vergleiche zuungunsten der Sowjetunion oder problematische Aspekte der sowjetischen Geschichte. Zu diesem Bereich jedoch gab es kein Verzeichnis, sondern nur gelegentliche telefonische Anweisungen an die Zensoren, die aus den Parteidirektiven ansonsten selbst die politische Linie ableiten mussten.

Die Korrespondenten waren zwar externe Journalisten, aber über das Zensursystem in sowjetische Handlungszusammenhänge eingebunden. Sie mussten selbst erahnen, welches die Regeln waren, und für sich entscheiden, inwiefern sie sich nach diesen vermuteten Regeln richten würden. Nicht allein die tatsächlichen Streichungen wirkten verunsichernd und prägten die Arbeit, sondern bereits die Unklarheit über die bevorstehenden Eingriffe der Zensur. Nach Wahrnehmung der Korrespondenten war die Zensur »Glückssache«, so Gerd Ruge 1957: »Man könne nie voraussagen, wie die Zensur reagiere.«[36]

Jenseits des Inhaltlichen bedeutete die Zensur einen massiven Eingriff in die Selbstbestimmtheit der Korrespondenten im Arbeitsalltag. Die Wartezeiten waren unabsehbar lang und hielten die Korrespondenten von anderen Aufgaben ab. Es konnte vorkommen, dass der Text erst kurz vor oder nach dem Zeitpunkt zurückgegeben wurde, für den der Journalist die Telefon- bzw. Radioleitung beantragt hatte. Es überrascht nicht, dass die Korrespondenten diese Situation als sehr anstrengend empfanden: »Mir selbst geht es gut – wenn sich mir der Magen auch manchmal dreht von dem täglichen Ärger und der Warterei auf dem Telegrafenamt«, schrieb der WDR-Hörfunkkorrespondent Erwin Behrens 1960 an seinen Kölner Chefredakteur.[37]

Die Umstände, unter denen sie arbeiteten, erläuterten die Korrespondenten sowohl ihren Redaktionen als auch ihren Lesern. Gerd Ruge informierte bei einer ARD-Chefredakteurstagung über die Hintergründe seiner Arbeit.[38] Ein aufmerksamer Zeitungsleser oder Radiohörer der damaligen Jahre fand gelegentlich Erläuterungen über die Zensurauflagen.[39] Hermann Pörzgen beschrieb seinen Lesern der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« die Einschränkungen in einem langen Artikel vom April 1957.[40] Ob dieser Text die Zensur passierte oder unter Umgehung der Zensur veröffentlicht wurde, ist nicht zu klären. Der Artikel trägt weder eine genaue Datums- noch eine Ortsangabe, was ein Anzeichen dafür sein könnte, dass Pörzgen den Artikel während eines Urlaubs in Deutschland schrieb und ihn direkt an die Frankfurter Redaktion weitergab.

5. Bürokratische Hindernisse, Unverständnis in den Heimatredaktionen und Berichterstattung als Politikum

Die Zensur war nur die offensichtlichste Einschränkung. Bürokratische Hindernisse, von denen die Korrespondenten nie wussten, ob sich dahinter politische Motive verbargen, und das Unverständnis der Heimatredaktionen erschwerten den Arbeitsalltag zusätzlich. Zum Beispiel musste die Radioleitung im Telegrafenamt, die für die Rundfunkkorrespondenten der einzige mögliche Kanal in den Westen war, mindestens 24 Stunden vor dem gewünschten Termin beantragt werden. Um in Konkurrenz zu den anderen Journalisten die Leitung auch tatsächlich zum gewünschten Zeitpunkt zu bekommen, verfuhren die Korrespondenten so, dass sie den Termin mehrere Tage im Voraus anmeldeten und dann versuchten, einen passenden Beitrag zu finden. Diese Flexibilität kam den Moskauer Umständen entgegen, denn was aktuell sein würde, war vorab oft entweder nicht zu ahnen oder nicht bekanntzugeben. Dieses Vorgehen widersprach aber den Vorstellungen der westlichen Rundfunkredaktionen, die eine Themenankündigung einforderten. Zu seiner Verteidigung argumentierte Erwin Behrens gegenüber der WDR-Redaktion: »Es ist oft so, daß ich von sowjetischer Seite einen Hinweis erhalte; man sagt mir dann, daß in zwei Tagen eine wichtige Rede veröffentlicht wird oder so ähnlich. Ich kann aber unmöglich diese Informationen nach Hause weitergeben, wenn ich hier nicht in Schwierigkeiten geraten will.«[41]

Die Journalisten versuchten dem Unverständnis in den Redaktionen mit plastischen, allerdings etwas überzogenen Beschreibungen entgegenzuwirken. Behrens beschrieb die Rundfunkkabine als »Marterzelle mit flackernder Neonröhre, nicht viel größer als ein aufgerichteter Sarg«. Aus technischen Gründen müsse er einen großen Abstand zum Mikrophon halten und sich daher so weit wie möglich zurücksetzen: »Das wiederum ist schwierig, weil die Kopfhörerstrippe nur sechzig Zentimeter lang ist. Ich sitze dort also mit gebeugtem Kopf an dieser Strippe wie ein Mann mit dem Seil des Henkers um den Hals. In dieser Stellung habe ich dann kaum noch Licht, um mein Manuskript verlesen zu können. Hier ist es inzwischen sieben Uhr abends geworden. Ich habe dann manchmal fünf Stunden auf meinen Text gewartet – ohne Mittagessen in der Regel. […] Wie gesagt, da bin ich manchmal etwas außer Atem.«[42]

Die Arbeit der Korrespondenten war ebenso ein Politikum wie ihre schiere Anwesenheit; die Journalisten standen im Zentrum sowjetischer Medienkritik und diplomatischer Auseinandersetzungen. Nach allem, was westdeutsche Korrespondenten und Diplomaten schon in ihrem ersten Moskauer Jahr gelernt hatten, zeichnete sich bevorstehende Kritik der sowjetischen Regierung an westlichen Korrespondenten zunächst in der sowjetischen Presse ab. Dieser Zusammenhang lässt sich durch die inzwischen einsehbaren Akten des sowjetischen Außenministeriums belegen: Zumindest im Fall Pörzgen und Ruge war der kritische Zeitungsbericht eines sowjetischen Journalisten über westliche Korrespondenten kein individueller Angriff; vielmehr stand die sowjetische Botschaft in der Bundesrepublik dahinter.[43] Die Botschaft hatte die Berichterstattung der Korrespondenten ausgewertet und war zu dem Schluss gekommen, dass sie gebremst werden müssten. Um dies zum Ausdruck zu bringen, warf ein sowjetischer Journalist unter der Überschrift »Rätselhafte Naturen – Warum erlaubt man Pörzgen und Ruge, unbestraft die Sowjetjugend zu verleugnen?« den beiden Journalisten vor, weder objektiv noch ehrlich über die Ereignisse in der Sowjetunion zu berichten, und empfahl ihre Ausweisung.

Die westdeutschen Korrespondenten und Diplomaten in Moskau werteten diesen Artikel der »Komsomol’skaja Pravda« vom 7. Juni 1957 als ernstzunehmende Kritik.[44] Besorgt informierte der deutsche Botschafter das Auswärtige Amt in Bonn über die Anschuldigungen und empfahl, »vorsorglich vorbereitende Maßnahmen zu eventuell sofortiger Gegenausweisung [von zwei] Sowjet-Korrespondenten« zu treffen.[45] Zumindest im Sommer 1957 trat der Fall der Ausweisung nicht ein. Anfang des folgenden Jahres jedoch erlangten die Überlegungen neue Aktualität, als die Wiedereinreise Pörzgens nach seinem Weihnachtsurlaub in Frage stand. In einer sich über anderthalb Jahre hinziehenden Kontroverse wurde das Argument der Gegenseitigkeit konkreter gefasst und in die Praxis umgesetzt.[46] Als das sowjetische Außenministerium nach mehreren Gesprächen mit der bundesdeutschen Botschaft Pörzgens Visumsantrag trotz allem ablehnte, entschieden in Bonn die Länderabteilung des Auswärtigen Amts und die Auslandsabteilung des Bundespresseamts, im Gegenzug dem »Pravda«-Korrespondenten die Wiedereinreise nicht zu gestatten: »Die Verweigerung der Einreise eines weniger profilierten sowjetischen Auslandskorrespondenten würde kein hinreichendes Äquivalent bedeuten.«[47] Es ist Pörzgens Beharrlichkeit zuzuschreiben, dass die Verhandlungen nicht zugunsten einer ausweichenden Lösung, nämlich der Entsendung eines anderen »FAZ«-Korrespondenten, aufgegeben wurden.[48] Als das MID Ende Januar 1959 schließlich Pörzgens Visum genehmigte, war dies mit der Erwartung verbunden, er möge sich der Sowjetunion gegenüber loyal verhalten und auf eine Verbesserung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion hinarbeiten.[49]

6. Das Ende der Vorzensur zum 23. März 1961

Während die internationale Konstellation im Kalten Krieg Anfang 1961 unberechenbar erschien, beendeten die sowjetischen Behörden im März 1961 die Vorzensur. Am 24. März 1961 teilte die »Süddeutsche Zeitung«, wie viele andere, dies prominent im Politikteil mit.[50] Der Leiter der Presseabteilung des MID hatte am Vortag die neue Situation bekanntgegeben, ohne den Begriff der Zensur zu verwenden. Stattdessen hatte er umständlich erklärt, es würden Maßnahmen ergriffen, um einige Schwierigkeiten in den Kontakten der Korrespondenten zu ihren Redaktionen zu beseitigen. Von nun an könnten sie jederzeit telegrafisch oder telefonisch von ihren Büros, Hotelzimmern und Wohnungen aus mit ihren Redaktionen kommunizieren. Unausgesprochen bedeutete dies eben die Abschaffung der Vorzensur.[51]

Gerüchte über die Beendigung der Zensur waren bereits seit längerem kursiert, und eine überraschende Großzügigkeit in der Zensur während der vorangegangenen Wochen war aufmerksam registriert worden. Allerdings durften die Korrespondenten dies ihren Redaktionen und Lesern nicht mitteilen.[52] Die eigentlichen Gründe für die Beendigung der Zensur blieben unklar. Wenig wahrscheinlich ist, dass die Initiative der amerikanischen Korrespondenten ausschlaggebend war. Chruščëvs politische Linie aufgreifend, hatten sie argumentiert, die Zensur sei zum einen »a formality alien to the spirit of the times and not capable of improving relations between the USSR and other countries« und zum anderen eine ineffiziente bürokratische Routine, welche Chruščëv ja ablehne.[53] Die westlichen Korrespondenten hatten schon zuvor gelegentlich offiziell und kollektiv gegen Zensureingriffe protestiert, beispielsweise im Zusammenhang mit Chruščëvs Rede vom 16. März 1956.[54] Im MID hatte man es für sinnvoll erachtet, den Protest ohne Antwort zu lassen.[55]

Anzunehmen ist vielmehr ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. In den vorangegangenen Monaten war offensichtlich geworden, dass Glavlit dem Arbeitsanfall bei der stark gestiegenen Zahl westlicher Korrespondenten kaum nachkommen konnte. Außerdem waren auf sowjetischer Seite die eingeschränkten Möglichkeiten der Zensur bekannt. Westliche kommunistische Zeitungen zögerten nämlich nicht, Nachrichten zu melden, die ihren nichtkommunistischen Kollegen gestrichen würden, so dass westliche Leser über sowjetische Führungskrisen manchmal am meisten aus »Unità«, »L’Humanité« oder »Daily Worker« erfuhren.[56] Darüber hinaus konnte das Zensursystem nicht verhindern, dass unerwünschte Nachrichten über die Berichterstattung der diplomatischen Vertretungen an die Öffentlichkeit gelangten.

Obwohl sich das MID nicht auf eine Diskussion über die Zensurpraxis mit den Korrespondenten eingelassen hatte, bemühten sich die sowjetischen Behördenmitarbeiter seit den späten 1950er-Jahren um Neuregelungen. Angestrebt wurde, den Umgang mit den Korrespondenten zu formalisieren und die institutionellen Zuständigkeiten festzulegen; dabei schlug das MID einige Lockerungen vor. Sie betrafen Journalisten, die offizielle Delegationen begleiteten oder über Sportveranstaltungen berichteten.[57] Für die Moskauer Korrespondenten regte Glavlit hingegen an, dass sie nicht nur verpflichtet seien, »Abstand zu nehmen [...] von Inhaltsverzerrungen offizieller Dokumente«, sondern auch von Verdrehungen mündlicher Aussagen – was zuvor nicht schriftlich festgehalten worden war.[58] Die Praxis habe gezeigt, so Glavlit, dass die »bourgeoisen Korrespondenten am häufigsten gerade die Aussagen von Partei- und Regierungsführung verdrehen, die während nichtoffizieller Gespräche z.B. bei diplomatischen Empfängen gemacht wurden und gar nicht in der Sowjetunion in Printform erschienen waren«.[59] Dies bezog sich vermutlich ebenso auf Chruščëvs gelegentliche emotionale Spontan-Auftritte am Rande diplomatischer Empfänge wie auf die sowjetischen Diplomaten, die sich bei solchen Empfängen in Gespräche verwickelt sahen.

Solche ministeriumsinternen und interministeriellen Abstimmungsprozesse zeigen, dass schon Ende der 1950er-Jahre die weitere konsequente Durchführung der Vorzensur weder praktisch umsetzbar noch außenpolitisch wünschenswert erschien. Den Diplomaten war das Procedere offensichtlich peinlich; es stand nach Pörzgens Beobachtungen »in auffallendem Gegensatz zu der sonst sehr achtungsvollen Behandlung« der Korrespondenten.[60] Des Weiteren sah das MID die Vorzensur durch Glavlit als Eingriff in den eigenen Zuständigkeitsbereich. Bis 1947 waren es die Mitarbeiter des MID gewesen, die die Vorzensur auf eher informelle Art ausgeübt hatten. Die Bemühungen des Außenministeriums waren dementsprechend mit dem Ziel verbunden, einen bisherigen Zuständigkeitsbereich zurückzugewinnen.

Außerdem sprachen politische Überlegungen gegen ein Festhalten an der Zensurpraxis. Das Selbstbewusstsein der sowjetischen Staats- und Parteiführung über die internationale Position des Landes war gewachsen – besonders als nach der Kuba-Krise und den Weltraumflügen der technische Fortschritt und die nukleare Macht der Sowjetunion auch im Westen stärker wahrgenommen wurden. Dem internationalen Ansehen war eine auf die Auslandskorrespondenten bezogene Zensur ohnehin abträglich.

Schließlich beobachteten schon Zeitgenossen – ähnlich wie heutige Historiker –, dass das innersowjetische Tauwetter sich auch in diesem Bereich auswirkte und die Zensur als ein Überbleibsel aus früheren Zeiten wahrgenommen wurde. »Spiegel«-Journalisten meinten, dass die Vorzensur auf Drängen von Chruščëvs Schwiegersohn und Vertrautem Adžubej hin abgeschafft worden sei, weil ihm die Zensurpraxis bei seinen Auslandsreisen vorgehalten worden sei.[61] Auch andere westliche Journalisten wiesen auf das Drängen Adžubejs und der neuen Generation sowjetischer Journalisten hin, die sich innerhalb des Systems um eine Reform bemühten und in diesem Zusammenhang möglicherweise auch zur Reorganisation des Glavlit-Vorgehens drängten bzw. eine Neudefinition des Verhältnisses zwischen Staat und Presse wünschten.[62]

Mit der Abschaffung der Vorzensur waren ebenso große Hoffnungen wie Zweifel verbunden. Bis dahin hatten die Zensoren die Entscheidung übernommen, was berichtet werden konnte und was nicht. Nun aber musste jeder Korrespondent für sich selbst entscheiden, was er sich zu schreiben traute. Deutlich formulierte der Washington-Korrespondent der »New York Times« die Vorahnungen: »Newsmen in Moscow Now Censor Themselves«.[63]

7. Neue Beschränkungen

Ohne die Wartezeit im Telegrafenamt verlief der Arbeitsalltag der Korrespondenten zwar von einem Tag auf den anderen sehr viel selbstbestimmter. Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass die Glavlit-Zensur nur deutlichstes Zeichen der sowjetischen Kontrolle gewesen war und diese Kontrolle als solche längst nicht endete. Statt der Streichungen durch Glavlit griffen nun verstärkt andere, bereits zuvor existierende Formen – vor allem gezielte Eingriffe in die Fernmeldemöglichkeiten, Kritik durch die sowjetischen Medien, Vorladungen in die Presseabteilung des Außenministeriums und die Schließung des Korrespondentenbüros sowie als letztes bürokratisches Mittel die Ausweisung aus der Sowjetunion.

Im Juni 1961 fasste Erwin Behrens für seinen Chefredakteur beim WDR die Ereignisse der vergangenen Wochen zusammen: »Was das Leben hier betrifft, so haben wir Journalisten jetzt den Eindruck, daß die große Hetzjagd gegen Korrespondenten aus der kapitalistischen Welt bald beginnt.«[64] Heinz Weber, der seit Oktober 1959 für einen Pool mehrerer westdeutscher Zeitungen aus Moskau berichtet hatte, sei unter dem Vorwurf ›ungesetzlicher Nachrichtentätigkeit‹ ausgewiesen worden. Ein italienischer Kollege, der viele seiner Verwandten in Konzentrationslagern verloren hatte, sah sich von der »Izvestija« als »typischer Nazi« beschimpft. Einer amerikanischen Journalistin wurde ein Betäubungsmittel verabreicht und sie dann in eine Situation manövriert, die sie in Verlegenheit versetzen und erpressbar machen sollte. Ein Mitarbeiter der griechischen Botschaft fand sich dem Vorwurf der Vergewaltigung ausgesetzt und erhielt das Angebot, man werde von der Anklage absehen, wenn er für die sowjetische Seite in der griechischen Botschaft Informationen sammle. Behrens kommentierte: »Wir haben den Eindruck, dass die für uns verantwortlichen Stellen den Journalisten nach Aufhebung der Zensur mit solchen Maßnahmen sagen wollen: werdet bloß nicht übermütig.«[65]

Anfang August 1961 wurde Botho Kirsch ausgewiesen, der erst knapp anderthalb Jahre für die »Frankfurter Rundschau« und die »Stuttgarter Zeitung« aus Moskau berichtet hatte.[66] Vorher hatte die »Izvestija« einen Artikel veröffentlicht, der Kirsch als wütenden Entspannungs- und Friedensgegner beschrieb. Mit ihm, so hielt Pörzgen fest, sei zum ersten Mal ein Korrespondent wegen der Tendenz seiner Berichterstattung gemaßregelt worden.[67] Die bundesdeutsche Botschaft in Moskau war nach Erscheinen des »Izvestija«-Artikels Ende Juli zunächst davon ausgegangen, dies werde Kirschs weiteren Aufenthalt in Moskau nicht gefährden, zumal »gewisse Anzeichen« darauf hindeuteten, dass der Artikel der »Izvestija« nicht mit dem Außenministerium abgestimmt und insofern nicht als offizielle Warnung anzusehen sei.[68] Als Kirsch dann doch ausgewiesen wurde, reagierte das Auswärtige Amt innerhalb von zwei Wochen mit der Ausweisung des Bonner Korrespondenten der »Izvestija«.[69] Offiziell erklärte das Auswärtige Amt den Schritt damit, der Korrespondent habe die Politik und einige führende Persönlichkeiten der Bundesrepublik in seinen Artikeln herabgesetzt.[70]

Schon wenige Monate nach dem Auftritt des sowjetischen Pressesprechers vor den Korrespondenten im März 1961 waren die mit der Aufhebung der Zensur verbundenen Hoffnungen entscheidend gedämpft. Es war deutlich, dass nun andere Einschränkungen verstärkt gelten würden; die sowjetischen Behörden zogen die Korrespondenten im Nachhinein zur Verantwortung. Die Spannungsverhältnisse von Zensur und Selbst-Zensur, Risiken und Risikofreudigkeit, Beschränkungen und Freiheiten prägten nun die Arbeit der westlichen Journalisten. Behrens’ Befürchtungen waren bezeichnend für die vorherrschende Atmosphäre: »Der Nervenkrieg hat hier jedenfalls zugenommen.« Der WDR-Korrespondent ergänzte dies mit einem lakonischen Satz, der symbolträchtig war für das Selbstbild und die Selbstdarstellung der Moskauer Korrespondenten in ihren Heimatländern: »Manchmal fragt man sich, wann man selbst an der Reihe ist, aber meistens sagt man sich dann: nitschewo.«[71]

8. Fazit: Moskau als Schnittstelle zwischen Ost und West

Die Korrespondenten bewegten sich in Moskau in einem komplexen transnationalen Spannungsfeld persönlicher, gesellschaftlich-kultureller, medienpolitischer sowie innen- und außenpolitischer Entwicklungen. In diesem Kontext versuchten sie eigenständig zu handeln: Sie erschlossen Informationsquellen, erarbeiteten Interpretationen, gestalteten Arbeitsbedingungen und loteten die Grenzen des Möglichen im Interaktionsraum Moskau aus.

Gerade die westdeutschen Korrespondenten in der Sowjetunion waren dabei keine unbedarften Beobachter. Geprägt durch die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs berichteten sie als Vertreter einer sich zunehmend als Demokratie im Westen verankernden Bundesrepublik. Die Sowjetunion, der einstige Kriegsgegner, war nun Gegenpol im Kalten Krieg. In Moskau trafen die westdeutschen Korrespondenten auf eine internationale Journalistengruppe, die den Bezugspunkt für den professionellen Informationsaustausch ebenso wie für soziale Kontakte und gesellschaftliches Leben ausmachte. Das »Moscow Village« stellte einen Interpretationsraum besonderer Art dar.

Während die Auslandskorrespondenten angesichts der Zensur versuchten, sich von sowjetischen Kontrollansprüchen abzugrenzen, bemühten sie sich bei der Recherche, das weitgehend geschlossene Informationssystem zu durchbrechen und Zugang zu Insidern zu bekommen. Die Informationslage veränderte sich in dem Maße, wie die sowjetischen Ansprechpartner – Staatsbedienstete, Intelligencija, »normale« Leute und Dissidenten – weniger Ängste vor dem repressiven sozialistischen Staatsapparat und dem als revanchistisch eingeschätzten Westen empfanden und im Kontakt mit den westlichen Korrespondenten offener wurden.

Die Auslandskorrespondenten bewegten sich in Moskau an einer Schnittstelle zwischen »Ost« und »West«. In diesem Kontext erbrachten sie ihre Interpretations- und Übersetzungsleistung. Dabei waren die Konflikte um das übermittelte Wort mehr als das: Es waren sowohl alltagsrelevante wie gleichzeitig grundsätzliche Auseinandersetzungen um Freiräume und Kontrolle, Unabhängigkeit und Machtanspruch – Auseinandersetzungen in der nachstalinistischen Sowjetunion, in die die westlichen Korrespondenten eingebunden waren, während sich an ihrer Arbeit die gegensätzlichen Interessen und Erwartungen westlicher wie sowjetischer Politik und Öffentlichkeit kristallisierten. Die Stadt war für die westlichen Journalisten mit ihren individuellen und kollektiven Prägungen ein besonderer Handlungs- und Kommunikationsraum, der von den Spannungsverhältnissen des Ost-West-Konflikts und einem hohen Maß an Ungewissheit geprägt war. Ambivalenzen, sich überlagernde Prozesse, Misstrauen und Missverständnisse in der Interaktion treten damit als Charakteristika einer komplexen Konflikt- und Beziehungsgeschichte hervor. Dies war nicht nur für die Lage der Korrespondenten in Moskau symptomatisch, sondern auch für den Ost-West-Konflikt insgesamt. Statt von einer vermeintlichen Eindeutigkeit waren die Interaktionen an der Ost-West-Schnittstelle Moskau von einer Widersprüchlichkeit geprägt, die sich zwar im weiteren Verlauf des Ost-West-Konflikts zum Teil wandelte, in vielen Aspekten aber auch nach dem Ende des Kalten Kriegs fortbesteht.

Anmerkungen:

[1] Ein Ausgangspunkt für die derzeitige Forschungskonjunktur zu den Auslandskorrespondenten scheint der Sammelband von Frank Bösch und Dominik Geppert zu sein, in dem die Herausgeber 2008 die Frage aufwarfen, nach welchen Regeln Journalisten ihre »Auswärtsspiele« spielten: Frank Bösch/Dominik Geppert, Introduction, in: dies. (Hg.), Journalists as Political Actors. Transfers and Interactions between Britain and Germany since the late 19th Century, Augsburg 2008, S. 7-15. Siehe für erste empirische Studien Antje Robrecht, Diplomaten in Hemdsärmeln? Auslandskorrespondenten als Akteure in den deutsch-britischen Beziehungen 1945–1962, Augsburg 2010, das Themenheft von Norman Domeier/Jörn Happel (Hg.), Auslandskorrespondenten. Journalismus und Politik 1900–1970, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 62 (2014) H. 5, sowie Martin Herzer, Auslandskorrespondenten und auswärtige Pressepolitik im Dritten Reich, Köln 2012.

[2] Das Desiderat, mit dem Ansatz einer New International History die Geschichte des 20. Jahrhunderts zu rekonzeptualisieren, formulieren die Autorinnen und Autoren des Themenhefts »Internationale Ordnungen und neue Universalismen im 20. Jahrhundert«: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 8 (2011) H. 3. Diese Überlegungen finden ihr Pendant in der neueren Historiographie zum Ost-West-Konflikt; siehe etwa Odd Arne Westad, The Cold War and the International History of the Twentieth Century, in: Melvyn P. Leffler/Odd Arne Westad (Hg.), The Cambridge History of the Cold War, Bd. 1, Cambridge 2010, S. 1-19; Bernd Greiner, Kalter Krieg und »Cold War Studies«, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 11.2.2010, URL: <http://docupedia.de/zg/Cold_War_Studies>; Jeremi Suri, Conflict and Co-operation in the Cold War. New Directions in Contemporary Historical Research, in: Journal of Contemporary History 46 (2011), S. 5-9.

[3] Akira Iriye/Pierre-Yves Saunier, Introduction. The Professor and the Madman, in: dies. (Hg.), The Palgrave Dictionary of Transnational History, Basingstoke 2009, S. XVII-XX; Michael Werner/Bénédicte Zimmermann, Vergleich, Transfer, Verflechtung. Der Ansatz der Histoire croisée und die Herausforderung des Transnationalen, in: Geschichte und Gesellschaft 28 (2002), S. 607-636; als Überblick: Margrit Pernau, Transnationale Geschichte, Göttingen 2011.

[4] Siehe für erste Veröffentlichungen zu den amerikanischen Korrespondenten in Moskau Dina Fainberg, The Heirs of the Future. Soviet and American Foreign Correspondents Meeting Youth on the Other Side of the Iron Curtain, in: Sari Autio-Sarasmo/Katalin Miklóssy (Hg.), Winter Kept Us Warm, Helsinki 2010, S. 126-136; Barbara Walker, Moscow Human Rights Defenders Look West. Attitudes toward U.S. Journalists in the 1960s and 1970s, in: Kritika 9 (2008), S. 905-927.

[5] Siehe Robert Held, Ein Chef vom Dienst. Zum Tode von Hugo V. Seib, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.2.1972, S. 2; sowie die Serie von Reiseberichten von Hugo V. Seib, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, ab dem 12.3.1955.

[6] Für einen der seltenen Einblicken siehe die bekannte, inzwischen neu aufgelegte Beschreibung der dicht organisierten Reise Steinbecks und Capas im Jahr 1948: John Steinbeck/Robert Capa, Russische Reise, Frankfurt a.M. 2011.

[7] Bundesarchiv (im Folgenden: BA), B 145/10280 und B 145/1159.

[8] Die Protokolle dieser Verhöre sind inzwischen ediert und publiziert: Tajny diplomatii tret’ego rejcha. Germanskie diplomaty, rukovoditeli zarubežnych voennych missij, voennye i policejskie attaše v soveckom plenu. Dokumenty iz sledstvennych del 1944–1955 [Die diplomatischen Geheimnisse des Dritten Reiches. Deutsche Diplomaten, Leiter ausländischer Militärmissionen, Militärs und Polizeiattachés in sowjetischer Gefangenschaft. Dokumente aus den Ermittlungsakten 1944–1955], Moskau 2011, S. 403-415.

[9] Bruno Dechamps, Russisches hat ihn seit je fasziniert. Hermann Pörzgen wird 70, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.5.1975, S. 12; Johann Georg Reißmüller, In Moskau gelebt, gelitten, gestorben. Zum Tode von Hermann Pörzgen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.12.1976, S. 12.

[10] Siehe auch Gerd Ruge, Unterwegs. Politische Erinnerungen, Berlin 2013.

[11] Vgl. Robrecht, Diplomaten (Anm. 1).

[12] Christina von Hodenberg, Die Journalisten und der Aufbruch zur kritischen Öffentlichkeit, in: Ulrich Herbert (Hg.), Wandlungsprozesse in Westdeutschland. Belastung, Integration, Liberalisierung 1945–1980, Göttingen 2002, S. 278-311; Thomas Mergel, Politischer Journalismus und Politik in der Bundesrepublik, in: Clemens Zimmermann (Hg.), Politischer Journalismus, Öffentlichkeit und Medien im 19. und 20. Jahrhundert, Ostfildern 2006, S. 193-211.

[13] Siehe Hermann Pörzgen, Korrespondent in Moskau. Information und Zensur im Sowjetreich, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.4.1957, Beilage »Bilder und Zeiten«, S. 3; dort auch das Folgende.

[14] Ebd.

[15] So weit ersichtlich, war erst in den 1970er-Jahren ein Korrespondent einer westdeutschen bzw. West-Berliner kommunistischen Zeitung in der Sowjetunion.

[16] Henry Shapiro, Die Ausländer leben für sich. Wie im »Ghetto«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.2.1954, S. 2; Hermann Pörzgen, Russen und Deutsche. Ungeduldiges Interesse am Ausbau der Beziehungen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.5.1956, S. 2; ders., In alten Schlössern und Palais. Diplomatenleben in Moskau, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.2.1957, Beilage »Bilder und Zeiten«, S. 3; LOC, Levine Papers, box 10, folder 4, Bericht Nr. 2 vom 12.1.1956.

[17] Jeremy Wolfenden, The Western Village in Moscow, in: New York Times, 7.2.1965.

[18] Nikolaus Ehlert, Große Grusinische Nr. 17. Deutsche Botschaft in Moskau, Berlin 1967, S. 7-25.

[19] Das war meine Rettung. »Viele meiner Kollegen waren regelrecht verbittert«, in: ZEIT-Magazin, 14.8.2013, S. 46 (Interview von Ijoma Mangold mit Gerd Ruge).

[20] Siehe Robrecht, Diplomaten (Anm. 1). Quellenbasis sind im Folgenden die Veröffentlichungen der SZ-Korrespondenten sowie Heinz Lathe, Wie lebt, was denkt der Sowjetbürger, Düsseldorf 1975, S. 11-17; Hermann Pörzgen, 100mal Sowjetunion, München 1972, S. 181-185; Johannes Grotzky, Gebrauchsanweisung für die Sowjetunion, München 1985.

[21] Für Beispiele und Medienkritik siehe Grotzky, Gebrauchsanweisung (Anm. 20), S. 136-150.

[22] So zumindest erinnerten es die Journalisten in den 1990er-Jahren, als nach den Grundlagen für die Liberalisierungen der Perestrojka-Jahre gesucht wurde; siehe Thomas C. Wolfe, Governing Soviet Journalism. The Press and the Socialist Person After Stalin, Bloomington 2005.

[23] Siehe Arkhiv vneshnei politiki Rossiiskoi Federatsii (im Folgenden: AVP RF), fond 056, opis’ 53, papka 356, delo 17, Blatt 106-109, Vorlage vom 21.9.1959.

[24] BA, B 145/1159, Telegramm der Botschaft vom 1.6. oder 1.7.1957.

[25] Hermann Pörzgen, Moskau ist ein teures Pflaster, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.5.1956, S. 2.

[26] Ders., In alten Schlössern und Palais (Anm. 16); ders., Alltag auf der Deutschen Botschaft in Moskau. Der Konsul ist Mädchen für alles, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.1.1958, Beilage »Bilder und Zeiten«, S. 3; ders., Auf vorgeschriebenen Wegen reisen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.7.1957, S. 7; ders., Korrespondent (Anm. 13); ders., Ein Wolkenkratzer-Hotel mit goldenen Sesseln, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.3.1959, S. 6.

[27] Ders., Einkauf in Moskau. Aus dem Alltag der sowjetischen Hauptstadt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.7.1957, S. 5. Eine Zusammenstellung seiner ersten Artikel findet sich in Hermann Pörzgen, So lebt man in Moskau, München 1958.

[28] Ders., Korrespondent (Anm. 13).

[29] Ebd.

[30] AVP RF, f. 056, op. 53, p. 356, d. 17, Blatt 9-12, 13-16, 17-22, Anschreiben und Entwürfe des MID vom 4.2.1959.

[31] Ebd., Blatt 35-37, Antwort der Rechtsabteilung des MID.

[32] Pörzgen, Korrespondent (Anm. 13).

[33] Ebd.

[34] Nicholas Daniloff, Of Spies and Spokesmen. My Life as a Cold War Correspondent, Columbia 2008, S. 90; Shapiro, Die Ausländer leben für sich (Anm. 16).

[35] Für Analysen der Zensur innerhalb des sozialistischen Lagers als mehrstufiges Filtersystem siehe etwa Ivo Bock, ›Unser ganzes System ideologischer Arbeit muss wie ein gut eingespieltes Orchester agieren‹. Zensur in der UdSSR und der ČSSR, in: ders. (Hg.), Scharf überwachte Kommunikation. Zensursystem in Ost(mittel)europa, 1960er – 1980er Jahre, Bremen 2011, S. 31-207; Arlen Blyum, A Self-Administered Poison. The System and Functions of Soviet Censorship, Oxford 2003.

[36] WDR, Intendant/4238, Protokoll zur Tagung am 9./10.4.1957.

[37] WDR, Hörfunk-Direktor/3831, Schreiben vom 9.12.1960.

[38] Wie Anm. 36.

[39] LOC, Levine Papers, box 17, folder 4, Bericht vom 10.4.1959.

[40] Pörzgen, Korrespondent (Anm. 13). Pörzgens Sammelband von 1958 enthält im Wesentlichen Artikel, die zunächst die Zensur passiert haben, sowie einige ausführlichere Kommentare, die es wohl nicht getan hätten – ohne dass dieser Unterschied markiert ist: ders., Moskau (Anm. 27).

[41] WDR, Hörfunk-Direktor/3831, Schreiben vom 26.1.1961.

[42] Ebd.

[43] Central‘nyj archiv Federal‘noj služby bezopasnosti RF (Zentrales Archiv des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation), KGB-Akten, Akte Nr. R-38873, d. 489, Blatt 166-170, Schreiben der sowjetischen Botschaft in der Bundesrepublik vom 23.4.1957; Blatt 171-172 zum Zeitungsartikel »Rätselhafte Naturen«; Blatt 174-176, Memo vom 19.6.1957. Ich danke Gemma Pörzgen, die derzeit eine Biographie über ihren Vater Hermann Pörzgen schreibt und mir Einsicht in diese Unterlagen gewährte.

[44] BA, B 145/1159, Telegramm der Botschaft vom 8.6.1957 mit anliegender Übersetzung des Zeitungsartikels.

[45] Ebd.

[46] Ebd., Bericht vom 7.1.1958.

[47] Ebd., Schreiben vom 19.3.1958; Vermerk vom 14.3.1958; sowie weiterer Schriftwechsel im Verlauf des Jahres.

[48] BA, B 145/12080, Schreiben vom 18.7.1958 und vom 10.9.1958.

[49] BA, B 145/1159, Bericht vom 31.3.1959.

[50] Klaus Arnsperger, Moskau lockert die Nachrichtenzensur, in: Süddeutsche Zeitung, 24.3.1961; Hermann Pörzgen, Berichte aus Moskau jetzt ohne Zensur, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.3.1961, S. 4.

[51] In diesem Kontext wurde auch die Zensur von Fotomaterial aufgehoben. Das bedeutete aber in der Praxis nicht viel, denn nicht einmal die Nachrichtenagenturen hatten eigene Fotokorrespondenten in Moskau. In der Regel nutzten die Agenturbüros Fotomaterial der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS. Deren Angebot musste durchgesehen, ausgewählt und beschriftet werden, wobei ein sensibles Vorgehen erforderlich war, um die TASS nicht zu verärgern, gleichzeitig ihrer Auswahl aber nicht naiv zu folgen; siehe LOC, Shapiro Papers, UPI Moscow Bureau, Administrative file, box 4, folder 10, Schreiben vom 12.4.1969 und 3.10.1969.

[52] Arnsperger, Moskau (Anm. 50).

[53] Zit. nach Daniloff, Spies (Anm. 34), S. 90f.

[54] AVP RF, f. 056, op. 11, p. 11, d. 12, Blatt 20, Protestschreiben vom 16.3.1956.

[55] Ebd., Blatt 21, Vorlage vom 21.3.1956.

[56] Pörzgen, Moskau (Anm. 27), S. 13.

[57] AVP RF, f. 056, op. 53, p. 356, d. 17, Blatt 9-12, Schreiben des MID vom 4.2.1959, sowie Blatt 17-22, 23-25, 106-109, Vorlage vom 21.9.1959.

[58] AVP RF, f. 056, op. 53, p. 356, d. 17, Blatt 26-27.

[59] Ebd.

[60] Pörzgen, Korrespondent (Anm. 13).

[61] Solche Vögel, in: Spiegel, 16.8.1961, S. 43.

[62] Wolfe, Governing Soviet Journalism (Anm. 22), S. 38-45.

[63] William Jorden, Newsmen in Moscow Now Censor Themselves, in: New York Times, 26.3.1961; siehe auch: Censors in Soviet had 43-year Sway, in: New York Times, 24.3.1961.

[64] WDR, Hörfunk-Direktor/3831, Schreiben vom 23.6.1961; dort auch das Folgende.

[65] Ebd.

[66] Hermann Pörzgen, Journalist muß Moskau verlassen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.8.1961, S. 4.

[67] Ebd.; siehe auch schw., So frei, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.8.1961, S. 2; Solche Vögel (Anm. 61).

[68] BA, B 145/1159, Bericht vom 28.7.1961; zum weiteren Verlauf siehe BA, B 145/10280, Bericht vom 9.9.1961.

[69] UPI, Sowjet-Korrespondent ausgewiesen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.8.1961, S. 1.

[70] bi, Bonn begründet die Ausweisung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.8.1961, S. 4.

[71] Wie Anm. 64.

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