Editorial - 1/2010: Offenes Heft

Zu diesem Heft

Anmerkungen
 
Der Welt eine friedliche Ordnung zu geben ist der große Anspruch der Vereinten Nationen und ihrer Unterorganisationen. Nachdem die UNO lange primär aus politikwissenschaftlicher Perspektive untersucht worden ist, interessiert sich neuerdings auch die Zeitgeschichtsforschung verstärkt für die Genese einer „Weltinnenpolitik“, die daran beteiligten Akteure, die Überlagerung mit den Spannungslinien des Kalten Kriegs sowie den langfristigen Aufstieg globaler Werte und Normen. Iris Schröder geht im vorliegenden Heft der Frage nach, wie sich die vorgestellte Ordnung der UNESCO Ende der 1950er-Jahre in einer konkreten architektonischen Ordnung manifestierte. Der auf dem Cover abgebildete, 1958 eingeweihte Gebäudekomplex der UNESCO in Paris war seinerzeit hochumstritten; Fragen der inneren und äußeren Gestaltung waren eng verbunden mit Konflikten um architektonische Modernität und politische Hierarchien innerhalb der Weltgemeinschaft.
 
Während sich dieser Aufsatz mit räumlichen, visuellen und materiellen Semantiken beschäftigt, setzt die von Kathrin Kollmeier und Stefan-Ludwig Hoffmann konzipierte Debatte auf der begrifflichen Ebene an. Obwohl Reinhart Koselleck, der dafür als zentraler Wegbereiter gelten kann, frühzeitig betonte, dass „jede Wort- oder Begriffsgeschichte […] von einer Feststellung vergangener Bedeutungen zu einer Festsetzung dieser Bedeutungen für uns“ führe,1 hat er die Kartierung der „Geschichtlichen Grundbegriffe“ nicht systematisch auf das 20. Jahrhundert und die Gegenwart ausgedehnt. Eben dafür plädiert nun Christian Geulen, der die Frage nach spezifisch zeithistorischen Grundbegriffen mit einem ambitionierten Vorschlag zur theoretischen Fundierung verbindet. Da es zum Forschungsprogramm einer Historischen Semantik auch gehört, „etwas zu sagen, ohne das letzte Wort haben zu müssen“,2 wird Geulens Beitrag hier aus verschiedenen Perspektiven kommentiert – von Paul Nolte, Martin Sabrow und Theresa Wobbe. Dies ist zugleich als Einladung gedacht, die Debatte zu den möglichen Konturen einer Historischen Semantik des 20. Jahrhunderts fortzuführen.
 
In Geulens Konzept kommt der „Popularisierung“ als markanter Tendenz des 20. Jahrhunderts ein wichtiger Stellenwert zu, wobei er die Zirkulations- und Normierungsfunktion der Medien betont. Der Aufsatz von Anja Laukötter über Medien der Krebsaufklärung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bietet dazu gleichsam eine Fallstudie: Die Autorin arbeitet die Doppelrolle des medizinischen Films als „Medium der Information und Erziehung“ heraus; sie liefert damit nicht zuletzt wichtige Bausteine für eine breitere Historisierung des gesellschaftlichen Leitbilds „Gesundheit“. Der in den letzten Jahren intensiv erforschten Medizingeschichte ist auch Tobias Freimüllers Beitrag in der Rubrik „Neu gelesen“ zuzurechnen. 50 Jahre nach der Erstauflage erinnert Freimüller an die Vorgeschichte, den Inhalt und die Rezeption des Dokumentenbandes „Medizin ohne Menschlichkeit“, herausgegeben von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke. Das Buch über den Nürnberger Ärzteprozess von 1946/47 kann als ein Schlüsselwerk kritischer Wissenschaftsgeschichte gelten, dessen Impulse freilich erst mit Verzögerung aufgegriffen wurden.
 
Ein zweiter „Neu gelesen“-Artikel ist Jürgen Habermas’ Aufsatz „Die Neue Unübersichtlichkeit“ gewidmet, dessen Titel seit der Erstpublikation vor 25 Jahren eine große, allerdings zunehmend beliebige Verbreitung gefunden hat. Cord Arendes erläutert, was Habermas mit der „Krise des Wohlfahrtsstaates“ und der „Erschöpfung utopischer Energien“ meinte. Einen Rückblick in die Hochphase utopischer Ansprüche unternimmt demgegenüber Klaus Waschik mit seinem Aufsatz über sowjetische Bild- und Zensurpolitik der 1930er-Jahre. Das Ziel, den in Ungnade gefallenen Trotzki und viele weitere Personen aus dem kulturellen Gedächtnis zu tilgen, war insofern utopisch, als sich die Bildmedien und Bibliotheken des stalinistischen Imperiums selbst mit größten Anstrengungen nicht flächendeckend kontrollieren ließen.
 
Im Rezensionsteil dieses Hefts findet sich neben Hanno Hochmuths Besprechung des Dokumentarfilms „Die Anwälte“ (über Horst Mahler, Otto Schily und Christian Ströbele) eine ausführliche Vorstellung des Apartheid-Museums in Johannesburg. Die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika bringt ein gesteigertes Interesse für dieses Land mit sich; aus zeithistorischer Perspektive ist es lohnend, genauer nach dem dortigen Umgang mit der Apartheid-Ära zu fragen. Wie Katharina Fink belegt, überlagern sich in der Johannesburger Dauerausstellung nationale Narrative und internationale Menschenrechtsdiskurse.
 
Während Fink Beispiele dafür liefert, wie mit (Ausstellungs-)Objekten unterschiedliche Emotionen und Assoziationen verbunden sein können, geht Annette Vowinckel in der Rubrik „Quellen“ der Pluralität von Deutungen und Bedeutungen anhand von so genannten Safety Kits aus der Zeit des Kalten Kriegs nach. Die ausgewählten Objekte, Erste-Hilfe-Taschen der DDR der 1950er- bis 1970er-Jahre, befinden sich heute in der Sammlung des Wende-Museums in Los Angeles. Der dortige Kontext legt es nahe, die Taschen und ihren Inhalt als Indizien für einen naiv anmutenden Zivilschutz zu betrachten, der im Fall eines Atomschlags keinen nennenswerten Vorteil gebracht hätte. Zur material culture gehört jedoch eine oft nicht aufzuhebende Mehrdeutigkeit, die sich auch hier feststellen lässt. Vowinckel fragt nach dem Sicherheitsempfinden der DDR-Bürger; damit bietet der Artikel zugleich einen Ausblick auf unser kommendes Heft zum Thema „Sicherheit“ (2/2010).

Die Redaktion

Anmerkungen: 

1 Reinhart Koselleck, Begriffsgeschichte und Sozialgeschichte, in: ders. (Hg.), Historische Semantik und Begriffsgeschichte, Stuttgart 1979, S. 19-36, hier S. 25.

2 Ralf Konersmann, Komödien des Geistes. Historische Semantik als philosophische Bedeutungsgeschichte, Frankfurt a.M. 1999, S. 184.
 

 

In this issue

Notes
 
 
The great aspiration of the United Nations and its sub-organisations is to precipitate a peaceful world order. In the past the UN has primarily been an object of political science research, but lately studies in contemporary history have also come to address the genesis of ‘world domestic politics’, the involved actors, its intersections and overlaps with the fault lines of the Cold War, as well as the long-term ascent of global values and norms. Iris Schröder shows in this issue how, in the late 1950s, the imagined order of UNESCO manifested itself in a concrete architectural order. The UNESCO building complex depicted on the issue cover was inaugurated in Paris in 1958, and was highly controversial at the time. Questions of internal and external design were closely tied to conflicts surrounding architectural modernity and political hierarchies within the world community.
 
While this contribution deals with spatial, visual and material semantics, the debate section conceptualised by Kathrin Kollmeier und Stefan-Ludwig Hoffmann focuses on the level of terminology. Although Reinhart Koselleck, who can be regarded as an important pioneer in this field, emphasised early on that ‘every history of a word or term [...] leads from the identification of his-torical connotations to the identification of present connotations’,1 he did not systematically expand his mapping of Geschichtliche Grundbegriffe (fundamental historical terms) to include the twentieth century and the present. Christian Geulen indeed pleads for such an endeavour, combining the question concerning the specific basic terms of contemporary history with the proposal of an ambitious theoretical framework. Since it is also part of the research agenda of a Historical Semantics to ‘say something without having to have the last word’,2 other researchers (Paul Nolte, Martin Sabrow and Theresa Wobbe) comment on Geulen’s contribution from various perspectives in the issue. This is also intended as an invitation to continue the debate on the possible contours of a Historical Semantics of the twentieth century.
 
In Geulen’s concept, ‘popularisation’ plays an important role as a distinctive tendency of the twentieth century. In this context, he emphasises the media’s circulation and normatisation function. As it were, Anja Laukötter’s contribution on media of cancer information in the first half of the twentieth century offers a case study of this very tendency. The author shows the double role of medical films as ‘media of information and education’ and identifies important elements for a broad historicisation of the general societal principle ‘health’. Tobias Freimüller’s article in the section ‘rediscovered classics’ also contributes to the intensive research in the field of medical history of the past years. Fifty years after the appearance of its first edition, Freimüller recalls the pre-history, the content and the reception of the document volume Medizin ohne Menschlichkeit (Medicine without Humanity), edited by Alexander Mitscherlich and Fred Mielke. The book on the Nuremberg Doctors’ Trial of 1946/47 can be regarded as a key work in the critical history of science. Its impulses were, however, only taken up later.
 
A second contribution to the ‘rediscovered classics’ section is dedicated to Jürgen Habermas’s article Die Neue Unübersichtlichkeit (The New Complexity), whose title has experienced widespread, albeit increasingly arbitrary dissemination since its first publication twenty-five years ago. Cord Arendes explains what Habermas meant by the ‘crisis of the welfare state’ and the ‘exhaustion of utopian energies’. Klaus Waschik, in turn, revisits the high phase of utopian aspirations in his article on Soviet image and censorship politics in the 1930s. The goal of eliminating Trotsky and other public persons who had fallen from grace from the country’s cultural memory was utopian in the sense that even with the greatest effort, the visual media and libraries of the Stalinist empire could not be entirely controlled.
 
In the review section, a review by Hanno Hochmuth of the documentary film Die Anwälte (The Lawyers) about Horst Mahler, Otto Schily and Christian Ströbele can be found alongside a detailed portrayal of the Apartheid Museum in Johannesburg. As we have seen, the Football World Cup in South Africa entails increased interest in the country. From a contemporary history perspective, it is worthwhile to scrutinise local approaches to the Apartheid era. Katharina Fink illustrates the ways in which national narratives overlap with international human rights discourses in the permanent exhibition in Johannesburg.
 
While Fink offers examples of how different emotions and associations can be tied to (exhibition) objects, in the ‘sources’ section Annette Vowinckel traces the plurality of interpretations and connotations using the example of the so-called ‘safety kits’ from the Cold War era. The selected objects, GDR first-aid kits from the 1950s to the 1970s, today are in the possession of the Wende Museum in Los Angeles. The context in which they are presented there suggests regarding the kits and their contents as evidence of an apparently naive civil defence that would not have provided an appreciable advantage in the case of a nuclear strike. However, a certain irrevocable ambiguity, which is discernible here also, is part of every material culture. Vowinckel investigates the GDR-citizens’ sense of security, and hence her article also offers an outlook for our next issue on the topic of ‘Security’ (2/2010).

The Editors
(translation: Eva Schissler)


Notes: 

1 Reinhart Koselleck, Begriffsgeschichte und Sozialgeschichte, in: Idem (ed.), Historische Semantik und Begriffsgeschichte, Stuttgart 1979, pp. 19-36, p. 25.

2 Ralf Konersmann, Komödien des Geistes. Historische Semantik als philosophische Bedeutungsgeschichte, Frankfurt a.M. 1999, p. 184.