Stadtgeschichte als Zeitgeschichte. Methodische Impulse zur Historisierung West-Berlins

Einleitung

Anmerkungen

Wem gehört die Stadt? Um diese Frage kreisen derzeit viele öffentliche Debatten in Berlin und anderswo. Steigende Mieten, die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen, die globale Erschließung des Immobilienmarktes und die zunehmende Touristifizierung der Innenstädte sind nur einige der Themen, die seit einigen Jahren heiß diskutiert werden. Diese breite gesellschaftliche Relevanz hat zugleich zu einem deutlichen Aufschwung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Stadt als gestaltetem und häufig umkämpftem Lebensraum geführt. Dabei werden die städtischen Entwicklungen nicht nur aus sicherer Distanz reflektiert. Vielmehr bietet die Stadtforschung das theoretisch-methodische Arsenal, um bestimmte Prozesse im urbanen Raum zu begreifen und in der öffentlichen Debatte auf den Punkt zu bringen. So hat sich der sozialwissenschaftliche Begriff »Gentrification« inzwischen zu einem politischen Kampfbegriff entwickelt, mit dem die Verdrängung ärmerer Bevölkerungsschichten im Zuge urbaner Aufwertungsprozesse problematisiert wird. Die Grenze zwischen wissenschaftlicher Reflexion und politischer Intervention ist mitunter fließend.

Die Stadt als Untersuchungsfeld »gehört« nicht exklusiv einer einzelnen Fachdisziplin. Stadtforschung ist vielmehr von einer besonders hohen Interdisziplinarität gekennzeichnet. So bildet die Stadt den Gegenstand soziologischer, ethnologischer, geographischer sowie medien-, politik- und raumwissenschaftlicher Forschungen, um nur einige Zugriffe zu nennen.[1] Während diese Fächer vor allem die gegenwärtige Stadt untersuchen, dominierten in der Geschichtswissenschaft lange Zeit Arbeiten zur vormodernen Stadt sowie zur Phase der Hochurbanisierung um die vorletzte Jahrhundertwende. Dagegen hat die zeitgeschichtliche Forschung die Stadt als solche meist nicht in den Mittelpunkt ihrer Studien gestellt. Selbst dort, wo sie Ereignisse und Entwicklungen anhand bestimmter Städte exemplarisch untersucht hat, wurde die spezifisch stadtgeschichtliche Ebene häufig nicht expliziert.[2] Das vorliegende Themenheft möchte diesem Befund entgegentreten und das Potential einer Stadtgeschichte als Zeitgeschichte prüfen – stets ausgehend von West-Berlin als besonders markantem Ort, aber zugleich mit allgemeineren Erkenntnisinteressen.

Hierfür kombinieren und kontrastieren wir im folgenden Debattenteil unterschiedliche disziplinäre Zugriffe auf die Stadt. In einem Interview mit Wolfgang Kaschuba fragen wir nach dem Zugang der empirisch forschenden Stadtethnologie. Dieser erweise sich darin, dass die Ethnologie nicht nur die Gesamtstadt zu erfassen suche, sondern vor allem die unterschiedlichen Lebensformen und Akteure in der Stadt. Das derzeit viel diskutierte soziologische Konzept einer »Eigenlogik« der Städte sei daher eine spannende Frage, aber nicht die alleinige Antwort. Andreas Ludwig kommt aus der Perspektive der transdisziplinären Material Culture Studies zu dem Schluss, dass die materiellen Dinge als solche meist nicht spezifisch für eine einzelne Stadt seien, wohl aber ihre zeittypische Anordnung, ihre Nutzung und ihre Bedeutungszusammenhänge. Bodo Mrozek versucht durch den Begriff Soundscape die populärkulturellen Eigenarten mit den materiellen Räumen der Stadt zu verschränken. So dürfe die Pop-Geschichte einer Stadt nicht losgelöst von deren Politik- und Sozialgeschichte beschrieben werden, zumal sie neue Dimensionen des Sozialen und des Politischen erhellen könne. Für einen genauen Blick auf die maßgeblichen politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen plädiert zudem der Stadtsoziologe André Holm, dessen kritische Beschäftigung mit der Gentrifizierung auch außerhalb der Wissenschaft für Aufmerksamkeit gesorgt hat.

Alle vier Beiträge diskutieren ihre unterschiedlichen Zugänge nicht abstrakt, sondern – dem Rahmenthema dieses Hefts entsprechend – am Beispiel West-Berlins. Die »Insel« West-Berlin wird hier gleich mehrfach als »Labor« postfordistischer Lebensweisen beschrieben, die sich unter den Bedingungen der Systemkonkurrenz nur in jenem besonderen »dritten Zustand« entwickeln konnten. Das macht gerade diese Stadt für die Zeitgeschichtsschreibung so interessant.


Anmerkungen:

[1] Vgl. als neueren Überblick etwa Harald A. Mieg/Christoph Heyl (Hg.), Stadt. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart 2013.

[2] Natürlich gibt es zu einer derartigen Tendenzaussage zahlreiche Gegenbeispiele; siehe aus dieser Zeitschrift z.B. Lars Amenda, Hafenkonzert. Geräusche und Gesellschaft in Hamburg im 20. Jahrhundert, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 8 (2011), S. 198-216.

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