BlackBox Kalter Krieg

Ein Werkstattbesuch am Checkpoint Charlie

Anmerkungen

BlackBox Kalter Krieg, Friedrichstraße 47/Ecke Zimmerstraße, 10117 Berlin,
geöffnet täglich 10-18 Uhr, Eintritt 5 Euro (ermäßigt 3,50 Euro).
Website: <http://www.bfgg.de/zentrum-kalter-krieg/blackbox-kalter-krieg.html>

Seit 2004 ist in Berlin vielfach die Einrichtung eines speziellen Museums zur Geschichte des Kalten Krieges gefordert worden. Auslöser war ein Projekt Alexandra Hildebrandts, der Leiterin des Mauermuseums/Haus am Checkpoint Charlie. Auf einer Freifläche neben dem Grundstück des Mauermuseums eröffnete sie am 31. Oktober 2004 ein privates Denkmal. Es bestand aus einem aus Originalteilen neu zusammengesetzten Stück der Berliner Mauer und 1.065 Holzkreuzen. Die Kreuze waren überwiegend mit Namen und Fotografien versehen und sollten an diejenigen erinnern, die infolge der deutschen Teilung zu Tode gekommen waren. Im Juli 2005 wurde das Areal von der Polizei zwangsgeräumt, da Hildebrandt die Pacht für das Grundstück nicht mehr bezahlen konnte. In der publizistischen Debatte, die diese Aktion begleitete,[1] ging es zunächst einmal um die genaue Zahl der Mauertoten und um angemessene Formen des Gedenkens an die Opfer der deutschen Teilung, mittelbar aber auch um die historische Bewertung der Rolle Berlins im Kalten Krieg. Der Streit über die Umsetzung eines fachlich fundierten Erinnerungskonzepts am Checkpoint Charlie und somit über die Deutungshoheit im Hinblick auf den Kalten Krieg entbrannte zwischen Pressevertretern unterschiedlicher politischer Lager, der Berliner Landespolitik und engagierten Wissenschaftlern – ein klassischer geschichtspolitischer Konflikt.[2]

Rund zehn Jahre später, nach einigen erhitzten Feuilletondebatten und einer umfangreichen wissenschaftlichen Untersuchung zu den Mauertoten in Berlin,[3] liegen dem Berliner Senat ein Ausstellungskonzept und eine Machbarkeitsstudie für ein Zentrum des Kalten Krieges vor.[4] Die Ideen und Planungen hat Konrad H. Jarausch, stellvertretend für ein internationales Team von Wissenschaftlern, Politikern und Journalisten, bereits 2008 in dieser Zeitschrift vorgestellt.[5] Jarausch äußerte die Hoffnung, »dass der Kalte Krieg kein Thema der Tagespolitik mehr ist, sondern dass seine Musealisierung möglich gemacht wird«. Das Ziel der Präsentation am Checkpoint Charlie sei demnach »eine Historisierung der Feindbilder, die der Kalte Krieg bis heute in den Köpfen hinterlassen hat«, und eine multiperspektivische Schilderung des globalen Konflikts. Im Gegensatz zur gängigen Präsentationspraxis dreidimensionaler Objekte schlug Jarausch eine vorrangig multimediale Darstellung vor – Bilder, Filmclips, Texte und Soundbites sollen Weltpolitik und ihre Konsequenzen am historischen Ort erfahrbar machen. In die Konzeption sollen neben den Wissenschaftlern auch Akteure der Berliner Erinnerungslandschaft einbezogen werden. Zudem soll in der künftigen Ausstellung auf weitere Orte und Ausstellungen zum Thema verwiesen werden.

Als Testballon für das geplante Zentrum des Kalten Krieges eröffnete im September 2012 am Checkpoint Charlie die BlackBox Kalter Krieg. Sie gewährt Einblicke, welche Akzente eine spätere Ausstellung setzen könnte. Der vorliegende Beitrag soll anhand einer kritischen Besichtigung der BlackBox einigen konzeptionellen und gestalterischen Fragen nachgehen: Welche inhaltlichen Schwerpunkte haben die Ausstellungsmacher gewählt? Mit welchem didaktischen Zugang wird das internationale und sehr heterogene Publikum an diesem stark frequentierten Touristenort angesprochen? Wie wird die Geschichte Berlins als Brennpunkt des Kalten Krieges dargestellt?

Die BlackBox Kalter Krieg steht auf einer Freifläche unmittelbar am Checkpoint Charlie, Ecke Friedrichstraße/Zimmerstraße. Sie wird durch einen provisorischen Bauzaun eingegrenzt, die so genannte Checkpoint Gallery. Die Galerie wurde 2006 vom Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart (bfgg) gestaltet und durch das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam wissenschaftlich begleitet.[6] Die frei zugängliche Bilderwand vermittelt Passanten auf 250 Metern mit großformatigen Fotos sowie kurzen, erläuternden Texten auf Deutsch und Englisch die Meilensteine der Geschichte des Checkpoint Charlie.

Neben dem benachbarten, privaten Mauermuseum/Haus am Checkpoint Charlie gehört seit September 2012 auch das Panorama DIE MAUER des Künstlers Yadegar Asisi zum Erinnerungsensemble am Checkpoint Charlie. Im Vorraum des Panoramas wird das Gesamtkonzept zur Erinnerung an die Berliner Mauer des Berliner Senats vorgestellt. Das geplante Zentrum des Kalten Krieges wäre der letzte Lückenschluss in der Umsetzung dieses 2006 veröffentlichten Konzepts.[7] Die BlackBox kann daher als »Appetizer zum richtigen Museum« verstanden werden.[8] Die Projektleitung der BlackBox lag bei Monica Geyler-von Bernus, der Vorsitzenden des bfgg. Jürgen Reiche, Ausstellungsdirektor am Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (HdG) in Bonn, der unter anderem auch die Ausstellung GrenzErfahrungen. Alltag der deutschen Teilung im ehemaligen »Tränenpalast« am S-Bahnhof Friedrichstraße konzipierte, kuratierte die hier vorzustellende Ausstellung. Eine Black Box ist bekanntlich das Gehäuse für den Flugdatenschreiber und den Stimmrecorder in einem Flugzeug – bruchsicher, feuerfest und für die Aufklärung von Flugzeugunglücken unersetzlich. Die BlackBox Kalter Krieg soll in gewisser Weise der Funktion eines Flugschreibers entsprechen. Sie will es der Öffentlichkeit ermöglichen, sich mit der Epoche des Kalten Krieges und seinem Erbe auseinanderzusetzen.[9]

Die Gestaltung der BlackBox ist nüchtern und zweckmäßig, handelt es sich doch um ein Provisorium, für das der Berliner Senat zunächst einmal 300.000 Euro zur Verfügung gestellt hat. Die Grundform des Holzpavillons ist quadratisch und bietet 225 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Die BlackBox ist innen wie außen schwarz gestrichen und wird so ihrem Namen gerecht: Sie hat keine Fenster; möglich ist weder ein Einblick in das Innere noch ein Ausblick auf das Treiben am Checkpoint Charlie. (Für die zukünftige, größere Präsentation ist auch der Blick in den Stadtraum und auf die Produkte der geschichtskulturellen Nachnutzung des Kalten Krieges vorgesehen.)

Die Außenseite des Pavillons betont den globalen Charakter des Themas: Auf Englisch, Französisch und Russisch sind der Terminus »Kalter Krieg« und andere Schlagworte zu lesen (z.B. Demokratie, Spionage, Mauer, NATO). Im Innern besteht die BlackBox aus einem einzigen Raum. Gestalterisch stechen vier Lichtwände hervor, die an den Seiten eingelassen sind. Mit blauer Folie bezogen, lassen sie Tageslicht in den Ausstellungsraum dringen. Im Kontrast zur roten Stele am Eingang, die die Sowjetunion repräsentieren soll, steht das Blau für die Vereinigten Staaten von Amerika und den westlichen Block.

Drei Dimensionen des Kalten Krieges werden unterschieden: die globale, die nationale und die lokale Geschichte der Systemauseinandersetzung. Umlaufende Farbbänder dienen der Orientierung. Auf der grün markierten Innenseite der Außenwand wird die internationale Dimension vorgestellt. In der Ausstellungsmitte wird auf rot gekennzeichneten Stellwänden die deutsch-deutsche und damit nationale Perspektive abgebildet. Als ein weiteres Gestaltungselement sind an den Wänden orangefarbige Streifen aufgebracht, die im Stil eines Newstickers nationale Ereignisse zeigen. Die lokalen Ereignisse mit Berlin-Bezug werden schließlich in Objektvitrinen im Zentrum des Raumes aufgegriffen. Alle drei inhaltlichen Dimensionen der Ausstellung decken die Zeitspanne von 1945 bis 1990 ab.

Die Wände im Inneren der BlackBox sind nicht deckenhoch, so dass der Charakter des offenen Raumes erhalten bleibt. Die Besucher können zwischen den locker gestellten Wandelementen hindurchschlendern. Es bleibt ihnen überlassen, ob sie sich intensiv mit einer Dimension beschäftigen oder ob sie die Dimensionen im direkten Vergleich betrachten wollen. Bei Führungen und je nach Besucheraufkommen auch beim Ticketkauf geben die Mitarbeiter/innen des Besucherservices Hinweise zu Ausstellungsaufbau und -gestaltung. In der Ausstellung selbst steht meist ebenfalls ein Ansprechpartner bereit. Dennoch ist anzunehmen, dass nicht alle Besucher das konzeptuelle Element der drei Dimensionen erfassen. Ein Leitsystem zur Ausstellungsgestaltung ist im deutschen Museumswesen zwar generell unüblich, wäre aber aus Besuchersicht wünschenswert. In der BlackBox würde es den Mehrwert bieten, dass auch Besucher ohne Vorwissen die drei Dimensionen und ihre wechselseitigen Verflechtungen nachvollziehen könnten.

Ein wichtiges Gestaltungselement der BlackBox sind Reproduktionen von zeitgenössischen Fotografien. Genutzt werden vornehmlich Bildikonen, zum Beispiel die Panzerkonfrontation am Checkpoint Charlie im Oktober 1961, der Austausch der Spione Gary Powers und Rudolf Abel auf der Glienicker Brücke im Februar 1962 oder die Fahrt von Konrad Adenauer, John F. Kennedy und Willy Brandt im offenen Wagen während des Berlin-Besuchs des amerikanischen Präsidenten im Juni 1963. Die Bilder dienen allein als Eyecatcher und sind daher nicht weiter kommentiert. Dementsprechend fehlen Einordnungen der Bildikonen in ihre konkreten Entstehungskontexte sowie Informationen über die Urheber, deren Motivationen und die Verbreitung der Bilder.

Die Großfotos werden als Einleitungen für die einzelnen Ausstellungskapitel genutzt. Dort sind Fotografien kleineren Formats und Reproduktionen von Zeitungs- und Magazincovern zu Collagen zusammengestellt, die mit kurzen Ausstellungs- und Sequenztexten kombiniert wurden. Viele Fotos wurden gegenüber dem Ursprungsmaterial beschnitten und anderweitig bearbeitet. Durch Collagen, auf denen sich Bilder überlappen, werden die Fotos an vielen Stellen der Ausstellung zur »Tapete«. Sie dienen hier nicht als spezifische Dokumente, sondern schaffen eher ein impressionistisches Bild des Kalten Krieges als zeitgeschichtlicher Epoche. Den Ansprüchen der Visual History wird eine solche Präsentation historischer Bilder nicht unbedingt gerecht.

An 16 Medienstationen können die Besucher Filmclips abrufen. Sie bestehen aus Videomaterial des Westdeutschen Rundfunks (WDR) bzw. von SPIEGEL TV. Die Filmsequenzen zeigen politische Entscheidungsprozesse, Schlüsselsituationen und Berichte zu den einzelnen Krisengebieten. In Kombination mit den Fotografien verweist diese Gestaltung der Ausstellung auf den Charakter des Kalten Krieges als Medienkrieg.

Die Medienstationen sind eher schlicht, was sicher dem Budget der Präsentation geschuldet ist. Nur an einigen Monitoren kann zwischen verschiedenen Filmsequenzen gewählt werden. Diese lassen sich durch einen Touchscreen ansteuern. In einer zukünftigen Multimedia-Ausstellung wäre es wünschenswert, das Filmmaterial durch weitere Medienformate zu ergänzen. Hörstationen mit Zeitzeugeninterviews oder atmosphärischen »Geräuschen« des Kalten Krieges wären hier ebenso denkbar wie große Medienwände, auf denen ein Eindruck der Zeit zwischen 1945 und 1990 vermittelt wird. Durch multiperspektivisches Material (z.B. Filme, Fotografien in Slideshows, O-Ton-Kompositionen) ließe sich eine Verknüpfung der drei Dimensionen (lokal, national, global) inhaltlich wie gestalterisch spannend umsetzen. Medienwände, sei es in Gestalt mehrerer Bildschirme oder in Form begehbarer Räume mit mehreren Leinwänden, könnten die Betrachter in eine andere Zeit versetzen. Die Verwendung von internationalem Medienmaterial entspräche dem geplanten globalen Charakter der Präsentation und würde die Geschichte(n) der Besucher aus dem Ausland mit einbeziehen. Aber dies alles ist den Kuratoren natürlich bewusst – je nach verfügbaren Mitteln wären künftig noch viele andere Gestaltungsformen denkbar.

Als weiteres mediales Element bietet die gegenwärtige Ausstellung Hands-On-Tafeln aus Holz, die der Begriffserklärung dienen. Auf diesen Tafeln findet der Besucher Symbole von Organisationen wie der NATO oder des Warschauer Paktes, aber auch Akronyme wie MAD (Militärischer Abschirmdienst). Sie sind an den Wänden angebracht und mit einer Öffnung zum Aufklappen versehen. Diese klassischen Hands-On-Tafeln haben, allem Einsatz moderner Medien zum Trotz, nach wie vor eine animierende Wirkung auf das Publikum, wie in der BlackBox immer wieder zu beobachten ist.

Die selbstbewusste Darstellung der Ausstellung als »Multimedia Exhibition«[10] gründet sich auf dem umfangreichen Film- und Fotomaterial sowie auf einem speziellen Gestaltungselement, dem Medientisch im Zentrum des Ausstellungsraumes. Dabei handelt es sich um einen hüfthohen Tisch, der von oben mit einer Beamer-Präsentation bespielt wird. Die Besucher können auf dem Tisch durch Touch-Elemente verschiedene Informationen zu drei Berliner Orten abrufen – zur Bernauer Straße, zum Brandenburger Tor und zum Checkpoint Charlie. Der Medientisch bietet neben aktuellen Bildern und O-Tönen zu diesen Orten historisches Material aus der Zeit des Kalten Krieges. Dabei zeigt sich die Problematik relativ komplizierter Medienstationen auch in der BlackBox: Die Präsentation ist sehr störanfällig und funktioniert häufig nicht.[11] Gleichwohl hat sie ein hohes Potential. In einer Multimedia-Ausstellung können die eingesetzten Medien nicht nur als Informations-, sondern auch als Partizipationsmedien aufbereitet werden. Wissensquiz, Umfragen oder die Gelegenheit zum Aufzeichnen der eigenen Zeitzeugen-erlebnisse sind didaktische Methoden der Besucheraktivierung in Ausstellungen. Sie könnten auch in der Ausstellung am Checkpoint Charlie noch integriert werden.

Auffällig ist, dass es in der BlackBox nur wenige dreidimensionale Objekte gibt. Dies ist einerseits dem niedrigen Budget und dem geringen Platz in der Ausstellung geschuldet. Andererseits fehlt es dem Projekt Zentrum des Kalten Krieges aber auch an einer eigenen musealen Sammlung. Die Einbringung von klassischen Objekten ist geplant, der Aufbau einer hauseigenen Sammlung dagegen nicht. Eine künftige größere Ausstellung müsste sich daher hauptsächlich aus Leihgaben, aber auch aus Schenkungen speisen. Die wenigen bereits vorhandenen Objekte in der BlackBox werden publikumswirksam und didaktisch ansprechend präsentiert. Sie sind in Vitrinen ausgestellt, die als Keile bis an die Decke ragen. Dadurch sind die Objekte mehrseitig zugänglich und können von allen Seiten betrachtet werden. Kurator Jürgen Reiche inszenierte unter anderem ein Modell des sowjetischen Panzers T-62, ein Strahlen-Dosimeter und ein auffälliges Fotogewehr (Photosniper) der sowjetischen Marke Zenit.

»Flachwaren« wie Dokumente verschiedener Art werden in allen drei Dimensionen der Ausstellung auf unterschiedliche Weise aufbereitet. Die bereits erwähnten Lichtfenster sind mit weißer Textfolie bezogen. Zwei Fenster geben einen englischsprachigen Auszug aus dem Buch »The Cold War« wieder, mit dem der US-Journalist Walter Lippmann 1947 den Terminus »Kalter Krieg« prägte. Das dritte Fenster enthält in polnischer Sprache die Forderungen der Solidarność-Bewegung aus dem August 1980. Auch hier fehlen leider jegliche Kontextinformationen. Andererseits ist es positiv, dass die Ausstellung in der BlackBox nicht mit Texten überfrachtet wurde. Das letzte Fenster verweist schließlich mit einem Ausschnitt aus dem Buch »Cyber War. The Next Threat to National Security and What to Do About It« des amerikanischen Sicherheits- und Terrorismus-Experten Richard A. Clarke (2010) auf aktuelle weltpolitische Bedrohungen.

Damit endet die Ausstellung gegenwartsbezogen, beinahe tagesaktuell. Sie entlässt die Besucher mit Bildern des brennenden World Trade Center, des Afghanistan-Einsatzes der ISAF und der Frage nach dem Umgang mit Atomwaffen. So werden die »Narben« sichtbar, die der Kalte Krieg hinterlassen hat. Auf dem Vorplatz der BlackBox wird der Ausstellungsbesucher dann schlagartig in die Gegenwart zurückgeholt – auf die lebendige Friedrichstraße, die am Checkpoint Charlie mit ihren unzähligen Fast-Food-Angeboten und Souvenirverkäufern eher einem Jahrmarkt gleicht.

Die Zeit für eine Historisierung des Kalten Krieges im öffentlichen Raum ist reif. Die Berliner Erinnerungslandschaft zur Geschichte nach 1945 bietet mit staatlich geförderten wie privaten Einrichtungen ein Konglomerat von Geschichte(n) des Kalten Krieges – etwa unter dem Dach der Stiftung Deutsches Historisches Museum, mit den Ausstellungen der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Berlin, der Stiftung Berliner Mauer, der Stiftung Gedenkstätte Hohenschönhausen, dem AlliiertenMuseum, dem Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst sowie privaten Einrichtungen wie dem Mauermuseum/Haus am Checkpoint Charlie, dem DDR-Museum gegenüber dem Berliner Dom und dem Panorama DIE MAUER. Diese bereits bestehenden Präsentationen konzentrieren sich jedoch meist auf die deutsch-deutsche Komponente der globalen Systemauseinandersetzung. Mit der BlackBox wagen sich die Initiatoren des Zentrums Kalter Krieg dagegen an die museale Umsetzung eines multiperspektivischen Narrativs des Konfliktes. Die Kombination der lokalen Berliner Ereignisse mit der nationalen (wenngleich doppeldeutschen) Identitätssuche im internationalen Umfeld sowie mit der globalen Systemauseinandersetzung in bipolaren Konfrontationen ist ein Versuch, die verschiedenen Ebenen des Konfliktes zu identifizieren, ihre Wechselwirkungen aufzuzeigen und die Nachwelt für eine Geschichte des »Kalten« Krieges zu sensibilisieren, der weltweit Menschenleben forderte.

Dabei lassen sich auf den 225 Quadratmetern der BlackBox nicht alle wesentlichen Themen gleichermaßen detailliert abhandeln. Gerade deshalb erscheint eine direktere Verknüpfung der drei Dimensionen notwendig. Die Ausstellung setzt sehr viel vorhandenes Wissen voraus. Als Teaser für eine umfassendere, multiperspektivische Ausstellung an derselben Stelle funktioniert die BlackBox jedoch sehr gut, nicht zuletzt in Verbindung mit der Checkpoint Gallery auf dem umliegenden Bauzaun. Besucherbeobachtungen zufolge zieht die frei zugängliche Galerie das Interesse der flanierenden Touristen auf sich. Nach der Lektüre einiger Bauzauntexte gehen viele Menschen auch in die Ausstellung. Die im Besucherbuch vermerkten Reaktionen und die aus Gesprächen mit dem Besucherservice gewonnenen Eindrücke sind durchweg positiv: Es überwiegt ein klares Plädoyer für die Erhaltung und Erweiterung der BlackBox. Jugendliche Besucher heben die ausgestellten Videoclips hervor und betonen, dass diese zum Verstehen des Konfliktablaufs beitragen. Und auch die politische Debatte um das Areal scheint einigen Besuchern bekannt zu sein: »Überlassen Sie diesen geschichtsträchtigen Ort nicht den Investoren! Bewahren Sie diese lehrreiche Ausstellung!«, schreibt ein Bonner Besucher. Ein häufiger und überaus berechtigter Kritikpunkt des Publikums ist dagegen die fehlende englische Textebene. Durch die zweisprachige Eigenwerbung am Eingang des Areals weckt die BlackBox Erwartungen, die sie derzeit nicht erfüllt.

Für Bernd Greiner vom Hamburger Institut für Sozialforschung ist die Geschichte des Kalten Krieges vergleichbar mit einer »riesige[n] Werkstatt, in der die neuesten Instrumente der Zeitgeschichte auf ihre Belastbarkeit geprüft« werden können.[12] Sie kann auch eine Werkstatt für neue Ausstellungstechniken, Präsentationsformen und Vermittlungsmethoden sein. Das leistet die BlackBox Kalter Krieg bislang nur in Ansätzen. Deutlich wird jedoch, dass die künftige Ausstellung einen wesentlich größeren Etat benötigt, um vor allem der internationalen Perspektive gerecht zu werden – denn genau darin liegt das Potential an diesem Ort: Ein Zentrum des Kalten Krieges, das diesen ideologisch einordnet, die Dialektik aus Konflikt und Kooperation aufzeigt, kulturelle, soziale, ökonomische, militärisch-politische, technische und ökologische Faktoren verknüpft sowie die Bedeutung der Menschenrechte wissenschaftlich fundiert herausarbeitet, wäre eine ideale Ergänzung der gegenwärtigen Berliner Erinnerungslandschaft.

Anmerkungen:

[2] Für eine breitere Einordnung und Bewertung siehe v.a. Sybille Frank, Der Mauer um die Wette gedenken. Die Formation einer Heritage-Industrie am Berliner Checkpoint Charlie, Frankfurt a.M. 2009.

[3] Hans-Hermann Hertle/Maria Nooke, Die Todesopfer der Berliner Mauer 1961–1989. Ein biographisches Handbuch, Berlin 2009.

[4] Das Projekt läuft unter dem Titel »Cold War Center: Exhibition at Checkpoint Charlie«. Die Konzeptionsskizze vom März 2010 ist zugänglich unter <http://www.bfgg.de/fileadmin/website/bilder/Dokumente_Zentrum_kalter_krieg/ZKK_Jarausch_Ostermann_Wilke_Heinemann.pdf>.

[5] Konrad H. Jarausch, Die Teilung Europas und ihre Überwindung. Überlegungen zu einem Ausstellungskonzept für Berlin, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 5 (2008), S. 263-269; dort auch die folgenden Zitate. Siehe im selben Heft zudem die Beiträge von Hope Harrison, Jost Dülffer und Karl Schlögel.

[8] Nikolaus Bernau, Der Appetizer zum richtigen Museum, in: Frankfurter Rundschau, 20.9.2012, URL: <http://www.fr-online.de/politik/ausstellung-der-appetizer-zum-richtigen-museum,1472596,17503132.html>.

[9] Vgl. <http://markus-meckel.de/wp-content/uploads/2009/12/Black-Box-und-Museumseckpunkte-2012-01-09-.doc>: »Der Begriff lehnt sich an die Bezeichnung der Flugschreiber an, die Ereignisse aufzeichnen und damit spätere Untersuchungen ermöglichen. Seit dem Mauerfall gibt es neue Generationen, deren politisches Lebensumfeld weiterhin vom Kalten Krieg und seinen Ergebnissen geprägt ist, die diesem aber wie einer ›Black Box‹ gegenüber stehen.«

[10] Werbung der BlackBox Kalter Krieg auf dem eigenen Gelände.

[11] So war der Medientisch bei drei meiner vier Besuche außer Betrieb.

[12] Bernd Greiner, Kalter Krieg und »Cold War Studies«, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 11.2.2010.

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