Die Globalisierung Europas

Zum Verhältnis von europäischer und außereuropäischer Geschichte

Anmerkungen

Ein stärkerer Dialog, ja eine Zusammenarbeit zwischen der europäischen und der außereuropäischen Zeitgeschichte ist dringend notwendig. Hierfür ist die Geschichte der einzelnen Weltregionen im 20. Jahrhunderts zu verwoben und geprägt von globalen Krisen, weltweiten kulturellen Strömungen und sozioökonomischen Strukturen. Allerdings sehe ich die Notwendigkeit einer solchen Kooperation weniger darin begründet, dass - wie es der Einleitungstext in Anknüpfung an Fernand Braudel formuliert - Europa beständig über seine Grenzen hinausgegriffen“ habe. Dies klingt, als ob sich Europa vor allem deswegen mit dem Rest der Welt beschäftigen müsse, da es diesen nachhaltig geprägt habe. Die Sichtweise, dass Europa vornehmlich als Kolonialmacht und modernisierende Schockwelle mit anderen Erdteilen in Berührung kam, sollte neu überdacht werden.

Während diese im Grunde eurozentrische Perspektive auch für andere Zeiträume zunehmend in Frage gestellt wird, sollten insbesondere für das 20. Jahrhundert andere Ansätze gewählt werden. Mit den Implosionen Europas im Zeitalter der Weltkriege ist auch der Anspruch auf eine Sonderstellung vergangen. Man könnte selbstredend alle großen Wandlungsprozesse des kürzlich abgelaufenen Jahrhunderts auf die Moderne und die Moderne auf Europa zurückführen - und schlussfolgern, dass Europa weiterhin die Welt präge. Aber unter diesem Blickwinkel das Europa des 20. Jahrhunderts in einen übergeordneten historischen Kontext einzuordnen würde wohl nicht allzu weit führen. Vielmehr sollten wir jüngere Entwicklungen in der Soziologie berücksichtigen, welche die Moderne nicht mehr als ein europäisches Kulturprogramm begreifen und somit auch die Rolle des Kontinents in der Welt anders definieren.1

In ihrem Plädoyer für eine „Weltgeschichte in einem globalen Zeitalter“2 gehen die Historiker Michael Geyer und Charles Bright eher von globalen transformativen Prozessen aus, die während der jüngeren Vergangenheit alle Weltregionen erfassten, wenn auch in unterschiedlicher Weise. Beispiele reichen von der globalen Verbreitung großer politischer Ideologien wie etwa des Kommunismus oder des Liberalismus bis hin zu technischen Neuentwicklungen wie dem Auto oder dem Computer, die große Auswirkungen auf Gesellschaftsstrukturen und Lebenskulturen hatten. Auch sind jüngere wirtschaftliche Wandlungen wie der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und teilweise auch deren soziale Begleiterscheinungen in allen „entwickelten“ Ländern wie zum Beispiel in den USA, Japan und Australien zu beobachten. Etliche dieser Prozesse hatten während des 20. Jahrhunderts ihren Ursprung nicht mehr in Europa, sondern in den USA. Doch analog zu den Problemen mit der Europäisierungsthese wäre es in vielerlei Hinsicht falsch, auf eine Amerikanisierung der Welt zu schließen, nur weil bestimmte Transformationen von den USA ausgingen. Schließlich breitete sich kein kultureller Kern aus, sondern es fand ein Wandlungsprozess statt, der sein Ursprungsland ebenso nachhaltig veränderte wie den Rest der Welt.

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Das Bemühen um eine neue europäische Zeitgeschichte sollte meines Erachtens zu den Debatten um transkulturelle oder gar globalhistorische Ansätze in Bezug gesetzt werden.3 Gegenwärtig wird die Frage nach Möglichkeiten und Wegen einer kulturübergreifenden historischen Forschung nicht nur in Europa, sondern auch in anderen Teilen der Welt wie Nordamerika, Ostasien und Lateinamerika intensiv diskutiert.4 Es handelt sich somit gewissermaßen um eine globale Diskussion, die jeweils lokal von historiographischen Traditionen, strukturellen Bedingungen und anderen Faktoren geprägt ist. Angesichts der öffentlichen Debatten um die Dimensionen, Grenzen und Folgen der Globalisierung sieht sich auch die moderne Geschichtswissenschaft in weiten Teilen der Welt dazu veranlasst, ihre enge Bindung an den Nationalstaat und ihre starke monokulturelle Ausrichtung zu verlassen.

Dieser Blick jenseits des Nationalstaats und jenseits kultureller Grenzen wirft selbstredend die Frage nach neuen historischen Räumen auf, innerhalb derer sich die Forschung in Zukunft bewegen soll. Der nun offene Raum zwischen einer forschungsorientierten Globalgeschichte und dem Nationalstaat kann auf unterschiedliche Weise gefüllt werden. Im Falle der Forschung zu Migrationsströmen und Diasporagemeinden kehrt sich die Geschichtswissenschaft sogar teilweise erklärtermaßen vom Konzept geographischer Räume ab.5 Vielfach experimentieren Historiker aber auch mit neuen oder neu interpretierten Großraumkonzeptionen, in denen verschiedene Nationalstaaten ganz oder zu Teilen aufgehen. So wächst zurzeit etwa die Bedeutung des „Pacific Rim“ (d.h. der Pazifik-Anrainerstaaten) als Forschungsgegenstand unter Historikern in Nordamerika und Ostasien.6 Ferner sucht man zum Beispiel in China, Japan und Korea zumindest vereinzelt nach Ansätzen, welche die regionalen Eigenheiten und Interaktionen innerhalb Ostasiens aufwerten und eurozentrische oder nationalstaatliche Perspektiven in Frage stellen.7 Ähnliche Entwicklungen sind auch in anderen Teilen der Welt zu beobachten.

Sicherlich handelt es sich bei Europa ebenso wie bei einigen anderen Makroregionen nicht um eine neu geschaffene Analyseeinheit, doch als historischer Raum muss Europa fortwährend neu differenziert und problematisiert werden. Selbstredend kann eine Geschichte Europas nicht mehr a priori von einem geschlossenen Kulturraum oder einer natürlichen geographischen Einheit ausgehen. Es ist daher nur möglich, einzelne Aspekte der europäischen Vergangenheit unter der Kategorie „Europa“ in einen transkulturellen Zusammenhang einzubetten. Bei so wichtigen und neuartigen Fragestellungen wie etwa der Rückwirkung des Kolonialismus auf europäische Gesellschaften werden nur bestimmte Staaten und nicht Gesamteuropa im Vordergrund der Forschungsbemühungen stehen können. Ebenso verhält es sich bei zahlreichen weiteren Fragestellungen.

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Dennoch gibt es vielversprechende Wege, auf denen eine dezidiert europäische Geschichte zur außereuropäischen Geschichte in Beziehung gesetzt werden kann. Bei einigen Forschungsgegenständen ergibt sich die europäische Dimension aus der Thematik selbst - so etwa bei Arbeiten zur Geschichte der europäischen Einigung und der Europäischen Union, welche noch stärker in einem globalen politischen und wirtschaftlichen Kontext eruiert werden könnten. Zum Beispiel ließen sich die Verschränkungen von europäischer und nationalstaatlicher Diplomatie auf internationalen Bühnen untersuchen - ein Forschungsfeld, das im Sinne der „Neuen Diplomatiegeschichte“ nicht ohne sozial- und kulturgeschichtliche Kategorien auskäme. Auch bieten die globalen ökonomischen Netzwerke und Auswirkungen des europäischen Einigungsprozesses reichlich Stoff für transkulturell angelegte wirtschaftshistorische Arbeiten.

Auch in der Forschung zu Bildern und Verständnissen Europas ist eine europäische Perspektive per definitionem gegeben. Hier handelt es sich um ein Forschungsfeld, das sich bislang vor allem auf die Erfahrungen und neuen Identitäten von Europäern in der Fremde spezialisiert hat.8 Parallel dazu beginnt sich die Erforschung von Europabildern außerhalb des Westens zu entwickeln.9 Aufgrund der notwendigen außerwestlichen Sprachkenntnisse muss diese Thematik vornehmlich innerhalb der Sinologie, der Islamwissenschaft und anderer Fachdisziplinen mit regionalen Schwerpunkten vorangetrieben werden.

Eine Synthese aus beiden Forschungszweigen wäre im Sinne einer Kooperation zwischen europäischer und außereuropäischer Geschichte sehr wichtig und ergiebig. Es könnte zum Beispiel weiter thematisiert werden, wie europäische Reisende in der Fremde von dort zirkulierenden Europabildern geprägt wurden. Darüber hinaus wäre es möglich, für einen bestimmten Zeitraum Europakonzeptionen innerhalb Europas mit denjenigen ausgewählter Gesellschaften wie etwa Chinas, Indiens oder der Islamischen Welt zu vergleichen. Dabei müssten derartige Forschungsansätze für jede Gesellschaft ein gewisses Meinungsspektrum im Hinblick auf Europa unterscheiden. Hier drängt sich die Frage nach Kulturgrenzen überlappenden Europabildern und deren zugrundeliegenden Weltbildern geradezu auf.

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Derartige Vorstellungen und Bilder, welche gleichzeitig in verschiedenen Gesellschaften auftreten, können auf verschiedenen Ebenen miteinander in Beziehung gesetzt werden. Erstens könnten ähnliche Meinungslager in unterschiedlichen Gesellschaften und Kulturen miteinander verglichen werden. Zweitens wäre zu analysieren, welche Verbindungen unterschiedliche Meinungsrichtungen über kulturelle Grenzen hinweg hatten. Drittens ließe sich die Frage stellen, in welchen sozialen Milieus einzelne Weltbilder und Europakonzeptionen jeweils verortet waren. Möglicherweise generierten transformative Prozesse wie die Industrialisierung oder die Urbanisierung in verschiedenen Gesellschaften innerhalb und außerhalb Europas vergleichbare soziale Milieus mit ähnlichen Ängsten, Hoffnungen, Bildungs- und Erfahrungswerten. Dies wäre eine Erklärung für die synchrone Verbreitung bestimmter Europa- und Weltbilder in verschiedenen Gesellschaften.

In derlei Ansätzen vereinen sich Fragestellungen der historischen Transferforschung und des historischen Vergleichs miteinander. Im Hinblick auf eine Verbindung von europäischen und außereuropäischen Perspektiven vermögen sie Doppeltes zu leisten: Zum einen können sie die weitgehend unerforschte globale Dimension von historischen Strömungen und Konstellationen aufdecken und dazu beitragen, unser immer noch recht eurozentrisches Geschichtsbild komplexer zu gestalten. Mehr auf Europa bezogen, könnten derartige Forschungsansätze aber auch der Frage nach den Eigenheiten Gesamteuropas im globalen Vergleich nachgehen.

Wie bereits angedeutet, kann ein solcher Vergleich Europa nicht als Einheit voraussetzen, sondern muss gerade Aspekte und Momente europäischer Eigenheiten in einem globalen Kontext eruieren. Gesamteuropäische Gemeinsamkeiten sollten für das 20. Jahrhundert nicht als Beispiele einer europäischen Sonderstellung gedeutet werden, sondern als regionalspezifische Manifestationen globaler Strukturen und Wirkungszusammenhänge. Zum Beispiel bildeten sich in Europa industrielle und post-industrielle Familien- und Sozialstrukturen heraus, welche von denen in anderen „entwickelten“ Gesellschaften abwichen.10 Eine Fülle von Detailarbeiten wäre nötig, um zu untersuchen, ob sich etwa auch Teilbereiche eines spezifisch europäischen Kapitalismus, europäischer Demokratien oder Öffentlichkeiten beobachten lassen. Nur über einen solch komplexen und vielschichtigen Vergleich auf globaler Ebene werden sich europäische Gemeinsamkeiten und damit Eigenheiten definieren lassen.


 

Anmerkungen:

1 Siehe z.B. Shmuel N. Eisenstadt, Die Vielfalt der Moderne, Weilerswist 2000. Vgl. auch Dominic Sachsenmaier/Jens Riedel/Shmuel N. Eisenstadt (Hg.), Reflections on Multiple Modernities. European, Chinese and Other Approaches, Leiden 2002; Roland Robertson, Globalization: Social Theory and Global Culture, London 1992. Interessante Perspektiven bietet auch Arjun Appadurai, Modernity at Large: Cultural Dimensions of Globalization, Minneapolis 1996.

2 Michael Geyer/Charles Bright, World History in a Global Age, in: American Historical Review 100 (1995), S. 1034-1060.

3 Siehe hierzu auch Johannes Paulmann, Internationaler Vergleich und interkultureller Transfer. Zwei Forschungsansätze zur europäischen Geschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts, in: Historische Zeitschrift 267 (1998), S. 649-685.

4 Einen Überblick über die wesentlichen Debatten in den USA enthält: Patrick Manning, Navigating World History. Historians Create a Global Past, New York 2003. Zu China siehe z.B. Siu-Tong Kwok, Ideologie und Historiographie in den Regionen Chinas im Vergleich, in: Zeitschrift für Weltgeschichte 4 (2003), S. 87-102. Zu Deutschland vgl. Wilfried Loth/Jürgen Osterhammel (Hg.), Internationale Geschichte. Themen - Ergebnisse - Aussichten, München 2000.

5 Siehe hierzu Dominique Schnapper, From the Nation-state to the Transnational World: On the Meaning and Usefulness of Diaspora as a Concept, in: Diaspora 8 (1999), S. 225-254.

6 Zum Beispiel: Dennis O. Flynn/Lionel E. Frost/Anthony J. H. Latham (Hg.), Pacific Centuries: Pacific and Pacific Rim History Since the Sixteenth Century, London 1999; Eric L. Jones, Coming Full Circle: An Economic History of the Pacific Rim, Boulder 1993.

7 Vgl. etwa Wei-ming Tu (Hg.), Confucian Traditions in East Asian Modernity, Cambridge, MA 1996; Merle Goldman/Andrew Gordon (Hg.), Historical Perspectives on Contemporary East Asia, Cambridge, MA 2000.

8 Zum Beispiel Hartmut Kaelble, Europäer über Europa. Die Entstehung des europäischen Selbstverständnisses im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 2001.

9 Einige Beispiele in: Karl von Aretin et al. (Hg.), Europa und Europabilder, Heidelberg 2000.

10 Siehe etwa Hartmut Kaelble, Auf dem Weg zu einer europäischen Gesellschaft: Sozialgeschichte Westeuropas, 1880-1980, München 1987.


 

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