Die fünf Typen des historischen Erzählens – im Zeitalter digitaler Medien

Anmerkungen

Im vorliegenden Beitrag möchte ich die These formulieren und begründen, dass den vier klassischen Typen des historischen Erzählens nach Jörn Rüsen angesichts der Emergenz und zunehmenden Durchsetzung digitaler Medien ein fünfter Typ hinzuzufügen ist.1 Dieses Vorhaben ist gewagt, vielleicht auch vermessen: Hantiert man mit Rüsens Metatheorie, nimmt man es immerhin mit jeglichen Sprechakten über Vergangenheit und Zukunft auf und nicht „lediglich“ mit wissenschaftlichen; zudem wird die gesamte westliche Zivilisationsgeschichte mit an Bord geholt und hinsichtlich ihrer Eigenart des historischen Erzählens typologisiert – so zumindest der Anspruch des Rüsen’schen Modells.

Mein Zugang basiert auf der in der Medientheorie gängigen – aber mit unterschiedlichen Konsequenzen und Ansprüchen verknüpften – Annahme, dass alle Erinnerung, Sinnbildung und Identitätskonstruktion „von der gesellschaftlichen Organisation ihrer Weitergabe und von den dabei genutzten Medien“ abhängig seien.2 In und mit Medien konstituieren und ereignen sich spezifische Formen von Erinnerungen und Identitäten. Dominante und mehr noch hegemoniale Medien (wie Sprache, Schrift, Druckerpresse) sind gleichzeitig Mittel, Voraussetzung und Folge einer sich beschleunigenden Zivilisationsdynamik; sie schaffen Räume für bestimmte Kommunikationssituationen, Kulturtechniken und Wissensformen.3 Informations- und Kommunikationstechnologien prägen Denkwege und Handlungsoptionen – sie ermöglichen die einen, verbauen andere. Damit sei keinem schlichten technologischen Determinismus das Wort geredet. Medien sind weder anthropologische Aprioris4 noch bloß passiv Hinzunehmendes, dem wir wie hypnotisiert ausgeliefert wären. Medien und ihre Inhalte sind polyvalent, offen für partikulare Aneignungsprozesse, Interpretation bis hin zur Subversion. Sie sind daher auf ihre kulturhistorischen Strukturbedingungen hin zu befragen, die sie zugleich selbst mitprägen. Im Kontext dieser Wechselwirkung taucht gegenwärtig ein neuer, fünfter Typ des historischen Erzählens am Horizont auf, der – auch, aber nicht nur – medial, besser: digital induziert und codiert ist.

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1. Die vier Typen des historischen Erzählens nach Jörn Rüsen

Die vier Rüsen’schen Idealtypen der historischen Sinnbildung und deren Prämissen sollen hier nicht en détail ausgebreitet, sondern lediglich knapp in Erinnerung gerufen werden.5 Das Ziel ist die Entwicklung eines Analyserasters, einer Heuristik, die es ermöglichen soll, veränderte Erzählweisen im digitalen Zeitalter genauer konturieren zu können.

Rüsens sicher nicht bescheidener Anspruch ist es, jede Sprachhandlung über Vergangenheit typologisch einzubeziehen – unabhängig davon, ob sie nun lebensweltlich oder dem Anspruch nach „wissenschaftlich“ ist, und ebenso unabhängig davon, ob sie individuell oder kollektiv geäußert wird. Der Typologie sind damit Formen von kommunikativem, kommemorativem und kulturellem Gedächtnis inhärent. Rüsens Ausgangspunkt ist die existenzielle sinn- und orientierungsstiftende Funktion des historischen Erzählens, das unterschiedliche Formen von Kontinuitäten und Kohärenzen zwischen Erfahrungsraum und Erwartungshorizont,6 zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft herstellt. Eine nicht zu bändigende Naturzeit, die letztlich in den Tod führt, wird durch das historische Erzählen in eine gestaltungsfähige humane Zeit verwandelt.7 Die Sinnbildungen durch historisches Erzählen sind getragen vom Bedürfnis, im Wandel Identität zu behaupten und sich als Subjekt zur Geltung zu bringen. Zentrale Bedingung von historischer Identität ist die Fähigkeit einer Verortung des Selbst in der Zeit – und zwar in einer Zeit, die über die eigene Lebenserfahrung hinausreicht. Wer man ist, bestimmt sich auch dadurch, wie man es geworden ist, was man war und hätte sein können, was man sein wird, sein möchte und hinterlässt. In jeder identitätsstiftenden Narration wird nicht nur Vergangenheit rekonstruiert, sondern zugleich die Gegenwart gedeutet und eine mögliche Zukunft entworfen. „Erfahrungen der Vergangenheit sind ohne normative Absichten auf Zukunft historisch blind; normative Absichten auf Zukunft sind ohne Erfahrungen der Vergangenheit historisch leer.“8

Die Formenvielfalt lässt sich nach Rüsen auf vier Idealtypen reduzieren. Der Zusammenhang und der dialektische Aufbau dieser Typen – sowie deren Hybride – lassen sich dabei dem Anspruch nach nicht nur systematisch analysieren, sondern ihnen ist gleichermaßen ein historischer Prozess eingeschrieben. Diese geschichtliche Entwicklungsdimension wird im Folgenden weitgehend ausgeklammert, zumal die ihr inhärente fortschrittsgläubige, teleologische Figur aus heutiger Sicht doch etwas befremdlich anmutet; im Zentrum stehen vielmehr die systematische Ebene sowie die medialen Aspekte. Letztere lässt Rüsen zwar nicht unerwähnt, misst ihnen jedoch wenig Gewicht bei.

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1.1. Traditionales Erzählen. Ursprung und Tradition dienen als Ordnungs- und Deutungsmuster. Zukunft wird erhofft als Verlängerung der Vergangenheit, als gleichbleibender, von fremden Zusätzen gereinigter Fluss („Wie am Anfang, so auch jetzt, bis in alle Ewigkeit“). Das Bewahren hat oberste Priorität – der Modus der „rituellen Kohärenz“ von schriftlosen Gesellschaften, wie Jan Assmann es beschrieben hat, ist die prototypische Kulturtechnik, die dieser Mentalität, diesem Paradigma entspricht. „Es liegt im Wesen des Ritus, daß er eine vorgegebene Ordnung möglichst abwandlungsfrei reproduziert. [… E]s entsteht die für die schriftlose Gesellschaft typische Vorstellung einer in sich kreisläufigen Zeit.“9 In oralen Kulturen ist die Bewahrung des Wissens vor allem an den Körper, das Gedächtnis der Individuen (der Sänger, Priester etc.) gebunden. Es existieren keine anderen Zugänge zum Wissen als die geregelten Formen seiner Aufführungen. Wiederholung ist hier kein Problem, sondern vielmehr strukturelle Notwendigkeit. Ohne Wiederholung würde der Prozess der Überlieferung zusammenbrechen.

Der traditionalen Sinn- und Kohärenzbildung entspricht die idealtypische Familienstruktur in agrarischen, vormodern-feudalen Gesellschaften, die über eine lange Kette von Generationen hinweg stabil bleibt. Innerhalb dieser Welt speisen sich Erwartungen fast zur Gänze aus den Erfahrungen der Vorfahren, die dann auch zu den Erwartungen der Nachkommen werden.10

1.2. Exemplarisches Erzählen. Diese Form sucht Lebensregeln nach dem Topos „historia magistra vitae“. Überzeitliche Handlungsdirektiven, ein Ensemble von Lebensregeln sollen zu einer Regelkompetenz anleiten. Heiligenviten und Herrschermythen stehen hierfür Pate – der Blick auf das Einzelschicksal, das sich als Vorbild für die eigene Lebensführung eignet. Der Umgang mit dem „kanonischen Text“, der der Deutung und Interpretation bedarf, entspricht beispielsweise diesem Erinnerungs- und Identitätsparadigma. Kanonische Texte bedürfen der Deutung und Sinnpflege: Weil kein Beistrich geändert werden darf, während sich die Welt des Menschen durchaus ändert, gibt es eine Distanz zwischen feststehendem Text und wandelbarer Wirklichkeit, die nur durch die Deutung zu überbrücken ist. So wird Deutung zum zentralen Prinzip kultureller Kohärenz. Zu einer ritengestützten Repetition gesellt sich die „textbasierte Interpretation“, die Variation ermöglicht. Der Kanon, so schon Jan Assmann, „ist die Fortsetzung der rituellen Kohärenz im Medium der Schriftlichkeit“.11

Diese beiden ersten Modi des historischen Erzählens verbindet das Interesse an Kontinuität und Universalität. Die gesamte Orientierung liegt in der Vergangenheit; beide Modi kennzeichnet ein statisches bzw. zyklisches Geschichtsbild. Von der Zukunft wird im Positiven wie im Negativen genau das erwartet, was aus der Vergangenheit bekannt ist. Identitäten werden gleichsam von außen und a priori festgeschrieben; sie sind gegeben durch die Strukturen, in die der Mensch hineingeboren wird. Veränderung und Wandel sind nicht erwünscht, und eine Idee von Fortschritt ist nicht vorgesehen.

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1.3. Kritisches Erzählen. Diese Erzählweise tritt nun vehement gegen die ersten beiden Modi auf. Sie beschwört den Bruch, die Diskontinuität: Formuliert wird ein klares „Nein“ zu ehemals identitätsstiftenden Traditionen; das zuvor Geltende und Vorgegebene wird negiert. Es ist mithin der Modus der Übergangszeiten, die Erzählung in Zeiten der Revolten und Revolutionen. Doch geht es dabei nicht bloß um ein Brechen mit der Vergangenheit, um ein Vergessen nach dem Motto „Vorbei ist auch Vorüber“ im Pathos des voraussetzungslosen Neubeginns, sondern gleichzeitig um ein Neuaufspüren von bisher Verschüttetem oder Marginalisiertem, um Disqualifiziertes, um bisher ausgeblendete Geschichten. Mit diesen Freilegungen geht der Versuch einher, Bestehendes in seiner vermeintlichen Normalität und Selbstverständlichkeit, in seinem Habituellen, Internalisierten und „Natürlichen“ zu stören. Feministische Geschichtsschreibung, Jean-François Lyotards Skizze des postmodernen Wissens, Michel Foucaults Konzept einer „Geschichte der Gegenwart“ usw. treffen sich in dem Punkt, die Bildung neuer Kontinuitäten durch Wegarbeiten traditioneller Deutungs- und Verhaltensmuster zu ermöglichen. Diese Beispiele aus dem Feld der Wissenschaft sollten jedoch nicht dazu führen, die kritische Erzählweise allgemein mit wissenschaftlichen Diskursidealen gleichzusetzen. Sie kann auch in lebensweltlichen Varianten auftreten – der zentrale Punkt ist jeweils die Abgrenzung von der Vergangenheit. Zwischen Erfahrungsraum und Erwartungshorizont wird ein Graben gezogen; Zukunft braucht Herkunft, um sie negieren zu können.

1.4. Genetisches Erzählen. Dieses ist im kritischen Erzählen schon angelegt, bricht allerdings nicht mit der Vergangenheit, sondern sieht im steten Anderswerden und Verändern des Gegebenen entweder Anzeichen eines kontinuierlichen Verfallsprozesses oder eine Chance: Die Zukunft ist hierbei potenziell die Überbietung der Herkunft, die Herkunft wiederum notwendiges Rohmaterial, aus dem Neues und Höheres geformt werden kann. Krisen – etwa in der liberal-ökonomischen oder auch der sozialistischen Tradition des 19. Jahrhunderts – werden als eine Sprosse auf der Leiter des Fortschritts gedeutet. Sie erfüllen eine Mission und werden als notwendige Durchgangsphasen von Fortschritt gedeutet. Sie sind Teile eines dialektischen Prozesses, der prototypisch in der Geschichtsphilosophie Hegels auftaucht. Die Geschichte, ein „Fortschreiten im Bewusstsein der Freiheit“, schraubt sich empor zur Entfaltung des Weltgeistes. Die von Leidenschaften und Begierden getriebenen Individuen arbeiten – ohne sich dessen gewahr zu sein – in bisweilen mephistophelischer Weise und in der „notwendigen“ Richtung einer teleologisch gewendeten Geschichte: „Ich bin Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft.“ Die „List der Vernunft“ sorgt dafür, dass die Geschäftsführer des Weltgeistes (wie Cäsar, Luther, Napoleon) sich in den Dienst der Teleologie stellen.

Erst im dritten und vierten Modus gerät Geschichte in Bewegung, erst hier wird Fortschritt denkbar. Das Neue kommt in zweierlei Gestalt vor: entweder im Bruch, der die Gegensätze schroff hervorhebt, oder in der (dialektischen) Rekombination vorgefundener Elemente. Bewusstes Streben nach Neuem, ein Denken „outside the box“, ein Hinterfragen des Geltenden, ein Ausgreifen ins Unbekannte wird hier nicht mehr mit Zweifel belegt, sondern gerade zur Basis dieser Zeitmodi. Nicht nur moderne Identitätskonstruktionen und Definitionen von gelingendem Leben basieren darauf; auch die Entwicklung des modernen Wissenschaftssystems lässt sich in diese beiden Modi einbetten. Erst die Suche nach Neuem macht aus Wissenschaft Forschung. Paradigmatisch zeigt sich das am Frontispiz von Francis Bacons „Instauratio magna“ (zuerst 1620), auf dem Schiffe zwischen den Säulen des Herkules in die offene See hinausfahren.12 Die Säulen des Herkules werden dabei umgedeutet – sie stehen nicht mehr für göttliche Mahnung zur Selbstbeschränkung, sondern als Aufruf, aus der Trägheit vergangener Ordnung auszubrechen.

Bacons Werk markiert darüber hinaus die Durchsetzung und Etablierung der „Gutenberg-Galaxis“, des typographischen Informations- und Kommunikationssystems spezifisch westlich-abendländischer Prägung. Dieses Medienensemble ermöglichte nicht nur Fernkommunikation mit Massen, sondern auch ein Wissenschafts- und Diskurssystem, das auf Vergleich, Kritik, intersubjektive sowie orts- und interessenunabhängige Gültigkeit baut.13 Die jetzige Emergenz digitaler Medien im Rahmen spät- und postmoderner, globalisierter Netzwerkgesellschaften löst das bisherige Medienensemble nicht völlig ab, setzt es aber einer gewissen Konkurrenz und Transformation aus.

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2. Situatives Erzählen: Identität in flüchtiger Moderne

Wenn proklamiert wird zu wissen, was das (positive) Ziel der Geschichte sei, dann erscheint jedes Mittel gerechtfertigt, zu diesem Paradies schneller zu gelangen und „Geschichte“ zu beschleunigen. Die Gewaltexzesse des 20. Jahrhunderts liefern traurige Beispiele für die möglichen Auswirkungen dieser sendungsbewussten Zielprojektionen, für diese „Dauerflucht vom Gewissen-Haben ins Gewissen-Sein“, wie Odo Marquard es bezeichnet hat.14 Genetische Sinnbildung ist nun nicht gleichzusetzen mit teleologischer Geschichtskonstruktion, doch droht sie stets in diese abzugleiten. Reinhart Koselleck hat diese Gefahr prägnant erläutert: „Indem die herbeizuführende Zukunft als Soll der objektiven Geschichte verkündet wird, gewinnt das eigene Vorhaben eine Schubkraft, die umso größer ist, als sie die Garantie der eigenen Unschuld gleich mitliefert. Die zukünftige Geschichte, deren Ergebnis vorausgeschaut wird, dient somit der Entlastung – der eigene Wille wird zum Vollstrecker transpersonalen Geschehens – und als Legitimation, die ein gutes Gewissen zum Handeln verschafft. Genaugenommen wird eine derartig konstruierte Geschichte zum Willensverstärker, die geplante Zukunft um so schneller herbeizuführen, als sie sich ohnehin einstelle. […] Dabei mit einer eigenläufigen Geschichte im Bunde zu sein, die sie [d.h. ‚aktive Gruppen‘] selber nur vorantreiben helfen, dient ebensogut zur Selbstrechtfertigung wie als ideologischer Lautverstärker, um die anderen zu erreichen und mitzureißen.“15

Die Postmoderne hat den gewalttätigen und totalitären Charakter der genetischen „großen Zeit-Meistererzählungen“ dekonstruiert und setzt der Eindeutigkeit, den Determinismen und Zielprojektionen Ambivalenz und Komplexität entgegen. Jedwede lineare Teleologie soll durch polyvalente Netze, durch Rhizome ohne Zentren ersetzt werden. Der „großen Erzählung“ wird die Legitimität entzogen, ihr Tod verkündet; das Vakuum sollen je perspektivische, einander gleichwertige Geschichten im Plural füllen. Daraus speist sich nun – so meine Arbeitshypothese – ein fünfter Typ des historischen Erzählens. Wiederum ist es ein Idealtyp, der ganz im Sinne der Rüsen’schen Typologie in reiner Form nicht vorkommt und auch heute weder allgegenwärtig noch unabhängig von kulturspezifischen Erinnerungsmilieus sichtbar ist, der sich als Tendenz jedoch beschreiben lässt.

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Rüsen selbst hat an einigen Stellen einen weiteren Typ bereits vorkonturiert, etwa wenn er auf die Herausforderungen Bezug genommen hat, vor die die Postmoderne die historische Sinnbildung gestellt hat. Er setzt der Kritik am teleologisch ausgerichteten genetischen Modell eine rekonstruktiv nicht-teleologisch angelegte Geschichte entgegen, die nicht mehr dem Kausalitätsprinzip, sondern eher dem Wenn-Dann-Prinzip verpflichtet ist und nach Bedingungen von Möglichkeiten fragt.16 Rüsen plädiert dafür, dass „Konsenszwänge in der historischen Orientierung der Lebenspraxis und in der historischen Identität […] dadurch überwunden werden [können], daß die praktische Wirkung historischen Wissens an das Kommunikationsprinzip wechselseitiger Anerkennung des Andersseins der Anderen und das Verstehen von Eigensinn in der Vielheit zeitlich differenter Kulturen zum Maßstab für die Konsensbildung der Geschichtskultur einer Gesellschaft gemacht“ werden soll.17 Rüsen hat diese Strategien historischer Sinnbildung jedoch nicht in den Status eines eigenständigen Typus erhoben. Für ihn kann der genetische Typus auch innerhalb der Postmoderne an der Möglichkeit des Fortschritts und einem dezidiert aufklärerischen Anspruch festhalten. Ich werde im Folgenden versuchen, einige Spezifika herauszuheben, die die Rede von einem eigenständigen fünften Typus rechtfertigen, den ich „situatives Erzählen“ nennen möchte.

Der Modus des situativen Erzählens korreliert zuallererst mit jenen Analysen und Beschreibungen, die vor allem im philosophischen und soziologischen Feld spät- oder postmodernen Identitätskonstruktionen gewidmet sind und mit dem Stichwort der „Verflüssigung stabiler Erzählungen und Identitäten“ umrissen werden können.18 Kennzeichnende Elemente sind hierbei (risikoreiche) Optionenvielfalt, Hybridität sowie hohe Kombinierbarkeit und Revidierbarkeit gesetzter Identitätsbausteine in zentralen Lebensbereichen (Beruf, Familie, Religion, Nationalität etc.). Identität wird als transitorisch beschrieben, sie verliert ihren essentialistischen Charakter: Sie lässt sich nicht mehr intergenerational wie in der Vormoderne, über Generationen hinweg bindend gewinnen (Identität a priori) und auch nicht mehr wie in der Moderne und innerhalb des genetischen Bildes wenigstens innerhalb einer Lebenspanne stabil und ein für allemal bestimmbar konstituieren (Identität a posteriori). Identität wird zu einem intragenerationalen Projekt; sie ist aufgefordert, sich innerhalb einer Lebensspanne mehrmals neu auszurichten, sich zu ändern (situative Identität).

Richard Sennetts „flexibler Mensch“19 gibt hierfür einen negativen Idealtypus ab. Konkurrenzprinzip, Konsum-Individualismus und der Niedergang der Industrieproduktion führen dazu, „dass die klassischen politisierenden kollektiven Erfahrungen nicht mehr gemacht oder nicht mehr anschaulich werden. Darüber hinaus werden in immer mehr immateriellen Produktions- und Arbeitswelten individuelle Fähigkeiten, ja mühselig erarbeitete Eigenheiten, schicke Schrullen und persönliche (körperliche) Attraktivitäten verlangt. Das Selbst ist kein Rückzugsort mehr, sondern Produktivkraft, die sich auf deregulierten Märkten mit möglichst vielen Alleinstellungsmerkmalen anbieten muss. Diese die ganze Person ergreifende Vereinzelung und Zwangsbohemisierung betrifft immer mehr Lebensbereiche. Als semifreie Klein-Unternehmer in eigener Sache oder prekär Beschäftigte stellen sie das avancierte Proletariat von Deregulierung und Neoliberalismus dar.“20 Das zur Flexibilität gezwungene und von Vereinzelung bedrohte Individuum hadert mit Kohärenz- und Sinnverlust; die Fähigkeit, seinen Charakter in durchhaltbaren Erzählungen auszudrücken, ist durch das Zerbröckeln von Verbindlichkeiten, stabilen Kollektiven und durch die Erfahrung einer zusammenhanglosen, nicht beeinflussbaren Zeit bedroht. Man war das, ist nun jenes – und was man sein wird, ist noch nicht absehbar. Das starke Gehäuse einer Normalbiographie existiert vielfach nicht mehr; es kommt zu einer „temporalen Entstrukturierung“ des Lebenslaufs und auch des Alltags, für den kein vordefinierter Zeitplan mehr bereitsteht, wie Hartmut Rosa in seiner Studie zur „Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne“ zusammenfasst.21

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Erfahrungsraum und Erwartungshorizont müssen immer wieder neu und situativ aufeinander bezogen werden. Es herrscht ein „vom Augenblick diktiertes Zeitverständnis“.22 Was preisgegeben wird oder werden muss, ist die Idee eines auf Dauer und Langfristigkeit hin angelegten Identitätsprojektes, beispielsweise einer „Karriere“. Die „Verortung des Selbst in der Zeit“ steht dabei zudem vor einer Herausforderung, die Herrmann Lübbe mit dem Begriff der „Gegenwartsschrumpfung“ bezeichnet hat: die Verkürzung der Zeiträume, für die wir mit einiger Konstanz unserer Lebensverhältnisse rechnen können. „Gemeint ist, daß in einer dynamischen Zivilisation in Abhängigkeit von der zunehmenden Menge von Innovationen pro Zeiteinheit die Zahl der Jahre abnimmt, über die zurückzublicken bedeutet, in eine in wichtigen Lebenshinsichten veraltete Welt zu blicken, in der wir die Strukturen unserer uns gegenwärtig vertrauten Lebenswelt nicht mehr wiederzuerkennen vermögen, die insoweit eine uns bereits fremd, ja unverständlich gewordene Vergangenheit darstellt. Innovationsabhängige Gegenwartsschrumpfung bedeutet überdies, komplementär zur Verkürzung des chronologischen Abstands zu fremdgewordener Vergangenheit, zugleich fortschreitende Abnahme der Zahl der Jahre, über die vorauszublicken bedeutet, in eine Zukunft zu blicken, für die wir mit Lebensverhältnissen rechnen müssen [oder können], die in wesentlichen Hinsichten unseren gegenwärtigen Lebensverhältnissen nicht mehr gleichen werden.“23

Hartmut Rosa subsumiert dies unter die Tendenz technischer, sozialer und lebensalltäglicher Beschleunigung, die er als charakteristisches Signum der Moderne identifiziert.24 Die zeitliche Reichweite des rational Überschaubaren – etwa im Rahmen politischer Planung – verkürzt sich zunehmend. Der Planungsbedarf steigt, die Planbarkeit sinkt. Beschleunigungsresistente demokratische Prozesse der Meinungsbildung und Entscheidungsfindung geraten dabei unter erhöhten Druck. In dieser Konstellation muss sich Politik auf einen Modus des muddling through, eines „Dahinwurschtelns“ verlagern, in dem die Vordringlichkeit des Befristeten regiert und provisorische Lösungen an die Stelle großer Gestaltungsentwürfe treten. So nimmt die Politik den Status eines überwiegend reaktiven Mitspielers ein: Situative Politik entspricht situativer Identität.25 Unter diesem Gesichtspunkt können gegenwärtige Krisen als Zeitkrisen beschrieben werden, die auf die Zerfaserung von Erfahrungsräumen und Erwartungshorizonten rückführbar sind. Vergangenes und Zukünftiges kann immer weniger überschaut werden, muss aber immer häufiger jetzt und ad hoc formuliert werden. In Abwesenheit einer eindeutigen Ziel- und Richtungsbestimmung wird der rasche Wandel als „rasender Stillstand“ erfahren (Virilio): wie ein Rad im Film, dessen Speichen sich drehen, aber dessen Bewegung nicht als gerichtete wahrgenommen werden kann.

3. Hypertextuelle Codierungen situativen Erzählens

Kontextabhängige, situative Kohärenzbildung sowie hybride, flexible und fluide Identitätskonstruktionen sind nicht nur die Imperative für Individuen einer Netzwerkgesellschaft, sondern auch zentrale Charakteristika digitaler Kulturtechniken und Organisationsformen. Grundlegend für digitale Medien und im Speziellen das Internet ist dessen hypertextuelle Struktur: Inhalte lassen sich quer zu fixen Hierarchien flexibel kombinieren. Es existiert kein eindeutiger Anfang, kein Hauptteil und keine alles integrierende Conclusio. In der modularen Netzstruktur wird nicht mehr zwischen Über- und Untergeordnetem, Vorrangigem und Nachgereihtem unterschieden – zum leitenden Prinzip wird die Assoziation, die sich gegen jede Form linearer Progression zu sträuben scheint. Es sind assoziative Schreib- und Lese-, Produktions- und Handlungsräume, die schnell, konkret und einfach Dokumente miteinander verschalten können. Ihnen wird das Potenzial zugesprochen, nicht nur Dokumente, sondern auch Akteure miteinander zu vernetzen, d.h. sie raum- und zeitübergreifend in immer neue Beziehungen zu bringen. Hypertextuelle Strukturen weisen zudem „offene Enden“ auf, an die neue Inhalte von einem wachsenden AutorInnenkollektiv angebunden werden können. Hypertexte sind deshalb nie „fertig“ und können jederzeit ausgebaut werden. Sie sind per definitionem mehr work in progress, mehr perpetual beta denn abgeschlossene Produkte: Beschleunigung und Verflüssigung werden prämiert, Stabilität und Dauer werden abgewertet.

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Da besonders im Web 2.0 auch RezipientInnen Hypertexte strukturieren und erweitern können, verschmelzen AutorInnen („Writer“) und RezipientInnen („Reader“) dort potenziell zu „Wreadern“. Aus „Producern“ und „Consumern“ werden „Prosumer“. Alle werden zu möglichen SenderInnen. Zu den klassischen „don’t talk back“-Massen- und Distributionsmedien tritt ein Kommunikationsmedium hinzu. „Digitale Medien determinieren ihren Gebrauch nicht; digitale Medien entstehen erst durch ihren Gebrauch“26 – im Web 2.0 vor allem durch ihren gemeinsamen Gebrauch. Die fest in unserer Kultur verankerte Trennung von Produktion und Rezeption, Senden und Empfangen27 gerät somit ins Wanken. Schreibendes Lesen, lesendes Schreiben im Modus permanenter Revision der Inhalte wird dementsprechend zum Normalfall hypertextueller Kulturtechnik.28 Damit scheint Hypertext das ideale Medium zu sein für einen „Modus 2“ der Wissensproduktion, der sich über seine ausgreifenden Diskurse jenseits disziplinärer Schranken definiert und dabei die transitorischen Bedeutungen anstatt auf Dauer fixierbare Ergebnisse betont.29

Das alles durchdringende Paradigma des Netzwerkes findet im digitalen Medium seinen „materiellen Niederschlag“.30 Netzwerke bilden die neue soziale Morphologie unserer Gesellschaft in der flüchtigen Moderne. Vernetzung, Entgrenzung und Flexibilität – das sind nicht bloß zentrale Merkmale digitaler Medien, die allesamt in der Hypertextmetapher kulminieren; sie stellen, wie oben dargelegt, die gegenwärtigen Imperative an Gesellschaft und Individuen dar. Allerdings zeigten sich bei der Produktion von Hypertext gerade in der Anfangsphase auch Fallen und Tücken. Oftmals wurde in hypertextbasierten Schreib- und Produktionsprozessen nicht mit-, sondern vielmehr nebeneinander gearbeitet, die Bezüge waren lose oder gar nicht gegeben. Die für ein Verstehen notwendige (Mindest-)Kohärenz zerbröckelte vor den Augen. Gerade kollaborativ angelegte, erzählende Hypertexte drohen in individuelle, getrennte Bausteine zu zerfallen. Die Initiatorin eines solchen „Mitschreibeprojektes“, Claudia Klinger, äußerte sich im Jahr 2000 zerknirscht: „Insofern zeigen Mitschreibeprojekte den ganz normalen Egoismus der Menschen, nicht mehr und nicht weniger. Jeder will seine eigene Welt kreieren und muss abwägen zwischen dem, was ihm ein Mitschreibeprojekt bringt (Einbindung in einen reizvollen Kontext, der u.U. stärker wahrgenommen wird als ein Einzelwerk im Netz, neue Kontakte) und was es ihn kostet (Abstriche an der eigenen Freiheit [...])31.“

Ein „Zerfransen“ von Erzählsträngen steht am anderen Ende „kollektiver Intelligenz“, des Schwarms. Hypertext führt nicht automatisch zu den erhofften „solidarischen Reflexionsgemeinschaften“.32 Vermeintlich gleichwertige Kooperationen ereignen sich vielfach nach dem Schema der „Partizipationsungleichheit“.33 90 Prozent einer Gruppe partizipieren lediglich „rezeptiv“, 9 Prozent beteiligen sich unregelmäßig aktiv, 1 Prozent arbeitet geradezu manisch. Dieses eine Prozent bestimmt die Richtung, der die anderen folgen. Diese Minderheit gibt Wege vor, die Mehrheit tritt sie aus. So entstehen auch im WWW Trampelpfade, „social trails“, „desire lines“.34

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Bei fehlender Kohärenz im Rahmen der Akteurs- wie Dokumentenvernetzung gerät Hypertext zur Textabwurfstelle; Beliebigkeit macht sich breit und manifestiert sich im Fehlen von Kontext, Orientierung und Übersicht. Kohärenzverlust führt zum Gefühl der Obdachlosigkeit im hypertextuellen Raum: „lost in hyperspace“. Dieser Effekt ist durchaus häufig, weil nicht nur die Produzierenden Kohärenz planen müssen, sondern auch von HypertextrezipientInnen eine hohe Kohärenzbildungsfähigkeit abverlangt wird. Kein auktorialer Erzähler führt mehr durch sein Territorium; vielmehr drängen Vernetzungsarchitekturen und Weggabelungen stets zur eigenen Entscheidung. In kulturpessimistischer Wendung der vielbeschworenen „Aktivierung des Lesers“ wurde daher auch dessen Tod ausgerufen: Der Leser/die Leserin hechele in „pawlowschem Reflex“ den Link-Angeboten „ständig hinterher, ohne je dabei zu einem wirklichen Gedanken zu kommen: Vor lauter Entdecken kommt man nicht mehr zum Innehalten; hinter jedem Link lauern andere, jede Neugier weicht sofort einer anderen, Bewegung als Ziel: Tod des Lesers.“35

4. Geschichte und Geschichtswissenschaft im Spannungsfeld des situativen Erzählens

Wie kann situatives Erzählen nun im Rahmen der geschichtswissenschaftlichen Forschung und Darstellung aussehen? Wie kann die Geschichtswissenschaft in ihren Narrationsmodi auf Gegenwartsschrumpfungen und kollektiven wie individuellen Kohärenzverlust reagieren? Kann situatives Erzählen Orientierung bieten? Welche historiographischen Kompetenzen sind angesichts einer flüchtigen Moderne verlangt? Ist situatives Erzählen überhaupt empirisch triftig und intersubjektiv plausibel?

Vieles davon muss hier noch vage bleiben, zumal es an praktischen Beispielen aus der (Zeit-)Historiographie bisher eher mangelt. Eines ist jedoch evident: Die soziale, kulturelle und mediale Lebenswelt der ZeitzeugInnen – wie freilich auch jene der HistorikerInnen selbst – ändert sich und damit die Interessenstopographie,36 aus der heraus wir erinnern, Erfahrungsraum und Erwartungshorizont miteinander koppeln. Es ändert sich damit die Form, wie ZeitzeugInnen und HistorikerInnen Geschichte und Geschichten erzählen und innerhalb einer jeweiligen Gegenwart Vergangenheit auf Zukunft beziehen. Das hypertextuell organisierte WWW, so Wolfgang Schmale, „codiert die gegenwärtig transformierte Zivilisation besser als die ‚alten Medien‘, und es codiert unsere neuen Sichtweisen auf Vergangenes adäquater“.37 Das Wechselverhältnis, dies sei nochmals betont, ist nicht bloß metaphorischer Natur, sondern liegt in der nicht aufzulösenden Durchdringung von Medien und Kultur begründet.

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Innerhalb der Geschichtswissenschaft bedeutet dies zuallererst (und schon längst), dass das klassisch auktoriale Meisternarrativ seine Legitimität verloren hat, zumindest auf theoretisch-methodischem Terrain. Dass große Erzählungen, essentialistische Identitätsreduktionen bis hin zu Fundamentalismen in einigen lebensweltlichen wie gesellschaftspolitischen Bereichen weiterhin bzw. von neuem Konjunktur haben, ist zum Teil als Abwehrreaktion auf eine immer stärker vernetzte und globalisierte Welt zu werten; dies soll hier nicht weiter ausgeführt werden. Neuere kulturwissenschaftliche Ansätze setzen demgegenüber auf Konzepte des Kulturtransfers, einer histoire croisée oder entangled history. Solche Konzepte betonen die Verwobenheit unterschiedlicher Zeit- und Kulturschichten, transkulturelle Beziehungsgeschichte, Diversitäten, multiperspektivische Geschichtsschreibung; sie lehnen sich auf gegen nationalstaatliche und essentialistische Paradigmen der Einheit. Ambivalenzen und Widersprüche werden nicht als Verlust gesehen, sondern als gewinnbringende Alteritätserfahrungen, die Eigenes bereichern und erweitern.

Wolfgang Schmale erläutert in seiner Geschichte der europäischen Identität, wie Geschichtswissenschaft zu situativen Kohärenz- und Sinnstiftungen beitragen kann, und rekurriert dabei auf die skizzierten hypertextuellen Codierungen einer flüchtigen Moderne: „Europäische Identitäten funktionieren heute im Grunde nach dem Prinzip von Hypertexten, in denen mehrere Erzählungen Platz finden und ‚kursieren‘ – aber nicht mehr die eine Meistererzählung im Singular. Hypertexte ermöglichen ständig neue und sinnvolle Kohärenzen, die durchaus geschichtliches Herkommen haben, aber nicht ein einziges und sei es ein komplexes, dessen sich eine Meistererzählung annimmt, sondern sehr unterschiedliche geschichtliche Herkommen, die sich zu einem historischen Hypertext verflechten lassen. Nur so lässt sich im Übrigen die Vielzahl und Vielfalt der europäischen National- und Regional- sowie Lokalgeschichten, ja biographischen Geschichten miteinander verbinden, nur so lässt sich in der Vielzahl und Vielfalt der Erinnerungen und Gedächtnisse Kohärenz bilden, ohne zu verdrängen, ohne auszuschließen. [...] Verflüssigung, Interaktion, Vernetzung, Transfer, kulturelle Übersetzung – das sind die ‚Akteure‘ einer nicht auf Gewalt angewiesenen Identitätsbildung. Europäische Identität entsteht aus der Abgrenzung zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts und realisiert sich positiv in der Kohärenz der Vielfalt. Kohärenz stellt sozusagen den kongenialen ‚Partner‘ der verflüssigten Welt dar. […] Auch wir, die Individuen, die Bürgerinnen und Bürger Europas, finden uns zunehmend in der Rolle des ‚Mediums‘: wir vermitteln, ‚übersetzen‘, vernetzen, verflüssigen, interagieren, sind offen – müssen offen sein.“38

Für Olaf Breidbach ist selbst das Bild des Netzes noch zu statisch, um gegenwärtigen Wissensordnungen innerhalb einer digital-liquiden Moderne gerecht zu werden. Er wählt das Bild einer Lawine, die in ihrem Absturz durch die Interaktion der Schneekristalle mehr und mehr Elemente mitreißt und so innerhalb kürzester Zeit ihr Gefüge und selbst ihre Gefügeeigenschaften auf komplexe Weise verändert. Angesichts dieses Befundes ginge es nun darum, zumindest „temporäre Teilräume“ zu kennzeichnen, die in engerer Wechselbeziehung zueinander stehen. Damit wären Bereiche darstellbar, „die sich auch über dynamische Phasen hinweg als Einheiten fassen ließen. Es wäre nun genauer zu bestimmen, welche Freiräume in solchen Bereichen zugelassen sind und unter welchen Bedingungen und mit welchen Effekten sie zerplatzen. Dabei besteht das Problem darin, solche Subsysteme nicht einzeln zu betrachten, sondern vielmehr a) in der Interaktion der sie konstituierenden Elemente und b) in der Interaktion ihrer Elemente mit den Elementen anderer Subsysteme darzustellen.“39

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Schmale und Breidbach geben damit metaphernreiche Hinweise, welche Rolle die Geschichtswissenschaft angesichts kollektiver wie individueller Sinn- und Kohärenzverluste übernehmen könnte. Die Argumentation der beiden Autoren aufgreifend, ginge es darum, situationsspezifische, historische Mikro- und Makrokohärenzen zu identifizieren und zumindest „temporäre Teilräume“ kollektiver Herkunft und Zukunft zu sichern. Situatives, multiperspektivisches Erzählen könnte Orientierung bieten, indem es fragend, zweifelnd und tastend versucht, Erfahrungsräume und Erwartungshorizonte zu identifizieren und partiell auszuweiten.

In diesem Sinne verweisen auch Konrad H. Jarausch und Michael Geyer in „Shattered Past“ auf die Unangemessenheit großer Erzählungen angesichts der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.40 Sie begreifen diese Vergangenheit als eine heterogene, zerklüftete Landschaft, die nur aus mehreren Perspektiven überschaut werden kann und der nur mit mehreren, sich überschneidenden Erzählungen zu begegnen ist. Den dominierenden „master narratives“ versuchen sie neue Erzählformen gegenüberzustellen, „to reassemble the fragments of a central European past into new patterns“. Diese patterns – einzelne Themenkomplexe von „war and genocide“ bis „pursuit of happiness“ im Konsum – dienen als „guideposts in deciphering the shifting map of territories and people that make up the twentieth century German past“.41 Jarausch und Geyer betonen, dass die Eigenart der historischen Erfahrungen grundlegend auf die Art des historischen Erzählens einwirken müsse: „[…] uncertainty might be the principle of the twentieth century history rather than an abnormality to be explained away.“42

Ein weiteres Beispiel ist Hans Ulrich Gumbrechts Buch „1926. Ein Jahr am Rand der Zeit“. Gumbrecht unterteilt das Jahr 1926 in „Dispositive“, „Codes“ und „Zusammengebrochene Codes“ und diese wiederum in „Szenen“. Die thematisch breit angelegten, in sich geschlossenen „Szenen“ folgen keiner chronologischen Kette, sie sind „austauschbar“ – ihnen gemeinsam ist lediglich, dass sie sich 1926 ereigneten. Es gibt somit keinen Anfang im Sinne einer herkömmlichen Geschichte oder Argumentation. Gumbrecht fordert die LeserInnen vielmehr dazu auf, sich ihren eigenen Lektüreweg zu wählen, den er durch Querverweise am Ende der Einträge unterstützt. Somit legt Gumbrecht dem Buch hypertextuelle Strukturen als oberstes Ordnungsprinzip zugrunde. Er wählt diese Struktur vor allem, da sie den Eindruck historischer Gleichzeitigkeit stärken soll; einer Gleichzeitigkeit, die sich gegen einen „geradlinig verlaufenden, totalisierenden Prozess einer dynamischen fortschreitenden Entwicklung“ auflehnt. „Das Willkürliche der alphabetischen Reihenfolge, in der die Einträge vorgelegt werden, und das enzyklopädische Hilfsmittel der Querverweise imitieren den nichtsystematischen Charakter unserer Alltagserfahrung und legen den Lesern nahe, die Welt von 1926 als asymmetrisches Netzwerk – nicht als Totalität, sondern als Rhizom – zu konstituieren.“43

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Jarausch und Geyer wie auch Gumbrecht „mappen“ Vergangenheit, indem sie explizit eine ganze Landschaft aus Erzählungen ausbreiten, anstatt einen Hauptweg begehbar zu machen – eine zentrale Strategie „künstlerischer Forschung“, der in letzter Zeit auch die Wissenschaft zunehmend Aufmerksamkeit schenkt.44 „Mapping“ ist eine in der zeitgenössischen Kunstpraxis mittlerweile etablierte Hybridform zwischen Recherchemethode, kollektiven Aushandlungsprozessen und Visualisierungsstrategien. Als ortsspezifische Recherchemethode ist sie bemüht, „sich den Kontexten eines Ortes anzunähern, sich [darin] selbst zu verorten und Material zu sammeln und damit einen Bezugspunkt für weitere künstlerische Entscheidungen zu entwickeln“.45 Mappings eignen sich dem Anspruch nach besonders für Forschungen, die auf Multiakteursperspektiven aufbauen und mit deren Vermittlung gekoppelt sind. Sie sind auf kontinuierliche Überarbeitung angelegt und geben dieser explizit Raum. Zudem sind sie darauf ausgerichtet, dieser Vielstimmigkeit in Form von kartenähnlichen Visualisierungen auch Ausdruck zu verleihen.46

Die Geschichtswissenschaft und die Geschichtsdidaktik haben verstärkt die Aufgabe, Individuen zu ermächtigen, selbstständig Kohärenzen zu bilden. Beurteilungs- und Quellenkompetenz sind hier ebenso gefragt wie narrative Fähigkeiten. Dies gilt umso mehr, als sich Erinnerungen durch die Möglichkeiten der digitalen Medien zunehmend privatisieren und stratifizieren. „Geschichtserinnerungen werden in immer kürzeren Abständen aktualisiert, und das hohe Maß an Partizipation durchkreuzt dabei Imperative jeder direktiven Inszenierung. Auf diese Weise werden private, also nicht offizialisierte und zertifizierte Erinnerungen zunehmend in der öffentlichen Erinnerungskultur präsent.“47 Erinnerung konstituiert sich in und mit digitalen Medien „subjektiv, ungeordnet und eigensinnig“.48 Kollektives Gedächtnis scheint sich zunehmend zu fragmentieren.

Neben der Beschäftigung mit der Repräsentation des Vergangenen ist die Geschichtswissenschaft dazu aufgerufen, sich verstärkt auch mit den RezipientInnen historischer Erzählungen in der Gegenwart auseinanderzusetzen. ZeitzeugInnen produzieren neue Formen von Quellen und historischen Erzählungen; sie erzählen ihr Leben nicht nur aufgrund geänderter Parameter der Identitätsbildung anders, sondern auch aufgrund anderer medialer Umgebungen und Möglichkeiten. Blogs, Wikis, Twitter, Pod- und Videocasts, vernetzte Spielwelten, user-generated micro-content, social bookmarking und vieles mehr sind hier in den Blick zu nehmen. Die Beschäftigung mit Rezeptions- und Produktionsästhetiken historischer Erzählungen innerhalb des Web 2.0 sei als noch weitgehendes Desiderat geschichtswissenschaftlicher Forschung benannt. Lohnend könnte etwa die Auseinandersetzung mit neuartigen „Egodokumenten“ sein, die im WWW entstehen. Websites wie die „WikiMap Linz“49 bieten allen UserInnen die Möglichkeit, Straßenkarten um individuelle Beiträge zu erweitern. Das Ziel der Projektträger ist ein „kollaborativer Atlas“, eine Stadtkarte „von unten“ sozusagen. Auf einigen Seiten wurde bereits begonnen, alternative historische Stadtrundfahrten zu kompilieren oder auch persönliche Momente des eigenen Lebens auf den Karten festzuhalten. Entstehen könnten „Autobio-Geographien“, eine Landschaft individueller „lieux des mémoires“ – eine Fundgrube nicht nur für ZeithistorikerInnen.

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Abschließend sind noch einige Relativierungen angebracht. Bei der These der Individualisierung von Erinnerung und der damit einhergehenden schwindenden Einflusssphäre der (Geschichts-)Wissenschaft aufgrund digitaler Medien ist Vorsicht geboten. Nicht nur der oben skizzierte Befund der „participation inequality“ legt dies nahe, sondern ebenso der Umstand, dass sich im WWW weder technisch noch im sozialen und kulturellen Gebrauch bereits fest standardisierte Nutzungsformen etabliert haben.50 „Function does not create action“: Nur weil etwas technisch möglich ist, muss es noch nicht praktiziert werden. Allerdings erzeugt die Möglichkeit, etwas zu tun, vielfach die Notwendigkeit, es zu tun – eine Kulturtechnik-Spirale, die sich etwa an der Geschichte der Druckerpresse gut nachvollziehen lässt.

Eine zweite Relativierung betrifft den Strukturwandel der Öffentlichkeiten. Jürgen Habermas ’ Kriterien für die Sphäre idealer, partizipatorischer Öffentlichkeiten finden im WWW zwar eine solide technische Basis: Der Zugang ist prinzipiell offen, die Mitglieder sind einander auf den ersten Blick ebenbürtig, die Themenwahl ist nicht festgelegt und der Kreis potenzieller TeilnehmerInnen unabgeschlossen. Doch sind die traditionellen Mechanismen, die zu wissenschaftlicher Reputation oder medialer Prominenz führen, keineswegs aus den Angeln gehoben; von „Ebenbürtigkeit“ lässt sich nur bedingt sprechen. Nicht alle werden im gleichen Maße gehört, nicht allen ist Definitionsmacht gegeben. Auf der gesellschaftlichen Prestigeskala steht „der Wissenschaftler als der Repräsentant originellen und gesicherten Wissens unangefochten an der Spitze“. 51 Der Vertrauensverlust der Öffentlichkeit in die Wissenschaft ist demnach nicht so groß, wie es gelegentlich behauptet wird; die Selbstermächtigung der Individuen hält sich in Grenzen. Wissenschaft und Öffentlichkeiten rücken qua Medialisierung zwar näher aneinander, gehen aber keineswegs ineinander auf. Auch wenn das Web 2.0 und seine partizipatorischen Praktiken traditionelle Hierarchien implizit in Frage stellen (und explizit vielfach umgehen), erodieren diese nicht, sondern können weiterhin Geltung beanspruchen.

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Bei der Beschäftigung mit situativ-digitalem Erzählen gilt es außerdem zu beachten, dass eine kulturelle und habituelle Verstrickung mit der Gutenberg-Galaxis, aber auch mit anderen Medienformen nach wie vor gegeben ist. Die Buchkultur hat in vielen Bereichen – gerade auch in den Geistes- und Kulturwissenschaften – weiterhin eine Vormachtstellung inne. Ebenso ist das Verlangen nach „großen Erzählungen“ unverändert vorhanden.52 Diese Form der genetischen Sinnbildung genießt innerhalb vieler Erinnerungsmilieus eine angesehene Position. So sind auch die vier Typen des historischen Erzählens nach Jörn Rüsen nicht obsolet, sondern weiterhin ein geeignetes Werkzeug, um historische Identitäts- und Sinnbildungsmuster zu analysieren. Meine These lautet jedoch, dass sie durch das situative Erzählen als fünften Typ ergänzt werden können – einen Typ, der sich in vielfacher Art und Weise mit den vier übrigen Erzählweisen verbinden kann. Dabei ist situatives Erzählen nichts genuin Neues oder etwas, das sich erst mit und durch digitale Medien realisieren ließe. Wie die angeführten Beispiele gezeigt haben, ist dieser Modus des Erzählens durchaus in Buchform möglich (ganz so, wie sich ja auch umgekehrt „große Erzählungen“ im WWW tummeln). Wichtiger als das Medium, in dem sich situatives Erzählen materialisiert, ist der Umstand, dass durch die sich etablierenden digitalen Kulturtechniken und deren Ideale spezifische Praxis- und Denkformen prämiert werden, die auch in die Wissenschaften tief hineinwirken. Nicht erst durch die digitalen Medien, aber zweifellos im Wechselbezug mit ihnen hat sich eine historiographische Tendenz herausgebildet, die Teleologien kritisiert und stattdessen auf das Medium des ungerichteten Netzes ohne Zentrum setzt – eine Tendenz, die die Heterogenität und Diskontinuität einer offenen Geschichte betont, welche sich nicht in das Korsett eines Modells, einer Herangehensweise, einer Geschichte zwängen lässt.

(Historisches) Wissen ist abhängig von der Interessenstopographie der SprecherInnen; das situative Paradigma hat sich vom Anspruch jedweder Neutralität, singulären Objektivität oder dem Anspruch, zeit- und ortsunabhängige Gültigkeit zu besitzen, gelöst. Als epistemische Alternative wird auf Pluralisierung und Demokratisierung von Wissenschaft gesetzt, um somit eine Objektivität zurückzugewinnen, die auf weit ausgedehnte, wechselseitige Kontrolle und Kritik setzt. „Aus einem solchen pluralistischen Verständnis von wissenschaftlicher Objektivität heraus wird [...] gefordert, dass Wissenschaftler ein breites gesellschaftliches Spektrum unter Einschluss von Minderheiten repräsentieren. Nur auf Grundlage eines weiten Bogens wissenschaftlicher Positionen lassen sich danach auch anspruchsvolle Geltungsprüfungen durchführen. [...] Die Berücksichtigung einer Mehrzahl sozialer Positionen ist daher nicht allein aus gesellschaftlichen oder politischen Gründen geboten, sondern auch aus epistemischen Gründen.“53 Wie die anderen vier Typen des historischen Erzählens steht daher auch das situative Erzählen in Wechselwirkung mit kulturellen, sozialen, politischen, medialen und epistemischen Parametern und Veränderungen.

Anmerkungen: 


1 Vgl. Jörn Rüsen, Die vier Typen des historischen Erzählens, in: Reinhart Koselleck/Heinrich Lutz/Jörn Rüsen (Hg.), Formen der Geschichtsschreibung, München 1982, S. 514-605; abgedruckt auch in: Jörn Rüsen, Zeit und Sinn. Strategien historischen Denkens, Frankfurt a.M. 1990, S. 153-230. Im Folgenden wird aus letzterem Band zitiert. Ich danke Peter Haber für die kritische Lektüre des Textes und die Anregungen, die ich daraus erhalten habe. – Wulf Kansteiner hat sich kürzlich ebenfalls auf die Rüsen’schen Typen bezogen, allerdings mit anderer Absicht und anderem Ziel. Kansteiner wendet Rüsens Konzeption auf eine privatisierte, virtuelle und interaktive „Videospielkultur“ an und kommt zu dem Ergebnis: „Interaktive Medien können sehr erfolgreich die Erscheinungsform eines komplexen genetischen historischen Bewusstseins annehmen, während sie eben jene Möglichkeit einer wirklich genetischen selbstkritischen Identität systematisch untergraben. Folgt man der Logik des Modells von Rüsen, bedeutet dies nichts weniger als die Rückkehr zur statischen Form des Bewusstseins in einer Zeit, in der unsere Geschichtskultur facettenreicher ist als je zuvor.“ Kansteiner bezeichnet den vierten Typ von Rüsens Modell als noch nicht verwirklicht und sieht angesichts einer „virtuellen Kultur“ auch wenig Realisierungs- und Entfaltungschancen: Wulf Kansteiner, Alternative Welten und erfundene Gemeinschaften: Geschichtsbewusstsein im Zeitalter interaktiver Medien, in: Erik Meyer (Hg.), Erinnerungskultur 2.0. Kommemorative Kommunikation in digitalen Medien, Frankfurt a.M. 2009, S. 29-54. Demgegenüber werde ich argumentieren, dass der vierte Typ nicht mehr allumfassende Gültigkeit hat und künftig eine andere, fünfte Form des historischen Erzählens dominant wird.

2 Peter Burke, Geschichte als soziales Gedächtnis, in: Aleida Assmann/Dietrich Harth (Hg.), Mnemosyne. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung, Frankfurt a.M. 1991, S. 289-304, hier S. 291.

3 Kay Kirchmann, Verdichtung, Weltverlust und Zeitdruck. Grundzüge einer Theorie der Interdependenzen von Medien, Zeit und Geschwindigkeit im neuzeitlichen Zivilisationsprozeß, Opladen 1998, S. 41ff.

4 Friedrich Kittler, Grammophon, Film, Typewriter, Berlin 1986, S. 167.

5 Zur Debatte um Rüsens Typologie siehe u.a. Jürgen Straub, Telling Stories, Making History. Toward a Narrative Psychology of Historical Construction of Meaning, in: ders., Narration, Identity and Historical Consciousness, New York 2005, S. 73-93; Jörn Rüsen, Historical Consciousness. Narrative Structure, Moral Function, and Ontogenetic Development, in: Peter Seixas (Hg.), Theorizing Historical Consciousness, Toronto 2004, S. 63-85; Kansteiner, Alternative Welten (Anm. 1), S. 32ff.

6 Vgl. Reinhart Koselleck, „Erfahrungsraum“ und „Erwartungshorizont“ – zwei historische Kategorien [1976], in: ders., Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt a.M. 1989, S. 349-375.

7 Paul Ricœur bezeichnete in diesem Sinne die historische Erzählung als „Hüterin der Zeit“. Paul Ricœur, Zeit und Erzählung, Bd. 3: Die erzählte Zeit, München 1988, S. 389.

8 Rüsen, Die vier Typen (Anm. 1), S. 229.

9 Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1997, S. 89.

10 Der Generationswechsel lässt die Grundstrukturen unberührt und tauscht in gewisser Hinsicht nur die individuellen Positionsinhaber aus, wie Arthur Imhof skizziert: „Nicht der individuelle Johannes Hoos, geboren in diesem und gestorben in jenem Jahr, war jeweils das Entscheidende. Wichtig war vielmehr, daß stets ein Nachkomme namens Johannes Hoos als Rollenträger bereit stand, um die Geschicke des Hofes während seiner physisch besten und sozial am stärksten integrierten Jahre zu lenken. Auf diese Weise war der Hof nicht bloß zehn oder zwanzig oder dreißig Jahre im Besitz von Johannes Hoos, sondern kontinuierlich während viereinhalb Jahrhunderten. Wahrlich eine erstaunliche Stabilität trotz unsicherer Lebensspannen.“ Arthur Imhof, Von der sicheren zur unsicheren Lebenszeit. Ein folgenschwerer Wandel im Verlauf der Neuzeit, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 71 (1984), S. 175-198, hier S. 188. Die traditionale Erzählung ist ebenso Grundmotiv romantischer Liebe, in der Konstanz und Kontinuität beschworen werden, wie sie etwa Bob Dylan besingt: „Well, the future for me, is already a thing of the past. You were my first love, and you will be my last.“

11 Assmann, Das kulturelle Gedächtnis (Anm. 9), S. 105.

12 Abbildung unter http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5c/Bacon_Great_Instauration_frontispiece.jpg. Siehe dazu die immer noch lesenswerte Analyse zum „Prozeß der theoretischen Neugierde“ von Hans Blumenberg, Die Legitimität der Neuzeit, erneuerte Ausg. Frankfurt a.M. 1988, S. 263ff. Vgl. auch ders., Lebenszeit und Weltzeit, Frankfurt a.M. 2001, S. 153ff.

13 Vgl. die drei Klassiker: Marshall McLuhan, Die Gutenberg-Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters, Düsseldorf 1968; Elisabeth L. Eisenstein, The Printing Press as an Agent of Change. Communications and Cultural Transformations in Early-Modern Europe, 2 Bde., Cambridge 1979; Michael Giesecke, Der Buchdruck in der Frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien, Frankfurt a.M. 1998.

14 Odo Marquard, Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie, Frankfurt a.M. 1982, S. 18.

15 Reinhart Koselleck, Über die Verfügbarkeit der Geschichte [1977], in: ders., Vergangene Zukunft (Anm. 6), S. 260-277, hier S. 269.

16 Vgl. dazu Jörn Rüsen (Hg.), Zeit deuten. Perspektiven – Epochen – Paradigmen, Bielefeld 2003; ders., Kann gestern besser werden? Essays zum Bedenken der Geschichte, Berlin 2003.

17 Ders., Historische Aufklärung im Angesicht der Post-Moderne: Geschichte im Zeitalter der „neuen Unübersichtlichkeit“, in: ders., Zeit und Sinn (Anm. 1), S. 231-251, hier S. 251.

18 Siehe dazu beispielsweise: Zygmunt Bauman, Flüchtige Moderne, Frankfurt a.M. 2003.

19 Richard Sennett, Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin 1998.

20 Diedrich Diederichsen, Manuskript zu einem Artikel für http://www.e-flux.com (liegt dem Verfasser vor). Siehe besonders auch Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt a.M. 2007.

21 Hartmut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt a.M. 2005, S. 176ff.

22 John Urry, Wie erinnern sich Gesellschaften ihrer Vergangenheit?, in: Rosmarie Beier (Hg.), Geschichtskultur in der Zweiten Moderne, Frankfurt a.M. 2000, S. 29-52, hier S. 36. Angesichts des rasenden Tempos kapitalistischer Kultur, der fernsehgerechten Politik des schnellen Vergessens und der Aufsplitterung des öffentlichen Raums in immer mehr Kanäle der flüchtigen Unterhaltung kommt es zu einer kollektiven Amnesie – just zu dem Zeitpunkt, da wir vom Erinnern geradezu besessen sind. Museen etwa geben aber die Chance, „der Amnesie zu entgehen, indem sie der ‚Augenblickszeit‘ eine ‚Gletscherzeit‘ gegenübersetzen“ (ebd., S. 49).

23 Hermann Lübbe, Gegenwartsschrumpfung und zivilisatorische Selbsthistorisierung, in: Frithjof Hager/Werner Schenkel (Hg.), Schrumpfungen. Chancen für ein anderes Wachstum. Ein Diskurs der Natur- und Sozialwissenschaften, Berlin 2000, S. 11-20, hier S. 11. Mit unterschiedlichen Schattierungen entsprechen die Konzepte einer „Erstreckung der Gegenwart“ von Helga Nowotny, des „rasenden Stillstands“ von Paul Virilio und einer „zeitlosen Zeit“ von Manuel Castells der von Lübbe konstatierten „Gegenwartsschrumpfung“. Vgl. Helga Nowotny, Eigenzeit. Entstehung und Strukturierung des Zeitgefühls, Frankfurt a.M. 1998; Paul Virilio, Rasender Stillstand, Frankfurt a.M. 1998; Manuel Castells, Das Informationszeitalter, 3 Bde., Opladen 2001–2003.

24 Das Phänomen der Beschleunigung ist daher freilich auch nichts völlig Neues, sondern im Gegenteil eines, das prägend für die Geschichte der Moderne ist und diese – freilich nicht geradlinig – durchzieht. Dementsprechend sind Klagen oder Lobreden über eine beschleunigte, dahinrasende Zeit zahlreich zu finden und reichen weit zurück. Angesichts der – in Maßstäben der damaligen Zeit – rasanten und massenhaften Verbreitung von Druckwerken frohlockte schon Paracelsus: „Die Zeyt ist scharpff, dann sie gibt alle stundt etwas news!“ Zit. nach Giesecke, Buchdruck (Anm. 13), S. 439.

25 Vgl. Rosa, Beschleunigung (Anm. 21), S. 391ff.

26 Stefan Münker, Emergenz digitaler Öffentlichkeiten. Die Sozialen Medien im Web 2.0, Frankfurt a.M. 2009, S. 27 (dortige Hervorhebung).

27 Michel de Certeau hielt noch im Jahre 1980 fest: „Das gesellschaftliche und technische Funktionieren der gegenwärtigen Kultur hierarchisiert diese beiden Tätigkeiten. Schreiben bedeutet, den Text zu produzieren, lesen bedeutet, den Text des Anderen zu rezipieren, ohne ihm einen eigenen Stempel aufzudrücken, ohne ihn neu gestalten zu können. Was man in Frage stellen muß, ist leider nicht diese Arbeitsteilung (sie ist nur allzu real) [...].“ Michel de Certeau, Kunst des Handelns, Berlin 1988, S. 299 (frz. Erstausg. Paris 1980).

28 Vgl. Jakob Krameritsch, Geschichte(n) im Netzwerk. Hypertext und dessen Potenziale für die Produktion, Repräsentation und Rezeption der (historischen) Erzählung, Münster 2007.

29 Vgl. Michael Gibbons, The New Production of Knowledge. The Dynamics of Science and Research in Contemporary Societies, London 1994.

30 Hartmut Winkler, Die prekäre Rolle der Technik. Technikzentrierte versus ‚anthropologische‘ Mediengeschichtsschreibung, 12.12.1997, online unter URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/2/2228/1.html.

31 Roberto Simanowski, Mitschreibprojekte und Webtagebücher. Öffentlichkeit im Netz. Ein Interview mit Claudia Klinger, 3.5.2000, online unter URL: http://www.dichtung-digital.de/Interviews/Klinger-3-Mai-00.

32 Mike Sandbothe, Pragmatische Medienkompetenz. Überlegungen zur pädagogischen Einbettung internetbasierter Lehr- und Lernprozesse, 2002, online unter URL: http://www.sandbothe.net/50.html. Vgl. auch Daniel Burckhardt/Juliane Schiel, Kollaboratives Schreiben, in: Martin Gasteiner/Peter Haber (Hg.), Digitale Arbeitstechniken für die Geistes- und Kulturwissenschaften, Wien 2010, S. 97-110.

33 Vgl. Jakob Nielsen, Participation Inequality: Encouraging More Users to Contribute, 9.10.2006, online unter URL: http://www.useit.com/alertbox/participation_inequality.html.

34 Sie sind die Antwort des Web 2.0 auf den zentral gesteuerten „Information Highway“ des Web 1.0.

35 Roberto Simanowski, Die Interaktionsfalle. Zur Ästhetik des Spektakels im Internet, 2004, online unter URL: http://www.dichtung-digital.org/2004/1-Simanowski.htm.

36 Michel de Certeau, Das Schreiben der Geschichte, Frankfurt a.M. 1991, S. 36.

37 Wolfgang Schmale u.a., E-Learning Geschichte, Wien 2007, S. 27.

38 Wolfgang Schmale, Geschichte und Zukunft der europäischen Identität, Stuttgart 2008, S. 179.

39 Olaf Breidbach, Neue Wissensordnungen. Wie aus Information und Nachrichten kulturelles Wissen entsteht, Frankfurt a.M. 2008, S. 143f. Damit wählt Breidbach auch ein dynamischeres Bild als jenes der „Zeitschichten“, mit dem Reinhart Koselleck das Phänomen der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ fassen will. „‚Zeitschichten‘ verweisen, wie ihr geologisches Vorbild, auf mehrere Zeitebenen verschiedener Dauer und unterschiedlicher Herkunft, die dennoch gleichzeitig vorhanden und wirksam sind.“ Vgl. Reinhart Koselleck, Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt a.M. 2000.

40 Konrad H. Jarausch/Michael Geyer, Shattered Past. Reconstructing German Histories, Princeton 2003.

41 Ebd., S. 18.

42 Ebd., S. 350.

43 Hans Ulrich Gumbrecht, 1926. Ein Jahr am Rand der Zeit, Frankfurt a.M. 2001, S. 490.

44 Siehe etwa das neue Programm „PhD in Practice“ der Akademie der bildenden Künste Wien, das sich Formen künstlerischer Forschung widmet. Das dieses Programm koordinierende „Center for Art/Knowledge“ untersucht die „Verschränkungen von künstlerischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Prozessen in einer globalisierten Netzwerk-Gegenwart, die – insbesondere am Nexus von Kunst und Wissen – neue Formen der ästhetischen und politischen Praxis generieren.“ Siehe http://blogs.akbild.ac.at/phdinpractice/.

45 Nina Möntmann, Mapping. A Response to a Discourse, in: dies./Yilmaz Dziewior (Hg.), Mapping a City, Hamburg 2003, S. 14-22, hier S. 17.

46 Siehe etwa das „Grid One“ des Webprojektes „THIS WAS TOMORROW!“ von Peter Spillmann, Michael Vögeli und Marion von Osten: http://www.this-was-tomorrow.net. Kritisch zu Mappings: Geert Lovink, Thesen zur verteilten Ästhetik, in: ders., Zero Comments. Elemente einer kritischen Internetkultur, Bielefeld 2008, S. 285-299.

47 Claus Leggewie, Zur Einleitung: Von der Visualisierung zur Virtualisierung des Erinnerns, in: Meyer, Erinnerungskultur 2.0 (Anm. 1), S. 9-28, hier S. 22 (dortige Hervorhebung).

48 Rosmarie Beier, Geschichte, Erinnerung und Neue Medien, in: dies., Geschichtskultur (Anm. 22), S. 299-323, hier S. 316.

49 [...][Anm. der Red.: Link nicht mehr verfügbar]: „WikiMap Linz“ ist „eine Einladung an LinzerInnen und BesucherInnen der Stadt, gemeinsam ein virtuelles Tagebuch von Linz zu entwickeln. Das Projekt bietet eine Möglichkeit zur Gestaltung von individuellen, künstlerischen, assoziativen, historischen oder visionären Ansichten der Stadt Linz.“

50 Vgl. Christiane Heibach, Literatur im elektronischen Raum, Frankfurt a.M. 2003, S. 22.

51 Peter Weingart, Die Stunde der Wahrheit? Zum Verhältnis der Wissenschaft zu Politik, Wirtschaft und Medien in der Wissensgesellschaft, Weilerswist 2001, S. 234.

52 Siehe dazu den Diskussionsbeitrag von Daniel Fulda in diesem Heft.

53 Peter Weingart, Nachrichten aus der Wissensgesellschaft. Analysen zur Veränderung der Wissenschaft, Weilerswist 2007, S. 312.

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