Religion und Zeitgeschichte. Neuere Ansätze der Forschung

Einleitung

Anmerkungen

Der Religionsgeschichte ist vielfach vorgeworfen worden, die entscheidenden methodischen ‚turns‘ und ‚shifts‘ der allgemeinen Geschichtswissenschaft erst mit erheblicher zeitlicher Verzögerung vollzogen zu haben. In der Tat, zu lange wurde die Geschichte von Religionen und Konfessionen lediglich als eine Geschichte von Kirchen und Verbänden beschrieben: Ereignisse und Institutionen rangierten weit vor Praktiken und Mentalitäten. Dies gilt insbesondere für die Zeitgeschichte: Während die Erforschung der religiösen Formationen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit schon längst mit neueren kulturgeschichtlichen Ansätzen operierte, galt es bezogen auf das 19. und 20. Jahrhundert noch immer als innovativ, den Anschluss an die Sozialgeschichte zu vollziehen und hinter den Kirchen und Verbänden das konfessionelle „Milieu“ und Formen kollektiver „Frömmigkeit“ zu entdecken. Nach dem Abschmelzen fester, homogener Konfessionsmilieus spätestens seit den 1960er-Jahren stellt sich nicht nur empirisch die Frage: „Was kommt nach dem Milieu?“1 Auch methodisch ist zu überlegen: Was kommt nach der Milieuforschung?

Die folgenden Beiträge vermögen diese Frage nicht in Gänze zu beantworten, aber sie geben Hinweise, welche Konzepte und Begriffe herangezogen werden können, um Alternativen zu gängigen Mustern der zeitgeschichtlichen Religionsforschung zu erarbeiten. Dazu gehören medien- und organisationssoziologische Überlegungen ebenso wie eine genaue Vermessung des häufig im Vagen verbleibenden Begriffs der „Zivilreligion“. Auch eine kritische Rekonstruktion der Säkularisierungsthese kann den Blick dafür schärfen, wie es um den religiösen Wandel in Zeiten des rapiden und anhaltenden Mitgliederschwundes der beiden großen Kirchen in Deutschland bestellt ist.

Weitere Ansätze und Methoden ließen sich nennen, die in die Debatte einbezogen werden müssten – etwa die Historische Semantik religiöser Begriffe,2 die Erforschung von Emotionen und Selbsttechniken,3 die Geschlechtergeschichte4 oder eine (bislang erst in Ansätzen erkennbare) Rechtsgeschichte religiöser Konflikte.5 Doch bevor Antworten gefunden werden können, müssen zunächst die richtigen Fragen gestellt werden. Dazu möchten die folgenden Beiträge einen Anstoß geben.

Anmerkungen: 


1 Christoph Kösters u.a., Was kommt nach dem katholischen Milieu? Forschungsbericht zur Geschichte des Katholizismus in Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Archiv für Sozialgeschichte 49 (2009), S. 485-526.

2 Siehe nur Lucian Hölscher (Hg.), Baupläne der sichtbaren Kirche. Sprachliche Konzepte religiöser Vergemeinschaftung in Europa, Göttingen 2007.

3 Siehe dazu insbesondere die Arbeiten von Pascal Eitler, Bettina Hitzer und Monique Scheer am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin: <https://www.mpib-berlin.mpg.de/de/forschung/geschichte-der-gefuehle>.

4 Siehe dazu u.a. Irmtraud Götz von Olenhusen (Hg.), Frauen unter dem Patriarchat der Kirchen. Katholikinnen und Protestantinnen im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart 1995; Andrea Meissner, „Ganze Kerle wollen wir stellen“. Gender-Semantiken in der Auseinandersetzung zwischen Katholizismus und Nationalsozialismus, in: Andreas Henkelmann/Nicole Priesching (Hg.), Widerstand? Forschungsperspektiven auf das Verhältnis von Katholizismus und Nationalsozialismus (= theologie.geschichte, Zeitschrift für Theologie und Kulturgeschichte, Beiheft 2), Saarbrücken 2010, S. 239-284.

5 Matthias König/Jean Paul Willlaime (Hg.), Religionskontroversen in Frankreich und Deutschland, Hamburg 2008; Astrid Reuter/Hans-Gerd Kippenberg (Hg.), Religionskonflikte im Verfassungsstaat, Göttingen 2010.

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