Editorial - 1/2013: Offenes Heft

Zu diesem Heft

Erich Honecker und Angela Davis beim Händeschütteln im September 1972: Das Coverbild zeigt zwei Personen, die in der vorliegenden Ausgabe eine besondere Rolle spielen. Der markante Gegensatz zwischen beiden bestätigt auf den ersten Blick die verbreitete Annahme, Honecker sei eine farblose, charismafreie und schon lange vor dem Ende der DDR seltsam unzeitgemäße Gestalt gewesen – im Kontrast zu der populären amerikanischen Bürgerrechtlerin, die das Foto mit ihrer auffälligen Erscheinung klar dominiert. Zwar nimmt Honecker auf diesem Bild keinen Blickkontakt zu seiner Besucherin auf, doch scheint er eine Freude und Selbstzufriedenheit zu empfinden, die über den propagandistischen Charakter der dargestellten Begegnung hinausweist.

Der Spannung zwischen dem erstarrt wirkenden Funktionär Honecker und dem durchaus begeisterungsfähigen, sich jugendlich gebenden „kommunistischen Kümmerer“ geht Martin Sabrow genauer nach, indem er Honeckers Lebensweg, sein Selbstverständnis und seine bis zuletzt ungebrochenen autobiographischen Kontinuitätsfiktionen analysiert. Angela Davis wiederum ist die Hauptfigur eines anderen Aufsatzes: Sophie Lorenz beschreibt die Solidaritätskampagne für die Bürgerrechtlerin, die von 1970 bis 1972 in den USA inhaftiert war und nach ihrer Freilassung mehrmals die DDR besuchte. Die Inszenierung von „Solidarität“ hatte für die DDR natürlich eine innen- und außenpolitische Funktion, ist zugleich aber als Ausdruck einer Alltagskultur des Kalten Kriegs zu verstehen, die sich etwa in Betrieben und Schulen zeigte.

Eine deutsch-amerikanische Beziehungsgeschichte ganz anderer Art untersucht Hannah Ahlheim: Für die Zeit von 1930 bis 1960 skizziert sie die Sozialgeschichte des Schlafs und besonders die Wissenschaftsgeschichte seiner Erforschung. Deren Schwerpunkte lagen zunächst in Deutschland und seit dem Zweiten Weltkrieg dann verstärkt in den USA. Wie die Autorin zeigt, hingen die Rhythmen des Schlafs und die Debatten um seine Funktion eng mit den jeweiligen Lebens- und Arbeitsbedingungen zusammen. Darüber hinaus geht es bei einer solchen Historisierung des Schlafs um das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, von Autonomie und Disziplinierung. Die damit verbundenen Konfliktlinien lassen sich – über die 1960er-Jahre und das Beispiel des Schlafs hinaus – weiterverfolgen bis in die Gegenwart.

Im Debatten-Teil dieses Hefts präsentieren Klaus Nathaus und C. Clayton Childress ausgehend von älteren Arbeiten des amerikanischen Soziologen Richard A. Peterson den Forschungsansatz der „Production of Culture“. Sie betonen den möglichen Nutzen für eine zeithistorische Forschung, die neuerdings an Phänomenen und Prozessen der Popkultur verstärkt interessiert ist. Während die Frage nach den Bedeutungen kultureller bzw. medialer Ausdrucksformen eine starke Tradition hat und auch die Ebene der Rezeption inzwischen größere Aufmerksamkeit findet, gilt dies für die Produktion und Distribution etwa von Musikstücken und Genres noch nicht im selben Maße – zumindest nicht innerhalb der Zeitgeschichtsschreibung. Die Autoren plädieren dafür, diese Lücke zu schließen und dabei auf Anregungen aus der Soziologie zurückzugreifen. Stefanie Middendorf und Annette Vowinckel steuern dazu Kommentare bei.

Einen Debatten-Charakter hat diesmal auch die Quellen-Rubrik, die Dominik Rigoll konzipiert hat. Hier geht es um die Zugänglichkeit sensibler Informationen und um die damit verbundene Verfügungsmacht. Für die Geschichtswissenschaft steht dabei zweierlei zur Diskussion: erstens ein möglichst freier Zugriff auf Quellen auch der jüngsten Zeitgeschichte, zweitens die Historisierung der informationspolitischen Rahmenbedingungen und Konflikte als solcher. Aufschlussreich ist gerade die international vergleichende sowie transnationale Perspektive, die die Autorinnen und Autoren im vorliegenden Heft verfolgen. Bislang geht es dabei primär um „Akten“, doch ist die Diskussion keineswegs auf dieses Medium der Überlieferung beschränkt und wird sich künftig noch stärker auf „Daten“ in einem breiteren Sinne verlagern.

Beiträge von Axel Schildt („Neu gelesen“) und von Alexa Geisthövel („Neu gesehen“, über den Film „Saturday Night Fever“ von 1977) runden dieses Heft ab. Schildt erinnert kritisch an Hermann Lübbes Vortrag von 1983 zum 50. Jahrestag der NS-„Machtergreifung“ – ein Text, der folgenreich war und ist. Die Gedenkveranstaltungen im Januar 1983 markierten in der Bundesrepublik generell den Auftakt zu einer ganzen Serie von Jahrestagen, ja sie begründeten in gewisser Weise historische Jubiläen als eine mediale Endlosschleife, deren Ambivalenz uns heute deutlich vor Augen steht.

Schließlich ein Hinweis in eigener Sache: Das Portal „Zeitgeschichte-online“ ist seit Dezember 2012 grafisch und inhaltlich runderneuert. Auch bei „H-Soz-u-Kult" werden ein neues Redaktionssystem und eine neue Website-Gestaltung vorbereitet. Für die „Zeithistorischen Forschungen“ planen wir diesen Schritt ebenfalls. Das klare Erscheinungsbild und die bewährte Grundstruktur werden selbstverständlich beibehalten, aber es sind uns auch einige Verbesserungsmöglichkeiten aufgefallen. Über weitere Vorschläge der Leserinnen und Leser würden wir uns freuen.


Die Redaktion
 

 

In this issue

The cover photo of Erich Honecker and Angela Davis shaking hands in September 1972 depicts two individuals who play a prominent role in this issue. At first glance, the marked difference in their appearance underlines the widespread impression that Honecker was a bland, uncharismatic and strangely outmoded figure – long before the fall of the GDR regime. The popular American civil rights activist, in turn, is quite a counterpoint to the communist leader, clearly dominating the image with her striking appearance. Although Honecker does not have eye contact with his foreign visitor in this picture, he appears to feel a joy and self-satisfaction that points beyond the propagandistic character of the depicted encounter.

Martin Sabrow analyzes the tension between the functionary Honecker, who often appeared ossified, and the youthful, enthusiastic ‘communist carer’ Honecker embodied at other times. Sabrow traces Honecker’s biography, his self-understanding and the fiction of undisrupted biographical continuity that Honecker upheld to the last. Angela Davis is the protagonist of another contribution: Sophie Lorenz describes the solidarity campaign organized for Davis, who was imprisoned in the USA from 1970 to 1972 and visited the GDR repeatedly after her acquittal. The staging of ‘solidarity’ certainly fulfilled a political function for the GDR – both internationally and domestically – but it is also a manifestation of an everyday Cold War culture that was expressed, for example, in factories and schools.

Hannah Ahlheim scrutinizes the history of a German-American relationship of a very different nature: she drafts the social history of sleep between 1930 and 1960, focusing on the history of its scientific exploration. This research was initiated in Germany, and after the Second World War further developed in the USA. The author shows that the rhythms of sleep and debates surrounding its function were always closely connected to the life and work habits of the pertaining society. Moreover, such a historicization of sleep addresses the relationship between individuals and society, between autonomy and subjection. The conflicts this entails can be traced to the present – beyond the 1960s and beyond the example of sleep.

In the debate section, Klaus Nathaus and C. Clayton Childress build on the earlier work of the American sociologist Richard A. Peterson in their presentation of the ‘production of culture’ approach. They emphasize its usefulness for contemporary history research, which has increasingly come to pay attention to phenomena and processes of popular culture. Research on the meanings and significance of cultural (or medial) forms of expression has a long tradition, and questions of reception today also get greater attention. However, this does not seem to apply to the same degree to the production and distribution of, e.g., music or genres – at least not in contemporary historiography. The authors suggest that this gap might be bridged with the help of sociological models. Stefanie Middendorf and Annette Vowinckel contribute comments to this paper.

The sources section of this issue, which Dominik Rigoll conceptualized, also has a strong debate character. It addresses the accessibility of sensitive information and the power this entails. For historical research, this implies two things: on the one hand, free access to sources that are relevant for recent contemporary history, and on the other the historicization of the circumstances and conflicts of information politics as such. The international comparisons and trans-national perspectives the authors present in this issue are particularly instructive in this regard. So far, the objects of this research have primarily been ‘files’, but the discussion is by no means limited to this medium and will in the future most likely shift towards ‘data’ in the broader sense.

Contributions by Axel Schildt and Alexa Geisthövel (‘rediscovered classics’) round off this issue. Geisthövel reconsiders the film Saturday Night Fever (1977) and Schildt critically re-examines Hermann Lübbe’s speech from 1983 on the fiftieth anniversary of Hitler’s coup d’état – a text that was and remains consequential. In the FRG, the events marking the anniversary in January 1983 were a prelude to a series of anniversaries. In a way they even established historical anniversaries as an endless media loop whose ambivalence we can today clearly discern.

We would like to end with a notice on our own behalf: the graphics and contents of the portal Zeitgeschichte-online have undergone a comprehensive renewal since December 2012. H-Soz-u-Kult is also introducing a new content management system and a new website design. We are planning similar measures for Studies in Contemporary History. Of course we will retain the clear visual appearance and established basic structure, but we also noticed a few possibilities for improvement. Further suggestions by our readers are highly welcome.


The Editors
translation: Eva Schissler