Editorial - 2/2008: Offenes Heft

Zu diesem Heft

Anmerkungen
 
Rund zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer und dem Ende der DDR stellt sich weiterhin - oder auch von neuem - die Frage, wie die Funktionsmechanismen der SED-Herrschaft aussahen, welches ihre Bindekräfte sowie ihre Konfliktpotenziale waren. Jens Gieseke geht dieser Frage auf der Basis von Stimmungsberichten nach, die das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in den 1960er- und 1970er-Jahren an die SED-Führung übermittelte. Er diskutiert den Quellenwert solcher Berichte und arbeitet wiederkehrende Themenfelder heraus - etwa Klagen über die Konsumsituation und Hoffnungen auf einen leichteren innerdeutschen Reiseverkehr. Es wäre freilich verkürzt, in den damaligen Stimmungen bereits Vorboten des Systemwechsels von 1989/90 zu sehen. Besonders aufschlussreich ist vielmehr der systemimmanente Widerspruch, dass die SED-Führung einerseits Beobachtungen der öffentlichen Meinung einholte, andererseits aber mit zunehmender „Wahrnehmungsabwehr“ auf diese Beobachtungen reagierte. Als Ergänzung und Kontrast zu Giesekes Aufsatz empfiehlt sich die Lektüre von Axel Doßmanns Beitrag. In der Rubrik „Neu gelesen“ stellt er einen Text- und Fotoband der Journalisten Marlies Menge und Rudi Meisel vor, die Ende der 1970er-Jahre die DDR bereisten und dem dortigen „Alltag“ nachspüren wollten. Für die Funktionsweise politischer Herrschaft im anderen Deutschland entwickelten Menge und Meisel kaum ein Sensorium; ihr Buch lässt eher einen sentimentalisierenden Blick erkennen. Die DDR wurde als Chronotop mit ganz eigenem Lebensrhythmus beschrieben, aber nicht wirklich auf die dortigen Erfahrungen und Widersprüche hin befragt.
 
Die deutsch-deutsche Geschichte war bekanntlich Teil der internationalen Gesamtkonstellation des Kalten Krieges, der nach gängigem Verständnis ebenfalls 1989/90 an sein Ende gelangte. Zur wissenschaftlichen Erforschung dieser Epoche, die bereits reichhaltige Erträge hervorgebracht hat und weiter fortgeführt wird, tritt verstärkt die geschichtskulturelle Frage hinzu, wie sich der Kalte Krieg heute museal darstellen und verständlich machen lässt. Welche Orte und Objekte, Ereignisse und Entwicklungen, Atmosphären und Antagonismen waren für den Kalten Krieg charakteristisch? Diese Frage stellt sich besonders mit Blick auf die Berliner Stadtlandschaft. Während Berlin vor nicht allzu langer Zeit ein zentraler Schauplatz des globalen Systemkonflikts war, sind die Überreste des Kalten Krieges dort inzwischen nur noch punktuell sichtbar und erklären sich nicht von selbst. Vor diesem Hintergrund eröffnen wir im vorliegenden Heft eine Debatte über Möglichkeiten und Probleme einer Musealisierung des Kalten Krieges. Dieser Teil wird anschaulich ergänzt durch einen Rezensionsessay von Muriel Blaive über die Ausstellung „Cold War Modern. Design 1945–1970“, die kürzlich in London zu sehen war und im Herbst 2009 in Vilnius gezeigt wird. Am Beispiel von Designobjekten aus Ost und West hat die Ausstellung Gemeinsamkeiten und Unterschiede, Abgrenzungen und Verflechtungen auf hohem Reflexionsniveau vorgeführt, wirft laut Blaive jedoch die kritische Frage auf, ob der im Westen etablierte Begriff „Kalter Krieg“ für Osteuropa eine sinnvolle Analysekategorie sein kann. Ebenfalls mit Konfliktlinien des Kalten Krieges, nun aber aus ideengeschichtlicher Perspektive, beschäftigt sich Riccardo Bavaj in einem Artikel der Rubrik „Neu gelesen“: Er stellt Raymond Arons Werk „L’opium des intellectuels“ aus dem Jahr 1955 vor, mit dem sich der französische Soziologe gegen Mythen und Ideologien der (marxistischen) Linken im Westen wandte. Arons liberale Gegenpositionen namentlich zu Sartre wirken heute zwiespältig - sie changierten zwischen klugen Beobachtungen und irritierenden Verallgemeinerungen, zwischen wissenschaftlicher Analyse und politischer Polemik. Gerade dadurch werden sie aber als intellektuelles Erbe des Kalten Krieges kenntlich.
 
Im Aufsatzteil dieses Hefts finden sich neben Jens Giesekes Beitrag zur DDR-Geschichte zwei Texte zur Erinnerungsgeschichte der Bundesrepublik. Sie bieten sich für eine parallele Lektüre an, weil sie beide die mittleren 1960er-Jahre beleuchten und damit auf die Koinzidenz scheinbar unverbundener Ereignisse und Debatten hinweisen. Birgit Schwelling rekonstruiert die Geschichte der „Friedland-Gedächtnisstätte“. Dieses „Kriegsfolgendenkmal“ unweit der innerdeutschen Grenze, zunächst von Bundeskanzler Adenauer angeregt und 1966/67 dann vom Verband der Heimkehrer realisiert, erinnerte an deutsche Kriegsgefangene, Flüchtlinge und Vertriebene; durch seine Größe und Gestaltung hatte es einen zentralen Anspruch. Zwischen partikularen Verbandsinteressen und universalem Mahnen schwankend, ließ es Schwelling zufolge ein durchaus zeittypisches „unkonkretes Sprechen“ erkennen. Allerdings hatte diese Form des Erinnerns bei der Einweihung 1967 ihren Zenit schon überschritten, so dass die „Friedland-Gedächtnisstätte“ rasch an Bekanntheit einbüßte. Die Verfolgung und Ermordung der Juden während der NS-Zeit fand nun allmählich wachsende Aufmerksamkeit, war in der politischen Kultur der Bundesrepublik aber noch keineswegs selbstverständlich. Gerd Kühling schildert die vergeblichen Versuche Joseph Wulfs, im ehemaligen Haus der Wannsee-Konferenz ein Gedenk- und Forschungszentrum zu etablieren, und geht dabei besonders auf Wulfs Konflikt mit dem Berliner Propst Heinrich Grüber ein, der dieses Vorhaben ablehnte. Aufgezeigt werden die problematischen Argumentationen und tiefen persönlichen Verwerfungen der damaligen Debatte. Die Aufsätze von Kühling und Schwelling verbindet indes ein allgemeinerer Befund: Die Geschichte der bundesdeutschen Erinnerungspolitik und Gedenkkultur war über Jahrzehnte - und gerade Mitte der 1960er-Jahre - gekennzeichnet von einer „anhaltenden Grundspannung“, einer „Suchbewegung“, die sich als „institutionalisierte Ambivalenz“ einer Gesellschaft im Nachkrieg fassen lässt.1
 
Ein weiterer Beitrag zur Geschichte der Bundesrepublik, nun in der Rubrik „Quellen“, setzt sich mit den 2007 (wieder)entdeckten Tondokumenten des Stuttgarter Stammheim-Prozesses der Jahre 1975-1977 auseinander.2 Während der Prozessverlauf als solcher durch das Wortlautprotokoll bereits länger bekannt war, bieten die Tonbänder einen spezifisch akustischen Mehrwert, wie Gisela Diewald-Kerkmann erläutert: Die Stimmen der angeklagten RAF-Mitglieder und der übrigen Akteure gewähren einen teilweise neuartigen Einblick in das Prozessgeschehen. Der in mehreren Spielfilmen popularisierte Eindruck, die Terroristen seien vor Gericht stets hysterisch aufgetreten, muss korrigiert werden. In quellenkritischer Hinsicht wird indes auch deutlich, dass für die medienspezifische Interpretation von Tondokumenten noch kein hinreichendes zeithistorisches Instrumentarium vorliegt. Weiter fortgeschritten ist inzwischen der Umgang mit visuellen Quellen. Oft richtet sich die Aufmerksamkeit hier jedoch auf herausragende „Ikonen“, während eher unspektakuläre Massenquellen weniger beachtet werden. Verdienstvoll ist daher eine DVD-Edition von rund 22.000 Reklame-Sammelbildern mit historischen Themen aus den Jahren 1870-1970, die Sandra Schürmann kritisch vorstellt. Die Edition macht es zum Beispiel möglich, epochenübergreifend nach bestimmten Motiven, ihrer Verbreitung und ihren Modifikationen zu suchen. Besonders interessant ist hier die Frage, wie Texte und Bilder der Sammelalben interagierten - ob sie sich gegenseitig verstärkten, ergänzten oder stellenweise vielleicht auch widersprachen. In derartigen Aspekten lässt die Edition noch etwas zu wünschen übrig; wichtiger ist aber die Tatsache, dass überhaupt einmal versucht wird, für visuelle Quellen zeithistorisch fundierte Editionspraktiken zu entwickeln. Dies sollte fortgesetzt und ausgebaut werden.

Die Redaktion 

Anmerkungen: 

1 Klaus Naumann, Institutionalisierte Ambivalenz. Deutsche Erinnerungspolitik und Gedenkkultur nach 1945, in: Mittelweg 36 13 (2004) H. 2, S. 64-75, Zitate S. 67, S. 70.

2 Dies führt einen Themenschwerpunkt bei „Zeitgeschichte-online“ fort: Die RAF als Geschichte und Gegenwart. Texte und Materialien zum „Deutschen Herbst“ und seinen Folgen, hg. von Jan-Holger Kirsch und Annette Vowinckel, online unter URL: <http://www.zeitgeschichte-online.de/md=RAF-Geschichte-Inhalt>. 

  
In this issue

Notes
 

A good two decades after the fall of the Berlin Wall and the end of the GDR, we are still - or again - confronted with questions surrounding the functioning mechanisms of the SED’s rule, how it produced cohesion and where there was potential for conflicts. Jens Gieseke explores these questions on the basis of reports on the public mood the Ministry for State Security (MfS) compiled for the SED leadership in the 1960s and 1970s. He discusses the value of these reports as primary sources and traces recurring themes, such as people’s complaints about the consumption situation and their hopes for a loosening of the travel restrictions between the two German states. However, it would be overly simplifying to detect the first heralds of the system change of 1989/90 in these accounts of the public mood. Gieseke rather discerns a contradiction immanent to the system: On the one hand, the SED commissioned reports on the public mood in the country; on the other, it responded with an increasing ‘perception resistance’ to these observations. Axel Doßmann’s contribution both complements and contrasts Gieseke’s article. In the section ‘rediscovered classics’, he introduces a book comprising both text and photographs by the two journalists Marlies Menge and Rudi Meisel, who travelled throughout the GDR in the late 1970s in order to gain an impression of ‘everyday life’ there. However, the authors do not appear to have developed any feel for the functioning of political power in the ‘other’ Germany. Instead, the book reveals a sentimental viewpoint. Menge and Meisel describe the GDR as a chronotope with an entirely different life rhythm, but tend to neglect actual experiences and prevailing contradictions.

As we know, German-German history was part of the larger, global constellation of the Cold War, which according to widespread understanding also came to an end in 1989/90. In the context of scholarly research on this era, which has already yielded - and continues to yield - important findings, the historical-cultural question of how the Cold War can best be portrayed and conveyed in museums is currently gaining in significance. Which places and objects, events and developments, atmospheres and antagonism were characteristic of the Cold War? This question is relevant especially with regard to the urban landscape of Berlin. While until recently Berlin was a central arena in which the global system competition was carried out, today the remnants of the Cold War have become scarce and are no longer self-explanatory. Before this backdrop, we want to initiate a debate on the possibilities and problems surrounding the musealization of the Cold War. In this sense, Muriel Blaive’s enlightening critique of the exhibit ‘Cold War Modern. Design 1945–1970’, which was recently shown in London and will open again in fall 2009 in Vilnius, supplements the debate section of this issue. In its display of design objects from both sides of the Iron Curtain, the exhibit reveals similarities and differences, dissociations and the intertwining between the two blocs, and reflects these aspects on a high theoretical level. However, Blaive poses the critical question whether or not the concept ‘Cold War’, which is quite established in the West, is really a meaningful category in analyzing the Eastern European experience. Riccardo Bavaj also addresses conflicts from the Cold War era, but in his case from the perspective of the history of ideas. In his article for the section ‘rediscovered classics’, he introduces Raymond Aron’s work L’opium des intellectuels from 1955, in which the French sociologist challenges the myths and ideologies of the Western (Marxist) Left. Aron’s liberal counter-position specifically to Sartre today appears ambivalent - it vacillates between cunning observations and irritating generalizations, between scholarly analysis and political polemics. However, precisely these attributes identify his writing as an intellectual legacy of the Cold War.

Besides Jens Gieseke’s contribution on the history of the GDR, the article section contains two explorations of the history of remembrance in the FRG. These two texts make for interesting parallel reading as they both deal with the mid 1960s and thus reveal the coincidence between seemingly unconnected debates and events. Birgit Schwelling reconstructs the history of the ‘Friedland memorial’. The idea for this memorial to the ‘aftermaths of war’ goes back to Chancellor Konrad Adenauer and was eventually erected close to the inner-German border by the Verband der Heimkehrer (Association of Returnees) in 1966/67. It commemorates the German prisoners of war, refugees and expellees. Its shear dimensions and design underline its ambition towards central representation. Oscillating between the particularistic interests of the said association and universal commemoration - Schwelling argues - it had an ‘un-concrete message’, which was in many ways typical of the time. Nonetheless, this form of remembrance had already crossed its zenith at the memorial’s inauguration in 1967, and hence the ‘Friedland memorial’ soon declined in significance. The persecution and extermination of the Jews during the Nazi era now increasingly became the focus of attention, although at this point in time this was certainly not yet a matter of course in the political culture of the Federal Republic. Gerd Kühling describes Joseph Wulf’s futile attempts to establish a memorial and research centre at the former House of the Wannsee Conference in Berlin. He particularly focuses on Wulf’s conflict with the provost Heinrich Grüber, who disapproved of this endeavour. The author maps out the problematic lines of argumentation and deep personal divisions of the debate at the time. Kühling and Schwelling moreover both come to a more general conclusion: For decades, and especially in the mid 1960s, memory and commemoration politics as well as remembrance culture in the Federal Republic were marked by a ‘persistent basic tension’, a ‘search movement’, which can also be understood as this society’s ‘institutionalized ambivalence’ in the post-war era.1

Another contribution on the history of the Federal Republic, this time in the section ‘Sources’, addresses the audio-documents of the Stuttgart Stammheim trial conducted between 1975 and 1977 that were (re)discovered in 2007.2 While the course of the trial has long been known through the protocol of the proceedings, these audio-documents provide a specific acoustic added value, as Gisela Diewald-Kerkmann elucidates: The voices of the accused RAF-terrorists and the other participants in the trial provide important new insights into the proceedings. The impression popularized through various films that the tried individuals always behaved hysterically in court must be revised. As far as a critical approach towards primary sources is concerned, this case also demonstrates that contemporary history has not yet developed sufficient instruments for the interpretation of audio-documents as a specific medium. The tools for assessing visual media are certainly better developed. Oftentimes, however, research in this field solely focuses on prominent ‘icons’, while less spectacular mass sources are largely neglected. A DVD-edition of approximately 22,000 collectable advertisement images with historical themes from 1870 to 1970, which Sandra Schürmann critically assesses in this issue, redeems this lack to some degree. For example, this edition makes it possible to search for certain motives, their circulation and modifications over time. Particularly interesting in this context is the question of how texts and images interact in these albums - if they amplified, complemented or in some cases even contradicted one another. Although the edition leaves much to be desired in this respect, it is nevertheless important to appreciate its attempt at developing systematic compilation practices for visual sources in the field of contemporary history per se. This endeavour should be expanded and elaborated.

The Editors
(translation: Eva Schissler)

Notes: 

1 Klaus Naumann, Institutionalisierte Ambivalenz. Deutsche Erinnerungspolitik und Gedenkkultur nach 1945, in: Mittelweg 36 13 (2004) Issue 2, pp. 64-75, quotes on p. 67 and p. 70.

2 This elaborates on a point of focus from ‘Zeitgeschichte-online’: Die RAF als Geschichte und Gegenwart. Texte und Materialien zum ‘Deutschen Herbst’ und seinen Folgen, ed. Jan-Holger Kirsch and Annette Vowinckel, online under URL: <http://www.zeitgeschichte-online.de/md=RAF-Geschichte-Inhalt>.