Editorial - 1/2014: Offenes Heft

Zu diesem Heft

Anmerkungen

Die vorliegende Ausgabe hat länger auf sich warten lassen als geplant. Nun freuen wir uns, die Druckfassung und die Website der »Zeithistorischen Forschungen« in neuer Gestalt präsentieren zu können! Bei der Aufbereitung der Inhalte wurde eine ganze Menge verbessert (auch viele Details, die erst beim genaueren Hinsehen auffallen). Bekanntes und Bewährtes wurde beibehalten, aber alles auf eine neue technische Basis gestellt. Nach zehn Jahrgängen – ein kleines Jubiläum, das wir im Mai 2014 zusammen mit vielen Autorinnen und Autoren feiern konnten[1] – war es an der Zeit, das Erscheinungsbild der »Zeithistorischen Forschungen« etwas aufzufrischen. Dabei sollten veränderte Gewohnheiten der wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Mediennutzung ebenso berücksichtigt werden wie die technischen und redaktionellen Anforderungen »im Hintergrund« – stets verbunden mit dem Anspruch, nicht nur eine gute, sondern zugleich eine schöne Zeitschrift zu machen. Sehr zu danken ist den Agenturen »ultramarinrot« (für die Druckausgabe) und »reinblau« (für die Website), die uns in produktiver Zusammenarbeit beraten und begleitet haben. Wie immer bei derartigen »Systemwechseln« gibt es zum Start noch diverse Kleinigkeiten, die nachgebessert werden müssen; dafür bitten wir erneut um etwas Geduld und ggf. um Hinweise auf Unstimmigkeiten, die uns vielleicht entgangen sind. Auch auf alle sonstigen Kommentare zur Neugestaltung sind wir gespannt.

In der Geschichtswissenschaft und der Geschichtskultur gibt es derzeit ein klar dominierendes Thema: Der Erste Weltkrieg, seine Ursachen und seine Folgen sind zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns so präsent wie selten zuvor. Man hätte vermuten können, dass dieser Ereigniskomplex zumindest für die Zeitgeschichte an Bedeutung verlieren würde, nachdem mittlerweile kein einziger Veteran des Ersten Weltkriegs mehr am Leben ist (die mutmaßlich letzten Beteiligten sind 2011/12 verstorben). Aber der Sog des runden Jahrestags, bestimmte Gegenwartsfragen der Weltordnung (etwa im Kontext des Ukraine-Konflikts), ein auch innerwissenschaftlich durchaus neuer Blick auf die globalen Dimensionen des »Großen Kriegs« sowie nicht zuletzt neue Dokumentationsmöglichkeiten im Internet[2] haben dem Ersten Weltkrieg eine so breite öffentliche Aufmerksamkeit verschafft, dass auch die zeithistorische Forschung daran nicht vorbeigehen kann.

War schon im November 2013 von einem bevorstehenden »Gedenkjahr der Superlative« die Rede, bei dessen Vorbereitung die deutsche Politik »getrödelt« habe,[3] so sollte die Zeitgeschichte als Wissenschaft freilich nicht einfach auf den fahrenden Zug aufspringen. Insbesondere die Tendenz zu einem vereinheitlichenden, vordergründig pädagogisch motivierten Gesamt-Gedenken an 1914, 1939 und 1989 gilt es auch kritisch zu betrachten.[4] »Das läuft derzeit wie ein Uhrwerk, das nicht mehr zu stoppen ist«, schrieb kürzlich Jost Dülffer, und er knüpfte daran die naheliegende Frage: »Warum das Ganze?«[5] Auf der Suche nach Antworten kann man die Logik runder Jahrestage und das Verhalten der Historiker/innen dabei näher reflektieren.[6] Ein anderer lohnender Weg ist es, gängigen Metanarrativen wie der Deutung des Ersten Weltkriegs als »(Ur-)Katastrophe« auf den Grund zu gehen.[7]

In diesem »offenen« Heft haben wir uns – neben diversen anderen Themen – für einen doppelten Zugriff auf die Geschichte und Gegenwärtigkeit des Ersten Weltkriegs entschieden: Werner Suppanz hat einen »Visual Essay« zusammengestellt, in dem verschiedene Formen des Umgangs mit diesem Krieg aus unterschiedlichen Ländern und Zeitabschnitten kontrastiert sind. Hier stehen bewusst die Bilder im Vordergrund, ihre Mehrdeutigkeit und die mit ihnen verbundene Irritation. Damit soll keineswegs gesagt sein, dass Bilder »für sich sprechen«; sie erfordern vielmehr die Kontextualisierung und Historisierung. Die neue Rubrik »Visual Essay« ist ein Experimentierfeld, das wir in künftigen Heften gelegentlich fortführen möchten und für das wir uns über Vorschläge besonders freuen würden. Einen zweiten Zugang zur säkularen Bedeutung des Ersten Weltkriegs bietet ein Roundtable-Gespräch, für das wir mit Santanu Das, Gerhard Hirschfeld, Heather Jones, Jennifer Keene, Boris Kolonitskii und Jay Winter renommierte Historiker/innen unterschiedlicher Altersgruppen und Herkunftsländer gewinnen konnten. Der intensive internationale Austausch in der Weltkriegsforschung ist heute weitgehend selbstverständlich; man vergisst leicht, dass dies lange Zeit ganz anders war.

Die Redaktion


Anmerkungen:

[3] Klaus Wiegrefe, Gauck muss das Super-Gedenkjahr retten, in: Spiegel online, 9.11.2013, URL: <http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gauck-bundespraesident-rettet-super-gedenkjahr-a-932405.html>.

[4] Moritz Schuller, Rückkehr der Erinnerung, in: Tagesspiegel, 16.1.2014, S. 6.

[5] Jost Dülffer, Die geplante Erinnerung. Der Historikerboom um den Ersten Weltkrieg, in: Osteuropa 64 (2014) H. 2-4, S. 351-367, hier S. 351.

[6] Vgl. das Forum: Anniversaries, in: German History 32 (2014), S. 79-100, oder auch Marko Demantowsky, Vom Jubiläum zur Jubiläumitis, in: Public History Weekly, 27.3.2014, URL: <http://public-history-weekly.oldenbourg-verlag.de/2-2014-11/vom-jubilaeum-zur-jubilaeumitis/>.

[7] Oliver Jahraus/Christian Kirchmeier, Der Erste Weltkrieg als »Katastrophe«. Herkunft, Bedeutungen und Funktionen einer problematischen Metapher, in: Literaturkritik Nr. 2/2014, URL: <http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=18875>.

 

In this issue

Notes

The present issue took a bit longer to appear than it was initially planned. Now we are very happy to introduce the print and online edition of the ›Studies in Contemporary History‹ in their new layouts! We have improved the presentation of our contents in various ways (including some details that may only become apparent upon closer scrutiny). Many familiar and established features have been retained, but everything is now supported by a new technical basis. After ten years – an anniversary we celebrated in May 2014 with many of our contributors[1] – the time was ripe to rework the appearance of the ›Studies in Contemporary History‹. Our aim is to account for changing habits in the use of media inside and outside the academic community and to accommodate new technical and editorial demands ›behind the scenes‹. At the same time, we are guided by the desire to create not only a good, but also an attractive journal. We are very much indebted to the agencies ›ultramarinrot‹ (for the print edition) and ›reinblau‹ (for the online edition). Throughout our productive cooperation, their advice and guidance was invaluable. As is always the case with a ›system change‹ such as this, there are some minor difficulties that have to be resolved down the road. Again, we ask for your patience and also for suggestions that might help improve aspects we have overlooked. Any comments on the new design that you wish to offer are very welcome.

Currently there is one topic that dominates historical research and culture. In the one hundred year anniversary of its outbreak, World War I, its causes and its aftermath are as present in public and academic discourse as seldom before. One might have assumed that, at least for contemporary history, this set of events has lost its topicality with the deaths of the last remaining World War I veterans (the presumably last participants died in 2011/12). But the irresistible pull of the centenary, questions regarding today’s world order ( e.g. the conflict in Ukraine), new research perspectives on the global dimensions of the ›Great War‹ and, last but not least, the new documentation possibilities the internet offers[2] have created such broad public interest in World War I that contemporary historians cannot ignore it.

Already in November 2013, there was much talk of the coming ›superlative commemoration year‹, the preparation of which German politicians had purportedly ›idled away‹.[3] Nevertheless, contemporary history as an academic discipline should certainly not simply jump on the bandwagon. Particularly the tendency towards a homogenising and on the surface educationally motivated commemoration of the years 1914, 1939 and 1989 should be critically questioned.[4] ›An unstoppable machinery has been set in motion‹, Jost Dülffer recently wrote, and he raises a question that stands to reason: ›What is the purpose of it all?‹[5] In the search for answers, one might reflect on the logic of these sorts of anniversaries and on the behaviour of historians facing them.[6] Moreover, it is worthwhile, for example, to question the widespread metanarrative interpreting World War I as the ›(great) seminal catastrophe‹.[7]

Besides addressing various other topics, we decided to take a double perspective on the history and presence of World War I in this ›open‹ issue. Werner Suppanz has compiled a ›Visual Essay‹ contrasting the various ways in which different countries have dealt with this war at different times. The essay deliberately places the focus on images, including their ambivalence and the irritation they can induce. This by no means suggests that images ›speak for themselves‹; rather, they require contextualisation and historicisation. The new section ›Visual Essay‹ is an experiment that we will occasionally feature in future issues. Here too, we welcome any ideas and suggestions our readers might like to contribute. A second perspective on the secular connotation of World War I is offered in the Roundtable Conversation, for which we have been able to engage renowned historians of different ages and from different countries: Santanu Das, Gerhard Hirschfeld, Heather Jones, Jennifer Keene, Boris Kolonitskii and Jay Winter. Lively international exchange in the research on the two world wars has become common practice today. We easily forget that, for long stretches of time, this was not so.

The Editors

(translation: Eva Schissler)


Notes:

[3] Klaus Wiegrefe, Gauck muss das Super-Gedenkjahr retten, in: Spiegel online, 9 November 2013, URL: <http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gauck-bundespraesident-rettet-super-gedenkjahr-a-932405.html>.

[4] Moritz Schuller, Rückkehr der Erinnerung, in: Tagesspiegel, 16 January 2014, p. 6.

[5] Jost Dülffer, Die geplante Erinnerung. Der Historikerboom um den Ersten Weltkrieg, in: Osteuropa 64 (2014) issue 2-4, pp. 351-367, here p. 351.

[6] Cf. the forum: Anniversaries, in: German History 32 (2014), pp. 79-100, or Marko Demantowsky, From Anniversary to Anniversaryitis, in: Public History Weekly, 27 March 2014, URL: <http://public-history-weekly.oldenbourg-verlag.de/2-2014-11/vom-jubilaeum-zur-jubilaeumitis/>.

[7] Oliver Jahraus/Christian Kirchmeier, Der Erste Weltkrieg als ›Katastrophe‹. Herkunft, Bedeutungen und Funktionen einer problematischen Metapher, in: Literaturkritik Nr. 2/2014, URL: <http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=18875>.