Abstract

Jens Gieseke

Wie lässt sich soziale Ungleichheit in staatssozialistischen Gesellschaften konzeptionell fassen? Der Beitrag stützt sich auf neuere Ungleichheitskonzepte der Soziologie und führt die Debatte um das Verhältnis von Sozial- und Geschichtswissenschaften fort – im Hinblick auf aktuelle Fragen einer Gesellschaftsgeschichte der kommunistischen Diktaturen. Diskutiert werden die gewollten und ungewollten Verteilungen sozialer Vor- und Nachteile, die innergesellschaftlichen Diskurse über „Privilegien“ und „arbeiterlichen Egalitarismus“ sowie die sozialen Dynamiken im Vorfeld der Systemtransformationen Ende der 1980er-Jahre. Besonders am Beispiel der DDR zeigt der Aufsatz die „intersektionale“ Verteilung von Armut und Reichtum nach Einkommen, bürokratischen Mechanismen und Effekten des „grauen“ Marktes. Eine weiterführende These lautet: Es gab einen engen Zusammenhang zwischen der sozialen Differenzierung im späten Staatssozialismus vor 1989/90 und der „Verungleichung“ danach.

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How can social inequality in state socialist societies be framed conceptually? The article discusses issues of writing the history of societies under communist dictatorship in view of recent sociological approaches and ties in with debates about the relationship between the social sciences and historiography. It traces intended and unintended patterns of social advantages and disadvantages, discourses on ‘privileges’ and ‘proletarian egalitarianism’ as well as social dynamics in the run-up to the system transformations at the end of the 1980s. With a special emphasis on the case of East Germany, the article highlights the ‘intersectional’ distribution of poverty and wealth in terms of monetary income, mechanisms of bureaucratic allotments and ‘grey market’ effects. It argues that the roots of postcommunist inequalities after 1989/90 are to be found in social differentiations that evolved in late state socialism.