Abstract

Detlef Siegfried

Die 1960er-Jahre hatten einen ebenso neuartigen wie vielstimmigen Sound, und musikalische Klänge stellten eine wichtige Triebkraft des Wandels um 1968 dar. Weitgehend ungeklärt ist bisher, wie sich Klang und Revolte zueinander verhielten. Der Aufsatz untersucht die Bedeutung elektroakustisch verstärkter Musik in der Bundesrepublik um 1968 in drei Schritten: Erstens wird der Kampf der Beat- und Rockmusik um gesellschaftliche Anerkennung beschrieben, wobei der Streit um die steuerrechtliche Einstufung von Konzerten besonders aufschlussreich ist. Zweitens wird die Bedeutung des technisch verstärkten Klangs für die Entstehung einer jugendlichen Massenkultur dargestellt, drittens das Verhältnis von Klang und Text analysiert. Dem antikapitalistischen Zeitgeist entsprechend wurden politische Positionen gelegentlich auch in den Texten formuliert. Doch das rebellische Potenzial der Rockmusik wurde nicht primär in politisch expliziten Aussagen gesehen, sondern im Sound, der als „authentisches“ Kommunikationsmedium zwischen Bands und Publikum galt.
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The 1960s are characterised by a novel and multifaceted ‘sound’. Musical sounds were a key driving force behind the changes taking place around 1968. However, the relation between sound and revolt has been given little attention until now. This article examines the relevance of electrically amplified music in West Germany around 1968 in three steps. First, it looks at the struggle of beat and rock music for societal acceptance, where controversy over the tax laws governing concerts is particularly enlightening. Second, it examines the relevance of amplified music for the development of a youth mass culture. Third, it explores the relation between lyrics and sound. In line with the anticapitalist spirit of the time, political positions were sometimes articulated in lyrics. However, the rebellious potential of rock music was not primarily located in explicit political statements, but rather in sound – which was considered to be an ‘authentic’ medium between bands and audiences.