Abstract

Malte Thießen

Impfungen sind ein Traum der Moderne: Sie versprechen den Schutz ganzer Gesellschaften. In den beiden deutschen Staaten wurde dieser Schutz mit unterschiedlichen Methoden vorangetrieben – das Mobilisieren von Ängsten, Appelle an die Sorge um das Gemeinwohl oder die Durchsetzung von Impfpflichten sollten die Gesundheit des Einzelnen und den „Herdenschutz“ der Gesellschaft sichern. Der Aufsatz erkundet die deutsch-deutsche Geschichte des Impfens von den 1950er-Jahren bis 1989/90. Im Fokus stehen Aushandlungen von Risiko- und Sicherheitsvorstellungen, Versuche eines „Emotion Management“ sowie Debatten über das Verhältnis zwischen staatlicher Interventionsmacht und staatsbürgerlicher „Mündigkeit“. Anhand der Konflikte zwischen der Bundesrepublik und der DDR wird zudem gezeigt, dass der Wettlauf um die bessere Immunisierung ein Kampf um die bessere soziale Ordnung war. Andererseits wird belegt, dass es auf dem Gebiet der Impfpolitik gerade in den 1980er-Jahren eine wachsende Tendenz zur deutsch-deutschen und internationalen Kooperation gab.
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Vaccinations count among the great dreams of modernity. They promise the protection of entire societies. In both German states, this protection was pushed with different methods – mobilizing fears, appealing to concerns about the common good or enforcing compulsory vaccination were supposed to secure individual as well as public health. The article investigates the history of vaccination in both German states between the 1950s and 1989/90. It focuses on negotiations of risk and safety, attempts at ‘emotion management’ to promote prevention and debates about the relationship between state intervention and civic ‘maturity’. With reference to broader conflicts between the GDR and the FRG, it is also shown that the race for better immunisation was a competition between East and West for the better social state. On the other hand, vaccination politics had increasingly become a field of inner-German and international cooperation by the 1980s.