Abstract

Marcus Böick

Nach 1989 feierten Kommentatoren den finalen Triumph des kapitalistischen Marktes über seinen letzten Widersacher, den sozialistischen Plan. Aber die krisenhaften Wirtschaftsumbauten in der ehemaligen DDR und in Ost(mittel)europa standen noch bevor. Was meinten Ökonomen, Wirtschaftspolitiker oder Manager dieser Umbauprozesse eigentlich, wenn sie von Märkten sprachen? Der Beitrag richtet den Blick auf Vorstellungen im Kontext der 1990 gegründeten Treuhandanstalt und fokussiert Akteure, die in der Rückschau oft als marktgläubige »Exekutoren« des westlichen »Neoliberalismus« auf einem östlichen »Experimentierfeld« kritisiert werden. Deren Marktkonzeptionen fielen keineswegs einheitlich aus; sie konnten einen idealen Endzustand oder aber einen radikalen Prozess meinen. Auch der Glaube an die Gestaltbarkeit von Marktmechanismen erwies sich als wechselhaft. Eine Analyse zeitgenössischer Experteninterviews, die 1992/93 im Auftrag der Treuhand geführt wurden und jetzt wiederentdeckt werden konnten, offenbart schließlich ein breites Spektrum an individuellen Marktdeutungen aus der Alltagspraxis der ostdeutschen Transformation.

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›That's the Free Market After All!‹ Conceptions of the Market and the Economic Reconstruction of Eastern Germany after 1989

After 1989, commentators heralded the ultimate triumph of the capitalist market over its last major opponent, the socialist plan. However, crisis-ridden economic transformations in the former GDR and Eastern (Central) Europe were still to come. What did economists, politicians and the managers of these processes mean when they spoke about the introduction of markets? This paper focuses on conceptions of markets in the context of the German Treuhandanstalt (Trust Agency, founded in 1990) and analyzes a group of historical actors that are traditionally criticized as ›executors‹ of Western ›neoliberalism‹ on an ›experimental ground‹ in Eastern Europe. Their concepts and understanding of markets were not homogeneous; some of them conceived markets as an idealized final state, while others viewed marketization as a radical, destructive process. A closer analysis of contemporary Treuhand expert interviews, which were commissioned by the Treuhand in 1992/93 and recently rediscovered, reveals a broad spectrum of individual conceptions of markets within the practices of daily life during Eastern Germany’s transformation.

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