spacer
Menu-Seegers-2-2004

 

Link zum Abstract

Link zum Inhaltsverzeichnis Ausgabe 2004 Heft 2

 

spacer

Lu Seegers

Fernsehstars und „freie Liebe“
Zur Karriere der Programmzeitschrift
„HÖR ZU“ (1965–1974)

Gliederung:

1. Zur Vorgeschichte (1946–1964)
2. Generationenwechsel mit Hans Bluhm
3. Fernsehstars als Multiplikatoren für neue Wertvorstellungen in Ehe und Familie
4. Innehalten in der Reform-Zeit
5. Fazit
Anmerkungen Angaben zur Autorin Zitierempfehlung  
Text:

 

Bis vor kurzem führte die Mediengeschichte innerhalb der Zeitgeschichte nur ein Nischendasein. Dies lag zum einen an der traditionellen Reserviertheit der Historiker und Historikerinnen gegenüber den Massenmedien und zum anderen an der Mediengeschichtsschreibung selbst, die sich lange Zeit vorrangig als Institutionengeschichte verstand oder auf eine sehr eng gefasste politische Dimension medialer Inszenierung fixiert war. Erst seit einigen Jahren setzt sich die Erkenntnis durch, dass Medien die Verständigungsprozesse von Gesellschaften des 20. Jahrhunderts in erheblichem Maße mitprägen.1 Eine wichtige, bislang noch viel zu wenig beachtete Rolle spielen dabei die auflagenstarken Publikumszeitschriften mit ihren vielfältigen Unterhaltungs-, Service- und Orientierungsfunktionen, die in ihrer gesellschaftlichen Resonanz hochkulturelle Medienprodukte weit übertreffen.2 Für eine Millionenleserschaft von Woche zu Woche konzipiert, verweisen sie auf populäre gesellschafts- und geschlechterbezogene Leitbilder sowie auf vorherrschende öffentliche Konsensvorstellungen und Sagbarkeitsregeln in einer Gesellschaft.

 

Rundfunkzeitschriften bilden eine wichtige und vielseitige Quelle für die Gesellschafts- und Kulturgeschichte. Ihre Analyse ist besonders interessant, da sie in einem direkten Verbund mit den Massenmedien Radio und Fernsehen stehen und diese zugleich begleiten und kommentieren.3 Doch sind die Rundfunkzeitschriften nicht nur in ihrer Funktion als Bindeglieder zwischen Medien und Öffentlichkeit bedeutsam. Sie stellen zudem einen wichtigen Fundus dar, um den kulturellen Wandel zu untersuchen. In ihren redaktionellen Teilen präsentieren sie familienbezogene Leitbilder und Wertvorstellungen für den Alltag, die aufgrund der hohen Auflage als Indikatoren gesellschaftlicher Orientierungen gewertet werden können.

 

 


 
HÖR ZU Nr. 35/1971

HÖR ZU Nr. 35/1971
 
 

 

Mit der Rundfunkprogrammzeitschrift „HÖR ZU“ verbindet sich die Erinnerung an den in ökonomischer Hinsicht wohl legendärsten Erfolg einer illustrierten Zeitschrift in der Bundesrepublik Deutschland. 1946 mit einer Auflage von 250.000 Exemplaren gestartet, sollte „HÖR ZU“ die finanzielle Grundlage für den Ausbau des Axel Springer Verlags zu einem Presseimperium darstellen. 1950 hatte die Programmzeitschrift bereits die Millionengrenze überschritten; 1962 wurde sie bei einer Auflage von 4,2 Millionen Exemplaren und einer wesentlich höheren Nutzungsrate von jedem dritten Bundesbürger gelesen. „HÖR ZU“ war damit nicht nur die größte Familienzeitschrift und wichtigste Vermittlungsinstanz von Radio und Fernsehen in der Bundesrepublik, sie war auch die auflagenstärkste Zeitschrift des europäischen Kontinents. Ihre höchste Auflage erzielte „HÖR ZU“ im Jahr 1969 unter dem neuen Chefredakteur, Hans Bluhm, mit durchschnittlich 4,3 Millionen Exemplaren.4


2

In diesem Aufsatz möchte ich untersuchen, ob und wie die Programmzeitschrift das Reformklima von Mitte der 1960er- bis Anfang der 1970er-Jahre medial verarbeitete. Das soll anhand von zwei ausgewählten Untersuchungsfeldern geschehen. Nach einer kurzen Einführung in die Vorgeschichte von „HÖR ZU“ zeige ich, wie die Zeitschrift unter der Chefredaktion von Hans Bluhm neuen gesellschaftlichen Entwicklungen angepasst wurde und welchen Spielraum sie als vordergründig apolitische Familienzeitschrift im Axel Springer Verlag besaß. Anhand der Berichterstattung über Fernsehstars und -prominente, die ab Mitte der 1960er-Jahre den Charakter der Programmzeitschrift maßgeblich prägte,5 soll untersucht werden, welche neuen Wert- und Denkmuster im Bereich von Ehe, Familie und privater Lebensführung postuliert wurden.

 

In der neueren Forschung zur Geschichte der Bundesrepublik wird die Zeit von den späten 1950er- bis zu den 1970er-Jahren als Phase eines dynamischen Wandels charakterisiert und mit Begriffen wie Modernisierung, Liberalisierung, Demokratisierung beschrieben.6 Der Zeitraum von 1965 bis 1973/74 wird hier gewählt, weil er zum einen die Chefredaktion von Hans Bluhm (1965-1974) und zum anderen die Kernphase der Reformdebatten umfasst, die 1966 mit der Großen Koalition begannen und 1973/74 - bedingt durch die Ölkrise, die damit einhergehende Wirtschaftsrezession sowie den Rücktritt Willy Brandts - an Vehemenz verloren.7




1. Zur Vorgeschichte (1946–1964)

 

 

HÖR ZU Nr. 25/1959

HÖR ZU Nr. 25/1959

 

 

 


Der beispiellose Aufstieg von „HÖR ZU“ in der Bundesrepublik hing einerseits mit guten Kontakten des jungen Verlegers Axel Springer zur britischen Besatzungsmacht zusammen, die der Programmzeitschrift nicht nur eine ungewöhnlich hohe Startauflage sicherten, sondern bis 1948 auch das Monopol auf den Programmabdruck.8 Zum anderen war der Erfolg dem Chefredakteur Eduard Rhein zu verdanken, der bereits seit den frühen 1930er-Jahren kontinuierlich bei den Programmzeitschriften des Ullstein- bzw. des Deutschen Verlags tätig gewesen war. Ausgestattet mit einer ähnlichen Mediensozialisation wie das Gros seiner Leserschaft und unter Rückgriff auf etablierte, in Einzelfällen auch schwer belastete Journalisten konturierte Rhein „HÖR ZU“ als vielfältige Service- und Ratgeberinstanz für den Alltag. In den 1950er-Jahren kam die Zeitschrift dem Bedarf eines verunsicherten Nachkriegs-Publikums nach Orientierung, Sicherheit, Ruhe und Geborgenheit in einer „heilen Welt“ entgegen.


3

Doch war das Konzept von „HÖR ZU“ nicht durchgängig konventionell-konservativ, sondern enthielt auch fortschrittlich-liberale Aspekte. Dies zeigte vor allem die Ratgeberrubrik „Fragen Sie Frau Irene“. Unter diesem Pseudonym beantwortete der liberale Publizist und Eheberater Walther von Hollander Anfragen von Lesern und besonders von Leserinnen, die neben Erziehungsproblemen vor allem Ehe- und Familienkonflikte im Alltag thematisierten. Die dort vermittelten geschlechtsbezogenen Leitbilder waren zu Anfang noch deutlich von naturmystischen Vorstellungen eines „ausgleichenden“ Wesens der Frau bestimmt, die nahezu allein für das Gelingen einer Ehe verantwortlich sei. Im Gegensatz zur christlich-konservativen Familienpolitik, die die Erwerbstätigkeit vor allem von verheirateten Müttern ablehnte, engagierte sich Hollander jedoch bereits in den frühen 1950er-Jahren dafür, der Berufsarbeit einen festen Platz im weiblichen Lebenslauf einzuräumen. Seit dem Ende des Jahrzehnts setzte sich in der Ratgeberrubrik die Doppelorientierung als Leitbild für Ehefrauen und Mütter durch.9 Die zunehmende soziale Absicherung und die Möglichkeit zur Berufstätigkeit trugen dazu bei, dass Frauen seit Beginn der 1960er-Jahre bei unüberwindbar erscheinenden Eheproblemen immer häufiger zur Scheidung geraten wurde. Ferner wurden vor dem Hintergrund einer entstehenden kommerzialisierten Jugendkultur im Rahmen der Ratgeberrubrik vielfältige Konflikte mit der Elterngeneration diskutiert. „Frau Irene“ unterstützte das neue generationsspezifische Bewusstsein, bekämpfte autoritär-reglementierende Erziehungsmethoden und sprach sich deutlich für einen flexibleren, auf mehr individuelle Autonomie gerichteten Umgang mit Jugendlichen aus - eine Position, die Ende der 1950er-Jahre auf immer breitere Zustimmung stieß. Damit griff die Rubrik einen sozialen, kulturellen und mentalen Wandel auf, der besonders in den 1960er-Jahren das gesellschaftliche Klima in der Bundesrepublik verändern sollte. Mehr noch: Das publizistische Forum trieb diesen Wandel selbst mit voran.

 

Der „HÖR ZU“ wurde in der zeitgenössischen Publizistik immer wieder vorgeworfen, dass sie vor allem auf das Gemüt des Volkes abziele, es zu beruhigen und seine Bedürfnisse zu befriedigen trachte. Doch genau darin lag die Auflagenstärke der Zeitschrift begründet. Sie wurde in allen Bevölkerungsgruppen gelesen und besaß im Alltag der Leserschaft einen hohen Stellenwert. Zu Beginn der 1960er-Jahre hatte Eduard Rhein die Zeitschrift zudem zu einem eigenen Medienverbund ausgebaut, der nicht nur erfolgreiche Fortsetzungsromane in Buchform vermarktete und verfilmen ließ, sondern mit dem ‚Redaktionsigel‘ „Mecki“ auch das erste Merchandisingprodukt der frühen Bundesrepublik anbot und ein eigenes „HÖR ZU“-Schallplattenlabel gründete. Durch die Mehrfachverwertungen im Buch-, Film- und Schallplattenformat gelang es nicht nur, erfolgreiche Produktmuster zu kreieren; der Erfolg der Zeitschrift war letztlich auch maßgebend für die Konzepte anderer Programmzeitschriften auf dem Markt.

 

So geschickt Eduard Rhein den „HÖR ZU“-eigenen Medienverbund aufbaute, so heftig bekämpfte er vergleichbare Tendenzen in den Rundfunkmedien. Zeitweise nutzten Chefredakteur und Verleger ihre publizistische und ökonomische Macht, um gegen vermeintliche Korruption und kommerzielle Werbung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk anzugehen. Stets inszenierte sich „HÖR ZU“ dabei populistisch als „Anwalt der Hörer“, obgleich die Kampagnen vornehmlich den Unternehmensinteressen des Axel Springer Verlags oder dem mit der Schallplattenindustrie verbundenen Chefredakteur Rhein dienten. Diese Haltung prägte auch die Berichterstattung über das Fernsehen, nachdem Anfang der 1950er-Jahre Bestrebungen der Rundfunkanstalten öffentlich geworden waren, das neue Medium teilweise aus den Einnahmen von Werbesendungen zu finanzieren. Schließlich setzte sich Rhein mehr oder weniger explizit sogar für das privatwirtschaftlich organisierte Projekt des „Adenauer-Fernsehens“ ein.10


4

Angesichts einer Baisse ab 1962/63, in der die Auflage trotz der Einführung des ZDF innerhalb weniger Monate um fast eine halbe Million Exemplare sank,11 wurde immer offensichtlicher, dass es Rhein nicht mehr gelang, neue soziokulturelle Bewegungen und plurale Lebensstile, wie sie in der kommerzialisierten Jugendkultur sichtbar wurden, in die redaktionelle Gestaltung von „HÖR ZU“ zu integrieren. In der Bundesrepublik war ein Wertewandel in Gang gekommen, der tendenziell als „Verlagerung vom Pflichtgefühl zum Selbstentfaltungsstreben“ zu kennzeichnen ist.12 Rhein (geb. 1900) blieb jedoch dem geistigen Klima der 1950er-Jahre verhaftet und definierte sich weiterhin als eine patriarchale Figur, die die Leserschaft behutsam belehrte und durch die „Klippen“ des Alltags führte. Mit Ausnahme der Ratgeberrubrik „Fragen Sie Frau Irene“, die Walther von Hollander selbstständig verantwortete, wirkte die Zeitschrift zunehmend altbacken und las sich wie eine Umsetzung des Wahlmottos der CDU von 1957: „Keine Experimente!“ Rheins autoritärer redaktioneller Führungsstil und seine Strategie, die Diskussion mit jüngeren Medienfachleuten zu meiden, erwies sich als ein Nachteil, der zunehmend in eine Isolation führte. Rheins Karriere bei Springer endete daher Ende 1964. Mit Hans Bluhm gelangte Anfang 1965 ein Vertreter der neuen Generation an die Redaktionsspitze, der „HÖR ZU“ auch für ein jüngeres Leserpublikum wieder attraktiv machte und der zunehmenden Verbreitung des Fernsehens Tribut zollte.




2. Generationenwechsel mit Hans Bluhm

 

 

Hans Bluhm (geb. 1922) hatte seine Karriere 1947 unter der Leitung von Herbert Wehner beim „Hamburger Echo“ begonnen, war dann drei Jahre Redakteur bei der „Hamburger Morgenpost“ und wechselte 1953 als Ressortleiter zur „Bild-Zeitung“. 1960 avancierte er zum Chefredakteur von „Bild am Sonntag“ und wurde Anfang 1965 als Chefredakteur von „HÖR ZU“ berufen.13 Bei der Personalentscheidung Axel Springers, Bluhm als neuen Chefredakteur von „HÖR ZU“ zu ernennen, spielten nicht zuletzt politische Gründe eine Rolle. Der linksliberale Bluhm - von Springer als Blattmacher sehr geschätzt - stimmte mit der nationalkonservativen Linie des Verlags nicht überein. Erste Konflikte waren bei der „Spiegel“-Affäre 1962 deutlich geworden, als Bluhm das Verhalten der Regierung scharf verurteilt und die Kollegen vom „Spiegel“ gegen Springers Wunsch vehement verteidigt hatte.14 Als Chefredakteur bei der „unpolitischen“ Familienzeitschrift „HÖR ZU“ sollte er daher einen unauffälligen Posten einnehmen.15

 

Der Wechsel an der Führungsspitze von „HÖR ZU“ war von elementaren redaktionsinternen Veränderungen begleitet. Bluhm brachte einige neue Mitarbeiter von der „Bild am Sonntag“ mit, stellte Redakteurinnen wie Mi Jepsen-Föge, Lisse Merlin und Marlen Sinjen ein und installierte mit Karin von Faber sogar eine weibliche Chefreporterin. Erstmals in der Geschichte von „HÖR ZU“ durften die Artikel von den Redakteuren und Redakteurinnen namentlich gezeichnet werden, wurden offizielle Ressortleiter eingesetzt und im Impressum genannt.16 Auch traten die Journalisten von HÖR ZU nun häufiger selbst im Blatt auf.17 Insgesamt setzte Bluhm stärker auf die journalistische Eigenverantwortlichkeit und Kreativität der Redakteure, die für ihre Arbeit künftig übertariflich entlohnt wurden. Die Themen der Zeitschrift wurden nicht mehr ausschließlich vom Chefredakteur vorgegeben, sondern auf regelmäßigen Redaktionskonferenzen im kleineren und größeren Kreis diskutiert. Bluhm pflegte einen weitaus weniger autoritären Führungsstil als sein Vorgänger.18 Unter ihm, so die Meinung aller befragten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, sei das redaktionelle Klima wesentlich offener, liberaler und kollegialer geworden.19


5


Innerhalb eines Jahres gelang es Bluhm, die Zeitschrift in mehreren Schritten behutsam zu modernisieren und die Auflage wieder anzuheben. Zunächst modifizierte er die Zeitschrift in visueller Hinsicht. Der Charakter von „HÖR ZU“ als Familienzeitschrift wurde dabei keinesfalls aufgegeben, sondern nur stärker individualisiert, da die Verhäuslichung der Menschen und die Gestaltung der Alltagsgewohnheiten mit und durch den Fernsehkonsum in den 1960er-Jahren deutlich zunahm.20 Mit neuen redaktionellen Elementen wie etwa der Rubrik „HÖR ZU für junge Leute“ gestaltete Bluhm die Zeitschrift auch für Jugendliche attraktiver.21 Neue Serviceteile wie „Extra für Sie“ sprachen weibliche Leser nicht mehr ausschließlich als Hausfrauen und Mütter an, sondern vielmehr als Individuen mit differenzierten Interessen und Wünschen.22 Dass die Zeitschrift insgesamt wieder lebendiger wirkte, lag zudem daran, dass es mehr Berichte über Popgruppen wie die Beatles gab, von denen ausgewählte LPs auf dem „HÖR ZU“-Label erschienen23 - und neue Leseraktionen, die stärker auf kreative Aneignung als auf Belehrung setzten. So rief „HÖR ZU“ 1967 zu einem Klebewettbewerb auf, der sich mit 118.000 eingesandten Bildern großer Resonanz erfreute.24 1968 gab es einen Schlagertextwettbewerb für junge Leute, und die drei besten Titel wurden bei einer „HÖR ZU-Superparty“ von den Schlagerstars Roy Black, Graham Bonney und Vicky Leandros vorgetragen.25 1969 initiierte Hans Bluhm schließlich einen Aufsatzwettbewerb für Jugendliche, die über ihre Meinung zum Fernsehen und dessen Bedeutung für ihr persönliches Leben schreiben sollten.26

 

 

HÖR ZU Nr. 31/1968

HÖR ZU Nr. 31/1968

 

 

Überhaupt richtete Bluhm die Zeitschrift ganz auf das neue Leitmedium Fernsehen aus und gab die unter Rhein gepflegte Kampfstellung gegenüber den Rundfunkanstalten auf. Bluhms Credo im Umgang mit den Funkhäusern lautete: „Wir mögen die öffentlich-rechtlichen Anstalten. Sie sind unser täglich Brot. Wir leben von ihnen. Sie leben von uns.“27 Das nunmehr enge Verhältnis zu den öffentlich-rechtlichen Sendern unterstrich Bluhm mit der Erfindung des größten deutschen Fernsehpreises, der „Goldenen Kamera“. Eine Jury, bestehend aus neun Fernsehexperten der Redaktion, prämierte ab 1965 jedes Jahr sieben Darsteller, Regisseure oder Moderatoren für außergewöhnliche Leistungen und wählte anhand von Leserzuschriften die zwei beliebtesten deutschen Fernsehstars aus.28 Die Erfindung der „Goldenen Kamera“ war laut Bluhm ein wichtiger Schritt, um einerseits die fernsehbezogene Kompetenz von „HÖR ZU“ zu demonstrieren und andererseits den wachsenden Bekanntheitsgrad der Schauspieler, Showmaster, Schlagersänger und Moderatoren des Fernsehens zum eigenen Vorteil zu nutzen.29 Mit einer ausgeprägten Prominenten-Berichterstattung verstärkte die Programmzeitschrift den Glamour des Mediums, von dessen Popularität sie selbst profitierte.30 Die Stars wiederum konnten durch „HÖR ZU“ ihren Marktwert erhöhen und ihre Sendungen optimal platzieren. Generell gingen Fernsehstars und Programmpresse eine weitaus engere Symbiose ein, als dies während der Hochzeit des Radios der Fall gewesen war. Mit der Verbreitung des Fernsehens wuchs nicht nur die Zahl der Prominenten, sondern es entstand ein völlig neuer Typus von Prominenz.31

 

Die meisten diesbezüglichen Beiträge in „HÖR ZU“ standen daher in Bezug zu einer Fernsehsendung und präsentierten in teilweise umfangreichen Exklusiv-Reportagen Schauspieler und Schauspielerinnen sowie häufig auch Fernsehansagerinnen in ihrem privaten Umfeld, oftmals sogar nach wichtigen persönlichen Ereignissen, etwa nach der Geburt eines Kindes.32 Während der 1960er-Jahre inszenierte das Blatt im Verbund mit dem Fernsehen eine ganz eigene Beziehung zu den Fernsehstars.33 So luden die Redaktionsbüros von „HÖR ZU“ in Stuttgart, München und Mainz medienwirksam jedes Jahr zur Prominenten-Party ein, und die Programmzeitschrift brachte dazu große Berichte.34 Zudem gab es zahlreiche Reportagen, die das einmalige Verhältnis der Programmzeitschrift zu den Stars dokumentieren sollten. Beispielsweise bereitete sich die Schauspielerin Marianne Koch 1969 medienwirksam auf ihre Fernsehrolle als Journalistin vor, indem sie ein Kurzvolontariat bei „HÖR ZU“ absolvierte. Und Inge Meysel arbeitete für einen Tag als Reinigungskraft in der Redaktion, um anschließend mit den Putzfrauen Kaffee zu trinken und über deren Lebenssituation zu sprechen.35

6



 

3. Fernsehstars als Multiplikatoren für neue Wertvorstellungen in Ehe und Familie
 

 

Die Berichterstattung über Prominente kam nicht nur den Wünschen der Leserschaft entgegen. Sie trug auch dazu bei, Verhaltensnormen und Wertideen öffentlich zur Diskussion zu stellen. Prominente waren und sind als virtuelle Meinungsführer in der Öffentlichkeit bekannt und nehmen vielfach bis heute eine Vorbild- und Orientierungsfunktion ein.36 Die Medien bilden dabei den Dreh- und Angelpunkt: Als selektierenden und vermittelnden Instanzen kommt ihnen eine besondere Bedeutung zu. Sie erst ermöglichen ausgewählten Personen den Zugang zu einer breiteren Öffentlichkeit und nehmen entscheidenden Einfluss auf das Erscheinungsbild von Prominenz.37 Prominente sind insofern nicht nur als einzelne Personen zu betrachten, sondern immer auch als „Brennpunkt hochkomplexer kultureller Bezugssysteme und allgemein gesellschaftlicher Verhältnisse und Prozesse“.38 Im Verlauf der 1960er-Jahre fand das Privatleben von Fernsehprominenten ein verstärktes öffentliches Interesse.39 Über das Vehikel Prominenz wurden in „HÖR ZU“ neue Lebens- und Verhaltensoptionen sowie Werthaltungen veröffentlicht, die auch in anderen Teilen der Zeitschrift aufgenommen und reflektiert wurden. Dabei wurde ein gesellschaftlicher Wertewandel propagiert, der den Abbau traditionell konservativer Lebensformen im Bereich von Ehe und Familie unterstützte.

 

Vereinbarkeit von Ehe und Beruf

 

Wie bereits angedeutet, standen in „HÖR ZU“ nicht nur bekannte Schauspieler wie Erik Ode und Inge Meysel oder bereits aus dem Radio bekannte Quizstars wie Peter Frankenfeld und Hans-Joachim Kulenkampff im Vordergrund, sondern vielfach auch Fernsehansagerinnen und Assistentinnen von Quizmastern. Es waren junge, attraktive Frauen zwischen 20 und 30 Jahren, die in diesen Berufen arbeiteten und regelmäßig auf dem Bildschirm erschienen, beim Publikum also durchaus präsent waren. Da sie sich zumeist in der Familiengründungsphase befanden, waren sie für die massenmediale Inszenierung familienbezogener Leitbilder besonders gut geeignet.

 

„Sprung ins Eheglück. ‚Kulis‘ Assistentin, Uschi Siebert, wird im neuen Jahr Frau Rauch heißen“ - so lautete noch Anfang 1966 ein typischer Artikel über die Eheschließung einer bekannten Fernsehmitarbeiterin. Großformatige Bilder, die Uschi Siebert mit ihrem künftigen Ehemann im Skiurlaub zeigten, wurden durch einen kurzen Begleittext ergänzt, dessen hauptsächlicher Inhalt war, dass die Protagonistin nur noch bis zu ihrer Heirat Kulis Assistentin sein werde. Der Artikel entsprach noch weitgehend dem Frauenleitbild der 1950er-Jahre: Die moderne, junge Frau hatte einen eigenen Beruf erlernt und diesen recht erfolgreich ausgeübt. Nach der Eheschließung würde sie ihn jedoch wie selbstverständlich aufgeben, um sich fortan ihrer neuen Rolle als Ehefrau und Mutter zu widmen und ihn später eventuell wieder aufzunehmen.40


7

Dass dieses Modell jedoch keinesfalls mehr unhinterfragt blieb, machte Ende 1966 ein Bericht über die Hamburger Fernsehansagerin Ann Ladiges deutlich. „Wirklich - ich kann nicht nur Mutter sein“, rechtfertigte sie ihren „Job“ als Fernsehansagerin, der ihr aufgrund seiner zeitlichen Beschränkung sowohl Berufs- als auch Familienleben ermöglichte.41 1968 schilderte die Stuttgarter Fernsehansagerin Roswitha Roszak, dass sie nicht bereit sei, das Leben einer isolierten Hausfrau und Mutter zu führen, „das so vielen jungen Frauen die Ehe so bedrückend macht“.42 Die dazugehörigen Fotos zeigten Roszak bei der Arbeit im Fernsehstudio und in der Küche bei der Vorbereitung einer Mahlzeit. Der Artikel bekräftigte das Leitbild der Doppelorientierung, und zwar nicht nur unter dem Aspekt der materiellen Sicherung der Familie, sondern auch im Sinne des geistig-seelischen Wohlbefindens und der Bestätigung im Beruf.43 Noch eindeutiger schien dies bei bekannten Schauspielerinnen der Fall. Bei Heidi Brühls zahlreichen Verpflichtungen beispielsweise war „das Baby immer dabei“.44

 

Ledige Mütter

 

Einen wichtigen Schritt in Richtung erweiterter Kommunikationsräume, ja „eine Subversion herkömmlicher Familien- und Sexualnormen“,45 markierte ein Artikel über die Fernsehansagerin des Bayerischen Rundfunks, Petra Schürmann, die im Juli 1967 mit ihrer Tochter auf dem Titelbild von „HÖR ZU“ präsentiert wurde. Während die Bildunterschrift „Mein Wunschkind Alexandra“ auf die bekannte Präsentation einer Prominenten nach der Geburt eines Kindes verwies, zeigte erst der Bericht, dass es sich bei dem kleinen Mädchen um ein uneheliches Kind handelte. „Jede Frau - auch wenn sie keinen Ehering trägt - hat das Recht auf ein Kind“, ließ die Fernsehansagerin die Leser von „HÖR ZU“ wissen und rekurrierte damit auf einen sich vollziehenden gesellschaftlichen Wandel, durch den nichteheliche Lebensverhältnisse zunehmend akzeptiert seien.46 Mehr noch - Petra Schürmann rief Frauen zu einer Lebensführung auf, die sich in erster Linie an persönlichen Ansprüchen orientieren solle: „Jeder sollte aus seinem Leben machen, was er für richtig hält. Denn was bedeutet Leben, wenn man nicht versucht, das zu erreichen, was man sich am meisten wünscht? Wenn man sich laufend Dingen beugt, die man selbst ablehnt - das muss schließlich zur Katastrophe führen.“47

 

Die Redakteurin Marlen Sinjen unterstützte diese Aussage mit ihrem Bericht. Petra Schürmann wurde als attraktive, erfolgreiche und selbstständige Frau dargestellt, die ihr Kind bürgerlich-behütet im eigenen Bungalow aufzog. Der provokative Artikel fand eine gespaltene öffentliche Resonanz. Während die „Münchener Abendzeitung“ den Schritt der Fernsehansagerin lobte, wetterte die „Neue Bildpost“, dass es das Bestreben der Programmzeitschrift sei, die Familie „als eine überflüssige Einrichtung für die Zukunft zu propagieren“.48 „HÖR ZU“ brachte kontroverse Leserbriefe. Während einige Beiträge ihre Achtung vor Petra Schürmanns Entschluss ausdrückten, fürchteten andere den Verlust gesellschaftlicher Moralgesetze oder doch zumindest Nachteile für das uneheliche Kind. So schrieb beispielsweise Vera S. aus Göttingen: „Sie [d.h. Petra Schürmann] kann die Gesellschaftsformen nicht ummodeln, und wenn ihr Kind erst einmal in die Schule gehen wird, dann kommen die Probleme. Kann eine Mutter den schweren Lebensweg, den ein uneheliches Kind gehen wird, verantworten. Ich meine: Nein!“49

 

 

HÖR ZU Nr. 27/1967

HÖR ZU Nr. 27/1967

 


8

Der Bericht über Petra Schürmann kann im Kontext einer Diskussion gesehen werden, die in den Medien seit Mitte der 1960er-Jahre stattfand. Besonders Frauenzeitschriften versuchten anhand der Debatten um das Nichtehelichengesetz einen gesellschaftlichen Einstellungswandel zu fördern.50 In „HÖR ZU“ hatte es 1966 in der Ratgeberrubrik „Fragen Sie Frau Irene“ erstmals eine Diskussion gegeben unter der Überschrift „Sollen die unehelichen Kinder die Rechte der ehelichen erhalten?“51 Während einige Schreibende durch ein solches Gesetz den Bestand von Ehe und Familie gefährdet sahen, berichteten mehrere ledige Mütter von gesellschaftlichen Diskriminierungen im Alltag und Bevormundungen durch die Jugendämter. Walther von Hollander alias „Frau Irene“ sprach sich eindeutig dafür aus, die Forderung des Grundgesetzes nach rechtlicher Gleichstellung ehelicher und unehelicher Kinder möglichst zügig umzusetzen, damit wenigstens nicht die Kinder unter den gesellschaftlichen und rechtlichen Benachteiligungen weiter leiden müssten.52

 

1968 präsentierte Hollander unter der Überschrift „Uneheliche Geburt - ein Makel! Wie lange noch?“ weitere Leserkommentare, die zeigten, dass sich das Meinungsklima mittlerweile in Richtung größerer Handlungsoptionen für Frauen verschoben hatte.53 Die Beiträge kritisierten nun eindeutig die bürokratische Bevormundungspraxis der Jugendämter und sprachen sich explizit dafür aus, den Müttern mehr Rechte einzuräumen. Diese wurden nicht mehr als „leichtfertige Frauen“ und „Sünderinnen“, sondern als Opfer einer von veralteten Vorstellungen geprägten Gesetzgebung angesehen. Auch wurde die Institution der Ehe nun offen kritisiert, wenn ein Leser schrieb, dass es zwar schwer sei, vaterlos aufzuwachsen, aber doch besser als in einem „glücklosen“ Elternhaus. „Frau Irenes“ Haltung dazu war unmissverständlich: „Wie lange soll es noch dauern, bis die Frau als ein selbstständiges Wesen angesehen wird, bis man ihr das uneingeschränkte Recht einräumen wird, Kinder zu haben oder nicht zu haben, zu heiraten oder nicht zu heiraten? Niemand, auch nicht der Staat, darf nach der Verabschiedung des neuen Unehelichengesetzes noch das Recht haben, sich in die Angelegenheiten dieser Mütter und ihrer Kinder einzumischen, solange sie ihren Pflichten nachkommen.“54

 

Die in „HÖR ZU“ publizierten Beiträge zur Unehelichkeit zeigen, dass die Zeitschrift öffentlich virulente Themen aufnahm und ein Spektrum akzeptabler Meinungen abdruckte, um dieses zugunsten von Grenzerweiterungen für Frauen zu strukturieren. Nicht nur beim Thema „ledige Mütter“, sondern auch bei der Propagierung neuer Lebens- und Familienformen korrespondierten Berichte über Prominente, die Leitbildfunktionen innehatten, mit zeitgleichen Diskussionen in der Ratgeberrubrik „Fragen Sie Frau Irene“, die alltägliche Erfahrungen - wenn auch gebrochen - wiedergaben.

 

„Sexuelle Befreiung“

 

Die Berichterstattung über Petra Schürmann war Teil einer verstärkten Diskussion von Ehe- und Sexualnormen seit Anfang der 1960er-Jahre, die mit der Einführung der Anti-Baby-Pille 1961 und der von Kino, Illustrierten und Boulevardpresse hervorgebrachten „Sexwelle“ angestoßen worden war.55 Mitte der 1960er-Jahre wurden die Debatten Teil des Fernsehens und sollten demzufolge auch in „HÖR ZU“ „bürgerlich-anständig, aber ohne Scheuklappen“ reflektiert werden.56 So begrüßte die Redakteurin Lisse Merlin erstmals 1966 anlässlich einer kontroversen Fernsehdiskussion die öffentliche Behandlung von Sexualität, da dies gerade jungen Menschen einen verantwortungsvolleren Umgang mit ihrer Sexualität ermögliche.57

 

Auch im Rahmen der Ratgeberrubrik „Fragen Sie Frau Irene“ wurden die Auswirkungen der sexuellen Revolution auf Ehe- und Familiennormen in einer Art und Weise thematisiert, die zeigte, dass sich die Ansichten vieler Leser und Leserinnen allmählich änderten. So wurde es ab Ende 1967 befürwortet, wenn junge Frauen vor der Ehe sexuelle Erfahrungen sammelten, da sie dann den richtigen Partner fürs Leben aussuchen und unglückliche Frühehen verhindern könnten.58 Mehrmals betonte Hollander, dass es keine allgemein verpflichtende Sexualmoral mehr gebe, sondern jeder Mensch nach bestem Wissen und Gewissen abzuwägen habe, welche Erfahrungen er oder sie zu sammeln wünsche.59

 

Deutlich hiervon abgegrenzt wurden in der Rubrik allerdings Praktiken wie „Gruppensex“, die ab 1969/70 diskutiert wurden.60 Anfragen zu diesem Thema trugen einen deutlichen Impetus der vermeintlichen Einflüsse der 68er-Bewegung in sich, waren es doch zumeist Soziologiestudenten, die ihre hilflosen Freundinnen dazu überreden wollten.61 Dementsprechend wurden zu dem Thema fast ausnahmslos ablehnende Zuschriften veröffentlicht. „Frau Irene“ zeigte sich in dieser Frage betont nüchtern: „Immer wieder und zu wechselnden Zeiten hat es wechselvolle Sex-Zirkel gegeben, die nach neuen Beziehungen und Gefühlsformen Ausschau halten und sie auch praktizieren. In ihrer Wunschwelt sind viele junge Menschen polygam. Aber die allermeisten sind den Gefahren der Polygamie gar nicht gewachsen und kehren sehr bald in die Bezirke der sexuellen Treue zurück.“62


10

Auch wenn die sexuelle Aufklärung vorrangig dazu dienen sollte, die sich andeutende Krise der Institution Ehe aufzuhalten, so hatte sie doch auch beunruhigende Effekte. Wenn sexuelle Befriedigung und individuelle Glückserfahrung als Bestandsgarantie für eine Ehe galten, ließ sich eine Trennung eben genau mit dem Hinweis auf das Ausbleiben jener Zufriedenheit begründen. Die öffentliche Thematisierung und Legitimierung von Sexualität setzte somit eine Anspruchsspirale in Gang, die destabilisierende Wirkung haben konnte.63 Damit erhielt das Leitbild der stabilen Ehe mit zwei bis drei Kindern und klarer geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung deutliche Risse.

 

„Ehe ohne Trauschein“ oder „Scheidung - leicht gemacht“

 

„Heiraten - warum eigentlich?“, fragte Anfang 1970 die schwedische Schlagersängerin Bibi Johns in „HÖR ZU“.64 Nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe hatte die 40-jährige Sängerin neues Glück in der Liebe und einen beruflichen Neuanfang als Musicalstar gefunden. Mit dem fünf Jahre jüngeren Peter Jacques lebte sie ohne Trauschein zusammen: „Das ist alles so ruhig und eine so nette Verbindung. Wenn man das legalisieren würde, bekommt es einen ganz anderen Charakter“, befürchtete Bibi Johns.65 Der Artikel markierte gleich in dreifacher Hinsicht einen Normbruch. Erstens galt es in breiten Kreisen der Bevölkerung als rechtfertigungsbedürftig, wenn verwitwete oder geschiedene Frauen sich noch einmal banden. Zudem waren „wilde Ehen“ noch mit der Vorstellung „asozialer“ Verhältnisse verbunden.66 Zweitens lebte Bibi Johns mit einem jüngeren Partner zusammen, was der gängigen Vorstellung widersprach, nach der der Mann älter zu sein hatte. Drittens betonte sie in dem Artikel, dass sie mittlerweile froh sei, kein Kind bekommen zu haben.

 

Nachdem „HÖR ZU“ im Verlauf des Jahres 1970 bereits mehrmals über Prominente berichtet hatte, die ohne Heiratsabsichten zusammenlebten,67 gab es Ende 1971 eine große Reportage mit dem Titel „Immer mehr Stars scheuen den Weg zum Standesamt“, die die Argumente gegen die Ehe als Lebensform zur Diskussion stellte: „Vor Jahren sprach man noch nicht darüber, man tuschelte allenfalls über wilde Ehen. Heute aber, im Zeitalter der Aufklärung, weiß es jeder. Immer mehr TV- und Schlagerstars führen eine Ehe ohne kirchlichen Segen, ohne Trauschein, ohne Ringe. Egal ob sie Katja Ebstein, Rudi Carrell, Bibi Johns, Karin Jacobsen oder Christine Wodetzky heißen, sie alle bekennen sich offen zu ihrem Verhältnis.“68 Während die Ehe oftmals ein „leeres Nebeneinander-Leben“ bedeute, stelle eine ‚freie‘ Beziehung eine „echte Partnerschaft“ dar, weil man sich mehr um einander bemühe, so die Schlagersängerin Su Kramer. Zwar solle man über eine gewisse Reife und Toleranz verfügen, wurde Bibi Johns zitiert, aber es sei zu begrüßen, dass immer mehr junge Menschen ohne Trauschein zusammenlebten, weil vielen dadurch eine unglückliche Ehe erspart bleibe.69 Der Artikel zeigt, dass die Prominenten Orientierungsmarken bei der Akzeptanz neuer Lebensformen setzten, denn noch Mitte der 1960er-Jahre war es praktisch nicht möglich gewesen, als unverheiratetes Paar zusammen zu wohnen. Materiell abgesichert und beruflich unabhängig, konnten sich gerade die weiblichen Prominenten für Lebensgemeinschaften aussprechen, die in erster Linie persönliche Glückserfahrung und nicht mehr ein „Bündnis für den Lebenskampf“ sein sollten.


11

Solche Artikel ergänzten sich mit Berichten über prominente Paare, die sich scheiden lassen wollten oder dies schon getan hatten. Nachdem „HÖR ZU“ im Jahr 1966 nur einmal von einem solchen Fall berichtet hatte, war das Thema Scheidung und Trennung ab Herbst 1969 regelmäßig im Blatt zu finden.70 Es war Teil einer breiten Debatte um die Reform des Eherechts, die sich nicht zuletzt aus der Verdoppelung der Scheidungszahlen seit 1961 ergeben hatte.71 Auch „HÖR ZU“ begrüßte Überlegungen zum neuen Scheidungsrecht, die darin bestanden, durch die Streichung des Verschuldungsparagraphen die Ehetrennung zu vereinfachen, und fragte wiederum ausgewählte Prominente, was sie von den Neuerungen des Gesetzes hielten. Fast alle, so das wenig überraschende Ergebnis, befürworteten das neue Scheidungsrecht, weil es Paaren ermögliche, ohne Probleme auseinanderzugehen, wenn sie sich nicht mehr verstünden.72

 

Besonders eindeutig äußerte sich Inge Meysel 1972 zu der Thematik. Sie war in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren die wohl populärste Schauspielerin in der Bundesrepublik und hatte als erste Preisträgerin 1965 die Goldene Kamera sowie zahlreiche andere Fernsehpreise erhalten.73 Seit ihrer Rolle als Käthe Scholz in der Familienserie „Die Unverbesserlichen“ galt Meysel als „Mutter der Nation“ und damit als eine moralische Instanz, die die Beibehaltung traditioneller Werte zu repräsentieren schien, aber auch eine konsensfähige Anpassung an gesellschaftliche Modernisierungen. 1969 hatte sie im Bundestagswahlkampf für den SPD-Kanzlerkandidaten Willy Brandt geworben.74 1972 drehte Inge Meysel für das ZDF eine Fernsehserie, in deren Mittelpunkt eine geschiedene Frau stand. „Sie weiß sehr gut, dass hundert kluge Professorenreden nicht annähernd so viel erreichen wie eine in Unterhaltung verpackte Meysel-Botschaft via Bildröhre“, fasste „HÖR ZU“ die Intentionen der Schauspielerin und die zu erwartende Akzeptanz zusammen.75 In dem Artikel schilderte Inge Meysel, dass sie selbst geschieden sei, und sprach sich explizit für die Reform des Scheidungsrechts aus. Sie forderte, dass die Scheidung so schnell und billig sein müsse, „als hole man sich zu Hause ein Glas Wasser“, und sie schlug allen Heiratswilligen vor, „erst einmal drei, vier Jahre ohne Stempel vom Standesamt zusammenzuleben“.76

 

Auch wenn Prominente in der Gesellschaft als „exotisch“ galten und ungewöhnliche Lebensformen bei ihnen leichter akzeptiert wurden, so nahmen sie doch eine wichtige Vorreiterrolle in der Öffentlichkeit ein. Die Kritik an der herkömmlichen Ehe wurde in „HÖR ZU“ von beliebten Stars aus der Mitte der Gesellschaft vorgetragen und als individueller Glücksanspruch legitimiert. Gerade weil sie nicht mit der Kritik an einer repressiven Sexualmoral verbunden war, konnte sie eine wichtige Orientierungsfunktion gewinnen. Zur Abmilderung wurden Berichte über „wilde Ehen“ und Scheidungen immer wieder mit Beschreibungen glücklicher Ehen variiert. Zudem wurde mit der Prominenten-Berichterstattung keineswegs elementar an den Grundfesten gesellschaftlicher Normen gerüttelt. Bei den nicht verheirateten Prominenten handelte es sich ausschließlich um kinderlose Paare. Zudem wurden die gesellschaftlichen Benachteiligungen geschiedener Frauen und ihre Schwierigkeiten, beruflich wieder Fuß zu fassen, vornehmlich in der Ratgeberrubrik „Fragen Sie Frau Irene“ thematisiert.

12


 

4. Innehalten in der Reform-Zeit
 

 

Die neue Frauenbewegung avancierte mit ihrer Kampagne gegen den Paragraphen 218 zu einem Motor des gesellschaftlichen Wandels.77 Wohngemeinschaften setzten sich Anfang der 1970er-Jahre als Lebensweise für Studierende immer mehr durch, Formen einer freieren Kindererziehung drangen in die Elternhäuser ein. Diese gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen wurden in „HÖR ZU“, der damals größten Zeitschrift der Bundesrepublik, im Verbund mit dem Fernsehen positiv aufgenommen. Die Programmzeitschrift inszenierte sich sogar selbst als Förderer eines kritisch-aufgeschlossenen, liberalen Bewusstseins, das sie von den übrigen Publikationen des Axel Springer Verlags abhebe: „Wir halten nichts von einem Blatt, in dem der Leser immer nur sich selbst bestätigt findet. Unser Ehrgeiz richtet sich nicht auf den selbstzufriedenen, sondern auf den kritischen Leser. Es liegt auf der gleichen Linie, wenn wir uns gezielt für solche Fernsehdarbietungen einsetzen, die Denkanstöße versuchen, die eiserne Vorurteile zum Schmelzen bringen, selbst wenn sie bei manchem Zuschauer vorher Weißglut erzeugen.“78

 

Doch zwei Jahre später setzte in „HÖR ZU“ - wiederum im Verbund mit dem Fernsehen - eine eher zurückhaltende Stimmung ein, was die tatsächliche Umsetzung von Postulaten wie der Gleichberechtigung der Frau betraf. Zwar würden sich immer mehr TV-Autoren mit der Emanzipation der Frau beschäftigen, hieß es 1973 in „HÖR ZU“, doch beurteilten sie die Chancen zu ihrer Verwirklichung stets negativ. Am Ende jedes Emanzipationsversuchs stünden eine Flucht in die Ehe, berufliche Stagnation oder das völlige Alleinsein - eine Entwicklung, die auch in den Funkhäusern selbst zu beobachten sei. Die Programmzeitschrift befragte dazu drei bekannte Mitarbeiterinnen des Hessischen Rundfunks, die geschieden oder getrennt lebten. Sie monierten, dass eine Karriere für Frauen nach wie vor eigentlich nur im Zölibat möglich sei, weil sie von Männern sonst blockiert werde.79 Wenige Ausgaben später musste „HÖR ZU“-Redakteur Karl-Heinz Huber anlässlich eines Fernsehfilms zum Thema Scheidung zugeben, dass bei geschiedenen Frauen „von Toleranz und Liberalität [...] keine Rede sein“ könne.80

 

Schon ein Jahr zuvor war man in der Ratgeberrubrik „Fragen Sie Frau Irene“ zu dem Schluss gekommen, dass ledige Mütter trotz des neuen Eherechts immer noch mit einem gesellschaftlichen Makel behaftet seien und „selbst die laue Ehe der beste Erziehungsort für das heranwachsende Kind“ bleibe.81 Auch äußerten sich Prominente wie Hildegard Knef nunmehr kritisch, was die tatsächlich erreichte Emanzipation und die Auflösung stereotyper Geschlechterbilder anging: „Eine Mann hat eine Meinung - eine Frau meckert; ein Mann ist dynamisch - eine Frau ist hysterisch“, lautete der Kommentar der bekannten Schauspielerin und Buchautorin.82 Symptomatisch für die Trendwende in der Berichterstattung war auch das Beispiel der Schauspieler Horst Janson und Monika Lundi, die nach jahrelangem Zusammenleben ohne Trauschein „Hals über Kopf“ in Dänemark heirateten. „HÖR ZU“ brachte einen Bildbericht von der Hochzeit und ließ das Ehepaar ein Heft später Hochzeitsmode vorführen.83 Überhaupt konstatierte „HÖR ZU“ 1973 ein „Heimweh nach der guten alten Zeit“.84 Damit war ein Innehalten in der Reformära angedeutet. Die Zeitschrift berichtete zwar weiterhin über Prominente; auch wurden gesellschaftliche Themen wie Umweltbewusstsein und Tierversuche berücksichtigt. Zu einer Aufbruchstimmung, wie sie sich 1969/70 angedeutet hatte, kam es vorerst aber nicht mehr.

13

 

5. Fazit
 

 

 

HÖR ZU Nr. 15/1974

HÖR ZU Nr. 15/1974

 

 

Die Analyse der Programmzeitschrift „HÖR ZU“ belegt, dass die alltagskulturellen Veränderungen in den späten 1960er-Jahren keineswegs nur von der Studentenbewegung ausgelöst waren, sondern im Zusammenhang einer Pluralisierung von Lebensstilen seit dem letzten Drittel der 1950er-Jahre standen. Dabei spielte das Fernsehen als neues „Leitmedium der gesellschaftlichen Kommunikation“ eine bedeutsame Rolle.85 Im Verbund mit dem Fernsehen bildete auch die Programmzeitschrift „HÖR ZU“ ein Forum für gesellschaftliche Aushandlungsprozesse, bei denen überkommene Leitbilder auf den Prüfstand gestellt wurden. Neben der Ratgeberrubrik „Fragen Sie Frau Irene“ nahm die Prominentenberichterstattung dabei eine wichtige Funktion ein. Es waren vor allem Fernsehansagerinnen, Schlagerstars und Schauspielerinnen, die als Vorreiter der Akzeptanz neuer Ehe- und Familienformen und individueller Lebensentwürfe gezeigt wurden. So förderte auch die Programmzeitschrift „HÖR ZU“ einen Wertewandel vom Konformismus zum Nonkonformismus, vom „Pflichtmenschen“ zum sich selbst verwirklichenden Individuum.

 

Insofern ist „HÖR ZU“ als gesellschaftliche Deutungsinstanz einer bürgerlichen Liberalisierung und eines damit verbundenen erweiterten Wertehorizonts zu betrachten. Diese Grenzerweiterungen waren zugleich jedoch kontrolliert; die Studentenbewegung und ihre Infragestellung der bürgerlichen Gesellschaft wurden abgelehnt. Insgesamt korrespondierte der linksliberale Impetus von Chefredakteur Hans Bluhm mit dem innenpolitischen Reformaufbruch, der sich mit der Regierungsübernahme der SPD/FDP-Koalition aus der Mitte der Gesellschaft heraus abzuzeichnen schien. Seit 1973 nahm die Programmzeitschrift auf ihre Art auch ein verändertes gesellschaftliches Klima auf, das sich offenbar aus Enttäuschungen über die verzögerte Umsetzung des ambitionierten innenpolitischen Reformprogramms ergab.86 Zu diesem Zeitpunkt wurden auch skeptische Stellungnahmen zu den mittlerweile erreichten Veränderungen im Geschlechterverhältnis deutlich. Inwieweit der beschriebene Prozess auch von anderen Magazinen wie Frauenzeitschriften, dem „Stern“ oder dem „Spiegel“ mitvollzogen wurde, müsste noch untersucht werden.

 

Mitte 1974 wurde Hans Bluhm von Peter Bachér abgelöst, dem vormaligen Chefredakteur von „Bild am Sonntag“. Ausschlaggebend war dafür der leichte Auflagenrückgang, in dem sich die Programmzeitschrift infolge von Ölkrise und Wirtschaftsrezession seit 1973 befand.87 Zwar hatte Springer Bluhm inhaltlich freie Hand gelassen, weil er sich für die Zeitschrift nur als „Auflagebagger“ interessierte, doch soll sich ein Konflikt entsponnen haben, weil Bluhm es mehrmals ablehnte, den von seinem Verleger favorisierten konservativen Journalisten Matthias Walden und Gerhard Löwenthal die Goldene Kamera zu verleihen.88 Peter Bachér galt in politischer Hinsicht als angepasst an den Springer-Kurs und konturierte die Programmzeitschrift wieder stärker als konventionelle Familienzeitschrift.89
 

Anmerkungen: 


1 Inge Marßolek/Adelheid von Saldern, Massenmedien im Kontext von Herrschaft, Alltag und Gesellschaft. Eine Herausforderung an die Geschichtsschreibung, in: dies. (Hg.), Radiozeiten. Herrschaft, Alltag, Gesellschaft (1924-1960), Potsdam 1999, S. 11-38, hier S. 12.

2 Dies konstatierte jüngst auch Frank Bösch, Rezension zu: Moshe Zuckermann (Hg.), Medien - Politik - Geschichte, Göttingen 2003, online unter URL: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-1-068>

 
 

Zitierempfehlung: 

Lu Seegers, Fernsehstars und "freie Liebe". Zur Karriere der Programmzeitschrift "HÖR ZU" (1965–1974), in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 1 (2004), H. 2,

URL: http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Seegers-2-2004

Beim Zitieren einer bestimmten Passage aus dem Aufsatz bitte zusätzlich die Nummer des Textabschnitts angeben, z.B. 12 oder 14-16.


 

Angaben zur Autorin: 


Lu Seegers

Dr. Lu Seegers

Universität Siegen
Fachbereich 1: Geschichte
Adolf-Reichwein-Str. 2
D-57068 Siegen

E-Mail: seegers@geschichte.uni-siegen.de

Website: http://www.fb1.uni-siegen.de/history/ng/

Position/Tätigkeit: Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt „Erinnerungsgemeinschaften im 20. Jahrhundert: Umbruchssituationen und Generationengedächtnis“ unter der Leitung von Prof. Dr. Jürgen Reulecke am SFB 434 „Erinnerungskulturen“ der Justus-Liebig-Universität Gießen
 

Forschungs- und Interessengebiete: Kultur-, Medien- und Geschlechtergeschichte, Stadtgeschichte, Generationengeschichte im 19./20. Jahrhundert
 

wichtigste Veröffentlichungen:
 

Hör zu! Eduard Rhein und die Rundfunkprogrammzeitschriften (1931–1965), Potsdam 2001, 2. Aufl. 2003
 

Militarismus, Sauberkeit und „deutsche Wertarbeit“. Die Inszenierung der Zwickauer Geschichte, Gegenwart und Zukunft bei den Stadtjubiläen im Nationalsozialismus und in der DDR, in: Adelheid von Saldern (Hg.) unter Mitarbeit von Alice von Plato, Elfie Rembold, Lu Seegers, Inszenierter Stolz. Städtische Repräsentationen in drei politischen Systemen: NS – DDR – BRD, Stuttgart 2004 (im Erscheinen)
 

„Dom des 20. Jahrhunderts“. Der Bau der U-Bahn in Hannover als Leitbild für städtische Kommunikation und Imagebildung (1965–1975), in: ebd. (im Erscheinen)
 

(mit Alice von Plato) Städte, Stadtrepräsentationen und Medien in Deutschland im 20. Jahrhundert, in: Daniela Münkel/Jutta Schwarzkopf (Hg.), Geschichte als Experiment. Studien zu Politik, Kultur und Alltag im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 2004, S. 369-380
 

Bühnen staatlicher Macht – Bühnen städtischer Selbstbehauptung, in: Adelheid von Saldern (Hg.) unter Mitarbeit von Alice von Plato, Elfie Rembold, Lu Seegers, Inszenierte Einigkeit. Herrschaftsrepräsentationen in DDR-Städten, Stuttgart 2003, S. 59-144
 

Vermittlungsformen des Radios – Am Beispiel der Rundfunk- und Familienzeitschrift HÖR ZU! (1946-1960), in: Inge Marßolek/Adelheid von Saldern (Hg.), Radiozeiten. Herrschaft, Alltag, Gesellschaft (1924–1960), Potsdam 1999, S. 160-182
 

Fragen Sie Frau Irene: Die Rundfunk- und Familienzeitschrift HÖR ZU! als Ratgeber bei Geschlechterproblemen in den 50er Jahren, in: Jürgen Wilke (Hg.), Massenmedien und Zeitgeschichte, Konstanz 1999, S. 363-380

(Stand: Mai 2004)

 

 

Abo


V&R