Nach wie vor landet, wer über „1968“ schreibt, allzu rasch bei den aufregenden Studentenprotesten, der APO, den gewaltsamen Demonstrationen und dann vielleicht noch bei den „Neuen Sozialen Bewegungen“. Die Frauenbewegung gerät schon etwas seltener in den Blick, ähnlich wie die frühe Neue Linke. Manchmal wird auf die „Halbstarkenkrawalle“ der 1950er-Jahre oder die entstehende teenage culture hingewiesen, aber sie gelten als ein unpolitisches Unbehagen über die „restaurative“ Adenauerzeit. Für die meisten Beobachter ist „1968“ ein singuläres Ereignis, das mit den Protesten gegen den Vietnamkrieg oder sogar erst mit dem Tod Benno Ohnesorgs beginne und mit dem Zerfall der APO ende. In dieser Zeit hätten Studenten in aufreibenden Diskussionen bewusst eine kritische Haltung zur Gesellschaft entworfen und nichts weniger als die kulturelle und politische „Umgründung der Republik“ (Manfred Görtemaker) in die Wege geleitet, den tiefen kulturellen Wandel, den die Republik am Ende der 1970er-Jahre dann zweifellos durchgemacht hatte.1
Diese Perspektive wird zunehmend in Frage gestellt.2 Zum ersten gerät ein längerer Beobachtungszeitraum in den Blick, nämlich die Phase von den (späten) 1950er-Jahren bis weit in die 1970er-Jahre. In diesen Jahren durchliefen die westlichen Gesellschaften einen fundamentalen Strukturwandel, und zwar die Transformation zu dem, was heute als moderne, liberal-demokratische Konsumgesellschaft geläufig ist. Dieser Wandel kann nicht unterschätzt werden, und es gibt gute Gründe, „1968“ als Teil der Transformation zu deuten.3 Zum zweiten wird „1968“ nicht mehr als eine - wenn auch gescheiterte - globale Revolution beschrieben, sondern als ein transnationales Kommunikationsereignis untersucht. Nicht mehr die Frage nach den Gründen für das Scheitern der Revolution ist interessant, sondern die Frage, wie die einzelnen 68er-Bewegungen einen transnationalen Handlungszusammenhang bildeten, während sie gleichzeitig durch nationale Besonderheiten geprägt waren.4 Es sind chronologisch und national übergreifende Untersuchungen, die neuerdings dazu dienen, eine genauere Positionsbestimmung von „1968“ vorzunehmen. In ihnen erscheint „1968“ zunehmend als Teil eines Strukturwandels, als ein Katalysator dieses Wandels sowie als Chiffre, ihn zu deuten.
Vergleicht man nun Westdeutschland mit den USA oder Frankreich, so werden die eingefahrenen Deutungsmuster von „Repression“ und „Befreiung“ sowie die Fixierung auf Politik, Gewalt und Theorieproduktion allerdings leicht verfestigt. Für Schweden dagegen kann man keine aufregenden theoretischen Diskussionen, keinen „Mai 68“ und noch nicht einmal wirkliche Gewalt feststellen. Gerade deshalb ist dieses Land ein ideales Vergleichsobjekt. Es lassen sich einerseits signifikante Ähnlichkeiten zu Westdeutschland herausarbeiten - sowohl was die Entwicklung der beiden Länder betrifft als auch die chronologische Koinzidenz bestimmter Ereignisse -, während andererseits deutliche Unterschiede vorhanden sind, was die Qualität der Ereignisse und Entwicklungen betrifft. Durch die Analyse dieser Spannung kann man den oben erwähnten Forschungstrend prüfen.
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Im Folgenden werde ich zunächst sehr knapp den wirtschaftlichen und sozialen Strukturwandel beider Länder nach 1945 und die entstehende teenage culture skizzieren (1.), dann ebenso knapp auf frühe Politisierungsprozesse eingehen (2.), um schließlich die 68er-Ereignisse in einem engeren Sinne samt ihrer „Nachgeschichte“ in den 1970er-Jahren ausführlicher in den Blick zu nehmen (3.). Abschließend wird zu begründen sein, warum die Entwicklung ähnlich und unterschiedlich zugleich verlief und welchen Stellenwert „1968“ für den gesellschaftlichen Wandel in beiden Ländern hatte (4.). Ich werde dabei das Schwergewicht auf Schweden legen und auf Wahrnehmungsprozesse, weil diese die Ereignisse entscheidend vorantrieben.
1. Parallelen des gesellschaftlichen Strukturwandels
Die Rekonstruktion der westdeutschen Gesellschaft nach 1945 und der take off der Konsum- und Wegwerfgesellschaft seit Mitte der 1950er-Jahre sind hier nicht detailliert zu schildern.5 Erstaunlich ist, dass Schweden, obwohl es vom Krieg verschont geblieben ist, einen ähnlichen Weg gegangen ist. Das Land wurde seit 1932 fast ununterbrochen von der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei regiert, die sich erfolgreich den Aufbau des Sozialstaates auf ihre Fahnen geschrieben hatte.6 Obwohl also die Voraussetzungen im Vergleich zur deutschen Situation unterschiedlicher nicht sein könnten, gibt es doch markante Ähnlichkeiten. Das Schweden der frühen Nachkriegszeit war kein Wohlstandsstaat. Die Wohnbedingungen waren nicht komfortabler als in (unzerstörten) deutschen Häusern; erst seit 1946 konnte ein Durchschnittspensionär von seiner Rente leben und war nicht mehr auf die Armenhilfe angewiesen; in der Landwirtschaft war das Pferd auch nach dem Kriege die Hauptzugkraft. In dieser Situation kam der Durchschlag der Konsumgesellschaft für Schweden ebenso überraschend wie für Westdeutschland. Keynesianische Wirtschaftspolitik, „Koreaboom“, expandierender Welthandel und der Aufbau sozialer und wirtschaftlicher Institutionen, die Einkommen, Konsum und Wirtschaftsentwicklung stabilisierten - all das trug in beiden Ländern zu einem anhaltenden Aufschwung bei, der erst 1973 mit der Ölkrise jäh abbrach.7
In beiden Ländern stiegen immer mehr Menschen in die Mittelklasse auf, Konsumgüter wurden billiger, und so trieb der private Konsum den Wirtschaftsaufschwung voran. Der Effekt war derselbe: „All das, was seit den 1970er-Jahren als Teil eines geradezu selbstverständlichen Lebensstandards in den Industrieländern aufgefasst wird - das Auto, das TV, die Stereoanlage, der Kühlschrank, die Ferienreisen -, sind 20 Jahre zuvor Möglichkeiten von nahezu utopischem Charakter gewesen, oder ein Luxus, der einem kleinen Teil der Bevölkerung vorbehalten war. Eine solche Spannung zwischen Alt und Neu und eine solche Umwandlung im Laufe des Aufwachsens einer Generation war niemals vorher vorgekommen. Und dass diese Umwandlung außerdem während des Aufwachsens der großen Generation der Vierziger geschah, machte die Spannungen in der gesellschaftlichen Entwicklung nicht kleiner.“8 Jugendliche gaben mehr Geld aus und stimulierten die Wirtschaft, aber das ermöglichte es ihnen auch, eigene Lebensstile auszuprägen. Frauen halfen, die Konsumwünsche durch Berufstätigkeit zu finanzieren, was auf lange Sicht die Frage nach der Stellung der Frauen in Beruf und Gesellschaft aufkommen ließ. Intellektuelle machten auf wachsende Widersprüche zwischen den Verheißungen der demokratischen Verfassung, der Konsumgesellschaft und realen Lebensbedingungen aufmerksam; sie forderten zunächst Reformen, dann den Umbau der Gesellschaft. Während also die Konsumgesellschaft auf der einen Seite neuartige Lebensweisen ausprägte, wurden auf der anderen Seite traditionelle Vorstellungen über die Ordnung der Gesellschaft und korrekte Verhaltensweisen unterminiert. Das warf in Westdeutschland, Schweden, Großbritannien oder den USA Probleme auf. Es entstanden ähnliche Konfliktlinien, die in den Auseinandersetzungen der folgenden Jahre artikuliert wurden.9
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Diese Implikationen des Strukturwandels hin zu einer Konsumgesellschaft und dann zur „Lebensstilrevolution“ der 1960er-Jahre blieben in den 1950er-Jahren noch weitgehend verborgen. Nur die westdeutschen „Halbstarken“ bzw. schwedischen raggare10 zeigten der Öffentlichkeit, dass entscheidende Veränderungen stattfanden.11 Sie bemerkten in beiden Ländern zunehmend die Kluft zwischen den neuartigen materiellen Möglichkeiten, eigene Lebensformen zu entwickeln, und autoritären Verhältnissen in Familien und an Arbeitsplätzen. Ihre Differenz zu den „Alten“ und deren Wertewelt markierten sie durch ein provozierendes Verhalten. Denen wiederum dienten sie als folk devils, um die Grenze zwischen „Gut“ und „Böse“ bestimmen zu können, in einer Umbruchszeit, in der man sich nicht mehr auf alte Werte und Verhaltensmuster verlassen konnte.12 Diese Auseinandersetzungen verdichteten sich - irrtümlicherweise - im Bild des „Generationenkonflikts“, einem griffigen Instrument, mit dem die alternativen Verhaltenssysteme ausgehandelt werden konnten. In den folgenden Jahren trug die sich rapide ausdifferenzierende Jugendkultur dazu bei, gesellschaftliche Normen in der Alltagspraxis zu verschieben. Deshalb ist sie - obwohl „unpolitisch“13 - für die Analyse des gesellschaftlichen Strukturwandels nicht zu unterschätzen,14 zumal sich erste Tendenzen einer Fundamentalpolitisierung Jugendlicher abzeichneten.15
2. Die Politisierung der Gesellschaftskritik
Neben indirekt politisierenden Effekten durchliefen westdeutsche wie schwedische Jugendliche seit den 1950er-Jahren eine erste Schulung in Sachen Gesellschaftskritik und Protestorganisation. Das geschah in einem mehrdimensionalen Prozess. In beiden Ländern verschob sich der Widerstand gegen Atomwaffen von eher moralisch gefärbten Protesten allmählich hin zu einer Kritik des bestehenden Gesellschaftssystems.16 Der teilweise fürchterliche Verlauf der Dekolonialisierung stimulierte das politische Engagement von Studierenden und Intellektuellen. Hierbei spielten die Medien eine wichtige Rolle. Sie berichteten immer intensiver, und die entstehende transnationale Mediengesellschaft der Nachkriegszeit nutzten afrikanische und asiatische Intellektuelle erfolgreich, um Teile der Weltöffentlichkeit für die Interessen der kolonialisierten Staaten zu gewinnen.17
Außerdem befanden sich Schweden und Westdeutschland zu Beginn der 1960er-Jahre in einer ähnlichen Situation. Sie profitierten von dem langanhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung, eine ganze Reihe gesellschaftlicher und sozialer Reformen wurden in Angriff genommen, die Ausgaben für Konsumprodukte stiegen, die „Wegwerfgesellschaft“ zeichnete sich deutlich ab, Wachstum schien „machbar“ und die Gesellschaft rational steuerbar. Paradoxerweise entwickelte sich aber gerade in dieser Zeit ein ähnliches Unbehagen am Zustand der Gesellschaft. In Westdeutschland wurden trotz des wachsenden Wohlstandes das soziale Klima als harscher und die Verteilungskämpfe als schärfer empfunden; in Schweden traten trotz der massiven Sozialreformen immer mehr Löcher im Sozialstaat zu Tage, und die Klassengesellschaft zeigte Beharrungskräfte. Schließlich wurde die Frage aufgeworfen, ob in einer „rational“ verwalteten Gesellschaft politisches Engagement und die Kraft gesellschaftlicher Utopien nicht gefährlich nachlassen könnten, während bürokratische „Apparate“ immer mehr Entscheidungsbefugnisse an sich zögen. Je mehr sich die beiden Länder in Konsumgesellschaften verwandelten, desto stärker wurden Probleme dieser Entwicklung sichtbar, die zur Überraschung zahlreicher Schweden wie Westdeutscher, Politiker wie Bürger, Kritik an der modernen Gesellschaft stimulierten.18
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Nicht zuletzt deshalb entstand - zuerst in England und den USA - eine „Neue Linke“, die sich von der „Alten Linken“ absetzte.19 Die Alte sozialdemokratische Linke schien durch ihre pragmatische Politik zum Teil des kapitalistischen Systems geworden zu sein, während die Alte kommunistische Linke als Teil des versteinerten Sowjetsystems ihr gesellschaftsveränderndes Potenzial eingebüsst hatte. Die Neue Linke hingegen begann die Defizite der Konsumgesellschaften aufzugreifen und gesellschaftstheoretisch zu verarbeiten. Das schloss an einflussreiche gesellschaftskritische Texte aus den 1950er-Jahren an, in denen Wissenschaftler wie C. Wright Mills, David Riesman, Erich Fromm, Herbert Marcuse oder John Kenneth Galbraith die rapiden Veränderungen der Lebenswelt aufgegriffen und für einen Entfremdungs- bzw. Repressionsdiskurs anschlussfähig gemacht hatten. Diese Texte bildeten einen wichtigen Katalysator, um den Strukturwandel in die politische Diskussion der späten 1960er-Jahre überführen zu können; und sie bildeten einen wichtigen Baustein für die Politisierung Jugendlicher.
Die „Dritte Welt“ entwickelte sich dabei seit den frühen 1960er-Jahren zu einem effektiven Medium der Kritik westlicher Gesellschaften durch westliche Linke: Da waren auf der einen Seite Unterdrückung und Ausbeutung, auf der anderen Seite Befreiungsbewegungen, die gegen die Unterdrücker kämpften und dies durch den Rekurs auf marxistische Theorien legitimierten. Deren Wahrnehmung wiederum erlaubte es der Neuen Linken in Europa, die Zustände in der „Dritten Welt“ mit den Defiziten in den westlichen Wohlstandsgesellschaften zu verbinden. Es sei das „kapitalistische System“, das die Menschen in der „Dritten Welt“ ausbeute und sie in der ersten Welt „entfremde“. Auf diese Weise wurde das prinzipiell eher neutrale Konzept der „Dritten Welt“ politisch aufgeladen, auf die Probleme westlicher Wohlstandsgesellschaften übertragen und, gegen Ende der 1960er-Jahre, erneut in eine Dualität überführt, nunmehr die der „(sozial)imperialistischen“ Mächte gegen die Unterdrückten in aller Welt. Es war allerdings erst der Vietnamkrieg, der ab 1965 die Proteste in der westlichen Welt zu synchronisieren begann. Die Brutalität, die Länge und die Präsenz des Krieges in der westlichen Öffentlichkeit machten ihn zu einem idealen Symbol, um die Auseinandersetzung mit der eigenen Gesellschaft exemplarisch und effektiv zu bündeln und wirkungsvoll nach außen zu vertreten.
3. Radikalisierung und „Vergesellschaftung“ der Kritik
Es ist hier nicht der Platz, um die verwickelten 68er-Ereignisse in Schweden und Westdeutschland zu rekapitulieren. Ich möchte vielmehr auf sieben Punkte eingehen, um den Vergleich zwischen beiden Ländern vornehmen zu können.20
3.1. Zunächst einmal lässt sich eine chronologische Parallelität von Ereignissen und Prozessen beobachten. In beiden Ländern begann noch in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre eine Diskussion um den Stellenwert des Bildungssystems in der „kapitalistischen Gesellschaft“. Ab 1965 übernahm der Vietnamkrieg die Rolle eines Katalysators für die Proteste, und in der Folge begannen sich die Ereignisse konflikthaft zuzuspitzen. Das Jahr 1968 gilt in Schweden wie in Westdeutschland als Höhepunkt der Entwicklung. Anschließend zerfielen die 68er-Bewegungen, und es begann die Zeit der K-Gruppen. Die Neuen Sozialen Bewegungen der 1970er-Jahre gab es auch in Schweden, freilich - wie zuvor die Neue Linke - in wesentlich schwächerer Form als in den USA oder der Bundesrepublik; das gilt auch für die zweite Frauenbewegung.
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3.2. Dabei gab es die 68er-Bewegung weder in Schweden noch in Westdeutschland. Vielmehr waren in beiden Ländern zahllose linke Gruppierungen in verschiedenen Aktionsfeldern miteinander verflochten, wo sie zahllose unübersichtliche Kämpfe um die Dominanz innerhalb der Bewegung austrugen. Entscheidend war, dass die 68er-Bewegungen beider Länder als einheitliches Phänomen wahrgenommen wurden - in der Öffentlichkeit wie von den Bewegungen selbst. Dies hatte mehrere Ursachen: Die Bewegungen waren von Studierenden geprägt, sodass sie den als Deutungsmuster bereits erprobten „Generationenkonflikt“ reproduzierten; sie besaßen eine als homogen wahr-genommene Weltanschauung, die die Drohung einer politischen Revolution enthielt; sie erregten durch spektakuläre, ungewohnte Aktionen Aufmerksamkeit; und sie schienen Teil einer weltweiten Bewegung zu sein. Dadurch wurden bewegungsinterne und regionale Differenzen ausgeblendet.
3.3. Mehrere zentrale Themen hielten die 68er-Bewegungen zusammen - zunächst einmal die Bildungsfrage: Seit Ende der 1950er-Jahre stieg die Zahl der Studenten in Schweden wie in Westdeutschland sprunghaft an; in beiden Ländern wurde das Hochschulsystem massiv ausgebaut. Gleichzeitig meldeten sich Bildungspolitiker zu Wort, die den Bildungssektor als Motor für eine grundlegende Reform der Gesellschaft begriffen. Freilich unterlief die reale Entwicklung diese Vorstellungen. Der Hochschulneubau griff zwar überkommene Hierarchien und tradierte Strukturen an, hielt aber mit der Expansion nicht mit. Zugangsbeschränkungen sowie miserable Studienbedingungen prägten das Bild, und statt die Universitäten zu reformieren, sollten sie rationalisiert werden, um die Probleme auffangen zu können. Diese strukturelle Misere ließ das Bildungssystem beider Länder in das Kreuzfeuer studentischer Kritik geraten, als Ausbildungsfabriken, die konditionierte, disziplinierte Fachleute im Dienste des „Monopolkapitalismus“ produzierten, nicht aber mündige, gesellschaftskritische Bürger. Ohne eine Demokratisierung der Hochschulen, so die Kritik, müsse eine Demokratisierung der Gesellschaft scheitern.21
Weil in den neu gegründeten Studentenparlamenten Schwedens die Gegner des allgemeinpolitischen Mandats aber eine starke Position behaupteten, konnte die hochschulpolitische Lage die Studierenden dort nicht in dem Maße mobilisieren wie in der Bundesrepublik.22 Deshalb war es in Schweden in starkem Maße die so genannte FNL-Bewegung, die Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg, die „1968“ Konturen verlieh. 1966 gab es 8, 1973 schließlich 173 lokale FNL-Gruppen im ganzen Land, und zwar selbst in den kleinsten Provinznestern des Nordens. Auch wenn die Organisation stets chaotisch war und es mehrere verlustreich niedergeschlagene Aufstände von Absplitterungen innerhalb der Bewegung gab, so konnte sie doch wie keine andere soziale Bewegung der 1960er-Jahre ein Heer von Aktivisten mobilisieren, die unermüdlich demonstrierten, publizierten, Schriften verkauften, Geld sammelten und Hausbesuche abstatteten - ungesicherten Zahlen zufolge waren es 10.000 Jugendliche im Jahr 1972, Studenten und Schüler. Sie verbanden ihre Proteste gegen den Vietnamkrieg und den „US-Imperialismus“ mit einer Kritik der schwedischen Gesellschaft und dem Wunsch, in Schweden eine proletarische Revolution durchzuführen. Freilich zeigte sich das „Establishment“ relativ wohlwollend, und die Kritik der schwedischen Regierung am Vietnamkrieg fiel derart scharf aus, dass der amerikanische Botschafter auf Jahre abgezogen wurde.23
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In der Bundesrepublik gab es keine derart prominente und eigenständige Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg.24 Im öffentlichen Bewusstsein dominierten der SDS und die Studentenbewegung den Kampf gegen den Vietnamkrieg. Zudem wurden, im Unterschied zu Schweden, noch weitere Themen verhandelt. Die Kritik an einer inkonsequenten Aufarbeitung der NS-Vergangenheit verschärfte sich allmählich zu einem generalisierten Faschismus-Begriff, der das gesamte bestehende System bezeichnete. Große Koalition, Notstandsgesetze („NS-Gesetze“ genannt) und die Wahlerfolge der NPD nährten die Sorge vor einer erneuten, schleichenden Aushöhlung der Demokratie.
Dazu kamen der Tod Ohnesorgs, das Attentat auf Dutschke und die Berichterstattung der Springer-Presse. All diese Themen griffen seit der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre zunehmend ineinander; ihre Kombination stützte die Vorstellung vom antidemokratischen System und von der notwendigen Revolution. Das wurde der Öffentlichkeit durch die Symbolik von Massendemonstrationen, Straßentheatern und Happenings, durch die kooperationsbereiten Medien und einen riesigen Ausstoß an Texten vermittelt. Dieser Themen- und Inszenierungskomplex band ganz unterschiedliche politische Gruppierungen zu dem zusammen, was bereits damals als 68er-Bewegung oder APO galt.25
3.4. Auch die Eskalation der Gewalt folgte in beiden Ländern einem ähnlichen Muster - mit bemerkenswerten Unterschieden. In Westdeutschland ist eine Radikalisierung in zwei Bereichen zu beobachten, in der Praxis und in der Theorie. 1964 wurden Tomaten auf Moishe Tsombé geworfen, der sich im kongolesischen Bürgerkrieg zum „Ministerpräsidenten“ der Provinz Süd-Katanga aufgeschwungen hatte - für afrikanische Nationalisten wie für die europäische Neue Linke war er das Symbol einer neokolonialistischen Marionette. 1967 wurde Benno Ohnesorg erschossen, 1968 Rudi Dutschke schwer verletzt, was mit den „Osterunruhen“ und der „Schlacht am Tegeler Weg“ den Höhepunkt der Auseinandersetzungen bildete. Immer härtere Polizeieinsätze auf der einen Seite, eine immer militantere Rhetorik und Gegenwehr auf der anderen Seite, dazu teils wüste Angriffe aus der Bevölkerung - das beschreibt die Entwicklung vor allem in Berlin, prägte aber in der gesamten Bundesrepublik die Wahrnehmung.
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Die Theorieproduktion folgte dieser Eskalation. Der frühen Neuen Linken war es noch um eine sozialistische Reform der Republik gegangen.26 Ihre Gesellschaftskritik verschärfte sich innerhalb weniger Jahre zu der Überzeugung, dass das durch und durch autoritäre System revolutionär gestürzt werden müsse. Denn immer wieder nahmen „68er“27 in den Medien und am eigenen Körper zunehmende polizeiliche und militärische Gewalt in der Bundesrepublik und weltweit wahr. Spätestens nach dem Attentat auf Dutschke gingen sie von einer Tradition der Gewalt in der bürgerlichen Gesellschaft aus, die durch den Nationalsozialismus nur vorübergehend diskreditiert worden sei. Theoretisch konnte diese Weltsicht auf die Arbeiten von Herbert Marcuse rekurrieren, der in seinen Texten ein totales System beschrieb, das durch Manipulation, „repressive Toleranz“ und Konsum die freie Entfaltung der Menschen verhindere. Nur weniger integrierte „Randgruppen“ könnten sich den herrschenden gesellschaftlichen Spielregeln verweigern und dadurch das System erschüttern. Mit den Guerilleros der „Dritten Welt“ schienen diese Randgruppen als Vorbilder für westliche Studierende bereitzustehen. Gemeinsam mit Autoren wie Frantz Fanon, Régis Debray, Stokely Carmichael, Ho Tschih Minh, Mao Tse-Tung oder Che Guevara legitimierten sie für die „68er“ seit Ende der 1960er-Jahre Gewalt als politische Waffe und legten als revolutionäre Taktik den Guerillakampf nahe. Damit gingen die Studenten schließlich weit über Marcuse hinaus, indem sie den Vietnamkrieg, die „Dritte Welt“, die Guerillabewegungen in Süd- und Mittelamerika sowie die Black-Power-Bewegung in den USA zu einer Imagination der weltweiten Repression und des weltweiten bewaffneten Widerstandes verschmolzen.
Für Schweden lässt sich eine ähnliche Kette medienträchtiger Gewaltereignisse feststellen. An den Universitäten in Lund und Stockholm gab es 1967 und 1968 mehrere dramatische Ereignisse, die von vielen Schweden als traurige Meilensteine politischer Gewalt empfunden wurden - am stärksten vielleicht eine Demonstration am 20. Dezember 1967 in Stockholm. Dort kam es zu ausgiebig fotografierten Scharmützeln; Demonstranten und Polizei waren auf eine Weise aneinander geraten, die als besonders brutal empfunden wurde. „Dagens Nyheter“, der Protestbewegung sonst wohlgesonnen, verurteilte scharf den gewaltsamen Bruch demokratischer Spielregeln. Die Zeitung sah den Beginn einer Militanz, die rechtzeitig aufzuhalten sei. Die Demonstranten hatten diese Militanz auf Seiten der Polizei schon längst ausgemacht. Im Januar 1968 vernahmen sie Zeugen der Ereignisse, die immer wieder dasselbe schilderten: prügelnde Polizisten, die sich nicht um Presseausweise kümmerten, Reiterangriffe aus der Dunkelheit, überall eine ältere Dame oder ein älterer Herr, die sich über die Geschehnisse aufregten oder von der Polizei traktiert wurden, junge Mädchen, die unversehens unter die Schlagstöcke kamen, Zivilpolizisten, Peitschen, Schockangriffe. Alle Berichte zusammengenommen lassen ein kollektives „Ich“ auftreten, das geschlagen, geknüppelt, beleidigt, getreten, beschimpft und eingesperrt wurde, das nie Widerstand leistete, Faustschläge sah, Todesangst verspürte, Dienstnummern verlangte (und als Antwort nur Spott erhielt), um Hilfe rief und alten Männern half, die trotz ihrer Krücken niedergerissen worden waren - ein kollektiver Märtyrer und eine apokalyptische Stimmung. Seitdem galt der 20. Dezember als eine Art Höhepunkt der Auseinandersetzungen, der immer wieder beschworen wurde.28
Ob nun 1968 in der Kleinstadt Båstad ein Tennisturnier gesprengt wurde, an dem eine Mannschaft aus Rhodesien teilnehmen sollte, oder im selben Jahr in Foresta gegen ein Treffen der Zentralbankchefs und Finanzminister protestiert wurde - immer wieder sieht man das Bild einer aufgehetzten Studentenmeute bzw. einer brutalen Staatsgewalt evoziert. Während „Dagens Nyheter“ vom 20. Dezember in Stockholm berichtete, dass die drohende „Feldschlacht“ ausgeblieben sei, hatte „Expressen“ an genau demselben Ort eine „reine Feldschlacht“ beobachtet. Seit 1967 häuften sich die Berichte über Demonstrationen in allen Ecken des Landes, über Krawalle, Schlägereien, Flaggenverbrennungen, Angriffe auf amerikanische Einrichtungen und Tomatenwürfe.
Die Artikel glichen immer mehr Frontberichten, und besonders „Expressen“, den „Berufsdemonstranten“ ohnehin wenig gesonnen, verbreitete Untergangsstimmung. Erwachsene hätten in der „Schlacht bei Foresta“ Teenager zum Angriff gegen die Polizei getrieben, lautete eine der Schreckensmeldungen.29
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Auch schwedische „68er“ vollzogen die oben skizzierte Radikalisierung der Theorie mit und propagierten den Sturz des „Systems“ mit revolutionären Mitteln. Schaut man jedoch genau hin, so lässt sich ein entscheidender Unterschied feststellen. Schon für die Bundesrepublik stimmt das Bild gewalttätiger Konfrontationen nur bedingt, wenn man es regional differenziert. Für Schweden kann man auf Zeitungsfotos, in Filmen und internen Berichten der FNL-Gruppen von der Gewalt, die sich beide Seiten vorwarfen, erst recht wenig finden. Alles gleicht eher Rangeleien, selbst die Auseinandersetzungen vom 20. Dezember - wo übrigens die Zeugen die entscheidenden Momente, als die Schlagstöcke und Peitschen auf die Demonstranten getroffen haben sollen, oft nicht gesehen hatten. Wurden Demonstranten befragt, so empfanden sie die Polizei - im Vergleich mit den dänischen und US-amerikanischen Kollegen - als recht friedlich. In den Rechenschaftsberichten der einzelnen FNL-Gruppen von 1967/68 merkt man wenig von der „Polizeibrutalität“.
Aus den meisten Orten wurden keine größeren Schwierigkeiten mit der Staatsmacht vermeldet, nur kleinere Reibereien. Lediglich Lund und Stockholm meldeten härteres Vorgehen der Ordnungshüter, während die Polizei in Göteborg unentschlossen schien. Mal greife sie mit Pferden und Peitschen an, mal gar nicht. Probleme mit den „Reaktionären“ gebe es keine, die Bevölkerung zeige sich in der Regel freundlich bis uninteressiert.30 All das zeigt, wo Schweden auf der internationalen Skala der Gewalt anzusiedeln ist - und doch war das Erschrecken über „Gewalt“ auch dort keine überzogene Reaktion. Denn wie in Westdeutschland waren es vor allem Wahrnehmungsprozesse, die die Eskalation vorantrieben.
3.5. Die physischen und verbalen Angriffe in der Bundesrepublik waren real. Doch sie gewannen ihre entscheidende Bedeutung dadurch, dass sie in ein spezifisches Deutungsmodell eingebunden wurden, und das konnten die gegnerischen Seiten paradoxerweise genau spiegelbildlich verwenden. Den Studenten war die eskalierende Gewalt ein Zeichen dafür, dass die Bundesrepublik im Begriff war, sich vom post- zum präfaschistischen Staat zu verwandeln, ein Übergang, den die alten NS-Eliten vorbereiten und die kleinen SA-Männer von damals - wie damals - auf der Straße durchsetzen würden. Die Wahrnehmung weltweiter Gewalt sowie weltweiter Befreiungs- und Protestbewegungen indizierte Handlungsbedarf: gewaltsamen Widerstand. Die harten Reaktionen darauf bestätigten und radikalisierten wiederum den Deutungsrahmen. Viele Bundesbürger dagegen sahen je nach den eigenen Erfahrungen entweder eine „fünfte Kolonne“ am Werk, die im Auftrage Moskaus den kommunistischen Umsturz vorbereite, oder sie fühlten sich an die Weimarer Zeit erinnert, als Linksradikale im Verein mit Rechtsradikalen die erste Republik vernichtet hatten. Beide Seiten fühlten sich bestätigt und konnten auf einen Gegner verweisen, der gewaltsam daran arbeite, die Verhältnisse zum Schlechteren zu wenden. Sie sahen in den jeweiligen Gegnern erstens diejenigen verkörpert, in denen sie die Zerstörer der ersten deutschen Demokratie ausmachten, zweitens diejenige Großmacht der Gegenwart, die sie für das Übel der Welt verantwortlich sahen. Auf diese Weise konnten Vorurteile, theoretische Lektüren, Jugenderfahrungen, Straßenschlachten und Medienberichte sich verbinden, wechselseitig verschärfen und diese Projektionen für jede Seite zur Realität machen. Deshalb wurde die Auseinandersetzung auch so erbittert geführt.31
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In Schweden war die „Gewalt“ ebenso real, denn die Gewaltschwelle lag wesentlich höher. Bereits Eiwürfe und heute harmlos wirkende Regelübertretungen wurden in den Medien mit traumatischen politischen Ereignissen verglichen, etwa mit dem überaus harten Arbeitskampf von 1909 oder den tödlichen Schüssen auf Arbeiter im Jahre 1931. Wurden ein paar Scheiben eingeworfen, dann „raste der Straßenkampf“, und die „Gewalt“ war so präsent, dass die Zeitungen selbst ausgebliebene „Feldschlachten“ wortreich beschworen. Immer wieder hielten die Medien dagegen, dass es uneingeschränkte Meinungsfreiheit und eingespielte Mechanismen der politischen Meinungsbildung gebe: Vernunft, sachliche Argumentation, den parlamentarischen Weg und den direkten Kontakt zwischen Behörden und Bürgern, und deshalb keinen Anlass, diese Regeln zu brechen. Auf der anderen Seite gingen die „68er“ unumstößlich davon aus, dass Regierung und Justiz mit Nixon konspirierten und die Gerichte ganz selbstverständlich gegen geltende Gesetze verstießen. Der Polizeieinsatz im weihnachtlichen Stockholm wurde von Zeugen als reine Ge-waltorgie beschrieben - was er definitiv nicht gewesen ist -, und während in den USA Bürgerrechtsaktivisten erschossen wurden, trat die „politische Gewissensgefangene“ Yvonne Hoogendoorn eine 20-tägige Haftstrafe an - aber das machte für schwedische Studenten nur einen quantitativen Unterschied aus. Das System und seine Methoden seien dieselben.32
Auch in Schweden wurden die internationalen Ereignisse also mit der Situation im eigenen Lande verknüpft. Einig waren sich viele Schweden in ihrer Kritik am Vietnamkrieg. Doch für die meisten Bürger fand er in einer anderen Welt statt, in der revolutionäre Bewegungen sicherlich gerechtfertigt waren - nicht aber im Sozial- und Gerechtigkeitsstaat Schweden. Die „68er“ dagegen sahen auch in Schweden tendenziell einen Teil der „kapitalistisch-imperialistischen“ Welt. In Schweden sah man ebenfalls in der jeweils anderen Seite den Gegner demokratischer Verhältnisse, projizierte man den NS-Vorwurf aufeinander - wenn auch distanzierter und weniger eindeutig - und beschwor man die Gewalt der anderen Seite, selbst wenn sie nicht existierte. Faktisch erreichte die Auseinandersetzung aber keine ähnliche Härte wie in anderen westlichen Ländern, weil trotz aller Verbalattacken sowohl „68er“ wie „Establishment“ immer wieder zur Kooperation mit dem Gegenüber bereit waren. Und das „System“ wies den „68ern“ ohne Zögern erhebliche finanzielle Beiträge an, weil in Schweden politisches Engagement staatliche Unterstützung genoss. Wohl auch deshalb glaubten viele schwedische „68er“ nicht wirklich an eine revolutionäre Situation in ihrem Lande, denn selbst für sie war die Situation in Schweden letztlich doch eine andere als im Rest der kapitalistischen Welt.33
3.6. In beiden Ländern herrschte in den späten 1960er-Jahren ein ausgesprochen reformfreudiges Klima. Erstmals schien eine rationale Steuerung der Gesellschaft dank ausgeklügelter Planungstechnologien möglich, und eine neue Politikergeneration übernahm das Ruder. In den USA, der Bundesrepublik oder Schweden verkörperten dezidiert „jugendliche“ Politiker wie John F. Kennedy, Willy Brandt oder Olof Palme den Aufbruch in liberale, soziale Gesellschaften. Während diese Reformpolitik in beiden Ländern an Fahrt gewann, näherten sich die gesellschaftskritischen 68er-Bewegungen ihrem Höhepunkt; ab 1969 zerfielen sie und verwandelten sich in die merkwürdige Welt der K-Gruppen. Doch die zeitliche Parallele revolutionärer Bewegungen und reformorientierter Politik brachte ungeahnte Formen der politischen Partizipation hervor. Denn zum einen hatten trotz der dezidierten Sozialreformen weder in Schweden noch der Bundesrepublik die Irritationen über die moderne Gesellschaft wirklich abgenommen. Es gab weiterhin genug gravierende Probleme, die auch die Regierungen Palmes und Brandts nicht in den Griff bekamen. Gleichzeitig war mit den 68er-Bewegungen ein spezifisches Vokabular und Denken der Gesellschaftskritik entstanden. Dieses erlaubte es - selbst wenn man sich der Gesellschaftstheorie der „68er“ verweigert hatte -, die Probleme und den bislang eher diffus wahrgenommenen Strukturwandel der Nachkriegszeit in Begriffe und Sinnzusammenhänge zu fassen sowie gesellschaftsverändernde Handlungsvorgaben zu formulieren.
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Viele Nicht-„68er“ begannen noch in den 1960er-Jahren, marxistische Sprach- und Theorieelemente zu nutzen, um klassische Reformanliegen durchzusetzen. In den Kirchen wurden Kämpfe um die Haltung der Kirchen zur modernen Gesellschaft und zu aktuellen politischen Problemen oder um innerkirchliche Konfliktlinien mit Hilfe marxistischer Begriffe ausgefochten. In Schweden kleideten Roma ihre Auseinandersetzung mit dem Staat teilweise in eine sozialistische Rhetorik. Die Kritik an den Betonsilos der neuen Trabantenstädte ließ sich kapitalismuskritisch begründen. Die Diskriminierung der Samen durch den schwedischen Wohlfahrtsstaat, die Reform des Strafvollzuges, erbärmliche Zustände in bundesdeutschen Ausbildungsbetrieben, undemokratische Zustände in Krankenhäusern oder die Demokratisierung an den Arbeitsplätzen wurden diskutiert. Auf diese Weise wurde das politische Potenzial, dem die 68er-Bewegungen Nahrung gegeben hatten, noch vor deren Ende in neue Formen politischer Partizipation überführt - gerade weil die ambitionierten Reformprojekte der sozialdemokratischen Regierungen zu scheitern begannen.
In der Bundesrepublik formierten sich seit Beginn der 1970er-Jahre „Neue Soziale Bewegungen“, deren markanteste wohl die zweite Frauenbewegung und die Bürgerinitiativen gegen Atomkraftwerke gewesen sein dürften.34 In Schweden fand derselbe Prozess in vergleichsweise abgeschwächter Form statt. Das lag zum einen an der staatlichen Gewohnheit, Reformimpulse aufzugreifen, zum anderen an der ohnehin starken außerparlamentarischen Tradition. Frauen- oder Umweltgruppen waren deshalb wesentlich rascher und effektiver in das politische System integriert als in der Bundesrepublik. Bürgerinitiativen und die GRÜNEN gewannen nicht dieselbe Bedeutung, und eine dauerhafte Alternativkultur wie in der Bundesrepublik, den USA oder Dänemark konnte in Schweden nicht entstehen.35
3.7. Die schon mehrfach erwähnten Divergenzen sind in den unterschiedlichen Gesellschaftsverfassungen und Geschichten der beiden Länder begründet. Die schwedische Gesellschaft ist in ungleich stärkerem Maße als die Bundesrepublik kollektivistisch und korporatistisch verfasst; nahezu alle gesellschaftlich relevanten Gruppen sind in ein komplexes System der politischen Entscheidungsfindung integriert. Das Parlament ist nur ein Teil dieses Systems, weshalb in Schweden ein Äquivalent zur APO schwerlich entstehen konnte. Seit dem 19. Jahrhundert setzte die Gesellschaft sehr stark auf Konformität, Konsens, Reform, Partizipation und Konfliktvermeidung36 - was wiederum der schwedischen 68er-Bewegung einen merkwürdigen Status gab. Sie propagierte die Revolution, wurde aber vom Staat finanziert. Sie setzte sich scharf vom „Establishment“ ab, doch immer wieder kam es zu Kooperationen. Die 68er-Bewegung diente als willkommener Indikator für drängende Probleme, galt gleichzeitig aber als Störfaktor, der die erprobten Reformverfahren aus dem Tritt bringe. Die Bewegung konnte sich schon aus diesen Gründen nie wirklich entfalten. Dazu mangelte es ihr an Legitimität, denn ihr haftete notwendig das Odium des Konflikts an, der in der schwedischen Gesellschaft prinzipiell nicht gut angesehen ist. Das bemerkten die „68er“ auch selbst. Deshalb gab es immer wieder Diskussionen, ob die Aufkündigung der gesellschaftlichen Norm, dass Probleme im Konsens zu lösen seien, wirklich rechtens sei. Der unbedingte Primat von Dialog und vernünftiger, gemeinsamer Konsensfindung war von den „68ern“ selbst derart verinnerlicht, dass eine revolutionäre Stimmung nicht aufkommen wollte. Wenn die Öffentlichkeit sich trotzdem über „Gewalt“ entsetzte, dann war dies weniger die Bezeichnung einer realen Gefahr als vielmehr einer Abweichung vom rechten Wege.
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In Schweden fehlte vieles, was in Westdeutschland für Konfliktstoff sorgte. Dort gab es konfessionelle Gegensätze, politische Antagonismen, das Bürgerkriegsmodell der Polizei, die konservative Gesellschaftsideologie, den massiven Antikommunismus, natürlich auch die DDR in der eigenen Nachbarschaft und das eingeschlossene West-Berlin. Diese Konfliktfelder wurden in der Nachkriegszeit zwar allmählich abgetragen, aber sie bestimmten das Klima der Bundesrepublik bis in die 1970er-Jahre. Obwohl das Ideal gesellschaftlicher Harmonie nicht unbedingt schwächer ausgeprägt war als in Schweden, war das Verhältnis unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen faktisch stark durch Konflikte geprägt, und das Verhältnis zwischen Regierung und Bürgern durch das Modell des Obrigkeitsstaates. Die bundesdeutschen „68er“ waren, wie die französischen oder US-amerikanischen und anders als ihre schwedischen Kollegen, mit der Konflikttradition ihres Landes kompatibel.
4. Kein „Riss“ in der Geschichte
Betrachtet man zusammenfassend die 1950er- bis 1970er-Jahre in Schweden und Westdeutschland, so kann man zunächst einmal auffällige Parallelen feststellen. Beide Länder verwandelten sich von sozial verhältnismäßig strikt organisierten Gesellschaften zu Konsumgesellschaften, die denselben Wandel zu postmateriellen Werten durchliefen, je mehr materielle Wünsche geweckt und befriedigt werden konnten. Ronald Inglehart hat dies als „silent revolution“ ausgemacht. Jugendliche schienen sich dabei mit Hilfe der Industrie aus der Wertewelt der Erwachsenen auszuklinken und eine neuartige Jugendkultur zu schaffen, was man als „Lebensstilrevolution“ bezeichnen könnte. Durch Medien vermittelt, entstand dabei allmählich der Eindruck eines weltweiten „großen Generationenaufstandes“ der Kinder gegen die Eltern; damit war ein entscheidendes, auf Konflikt basierendes Deutungsmuster angelegt. Parallel dazu vollzog sich ein fundamentaler Politisierungsprozess. Durch die Proteste gegen Atomwaffen, das Engagement in der Neuen Linken und für die Befreiungskämpfe in der „Dritten Welt“ begannen immer mehr junge Erwachsene die Welt mit Hilfe politischer Termini neu zu ordnen. Den gesellschaftlichen Strukturwandel brachten sie zuerst auf die Formel der „Entfremdung“, um ihn dann zunehmend als fundamentales politisches Ereignis, als weltweiten Siegeszug des kapitalistischen Systems zu deuten, dem Befreiungsbewegungen und Länder wie China oder Albanien Widerstand leisteten. Und wie zufällig standen „die Alten“ auf der einen, „die Jungen“ auf der anderen Seite.
Die weltweit ähnliche Struktur der Proteste, die transnationale Jugendkultur, die engen Kontakte der 68er-Bewegungen untereinander durch eine neuartige Reise- und Publikationskultur, die intensive Medienberichterstattung und ähnliche Effekte des gesellschaftlichen Strukturwandels führten in der Fremd- wie der Selbstwahrnehmung zur Konstruktion einer weltweiten Revolutionsbewegung. Dieselben Ereignisse konnten von den „68ern“ und der übrigen Gesellschaft in denselben Deutungsrahmen eingespannt und doch genau entgegengesetzt interpretiert werden - daher rührt, trotz aller Unterschiede, die Ähnlichkeit der Ereignisse in Schweden und der Bundesrepublik. Das revolutionäre Projekt scheiterte dann zwar ebenso wie die euphorischen Reformpläne der sozialdemokratischen Regierungen, doch kehrte gewissermaßen die Sprache der linken Gesellschaftskritik zur Gesellschaftsreform zurück: Statt des Systemsturzes durch linke Kader stand seit Beginn der 1970er-Jahre die Kritik gesellschaftlicher Verwerfungen an, die durch Reform und Partizipation tendenziell aller Bürger korrigiert werden sollten. Dabei orientierte man sich an Theoremen und übernahm Aktionsformen der „68er“, ohne deren revolutionäre Implikationen aus der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre noch zu teilen. So gesehen war „1968“ also weder in Schweden noch in Westdeutschland ein Riss in der Geschichte, sondern Teil eines langen Strukturwandels.
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Vielleicht kann man den Vergleich zwischen beiden Ländern so zuspitzen: In Schweden passte sich die Gesellschaft seit dem 19. Jahrhundert durch unzählige, gesellschaftlich gut verankerte Reformakte stets aufs Neue Veränderungen an, wobei „1968“, im internationalen Trend liegend, einen solchen Veränderungsbedarf indizierte und stimulierte. In der Bundesrepublik war „1968“ das Medium, Gesellschaftskritik von den weltanschaulichen Organisationen der „Alten Linken“ auf die Gesellschaft zu übertragen (in Form von Bürgerinitiativen, Grünen und Alternativkultur). In beiden Gesellschaften war es - trotz gewisser Unterschiede - ein entscheidender Effekt von „1968“, den Strukturwandel und das Unbehagen an der Verwerfung zwischen „Tradition“ und „Moderne“ in Sprache überführt sowie damit sinnhaft und verhandelbar gemacht zu haben. Außerdem trieben die „68er“ durch neue Lebens- und Aktionsformen auch die „Lebensstilrevolution“ voran, nicht immer ganz gewollt. In dieser Sicht bilden also „silent revolution“, „Lebensstilrevolution“ und politische „Revolution“ drei Aspekte desselben Prozesses, nämlich des fundamentalen Strukturwandels in der westlichen Welt, dem „1968“ „bloß“ als ein wichtiger Katalysator diente. Und damals wie heute dienen die „68er“ vor allem in der Bundesrepublik als Chiffre für Verfall oder Aufbruch, als ein historisches Medium, anhand dessen sich noch heute gezielt, anschaulich und erregend die Frage diskutieren lässt: Wie soll unsere Republik aussehen?37
Thomas Etzemüller, Imaginäre Feldschlachten? „1968“ in Schweden und Westdeutschland, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 2 (2005), H. 2, URL: <http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Etzemueller-2-2005>Beim Zitieren einer bestimmten Passage aus dem Aufsatz bitte zusätzlich die Nummer des Textabschnitts angeben, z.B. 12 oder 14-16.