Gut zwanzig Jahre nach seinem Tod hat Michel Foucault (1926-1984) in der Geschichtswissenschaft Klassikerstatus erreicht.1 Neben Max Weber, Pierre Bourdieu und anderen wird sein Name gern genannt, wenn es darum geht, Methodenreflektiertheit und Innovation zu demonstrieren. Dies gilt insbesondere im Bereich der Forschungen zur Frühen Neuzeit, da Foucault hier mit seinen eigenen Arbeiten zur Geschichte der Rationalisierung und Sozialkontrolle Standards gesetzt hat. Aber auch im Hinblick auf die Zeitgeschichte finden die Arbeiten Foucaults - etwa in der Historischen Anthropologie oder der Geschlechtergeschichte - weite Beachtung.2
Die geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Werk Foucaults bleibt jedoch weitgehend auf seinen Begriff des ‚Diskurses‘ und die mit ihm verbundene frühe Machtanalytik beschränkt, ohne den vielfältigen weiteren Anregungen, die sich seinen Schriften entnehmen lassen, eine gebührende Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen. Dies ist vor allem der noch unabgeschlossenen editorischen Aufbereitung der Arbeiten Foucaults geschuldet, da zunächst nur seine zu Lebzeiten veröffentlichten Schriften zur Diskussion standen. So glaubte mancher, Foucault für sich bereits erschlossen zu haben - und nicht selten auch ad acta legen zu können3 -, wenn er sich mit den drei oder vier immer wieder zitierten Hauptwerken beschäftigt hatte, angefangen von „Wahnsinn und Gesellschaft“ (1961) bis hin zu „Überwachen und Strafen“ (1975). Schon Foucaults dreibändige „Geschichte der Sexualität“ (1976/84), die auf Deutsch unter dem Titel „Sexualität und Wahrheit“ erschienen ist, wurde wesentlich seltener herangezogen, ganz zu schweigen von seinen zahlreichen kleineren Arbeiten, Aufsätzen und Interviews, die erst seit kurzem in einer mehrbändigen Sammlung auf Deutsch vorliegen.4
Dass auch heute noch neue Aspekte an Foucaults Werk zu entdecken sind, zeigt nicht zuletzt die seit einigen Jahren unternommene Edition seiner Vorlesungen am Collège de France, wo Foucault seit 1971 unterrichtete und angehalten war, jedes Jahr ein neues Forschungsfeld zu präsentieren. Nachdem bereits in den letzten Jahren seine dortigen Vorlesungen aus den Jahren 1973-1976 sowie 1981/82 in deutscher Übersetzung veröffentlicht wurden,5 liegt seit Ende 2004 erstmals auch der gesamte Vorlesungszyklus zur „Geschichte der Gouvernementalität“ von 1977-1979 auf Deutsch vor, von dem bislang nur die Zusammenfassungen sowie Mitschriften einzelner Seminarsitzungen bekannt waren.6
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Das Besondere an dieser Vorlesungsreihe liegt zum einen darin, dass Foucault hier weit ausholend die Geschichte der Regierungstechniken vom 16. Jahrhundert bis zum Neo-Liberalismus des 20. Jahrhunderts verfolgt und dabei nicht nur die US-amerikanische Spielart des Liberalismus in den Blick nimmt, sondern ausführlich auch den westdeutschen Ordo-Liberalismus der Jahre nach 1945 in die Untersuchung einbezieht. Foucault weitet damit seinen historischen Blick, der zuvor stark auf die Zeitspanne zwischen Früher Neuzeit und frühem 19. Jahrhundert konzentriert war, auf die Zeitgeschichte aus und zeigt, wie sich die Herrschaftstechniken vom primären Zugriff auf das Territorium über Anleihen bei der Seelenführungspraxis des christlichen Pastorats zur Beherrschung der Bevölkerung - und das heißt der einzelnen Subjekte - gewandelt haben, eine Filiation, deren Spuren sich laut Foucault noch in neoliberalen Politikentwürfen der 1950er-Jahre auffinden lassen. Gerade in ideengeschichtlicher Hinsicht, aber auch mit Blick auf die politische Kulturforschung bieten die Vorlesungen somit ein reichhaltiges Anknüpfungspotenzial für die zeitgeschichtliche Forschung.
Zum zweiten führt Foucault in den Vorlesungen dieser Jahre seinen früheren machtanalytischen Ansatz und sein seit der Arbeit an der „Geschichte der Sexualität“ verstärktes Interesse für ‚Techniken‘ bzw. ‚Technologien des Selbst‘, also für Selbstführungspraktiken der Subjekte,7 im Begriff der ‚Gouvernementalität‘ zusammen - ein Kunstwort, das er an einer Stelle definiert als „die Art und Weise, mit der man das Verhalten der Menschen steuert“.8 Häufig spricht Foucault im Verlauf der Vorlesung auch einfach von ‚Regierung’, und zwar im Sinne von ‚Führung‘, wobei er Fremd- und Selbstführung stets zusammendenkt. Einige Jahre später erläutert Foucault seine Begriffsverwendung folgendermaßen: „‚Führung‘ ist zugleich die Tätigkeit des ‚Anführens‘ anderer (vermöge mehr oder weniger strikter Zwangsmechanismen) und die Weise des Sich-Verhaltens in einem mehr oder weniger offenen Feld von Möglichkeiten. Machtausübung besteht im ‚Führen der Führungen‘ [...]. [...] Regieren heißt in diesem Sinne, das Feld eventuellen Handels der anderen zu strukturieren.“9
Das Konzept der Gouvernementalität bietet somit eine Perspektive auf politische Herrschafts- und Integrationsprozesse, wie sie insbesondere Gegenstand der historischen politischen Kulturforschung sind. Im Blick auf die Gouvernementalität kommen unterhalb von Zwang, Gewalt, Anreiz und Interesse die Selbstdisziplinierungen und -stilisierungen der Subjekte in den Blick, die sich selbst erst zu dem formen, was sie im Machtgefüge jeweils sind: Herrscher und Beherrschte, Funktionäre, Bürger, Untergebene, zivilgesellschaftliche Akteure. Insofern untermauert Foucaults Begriff der Gouvernementalität den klassischen Analyseansatz Max Webers: Begann für diesen die Frage nach der Herrschaft mit der „Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden“, so fragt Foucault nach den Prozessen und Bedingungen der Konstituierung eben dieser Personen.10 Denn deren Bereitschaft, einem Befehl Gehorsam entgegenzubringen, ist nur zum Teil Resultat von Vereinbarung oder Überwältigung. Sie ist häufig schlicht das Ergebnis eines Systems ‚geführter Führungen‘, das die Institutionen der Gesellschaft - Familie, Schule, Beruf - ebenso durchzieht, wie es von den Subjekten in ihrem sozialen und körperlichen Verhalten selbst hervorgebracht wird. Herrschaft im Sinne der Gouvernementalität beginnt somit weder ‚unten‘ noch ‚oben‘, sondern gewissermaßen in der Mitte der Gesellschaft, am Kreuzungspunkt jeweils unterschiedlicher ‚Führungen‘: „Die Verbindung zwischen den Techniken der Beherrschung anderer und den Techniken des Selbst nenne ich ‚Gouvernementalität‘.“11
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In der politik- und sozialwissenschaftlichen Forschung ist Foucaults Begriff der Gouvernementalität bereits seit längerem aufgegriffen und produktiv umgesetzt worden.12 In der Geschichtswissenschaft hat er bislang jedoch noch kaum Beachtung gefunden. Die Zeithistorischen Forschungen wollen mit den folgenden Beiträgen zur Diskussion des Konzepts anregen: Jürgen Martschukat erläutert den Begriff näher und diskutiert seine Anschlussfähigkeit an gegenwärtige Forschungstrends einer ‚Kulturgeschichte des Politischen‘. Er selbst zeigt am Beispiel der Geschichte des Alkoholkonsums in den USA und seiner staatlichen Begrenzung, wie sehr sich gerade in diesem Bereich Selbst- und Fremdführung durchdrangen. Maren Möhring legt in ihrem Beitrag den Schwerpunkt auf die Körpergeschichte und blickt mit Foucault auf die Gymnastikbewegung des frühen 20. Jahrhunderts, in der äußere Disziplinierungen zunehmend durch innere Selbstführungspraktiken überlagert wurden. Jan-Otmar Hesse beschäftigt sich mit Foucaults Analysen der deutschen Ordo-Liberalen und entdeckt darin trotz gewisser Schwachstellen einen weiterführenden Blick auf die dem deutschen Neo-Liberalismus zugrundeliegenden anthropologischen Zielvorstellungen.
Die drei Essays versuchen den Begriff der Gouvernementalität an jeweils unterschiedlichen Momenten des 20. Jahrhunderts zu verankern und so zur historischen Analyse der Vorgeschichte liberaler Gegenwartsgesellschaften beizutragen. Das Konzept selbst eignet sich sicherlich nicht als Passepartout für sämtliche Probleme der zeithistorischen Forschung; zudem haben Foucault oder seine Schüler es nicht bis ins Detail ausgearbeitet. Doch gerade in der Offenheit des Begriffs liegt möglicherweise sein Potenzial für zukünftige Forschungen.
Klaus Große Kracht, „Gouvernementalität“ - Michel Foucault und die Geschichte des 20. Jahrhunderts, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 3 (2006) H. 2, URL: <http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-GKracht-2-2006>Beim Zitieren einer bestimmten Passage aus dem Aufsatz bitte zusätzlich die Nummer des Textabschnitts angeben, z.B. 12 oder 14-16.