„History, in general, only informs us what bad Government is“, schrieb Thomas Jefferson, der Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und dritte Präsident der USA, im Juni 1807.1 Mit der rund drei Jahrzehnte zurückliegenden Loslösung vom britischen Mutterland, mit der Revolution und der Gründung der Republik hatte sich die Frage danach, was „gute“ von „schlechter“ Regierung unterscheide, in Nordamerika mit besonderer Dringlichkeit gestellt. Schließlich hatte man in den ehemaligen Kolonien bewusst den Despotismus verabschiedet und eine Gesellschaftsordnung auf den Weg gebracht, die das Glück des Einzelnen, Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zu ihren Grundsätzen erhob. Damit wurden die leitenden Prinzipien der Aufklärung in der politischen und gesellschaftlichen Realität auf die Probe gestellt. John Adams, ein weiterer „Gründervater“ und später zweiter Präsident der Republik, hatte schon einige Monate vor der Unabhängigkeitserklärung geschrieben, mit der Revolution lösten sich sämtliche autoritär strukturierten Herrschaftsverhältnisse, und zwar nicht nur diejenigen zwischen Mutterland und Kolonien, sondern auch die zwischen Herren und Sklaven, Lehrjungen und Meistern oder Eltern und Kindern.2 Angesichts solcher Veränderungen empfand Adams - wie viele andere auch - nicht nur Freude und Zuversicht, sondern zugleich ein gewisses Unbehagen. Man musste neue Formen der Regierung finden, die die Menschen ohne imperativen Zwang derart führten, dass sie in einer freiheitlichen Ordnung funktionierten.
Frei sein und sich trotzdem fügen, indem man sich selbstverantwortlich im Sinne des Kollektivs verhielt, lautete die Maxime der neuen Republik. Ein breites Spektrum entsprechender Aussagen, Techniken und Praktiken bildete sich bald heraus, von politischen Leitlinien über Lern- und Strafinstitutionen bis hin zu Erziehungsfibeln und anderen Ratgebern, die darauf abzielten, das Handlungsfeld der Menschen zu strukturieren und ein umfassendes Bewusstsein ihrer Verantwortlichkeit für das Gelingen des Projektes zu erzeugen. Dabei war man sich einig, dass Regierung in einer freiheitlichen Gesellschaft dann am besten funktionieren werde, wenn die Geführten ihre Führung gar nicht als solche empfanden. Auf den Punkt brachte dies ein zuerst 1838 publizierter Ratgeber für junge Ehemänner, der betonte, „the art of bearing rule, in the family circle, if not elsewhere, is to govern as if we governed not“.3
Die frühe US-amerikanische Republik rang mit Problemstellungen, die denen sehr nahe waren, die Michel Foucault seit den späten 1970er-Jahren in seinen Vorlesungen am Collège de France und in weiteren Gesprächen und Beiträgen zu fassen versuchte: „Was muss man tun, um der beste Regent zu sein?“4 Dabei war auch Foucault von gesellschaftlichen Umbrüchen seiner Gegenwart angeregt, als er diese Frage erörterte und das Konzept der so genannten „Gouvernementalität“ entwarf, um ein top-down-Verständnis von Regierung und allmächtigem Staat einerseits und ohnmächtigen Beherrschten andererseits zu verabschieden. Weltweit begehrten Menschen in verschiedenen Formen des Widerstandes und der Revolte gegen herrschende Regierungen und deren Praktiken auf, gab Foucault zu bedenken. Hier sei das Signaljahr 1968 genannt - sei es nun in Paris, Berlin oder Prag -, aber auch die iranische Revolution 1978/79, der wachsende Widerstand gegen die Atomkraft in vielen europäischen Ländern oder die Streiks, die dann im Sommer 1980 Polen erschütterten. „Wir stehen vielleicht am Beginn einer großen krisenhaften Neueinschätzung des Problems der Regierung“, prophezeite Foucault bereits im Dezember 1978.5
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Foucault schaut in seinen Vorlesungen bis in das 16. Jahrhundert und weiter zurück, um seine eigene Gegenwart zu situieren und eine Geschichte der Regierung vor allem liberaler Gesellschaften zu schreiben. Dabei soll das „häßliche Wort“ „gouvernementalité“ zum Ausdruck bringen, „daß die Regierung im Grunde viel mehr ist als die Souveränität, viel mehr als die Herrschaft, viel mehr als das imperium“.6 Will man die Mechanismen der Steuerung von Menschen verstehen, so ist die Aufmerksamkeit nicht nur auf das scheinbar homogene Gebilde eines omnipotenten und mit formaler Autorität ausgestatteten Staates zu richten. Vielmehr gilt es, vielfältige Ebenen und Formen des Regierens zu untersuchen, die vom Staat über die Familien bis zum Subjekt reichen und die ineinander verklammert sind. „Unter Regierung verstehe ich die Gesamtheit der Institutionen und Praktiken, mittels derer man die Menschen lenkt, von der Verwaltung bis zur Erziehung“, erläuterte Foucault Ende 1978.7
Regierungspraktiken sind in einem historisch kontingenten Feld des Wahrnehmens, Wissens und Denkens verankert. Sie sind somit Teil einer kulturell und historisch spezifischen Form der „Rationalität“, die die Formulierung bestimmter Probleme ebenso wie die Anwendung bestimmter Lösungsstrategien und Regierungstechniken sinnvoll, notwendig oder evident erscheinen lässt.8 Regierung im Sinne Foucaults zielt darauf ab, die Menschen so zu lenken, dass sie das tun, was in einer spezifischen historischen Situation mit einer ihr eigenen „Rationalität“ sinnvoll erscheint. „Regieren heißt in diesem Sinne, das Feld eventuellen Handelns der anderen zu strukturieren“ und Wahrscheinlichkeiten zu schaffen, formuliert Foucault in einer mittlerweile schon klassisch zu nennenden Textstelle.9
Spätestens hier wird deutlich, warum historische Beobachtungen entlang der Linien der Gouvernementalität insbesondere dabei helfen können, die Steuerungsmechanismen liberaler Gesellschaften zu durchdringen. So betont Foucault, dass wir „im Zeitalter der Gouvernementalität [leben], die im 18. Jahrhundert entdeckt wurde“, und entsprechend hat er sich im zweiten Teil seiner Vorlesungen zur Gouvernementalität insbesondere dem (Neo-)Liberalismus zugewandt.10 Der Blick der gouvernementalen Analyse ist speziell auf die Interferenzen zwischen Regierung und Subjektivität gerichtet. Dabei ist die Person, deren Handlungsfeld strukturiert wird, im Konzept der Gouvernementalität weder frei noch unfrei. Dies entspricht dem zweifachen Sinn des Wortes Subjekt, der sich aus dem französischen Sprachgebrauch eher erschließen lässt als aus dem deutschen. Im Französischen ist „sujet“ nicht nur mit „Autonomie“ verknüpft, sondern kann zugleich auch „unterworfen“ bedeuten.11 Für Foucault umfasst „Subjektivierung“ immer dieses Doppelspiel von Unterwerfung und Subjektwerdung.12
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Freiheit ist also nicht einfach das Gegenteil von Unfreiheit. Vielmehr existiert Freiheit immer nur innerhalb einer komplexen Gemengelage, die eine ganz bestimmte Lebensform und einen ganz bestimmten Gebrauch von Freiheit sinnvoll oder gar zulässig werden lässt. Dies erscheint den Subjekten in aller Regel gar nicht als aufgezwungen, sondern vielmehr als Ergebnis ihrer freien Wahl. Wie insbesondere der Soziologe Nikolas Rose hervorhebt, ist im Liberalismus weniger die Unterwerfung als vielmehr die Entfaltung des Subjektseins das Ziel der Macht und ihrer Techniken, Taktiken und Regulierungen. Die Nutzung des eigenen Potenzials und die rastlose Tätigkeit im Sinne des eigenen Fortkommens werden zu einer Art soziokultureller und ökonomischer Obsession.13 Freiheit, so argumentiert Susanne Krasmann im Anschluss an Foucault, „bildet im Liberalismus gleichermaßen die Grundlage und unverzichtbare Voraussetzung für das Regieren“.14
Foucaults Vorlesungen zur Gouvernementalität stoßen allgemein auf großes Interesse, und nun, da sie endlich in deutschsprachiger Übersetzung vorliegen, entdeckt sie auch die deutsche Geschichtsschreibung. Dieses Interesse ist Ausdruck diverser produktiver Verschiebungen im Bereich der historischen Forschung. Erstens ist die so genannte „neue“ Kulturgeschichte mittlerweile derart fest in der Forschungslandschaft verankert, dass es in den letzten Jahren durchaus salonfähig geworden ist, sich auf Foucault zu stützen. Hier ist offenbar eine Transformation historiographischer Rationalität zu bemerken, um gewissermaßen mit Foucault selbst zu sprechen. Entsprechende Publikationen sind mittlerweile so zahlreich, dass sie sich kaum mehr in einem einzelnen Aufsatz unter dem Stichwort „Foucaultrezeption“ erfassen ließen, wie es vor wenigen Jahren noch eher möglich war. Als weiteres Indiz für die Konjunktur Foucaultschen Denkens mag herangezogen werden, dass sich Achim Landwehrs „Geschichte des Sagbaren“ und Philipp Sarasins „Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse“ mittlerweile als Standardwerke etabliert haben, die Wege weisen können, wie sich mit Foucault Geschichte schreiben lässt.15
Eine zweite Verschiebung ist im Bereich der politischen Geschichte zu erkennen. Sie ist wieder im Rennen, kommt dabei jedoch in neuem Gewand daher. Es ist nicht mehr die klassische „Politikgeschichte“, die Politik als interessegeleitetes Handeln von Personen und Institutionen im Streben um Macht und in staatlichem Auftrag untersucht. Vielmehr ist diese neue politische Geschichte darauf ausgerichtet, vielfältige Ordnungs- und Organisationsformen von Menschen in Gesellschaften und die Rückkoppelungen zu deren individuellen und kollektiven Denk- und Daseinsweisen zu erschließen. Eine solche Geschichte ist getragen von alltags- wie geschlechterhistorischen, diskurs- wie sexualitätsgeschichtlichen Erwägungen, sie befasst sich mit Kommunikationsräumen und Grenzziehungen, Aus- und Einschlüssen und firmiert programmatisch als „Kulturgeschichte des Politischen“.16
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Hier ist nicht der Ort, diese „Kulturgeschichte des Politischen“ konzeptionell weiter auszuführen. Zu betonen ist aber, dass wir trotz der vielen Arbeiten, die seit dem 19. Jahrhundert im Bereich der politischen Geschichte geschrieben worden sind, immer noch wenig darüber wissen, wie Menschen zu verschiedenen Zeiten regiert wurden. Mit dem Konzept von „Herrschaft als sozialer Praxis“ versuchte Alf Lüdtke diese Lücke schon 1991 zu schließen. Er regte an, weniger in Kategorien formal autorisierter Herrschaft zu denken, sondern vielmehr disparate „Kräftefelder“ in den Blick zu nehmen, die menschliche Handlungsweisen, soziale Praktiken und die Herausbildung kollektiver wie individueller Dispositionen ermöglichen und zugleich begrenzen.17 Eine Auseinandersetzung mit Foucaults Erörterungen zur Gouvernementalität kann dabei helfen, solche bestehenden historiographischen Ansätze weiter voranzutreiben. Eine Aufgabe der historischen Forschung könnte dabei sein, die Fruchtbarkeit gouvernementaler Analysen auch jenseits des bisherigen, deutlich sozialwissenschaftlich geprägten Betrachtungsschwerpunktes neoliberaler Gesellschaften aufzuzeigen.
Kehren wir abschließend nochmals zur US-Geschichte zurück, um an einem Beispiel anzudeuten, wie eine gouvernementale Geschichte geschrieben werden könnte. Wir haben gesehen, dass eine Gesellschaft wie die US-amerikanische Republik nicht von autoritären Bindungen zusammengehalten werden, sondern sich auf Subjekte stützen sollte, die aus eigenem Antrieb heraus und nur aufgrund ihrer eigenen Rationalität, Tugendhaftigkeit und Selbstkontrolle ein adäquates, soziokulturell stabilisierendes Leben führten. Vielleicht lassen sich die Funktionsweisen dieser Gesellschaftsordnung am besten erfassen, wenn wir Kräfte unter die Lupe nehmen, die ihr offenbar entgegenwirkten und -wirken. Schauen wir uns etwa an, wie eine gouvernementale Geschichte des Rausches - und hier genauer: des Alkohols - aussehen könnte.
Der Rausch - die Verkörperung der Unvernunft, der Untugend und des Kontrollverlustes schlechthin - avancierte in den USA bald zur ultimativen Bedrohung des freien, vernünftigen Individuums und der liberalen Gesellschaft. Insbesondere der Alkohol schien die junge Republik auszuhebeln. Noch um 1800 war das gemeinsame Trinken eine homosoziale Angelegenheit und äußerst verbreitet; es gehörte etwa zum guten Ton, den Abschluss eines Geschäftes mit seinen Partnern ausgiebig in der nächsten Taverne zu begießen. Schon bald jedoch wurde der Alkoholkonsum als ein immer dringlicheres Problem wahrgenommen. Mit der neuen republikanischen Ethik der Selbstkontrolle, Selbstregierung und Selbsterfüllung sowie der aufkommenden Industrialisierung wurde der unkontrollierte Alkoholrausch immer deutlicher zu einem Zeichen insbesondere männlichen Versagens und einer Unterschichten- bzw. Unterklassenidentität. Deshalb richtete ein ganzes Arsenal von Schriften, Verordnungen und bürgerlichen Vereinigungen seine Aufmerksamkeit auf den Alkohol und dessen Wirkungen. Der Alkohol, so schien es, bedrohte die Fähigkeit zur Selbstführung vor allem des weißen Mannes, und mit dem männlichen Subjekt schien auch die Existenz der Familien und der gesamten freien Gesellschaftsordnung auf dem Spiel zu stehen. Der Kampf gegen den Alkohol war damit ein hochgradig politischer Kampf. Er (re)produzierte eine spezifisch aufgeklärte, bürgerliche, moderne Ordnungsstruktur, die die Fähigkeit zur Selbstführung wie zur Führung anderer nicht mehr an die Standeszugehörigkeit koppelte, sondern an Kategorien wie „Rasse, Klasse und Geschlecht“.18
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Alkohol und seine Wirkungen auf die individuelle wie kollektive Gesundheit, auf männlich gedachte Produktivität wie Wehrhaftigkeit sowie auf weibliche Keuschheit und auf die Funktionalität der Familie blieben vom frühen 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart zentrale Themen. Vielfältige Regierungstechniken und Institutionen der unterschiedlichsten Arten und Ebenen waren gegen den Alkohol und auf seine Kontrolle gerichtet, und die Grenze zwischen Regierungsmacht und Disziplinarmacht ist hier äußerst unscharf. Medizinische Fachliteratur, populäre Ratgeber, Propagandainitiativen, therapeutische Sitzungen, Kliniken oder auch Verbände und Selbst- wie Fremdhilfegruppen (von der 1826 gegründeten „American Temperance Society“ bis zu den „Alcoholics Anonymous“) waren und sind darauf ausgerichtet, Wissensfelder zu formieren sowie soziokulturelle Strukturen zu schaffen, die die Wahrscheinlichkeit des Alkoholverzichts oder auch des gemäßigten Konsums erhöhen sollen. Auch staatlich induzierte Mechanismen wie Besteuerung, die Regulierung des Verkaufs über Konzessionen bis hin zur bundesweiten Prohibition per Verfassungszusatz in den 1920er-Jahren wären hier zu nennen. Das Ziel der Temperenzler ist jedoch weniger eine Politik des Verbots als vielmehr eine Kultur der selbstkontrollierten Mäßigung: die Kreation beherrschter Subjekte mit einem entsprechenden Bewusstsein, auf den Rausch verzichten zu wollen und das eigene Selbst in einer Maximierung von Produktivität, Rationalität, Selbstbeherrschung und Gesundheit zu finden.19 Andererseits kann keine Geschichte, die Alkohol und Regierung zueinander in Beziehung setzt, übersehen, dass die Subjekte sich trotz aller regulierenden Effekte immer wieder dem Rausch hingeben. Und dieser ist wiederum notwendige Bedingung für die Fortexistenz des regulierenden Dispositivs, das so unentwegt an der Ausgestaltung des gemäßigten Subjekts feilt.
Eine solche Geschichte des Alkohols und des Rausches ist eines von vielen möglichen Beispielen, anhand derer die Funktionsweise von vielfältigen Regierungen in liberalen Gesellschaften vorgeführt werden könnte - in all ihren Techniken auf den verschiedenen Ebenen von der staatlichen Verordnung bis zum gemäßigten und trotzdem immer wieder verführten Subjekt. Gerade eine Zeitgeschichtsschreibung, die sich im Sinne Foucaults als Geschichte der Gegenwart versteht, gewinnt mit dem Konzept der Gouvernementalität eine analytische Perspektive auf die äußere wie innere Formierung der Subjekte und ihrer Lebenszusammenhänge.
Jürgen Martschukat, Feste Banden lose schnüren „Gouvernementalität“ als analytische Perspektive auf Geschichte, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 3 (2006) H. 2, URL: <http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Martschukat-2-2006>Beim Zitieren einer bestimmten Passage aus dem Aufsatz bitte zusätzlich die Nummer des Textabschnitts angeben, z.B. 12 oder 14-16.