Die in den Thesen etwas zugespitzten, in der Sache aber zutreffenden Beobachtungen regen – hoffentlich – eine fruchtbare und besonders angesichts der gegenwärtigen Umstrukturierungen im Bildungs- und Ausbildungswesen sehr notwendige Debatte an. Sie greifen weit über den wissenschaftlichen Raum hinaus, organisieren die Reformmaßnahmen doch ein neues Verhältnis von Wissenschaft, Didaktik und Praxis. In diesen Zusammenhang muss man die Überlegungen einordnen. Für mich werden dabei mehrere Facetten des Problems erkennbar:
· Jede öffentlich finanzierte Beschäftigung hat sich der Kosten-Nutzen-Analyse zu stellen, d.h. sich fragen zu lassen, welchen Vorteil die Tätigkeit unmittelbar oder mittelbar für die Allgemeinheit erbringt. Das Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Geschichtsdidaktik (ob mit oder ohne Begrenzung auf die Zeitgeschichte) ist also kein theoretisches, universitäres Problem, sondern aus meiner Sicht vorrangig ein gesellschaftliches. Was nützt die Beschäftigung den Menschen heute, für die Schule gesprochen (die ich vertrete): den Millionen Schülern, die davon betroffen sind?
· Inhaltlich gibt es genug gegenwartsbezogene und zukunftsrelevante Problemfelder, die zu bearbeiten für uns alle wichtig sind bzw. wären, zum Beispiel der Bereich der Globalisierung, der öffentlichen Geschichtskultur, der Begegnung mit anderen Kulturen. Das setzt aber eine Einsicht in die Sozialpflichtigkeit, in die Notwendigkeit einer gewissen pragmatischen Grundhaltung und in die Erfordernis der Orientierung an – wohlverstandenen – Gegenwartsinteressen voraus. Diese Einsichten sind sowohl in der Geschichtswissenschaft wie in der Geschichtsdidaktik nicht immer in ausreichendem Umfang vorhanden.
· Dies mündet in die Frage der Methodik einer wie auch immer gestalteten oder aufeinander bezogenen Zusammenarbeit ein. Sie wird kaum je klar von allen Beteiligten realisiert und definiert und wirft im „sozialen Gefälle“ der Tätigkeiten – Wissenschaft, Didaktik, Praxis – schon große Probleme auf, ganz zu schweigen von den inhaltlichen Verständigungsschwierigkeiten in Gegenstand, Sicht- und Zugriffsweise.
Welcher Bereich der Geschichte eignet sich mehr als die Zeitgeschichte, den Versuch einer Annäherung und Impulsgebung in diesem Bereich zu unternehmen? Die von „Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History“ angeregte Debatte ist über die Zeitgeschichte hinaus verdienstvoll und sollte sich zu einem kleinen neuen „Forschungsfeld“ entwickeln, in dem die genannten Gruppierungen in ein organisiertes Gespräch miteinander eintreten und das Beziehungsgeflecht Geschichtswissenschaft – Geschichtsdidaktik – Geschichtspraxis (nicht nur für die Schule) anhand konkreter Themen untersuchen.
Der Verband der Geschichtslehrer Deutschlands und das Zentrum für Zeithistorische Forschung haben einen solchen Versuch der Zusammenarbeit bereits unternommen: In gemeinsamen Sitzungen vom Frühjahr 2003 bis Ende 2004 wurden ausgehend von Christoph Kleßmanns Konzept einer „asymmetrisch verflochtenen Parallelgeschichte“ mehrere zentrale Themenbereiche zur deutsch-deutschen Geschichte 1945–1990 unter gesamtdeutschem Blickwinkel erarbeitet. Das Ergebnis erscheint in Kürze als Sammelband bei der Bundeszentrale für politische Bildung (Christoph Kleßmann/Peter Lautzas [Hg.], Teilung und Integration. Die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte als wissenschaftliches und fachdidaktisches Problem, Bonn 2005).
Die insgesamt sehr gelungene und ergebnisreiche Zusammenarbeit wirft unter der Fragestellung der hier angeregten Debatte aber eine Fülle weiterer Fragen auf, die eine genauere Untersuchung erfordern – zum Beispiel: Wie ist eine Verständigung der drei Arbeitsbereiche hinsichtlich Voraussetzungen, Methoden, Zielen und erwünschtem Ergebnis möglich und zu organisieren, ohne dass Abstriche bei den einzelnen Profilen und im Selbstverständnis gemacht werden müssen? Ist es möglich, sich auf übergeordnete gemeinsame Zielsetzungen der Arbeit zu einigen, ohne dass dieselben zu allgemein und zu abstrakt werden? Kann ein Konsens über die Relevanz der zu bearbeitenden Themen hergestellt werden? Damit würde sicher auch die akademische Kontroverse zwischen Geschichtswissenschaft einerseits und Geschichtsdidaktik andererseits in einem neuen Licht erscheinen.
Dr. Peter Lautzas, Vorsitzender des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands, Bettelpfad 46, D-55130 Mainz, E-Mail:
p.lautzas@gmx.de