Eine Zufallsrecherche im Online-Katalog von Amazon zum Stichwort „Vietnam War“ ergibt 1506 Treffer (Stand 11.1.2005) - und dies ist sicher nur ein Bruchteil der englischsprachigen Publikationen zu einem Krieg, der wie kein anderer die amerikanische Öffentlichkeit umtreibt. Der Großteil der Bücher zum Vietnam-Krieg ist jedoch einseitig und reduziert die „Vietnam Experience“ auf die Erfahrung der US-Soldaten und ein „American drama in which the Vietnamese only play second fiddle“.1 Ähnliches lässt sich für die Darstellung des Krieges in Produkten der US-Filmindustrie feststellen. In den meisten „Vietnam War Movies“ treten Vietnamesen kaum als handelnde Personen auf - und wenn doch, dann werden sie als „typisch asiatisch verschlagen“, undurchschaubar und grausam dargestellt („Deer Hunter“, 1978), oder als schattenhaft durch den Dschungel huschend („Platoon“, 1986).2 Insofern trifft die These von Marc Frey zu: „Und wer nach den Gesichtern der Feinde sucht, findet in der zeitgenössischen amerikanischen Darstellung und in vielen Hollywood-Spielfilmen über Vietnam vor allem einen ‘autistischen Diskurs’“.3
Neben diesen einseitig auf die amerikanische Erfahrung fixierten Darstellungen gibt es jedoch auch Bücher, zum Teil auch Filme von Vietnamesen in Vietnam und im Ausland, die eine Rückschau auf den Vietnamkrieg aus vietnamesischer Perspektive erlauben. Dies sind zum einen Memoiren von früheren Repräsentanten der südvietnamesischen Regierung, die schon relativ kurz nach dem Kriegsende 1975 erschienen und häufig einen apologetischen Charakter tragen,4 und Bücher hoher nordvietnamesischer Kader, die die „offizielle“ vietnamesische Sichtweise widerspiegeln.5 Zum anderen ist in den letzten Jahren aber eine Reihe von Monographien vietnamesischer Autoren erschienen, die neue, differenzierte Darstellungen der Kriegserfahrung bieten. Die Romane „The Sorrow of War“ von Bao Ninh6 und „Roman ohne Titel“ von Duong Thu Huong,7 die erst nach dem Beginn der Reformpolitik in Vietnam 1986 und der damit einsetzenden kulturellen Liberalisierung veröffentlicht werden konnten, lehnen sich nicht mehr an die Maximen des sozialistischen Realismus an, sondern stellen die offizielle Präsentation des Krieges als „heldenhaften Kampf des vietnamesischen Volkes gegen die amerikanischen Imperialisten“ in Frage und schildern auch die „dunklen Seiten“ des Krieges.8 Nicht-fiktionale Texte wie die Erinnerungen von Tran Nhu Tang,9 des früheren Justizministers der Provisorischen Regierung Südvietnams, der nach 1975 aus Vietnam floh, sind ebenfalls Beispiele für neue Beiträge zu einer Erinnerungskultur, die weder von Erfahrungen der Amerikaner dominiert noch der unverändert dichotomischen offiziellen Darstellung der vietnamesischen Geschichtsschreibung verpflichtet sind.
Eine besondere Gattung der vietnamesischen Memoirenliteratur stellen im Ausland erschienene Werke früherer, zum Teil hochrangiger vietnamesischer Kader dar, die mit „Insider-Informationen“ beispielsweise zu internen Machtstreitigkeiten innerhalb der Hanoier Führung und zum Dissens in der nordvietnamesischen Gesellschaft während des Krieges aufwarten. Die Memoiren von Bui Tin, dem früheren Chefredakteur der Sonntagsausgabe der Parteizeitung „Nhan Dan“, machten dabei die größte Furore.10 Daneben werden aber auch vietnamesischsprachige Bücher von der Forschung rezipiert, die noch nicht ins Englische übersetzt worden sind. Ein herausragendes Beispiel sind die Erinnerungen des Schriftstellers Vu Thu Hien, der im Zusammenhang mit der so genannten Revisionismus-Affäre in den 1960er-Jahren für mehrere Jahre inhaftiert wurde und sich später ins Ausland absetzte.11 Seine Memoiren sind stellenweise eine der Hauptquellen für die Ho Chi Minh-Biographie von William Duiker.12 Damit ist allerdings auch schon ein fundamentales Problem angesprochen, mit dem sich nicht nur die Vietnam-Forschung auseinandersetzen muss. So interessante neue Erkenntnisse die Bücher von Zeitzeugen wie Vu Thu Hien auch liefern, so stehen diese doch auf einer unsicheren Grundlage, wenn sie nicht mit anderen Quellen wie archivalischen Dokumenten abgesichert sind.
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Gerade was die Verfügbarkeit von Archivmaterialien und die Möglichkeit zu Archivrecherchen auch in Vietnam angeht, lassen sich in den letzten Jahren positive Entwicklungen beobachten:
• Nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten sind viele bislang verschlossene Archivbestände zugänglich geworden, die eine Neubewertung wesentlicher Aspekte des Vietnamkrieges ermöglichen. Als ein Beispiel seien die beiden auch in dem Beitrag von Marc Frey erwähnten Monographien des russischen Historikers Gaiduk zu den Beziehungen zwischen der UdSSR und Nordvietnam vor und während des Vietnam-Krieges genannt.13 Gaiduk stützt sich in erster Linie auf Dokumente aus russischen Archiven. Für die Thematik relevante Quellen finden sich jedoch auch in anderen osteuropäischen Archiven.14
• Chinesische Quellen können jetzt ebenfalls verstärkt genutzt werden. Ein herausragendes Ergebnis ist zum Beispiel die Studie des chinesischen Historikers Qiang Zhai zur Entwicklung der Beziehungen zwischen der Volksrepublik China und Nordvietnam.15 Eine entsprechende Untersuchung, die sich auf vietnamesische Quellenbestände stützt, liegt noch nicht vor.
• Dennoch bleibt festzuhalten, dass ungefähr seit Anfang der 1990er-Jahre auch die vietnamesischen Archive in Hanoi und Ho Chi Minh City ihre Tore für ausländische Forscher geöffnet haben. In den letzten Jahren sind deshalb eine Reihe von Studien entstanden, die sich auf diese neu zugänglichen Archivbestände stützen - zum Teil noch ergänzt durch Interviews mit vietnamesischen Zeitzeugen in Vietnam selbst und durch Feldstudien -, was ebenfalls erst im Zuge der vietnamesischen Reformpolitik möglich wurde. Auch hier kann wiederum nur eine Monographie stellvertretend genannt werden:16 die Studie von Brigham über die Außenpolitik der National Liberation Front (NLF).17 Brigham weist nach, dass die NLF kein Werkzeug Hanois war, zwar auch nicht autonom agierte, aber doch eine gewisse Eigenständigkeit gegenüber der nordvietnamesischen Führung bewahren konnte.
• Allgemein ist auffallend, dass die Rezeption vietnamesischsprachiger Literatur und Quellen durch ausländische Forscher zugenommen hat. In den letzten Jahren wurden deshalb mehrere Studien zum Vietnamkrieg publiziert, die vorwiegend offizielle vietnamesische Quellensammlungen und Darstellungen verwenden.18
• Eine weitere Forschungstendenz, die in direktem Zusammenhang mit den zuvor genannten Punkten steht, ist der neue Fokus auf die innere Entwicklung der Demokratischen Republik Vietnam vor und während des Krieges. Ein erst kürzlich erschienener englisch-französischer Sammelband stellt die wichtigsten neuen Forschungsergebnisse auf diesem Feld vor.19
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Ein anderer Sammelband mit dem programmatischen Titel „The Country of Memory, Remaking the Past in Late Socialist Vietnam“ vereinigt die vorgestellten Forschungstendenzen.20 Er befasst sich mit der Frage, wie sich Vietnamesen an den Krieg erinnern und welche Widersprüche es zwischen der privaten und öffentlichen Erinnerungskultur in Vietnam gibt. Die kommunistische Partei, die sich nach wie vor dadurch legitimiert sieht, dass sie das vietnamesische Volk zum Sieg gegen die USA geführt habe, beansprucht dabei unverändert das Deutungsmonopol für die „Organisation“ der Erinnerungskultur an den Krieg. Versuchen, die während des Krieges durch die nordvietnamesische Propaganda vorgenommene stereotype Dichotomisierung der Konfliktparteien aufzuweichen (Nordvietnam „gut“, Südvietnam und die USA „schlecht“), tritt die Führung in Hanoi entgegen.21 Aufgrund der Öffnung des Landes sind jedoch gesellschaftliche Prozesse in Gang gesetzt worden, die der privaten Erinnerungskultur in Vietnam mehr Freiräume gewähren. Damit bieten sich auch der Forschung zum Vietnamkrieg neue Perspektiven.
1 John Kleinen, Framing ‚the Other’. A Critical Review of Vietnam War Movies and their Representation of Asians and Vietnamese, in: Leidschrift, Gevallen Steen, Dekolonisatie en Koude Oorlog in Vietnam, 19 (2004) H. 2, S. 137-166, hier S. 155. 2 Siehe dazu den zitierten Artikel von Kleinen. Er ist die aktualisierte Version eines früheren Papers, in dem Kleinen auch auf die Darstellung des Vietnamkrieges in der Literatur eingeht: John Kleinen, The Vietnam War through Vietnamese Eyes. A Review of Literary Fiction and Cinema, in: The Vietnam Review, March 1998, S. 345-368. 3 Siehe den Beitrag von Marc Frey. 4 Stellvertretend genannt seien die Bücher von Nguyen Cao Ky, Twenty Years and Twenty Days, New York 1976, und Bui Diem, In the Jaws of History, Boston 1987. 5 Siehe z.B. Vo Nguyen Giap, Unforgettable Days, Hanoi 1975, und Van Tien Dung, Our Great Spring Victory, New York 1977. Eine Ausnahme bildet die Studie des Generals Tran Van Tra, Vietnam: History of the Bulwark B-2 Theatre, Vol. 5: Concluding the 30 Years War, Washington, D.C. 1983, die bereits kurz nach der Veröffentlichung in Vietnam (1982) verboten wurde. 6 Bao Ninh, The Sorrow of War. A Novel of North Vietnam, New York 1995. 7 Duong Thu Huong, Roman ohne Titel, Bad Honnef 1995. Siehe auch den kürzlich verfilmten Roman von Le Luu, A Time for Past, Amherst 1997, der die Probleme an der „Heimatfront“ schildert. 8 Zu Duong Thu Huong siehe z.B. Hue-Tam Ho Tai, Duong Thu Huong and the Literature of Disenchantment, in: The Vietnam Forum 14 (1993), S. 82-91. 9 Truong Nhu Tang with David Chanoff and Doan Van Toai, A Viet Cong Memoir. An Inside Account of the Vietnam War and its Aftermath, New York 1986. Siehe auch Duong Van Mai Elliott, The Sacred Widow: Four Generations in the Life of a Vietnamese Family, Oxford 1999. 10 Bui Tin, Following Ho Chi Minh. Memoirs of a North Vietnamese Colonel, Honolulu 1995. 11 Vu Thu Hien, Dem giua ban ngay: Hoi ky chinh tri cua mot nguoi khong lam chinh tri [Nacht mitten am Tag: Politische Memoiren eines Nicht-Politikers], Westminster 1997. 12 William J. Duiker, Ho Chi Minh. A Life, New York 2000. 13 Ilya V. Gaiduk, Confronting Vietnam: Soviet Policy toward the Indochina Conflict, 1954-1963, Washington 2003, und ders., The Soviet Union and the Vietnam War, Chicago 1996. 14 Eine Vorreiterrolle bei der Auswertung der neu erschlossenen Archivbestände spielt das Cold War International History Project am Woodrow Wilson International Center for Scholars (George Washington University). Im Rahmen dieses großangelegten Forschungsprojektes sind bereits mehrere Arbeiten zu asiatischen Staaten vorgelegt worden, darunter auch zu Vietnam. Siehe z.B. Odd Arne Westad et al. (eds.), 77 Conversations between Chinese and Foreign Leaders on the Wars in Indochina, 1964-1977. Cold War International History Project, Working Paper #22, Washington 1998. 15 Qiang Zhai, China and the Vietnam Wars, 1950-1975, Chapel Hill 2000. 16 Weitere Titel finden sich in der Online-Bibliographie von Edwin E. Moïse, die regelmäßig aktualisiert wird: <http://www.clemson.edu/caah/history/FacultyPages/EdMoise/bibliography.html>. 17 Robert K. Brigham, Guerilla Diplomacy: The NLF’s Foreign Relations and the Viet Nam War, Ithaca 1999. 18 Siehe z.B. Ang Chen Guan, Ending the Vietnam War: the Vietnamese Communists’ Perspective, London 2004. 19 Christopher Goscha/Benoit de Tréglodé (eds.), Naissance d’un Etat-Parti. Le Viet Nam depuis 1945. The Birth of a Party-State. Vietnam since 1945, Paris 2004. 20 Hue-Tam Ho Tai (ed.), The Country of Memory, Remaking the Past in Late Socialist Vietnam, Berkeley 2001. 21 Der vietnamesische Schauspieler Don Duong, der in den beiden US-Filmen „Green Dragon“ (2001) und „We Were Soldiers“ (2002) Rollen übernommen hatte, musste sich z.B. vom vietnamesischen Kulturministerium und der Parteizeitung „Nhan Dan“ vorwerfen lassen, sich als „Landesverräter“ an die USA verkauft und zu einer „Verzerrung der historischen Realität“ beigetragen zu haben. Den Unmut der Kader erregte dabei wohl vor allem der Umstand, dass in „We Were Soldiers“ die nordvietnamesischen wie auch die US-Soldaten als mutig und human dargestellt werden. Aufgrund der Anfeindungen sah sich Don Duong 2004 veranlasst, Vietnam in Richtung USA zu verlassen. Siehe hierzu Kleinen, Framing ‘the Other’ (Anm. 1), S. 137f.
Martin Großheim, Der Vietnamkrieg: "Vietnam Experience" und Erinnerungskultur (Kommentar), in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 2 (2005), H. 1,URL: <http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Kommentar-Grossheim-1-2005>Beim Zitieren einer bestimmten Passage aus dem Aufsatz bitte zusätzlich die Nummer des Textabschnitts angeben, z.B. 12 oder 14-16.