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Podium-1-2006
        

Neue Weltreiche? Imperiale Herrschaft im 20. Jahrhundert


Bericht über die Podiumsdiskussion am 15. Juni 2006 im Einstein-Forum Potsdam

 

Am 15. Juni 2006 wurde Heft 1/2006 von „Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History“ mit einer Podiumsdiskussion im Potsdamer Einstein Forum  öffentlich vorgestellt. Unter dem Titel „Neue Weltreiche? Imperiale Herrschaft im 20. Jahrhundert“ diskutierten Prof. Dr. Andreas Eckert (Universität Hamburg), Prof. Dr. Michael Wildt (Hamburger Institut für Sozialforschung), Prof. Dr. Jörg Baberowski (Humboldt-Universität zu Berlin) und Prof. Dr. Thomas Risse (Freie Universität Berlin). Moderiert wurde die Veranstaltung von Prof. Dr. Martin Sabrow (Zentrum für Zeithistorische Forschung).
 
Im Zentrum der Debatte stand die Frage, wie aussagekräftig der Begriff des Imperiums für die Zwecke der Zeitgeschichtsforschung sei und was er zum besseren Verständnis von Herrschaftssystemen im 20. Jahrhundert beitragen könne. Während sich aktuelle politische Kontroversen in diesem Zusammenhang meist auf die Rolle der Imperialmacht USA konzentrieren, kamen bei der Podiumsdiskussion verschiedene Imperiumsmodelle der modernen Geschichte in den Blick. Im Gegensatz zu früheren, mit starken Wertungen verbundenen Imperialismustheorien ist die neuere historische und politikwissenschaftliche Imperiumsforschung eher deskriptiv-analytisch ausgerichtet – Herfried Münklers vielbeachtetes Buch „Imperien – Die Logik der Weltherrschaft“ (Berlin 2005) ist dafür paradigmatisch. Wie Andreas Eckert betonte, ist der analytische Imperiumsbegriff allerdings keineswegs so neu, wie Münkler es suggeriert. Ohnehin sei es sinnvoller, den Begriff pragmatisch zu verwenden und die jeweiligen Herrschaftsverhältnisse möglichst genau zu untersuchen. Dabei dürften die Kosten und die Opfer imperialer Herrschaft nicht übersehen werden.
 
Michael Wildt argumentierte, daß der Imperiumsbegriff im Gegensatz zu Münklers Verwendung für langfristige, epochenübergreifende Forschungen nicht sonderlich gut geeignet sei, da die Nationalisierung und Ethnisierung seit dem 19. Jahrhundert zu einer grundlegenden Veränderung politischer Herrschaft geführt habe. Der NS-Staat, Wildts eigener Forschungsschwerpunkt, sei im engeren Sinne nicht als Imperium zu bezeichnen; seine rassenbiologischen und völkermörderischen Ziele hätten von vornherein im Widerspruch zu den stabilisierenden und pazifizierenden Zielen gestanden, die neuerdings oft als konstitutiv für Imperien gelten. Insgesamt sei die Diskussion um Imperien gleichwohl wichtig; sie dokumentiere die Suche nach tragfähigen Ordnungsmodellen moderner Gesellschaften, nachdem das Vertrauen in einen universalen Zivilisierungsprozeß im Sinne Max Webers und Norbert Elias’ geschwunden sei.
 
Jörg Baberowski widersprach Wildt insofern, als aus seiner Sicht sowohl der NS-Staat wie auch die stalinistische Sowjetunion als Imperien bezeichnet werden können – trotz wichtiger Unterschiede im Detail. Beide Diktaturen hätten an manchen Orten der Peripherie integrierend gewirkt und an anderen nicht. Während der NS-Staat erst infolge der gewaltsamen Expansion seit 1938/39 zum Imperium geworden sei, habe es sich bei der Sowjetunion von vornherein um einen Vielvölkerstaat gehandelt, ein „Imperium in Nationen“. Baberowski hob hervor, daß die deutschen Besatzer in der Sowjetunion auf schon vorhandene imperiale Strukturen gestoßen seien; durch die kriegerische Begegnung hätten sich beide Imperien verwandelt und voneinander gelernt. Diese prozeßhafte Dimension fehle in Münklers Buch völlig. Speziell für Russland bzw. die Sowjetunion stütze sich Münkler auf veraltete Literatur, so daß auch die Schlußfolgerungen falsch seien. Für die weitere Erforschung von Imperien komme es darauf an, sich stärker mit Herrschaftspraktiken als mit Herrschaftsansprüchen zu beschäftigen.
 
Thomas Risse erläuterte, warum sich auch die Politikwissenschaft neuerdings verstärkt mit Imperien befaßt. Das systematische Interesse gelte nicht-nationalstaatlichen Ordnungsmodellen. Während sich die Forschung vor einigen Jahren besonders mit Systembedingungen des Mittelalters auseinandergesetzt habe (in einer für Historiker sehr oberflächlich anmutenden Weise), untersuche sie nun bevorzugt Imperien. Dies hänge nicht allein, aber natürlich auch mit Gegenwartsanstößen zusammen: Daß den USA die implizit oder explizit angestrebte imperiale Herrschaft nicht gelinge, verlange breitere politologische Erklärungen. An den imperialgeschichtlichen Forschungen der Historiker kritisierte Risse, daß die Begrifflichkeit sehr uneinheitlich sei (auch im vorliegenden Themenheft von „Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History“). So könne es nicht verwundern, daß auch die Interpretationen und Bewertungen imperialer Herrschaft unterschiedlich ausfielen. Dem entgegneten die übrigen Teilnehmer, daß es für die Geschichtswissenschaft durchaus legitim sei, den Begriff des Imperiums für die je eigenen Fragen und Untersuchungsgebiete verschieden zu gebrauchen.
 
Trotz schwülen Sommerwetters schloß sich eine lebhafte Diskussion mit dem Publikum an. Leider konnte Herfried Münkler, dessen Buch von allen Podiumsteilnehmern kritisiert worden war, nicht an der Veranstaltung teilnehmen; ein direkter Austausch wäre spannend gewesen. Adelheid von Saldern (Hannover/Göttingen) plädierte dafür, den NS-Staat der Kriegszeit als besonders extremes Beispiel für die Destruktionspotentiale von Imperien zu verstehen; so könne sowohl das Allgemeine als auch das Spezifische der NS-Herrschaft deutlich werden. Heiner Stahl (ZZF) wies auf den globalen Einfluß von Wirtschaftsimperien wie Microsoft hin, die heute in mancher Beziehung mächtiger seien als staatliche Akteure. Patrice G. Poutrus (ZZF) hob das paradoxe Phänomen hervor, daß auch demokratische Imperien an ihren Peripherien bzw. in Kolonien vielfach Diktaturen errichteten und damit in Selbstwidersprüche gerieten. Ein genereller Eindruck der Diskussion war, daß der Begriff des Imperiums im Laufe des Abends eher unklarer als klarer wurde. Michael Wildt meinte dazu, Wissenschaftler dürften auch Verwirrung stiften – und so ging das Publikum produktiv verwirrt nach Hause oder zur benachbarten Fußballübertragung.
 
Jan-Holger Kirsch
 
 
Pressebericht:
 
Tim Ackermann, Renaissance des Imperiums. Eine Diskussion im Einstein Forum, in: Märkische Allgemeine, 17.6.2006.

 

 

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