Zum achten Mal in Folge hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) 2007 ein Wissenschaftsjahr einem bestimmten Fachgebiet bzw. einer Fächergruppe gewidmet. Nach Physik (2000), Lebenswissenschaften (2001), Geowissenschaften (2002), Chemie (2003), Technik (2004), dem Einsteinjahr (2005) und Informatik (2006) standen die Geisteswissenschaften im Rampenlicht. Das BMBF stiftete aus diesem Anlass 64 Millionen Euro, die für verschiedene Großprojekte, aber auch für kleinere Veranstaltungen, Vortragsreihen, Ausstellungen und Symposien eingesetzt wurden. Teil des Programms war auch eine von der Agentur Scholz & Friends gestaltete Werbekampagne, die in Kooperation mit zahlreichen Medienpartnern durchgeführt wurde. Zu ihren Kernstücken gehörte das „ABC der Menschheit“: Mit 26 Schlüsselbegriffen von „Aufklärung“ bis „Zukunft“ sollte gezeigt werden, welche Bedeutung die Geisteswissenschaften für die gesellschaftliche Selbstverständigung haben.1 Lernen konnten wir im Lauf des Jahres zum Beispiel, dass die größten geisteswissenschaftlichen Fächer in Deutschland die Germanistik mit 93.000 Studenten, die Anglistik mit 49.000 Studenten und die Geschichtswissenschaft mit 39.000 Studenten sind, dass trotz dieses großen und zum Teil wachsenden Interesses jedoch Lehrpersonal abgebaut wird. Erfreulich ist hingegen, dass die Arbeitslosigkeit bei Geisteswissenschaftlern mit etwa sechs Prozent deutlich unter dem Durchschnitt liegt (wobei die mitunter prekären Beschäftigungsverhältnisse von geisteswissenschaftlichen Absolventen in solchen Statistiken meist nicht aufscheinen).2
Nachhaltigere Wirkung als die diesbezüglichen Presseerklärungen dürften indes diejenigen Projekte und Förderinstrumente haben, die für die Geisteswissenschaften 2007 neu etabliert wurden. Dazu gehören an erster Stelle die Internationalen Kollegs für geisteswissenschaftliche Forschung, in denen hoch qualifizierte Wissenschaftler für die Forschung freigestellt werden. Bisher wurden drei dieser Kollegs bewilligt: eines an der Bauhaus-Universität Weimar, eines an der Ruhr-Universität Bochum und eines an der Freien Universität Berlin. Bis zu zwölf Kollegs mit einer Laufzeit von sechs bis zwölf Jahren sollen bis Ende 2009 eingerichtet werden. In einer weiteren Förderlinie hat Bundesforschungsministerin Annette Schavan das Programm „Übersetzungsfunktion der Geisteswissenschaften“ entwickelt, mit dessen Hilfe die Bedingungen für die Erschließung von Kulturgütern für die Wissenschaft verbessert werden sollen. Das Programm wird in Zusammenarbeit mit den Staatlichen Museen zu Berlin, den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen durchgeführt und verfügt über einen Etat von 15 Millionen Euro. Zu den neuen Projekten des Jahres 2007 zählt zudem die Erstellung eines „Atlasses der Kleinen Fächer“, die mit maximal jeweils drei Professuren an maximal acht Universitäten im Bundesgebiet vertreten sind und deren Rettung erklärtes Ziel des BMBF ist. Unabhängig davon werden ab 2008/09 vier Geisteswissenschaftliche Zentren, darunter das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung sowie das Zentrum Moderner Orient, vom Bund zu 50 Prozent mitfinanziert (eine Entscheidung, die wohl eher zufällig in das Jahr der Geisteswissenschaften fiel). Laut Annette Schavan hat das Engagement für die Geisteswissenschaften auch dazu geführt, dass diese innerhalb des Forschungsrahmenprogramms der Europäischen Union erstmals antragsfähig geworden sind - ob sich hier allerdings sinnvolle Antragsformate entwickeln, bleibt abzuwarten.
Offen bleiben zudem viele Fragen, die im Jahr der Geisteswissenschaften zwar verstärkt diskutiert wurden, die aber ohnehin seit geraumer Zeit unter den Nägeln brennen.3 Dabei handelt es sich sowohl um Grundsatzprobleme als auch um aktuelle Fragen, die im Zusammenhang mit dem Bologna-Prozess aufgekommen sind: Sollen, können oder müssen Geisteswissenschaften verwertbar bzw. in ihrem Wert messbar sein? Wie sichern wir die Qualität der Forschung, wenn Professoren einen großen Teil ihrer Zeit mit Anträgen, Verwaltungsaufgaben und Gremienarbeit verbringen? Wie sichern wir die Qualität der Lehre, wenn sich das Zahlenverhältnis von Lehrenden zu Studierenden weiter verschlechtert? Wie vermitteln wir geisteswissenschaftliche Schlüsselqualifikationen wie das Vortragen komplexer Zusammenhänge oder das Verfassen wissenschaftlicher Texte in einem nur sechssemestrigen Studium bei gleichzeitiger Verschulung und Vereinheitlichung des Curriculums? Wie sichern wir Qualitätsstandards in den so genannten Orchideenfächern (denen laut BMBF im Jahr der Geisteswissenschaften besondere Aufmerksamkeit zukommen sollte)? Und schließlich: Wie lässt sich die Qualität geisteswissenschaftlicher Arbeiten messen? Welches sind die Vor- und Nachteile der überall um sich greifenden Evaluationen?4 Brauchen wir Peer-Review-Zeitschriften wie die Natur- oder Zitationsindizes wie die Sozialwissenschaften?5 Oder brauchen wir einfach mehr Zeit, um gute Monographien zu schreiben - das nach wie vor wichtigste Medium der Geisteswissenschaften? Wird der herkömmliche Begriff der Geisteswissenschaften der Themen- und Methodenvielfalt heutiger geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlicher Arbeit überhaupt noch gerecht?
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All diese Fragen wurden im Jahr der Geisteswissenschaften verstärkt diskutiert; ob das Jahr deshalb bereits als Erfolg verbucht werden kann, ist indes fraglich. Ebenso mag bezweifelt werden, ob die Geisteswissenschaften „deutlich an Selbstvertrauen gewonnen“ haben6 - was voraussetzt, dass es ihnen daran zuvor mangelte. Wie Ulrich Herbert bemerkte, hängt die Bewertung von den Erwartungen ab, die die Beteiligten im Vorfeld an das Jahr gerichtet hatten: „Wenn man jetzt nicht glaubt, dass sich dadurch alle Probleme ändern und verbessern würden, dann war das okay.“7 Mittel- und längerfristig wird das Jahr der Geisteswissenschaften nur dann als Erfolg gelten können, wenn es gelingt, produktive Lösungen für die spezifischen Probleme der Geisteswissenschaften in Lehre und Forschung zu finden.
Für das Zentrum für Zeithistorische Forschung war das Jahr der Geisteswissenschaften ein willkommener Anlass, um in Kooperation mit der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung eine Veranstaltungsreihe zum „Dialog der Disziplinen“ zu initiieren, bei der Zeithistoriker mit Vertretern anderer Geisteswissenschaften über Kernfragen der Geschichte und Gegenwart diskutieren sollten. Den Ausgangspunkt dieses Dialogs bildete die Überlegung, dass die Zeitgeschichte eine besonders kontroversenreiche Disziplin ist, da viele ihrer fachintern und auch mit einer breiteren Öffentlichkeit debattierten Fragen sich auf Entwicklungen beziehen, die unabgeschlossen sind. Zeitgeschichte ist, mit anderen Worten, von Zeitgenossen noch durchaus beeinflussbar; der Prozess der Historisierung findet im Wechselspiel mit fortdauernden Interessenkonflikten der Beteiligten statt (wie sich jüngst, 40 Jahre nach „1968“, wieder anschaulich gezeigt hat). Umso wichtiger erscheint es aus Sicht der Disziplin Zeitgeschichte, den Dialog mit den Nachbardisziplinen zu pflegen, die ihrerseits zu einem Verständnis der Gegenwart beitragen und einen je eigenen Umgang mit Phänomenen der Zeitgeschichte praktizieren. Schon die Popularität von Begriffen wie „Erinnerungskultur“ oder „Aufarbeitung“, in denen sich rechtliche, soziologische, moralische, philosophische, religiöse, ästhetische, mediale, psychologische und historische Aspekte verbinden, zeigt die Notwendigkeit an, dass die Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit fachübergreifend und im Kontext einer erweiterten Öffentlichkeit stattfinden muss.
Aus dem Spektrum der Veranstaltungsreihe vom Herbst 2007 veröffentlichen wir hier, exemplarisch für den „Dialog der Disziplinen“, zwei Vorträge und die zugehörigen Kommentare: Der Philosoph Bernhard Waldenfels entwickelt systematische Kategorien für den Umgang mit Fremden und Fremdheit, der Zeithistoriker Michael Wildt betrachtet am Beispiel der nationalsozialistischen Judenverfolgung Prozesse des Fremdmachens. Die Anglistin und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann stellt Überlegungen zum Status des ‚Zeitzeugen‘ an und unterscheidet bestimmte Modi des Umgangs mit negativer Vergangenheit. Martin Sabrow formuliert dazu aus Sicht der Zeitgeschichte einige kritische Nachfragen - mit dem Ziel, die Vorannahmen der in den letzten zwei Jahrzehnten ungemein ertragreichen Gedächtnisforschung stärker zu explizieren und zu präzisieren. Als Einstieg in die Debatte und übergreifender Problemaufriss dient ein bilanzierender Essay von Jürgen Kocka zum Jahr der Geisteswissenschaften, der vor einer „Selbstreduzierungsrhetorik“ unserer Fächer warnt und dazu aufruft, die Impulse des Jahres 2007 entschlossen fortzuführen. Abgerundet, aber sicherlich nicht abgeschlossen wird die Debatte mit meinem eigenen Beitrag zum Verhältnis von Zeitgeschichte und Kulturwissenschaft, der den unterschiedlichen epistemologischen Traditionen beider Fächer nachgeht und am Beispiel der Sportgeschichte andeutet, wie Historikerinnen und Historiker von kulturwissenschaftlichen Ansätzen profitieren könnten. Ein wohlverstandener „Dialog der Disziplinen“ ist keine diffuse Inter- oder Transdisziplinarität, bei der die Fächergrenzen verwischt werden, sondern ein Austausch gleichberechtigter Partner, die mit Hilfe ihrer je eigenen Stärken an der Lösung wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Probleme arbeiten.
Annette Vowinckel, Dialog der Disziplinen: Rückblicke auf das Jahr der Geisteswissenschaften, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 4 (2007) H. 3, URL: http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Vorwort-3-2007 Beim Zitieren einer bestimmten Passage aus dem Aufsatz bitte zusätzlich die Nummer des Textabschnitts angeben, z.B. 12 oder 14-16.