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Interview-Francois

Vergangenheitspolitik in Frankreich
– ein Interview mit Étienne François

Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des
„Maison de l’histoire de France“ in Paris


Étienne François
Étienne François



ZOL: Braucht Frankreich ein neues zentrales Nationalmuseum?

ZOL: Wollen Sie auf Originaldokumente verzichten?

ZOL: Wird es eine Dauerausstellung geben und wie soll sie gestaltet werden?

ZOL: In einem offenen Brief an den französischen Kulturminister Frédéric Mitterrand hat Pierre Nora darauf aufmerksam gemacht, dass es in Frankreich mehr als 1.000 historische Museen gebe, die in ihrer Pluralität der französischen Geschichte gerecht würden. Er wandte sich in seinem Brief dezidiert gegen den Plan, ein neues Museum zu errichten. Was sagen Sie zu den Einwänden der Kritiker des Museumsplans?

ZOL: Das klingt nach Zentralisierung der französischen Museumslandschaft. Müssen die vielen kleineren Museen mit der Kürzung ihrer Mittel oder gar mit dem Abzug ihrer Objekte rechnen?

ZOL: Die Vorbehalte vieler französischer Historiker/innen gegenüber dem Museumsprojekt sind groß. Harte Vorwürfe kommen beispielsweise von Nicolas Offenstadt (Professor für Geschichte an der Sorbonne, Anm. ZOL). So meint Offenstadt, das Projekt sei gefährlich, da es eine neue Meistererzählung offerieren soll, die das Gemeinschaftsgefühl, die „Identität“ der Franzosen stärken soll. Das sei, so Offenstadt, nicht nur ein Anschmiegen an das rechte Gedankengut des Front National, es stelle zudem die Übernahme der Geschichtsvermittlung durch die Politik dar. Überhaupt sei unklar, wessen Geschichte hier dargestellt werden soll. Wie groß ist ihrer Meinung nach die Gefahr einer politischen Überformung von Geschichtsdarstellung und -vermittlung durch ein solches Projekt?

ZOL: Zum Beirat:
Von Deutschland aus betrachtet lehnt alles, was Rang und Namen hat in der französischen Geschichtswissenschaft, das Projekt ab. Angefangen von Pierre Nora über Arlette Farge oder Jacques Le Goff. Zwar hat sich die Kritik inzwischen ein wenig ausdifferenziert, auffällig bleibt dennoch die Tatsache, dass es nicht gelungen ist, Beiratsmitglieder aus dem Lager der Kritiker zu gewinnen. Ein Haus der Geschichte inmitten von Paris, ohne Beteiligung der Haute volée der französischen Geschichtswissenschaft?

ZOL: Sie sagen, dem wissenschaftlichen Beirat wurde von Seiten des Kulturministeriums Autonomie versprochen. Gleichzeitig formulierte das Ministerium ganz eigene Vorstellungen von den Inhalten, die ein neues Museum zu vermitteln habe, und verhob sich mit solchen Floskeln wie der von der „Seele Frankreichs“, die gespiegelt werden solle. Nicht zuletzt auf Grund solcher Phrasen verweigerten viele Historiker/innen die Mitarbeit an einem solchen Projekt. Wie ist der Stand der Diskussionen heute?

ZOL: Was waren ihre persönlichen Gründe, in einem derart umstrittenen Beirat mitzuarbeiten?


Das Interview führte Annette Schuhmann am 5. Mai 2011 in Berlin.

 

Zitierempfehlung:

Annette Schuhmann, Vergangenheitspolitik in Frankreich – ein Interview mit Étienne François, in: Zeitgeschichte-online, Juni 2011,
URL: http://www.zeitgeschichte-online.de/md=Interview-Francois