1/2006: Imperien im 20. Jahrhundert

Aufsätze | Articles

Narratives of Indian responses to the British Empire are usually structured around the ‘national movement’. This essay attempts instead to understand some of the psycho-social and psycho-political dynamics of a colonised society in the first half of the twentieth century. It takes a strategically subjectivist view of the British Indian empire in attempting to approach the subject not from the perspective of retrospective scholarly work, but from perspectives that can be seen to have been relevant to those who experienced that empire. In doing so, it also decentres the national paradigm, which merely reifies the category ‘Indian’, without enabling us to get any closer to non-elite figures, or indeed to relatively elite figures who did not belong adequately in the ‘national movement’. This narrative, therefore, tries to address some of the perspectives of marginal figures and groups, to the extent this is possible, while acknowledging that an Alltagsgeschichte of the British Indian Empire remains to be written.

 ∗       ∗       ∗

Darstellungen der indischen Antworten auf das britische Empire sind für gewöhnlich an der ‚nationalen Bewegung‘ orientiert. Dieser Aufsatz versucht hingegen, Elemente der psychosozialen und psychopolitischen Dynamik einer kolonisierten Gesellschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu ergründen. Der Beitrag nähert sich dem Thema bewusst nicht aus der Perspektive retrospektiver Geschichtsschreibung, sondern aus Perspektiven der indischen Beteiligten, die die imperiale Herrschaft erlebten. Dadurch wird auch das nationale Paradigma in Frage gestellt: Statt die Kategorie ‚indisch‘ als gegeben anzunehmen, lautet das Ziel hier, verschiedene Akteure genauer in den Blick zu nehmen, die sich der ‚nationalen Bewegung‘ nicht adäquat zuordnen lassen. Dabei ist freilich einzuräumen, dass eine Alltagsgeschichte britischer Herrschaft in Indien erst noch zu schreiben ist.

In dem letztlich gescheiterten Bemühen, seine Existenz zu sichern, zeigt das Osmanische Reich Ähnlichkeiten zum Habsburger- und zum Zarenreich. Einen deutlich imperialen Status besaß das Osmanische Reich vor allem vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, während der imperiale Charakter osmanischer Herrschaft im 19. und frühen 20. Jahrhundert weniger ausgeprägt war. Eine islamisch-christliche Konfrontation zur Erklärungsgrundlage des Verständnisses zwischen dem Osmanischen Reich und den anderen europäischen Großmächten machen zu wollen würde in eine Sackgasse führen; so zeigte die von Sultan Abdülhamid II. um 1900 verfolgte Option eines Panislamismus deutlich machtstrategisch-utilitaristische Züge. Nach wie vor wird in der internationalen Geschichtsforschung jedoch debattiert, wie die Elemente einer Gleichrangigkeit oder einer Marginalisierung des Osmanischen Reichs im Verhältnis zu den europäischen Großmächten im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zu bewerten sind. Das imperiale Erbe der Osmanen in Südosteuropa und in den arabischen Nachfolgestaaten ist umstritten und bisher nicht ernsthaft erforscht worden; ob es zu einer Erklärung der heutigen Konfrontation von Islamismus und amerikanischem Imperium beitragen könnte, wäre noch zu untersuchen.
 ∗       ∗       ∗
As in the case of the Hapsburg Empire, the last two decades of the Ottoman Empire effectively belong to the 19th century. The ultimate downfall of the Ottoman Empire is strikingly similar to that of the Hapsburg and the Tsarist empires. The strictly imperial status of the Ottoman Empire was confined to the period between the 15th and 18th centuries. Any attempt to allege that Islamic-Christian confrontation provides a basis for understanding the relationship between the Ottoman Empire and other European powers would lead to a heuristic dead end. The Panislamic policy pursued by Sultan Abdulhamid II, for example, was largely utilitarian. International historiography still focuses on the extent to which Ottoman-European relations in the late 19th and early 20th centuries can be described in terms of equal rank vs. marginality. The imperial legacy of the Ottoman Empire in South East European successor states is disputed and has to this day not been researched in a consistent manner. The question whether further insight into the Ottoman legacy might contribute to an understanding of the present-day confrontation between Islamic fundamentalism and the American Empire is open to debate.

Die inhärenten Probleme des amerikanischen Imperiums sind nur zu begreifen, wenn man sich dessen tieferliegenden inneren Widersprüchen zuwendet. Dabei rückt vorwiegend eine Schwierigkeit in den Mittelpunkt der Betrachtung: Wie können die USA gleichzeitig ein Imperium und ein an eigenen Sicherheitsinteressen ausgerichteter Nationalstaat sein? Es erscheint nahezu unmöglich, die von Peter Bender ausgemachte „augusteische Schwelle“ zum dauerhaften Imperium zu überschreiten, wenn dieses Problem nicht gelöst wird – sonst droht dem amerikanischen Imperium das gleiche Schicksal wie seinem britischen Vorgänger. Diese These wird in drei Schritten hergeleitet. Erstens verfolgt der Artikel die komplizierten Linien der inneramerikanischen Diskussion über den Begriff des empire. In einem zweiten Schritt werden die zum Teil weit zurückreichenden historischen Entstehungsbedingungen des amerikanischen Imperiums untersucht; dabei ist festzuhalten, dass die USA bereits an der Schwelle zum 20. Jahrhundert den entscheidenden Schritt zum Imperium taten. Drittens wird die These von den strukturellen inneren Widersprüchen des amerikanischen Imperiums näher erläutert.

 ∗       ∗       ∗

To understand the problems of the concept of the American empire, it is necessary to scrutinise the underlying contractions of this concept. The United States – like her British predecessor in the 19th century – generally suffers from the inherent ambiguity between being a supranational empire and the interests of a national security state. It is this specifically modern contradiction that will prevent the U.S. from crossing the “Augustean border” (Peter Bender). This argument is presented in three steps. Firstly, the American discourse about empire and imperialism is analysed, and the different political, socio-economic and cultural implications of the notion of empire in the U.S. are discussed. Secondly, the basic reasons for the rise of American power toward global empire are explained, based on hard and soft power theories. The American empire became a reality already in the years between 1890 and 1920. The third step elucidates the thesis about the structural contradictions of American imperialism.

In der gegenwärtigen Debatte über Imperien wird die konstitutive Bedeutung des Raumes hervorgehoben. Seine Repräsentation in Gestalt von Karten wird aber bisher selten zum Forschungsgegenstand gemacht, obwohl Untersuchungen zum British Empire auf den Zusammenhang von kognitiven und materiellen Karten für die Ausbildung eines Raumbewusstseins innerhalb des Imperiums und in Bezug zur Welt verweisen. In der Sowjetunion war die Produktion und Verbreitung von Karten von Anfang an ein grundlegender Bestandteil imperialer Politik, weil das dokumentierte Wissen über das Territorium, seine Strukturen und Bewohner eine Voraussetzung für eine umfassende Sowjetisierungspolitik darstellte. Einer der sowjetischen „Vermesser“ war der ungarische Kartograph Alexander (Sándor) Radó, der seit den 1920er-Jahren an der Produktion sowjetischer und europäischer Atlanten beteiligt war. Die Karten sind in mehrfacher Hinsicht Dokumente eines imperialen Konstruktionsprozesses, weil sie einerseits als Projektionsfläche genutzt wurden und andererseits die innenpolitische Entwicklung in der Sowjetunion spiegelten und beeinflussten.
 ∗       ∗       ∗
Recent debates have emphasised the crucial importance of space for the construction and imagination of empires. Yet the representation of imperial spaces on maps has played only a minor role in research about empires, even though studies on the British Empire have analysed the interdependence of mental and material maps during the formation of spatial consciousness both within the Empire and regarding its relations with the rest of the world. The production and distribution of maps was a fundamental element of imperial policy from the early years of the Soviet Union. Documented knowledge about the territory, its structures and inhabitants was a precondition for a comprehensive policy of ‘Sovietisation’. One of the Soviet surveyors was the Hungarian cartographer Alexander (Sándor) Radó, who, from the 1920s, was involved in the production of atlases for Soviet and European readers. These maps document the imperial construction of space in several ways. Radó used them both to project an image of an imperial future and to reflect and influence Soviet domestic politics.

Interviews

  • Herfried Münkler
    „Imperium zu sein ist nicht nur die reine Lust“
    Ein Gespräch mit Herfried Münkler

Debatte | Debate

Quellen | Sources

  • Michael Wildt
    „Eine neue Ordnung der ethnographischen Verhältnisse“
    Hitlers Reichstagsrede vom 6. Oktober 1939
  • Isabelle de Keghel
    Imperiales Erbe
    Das heutige Russland und sein Staatswappen

Besprechungen | Reviews

Filme

  • Christiane Kuller
    Der Führer in fremden Welten
    Das Star-Wars-Imperium als historisches Lehrstück?

Ausstellungen

  • Anke Ortlepp
    „To Infinity and Beyond“
    Das National Air and Space Museum in Washington, D.C.

Neu gelesen

  • Andreas Eckert
    Predigt der Gewalt?
    Betrachtungen zu Frantz Fanons Klassiker der Dekolonisation
zu Rezensionen bei »H-Soz-Kult/Zeitgeschichte«