1/2013: Offenes Heft

Aufsätze | Articles

Der Schlaf scheint auf den ersten Blick eine „anthropologische Konstante“ zu sein. Eine Historisierung der Regeln und Praktiken des Schlafs im 20. Jahrhundert kann jedoch zeigen, wie eng Vorstellungen vom „richtigen“ Schlafen an die Machtstrukturen der Gesellschaft geknüpft waren. Dieser Artikel geht der Frage nach, auf welche Weise Arbeitgeber, Sozialplaner, Ärzte und Psychologen auf den Schlaf und damit auf den Körper, die Arbeitskraft und die Zeit des Individuums zuzugreifen versuchten. Anhand von fachwissenschaftlichen Veröffentlichungen und Diskussionen, aber auch von populären Ratgebertexten wird in einem ersten Schritt untersucht, wie und warum der Rhythmus des Schlafs seit Ende der 1920er-Jahre zu einem stark beachteten Thema wurde. In einem zweiten Schritt geht es um die Veränderungen, die der Zweite Weltkrieg im Umgang mit dem Schlaf bewirkte. In einem dritten Schritt wird der entscheidende Bruch in der Mitte der 1950er-Jahre untersucht, der das schlafende und arbeitende Individuum zum Gegenstand einer modernen Schlafforschung und neuer Schlafregeln machte.

 ∗       ∗       ∗

At first glance sleep seems to be a timeless and ahistorical ‘anthropological constant’. However, a historical analysis of sleeping rules and sleeping practices reveals that ideas of how to sleep ‘the right way’ have been strongly connected to the power relations of any given society as a whole. This article shows how employers, social scientists, physicians and psychologists tried to gain control over the sleep of individuals and thereby over their bodies, their working power and time budgets. Based on scientific texts and discussions as well as on popular advice books, in a first step the article scrutinizes how and why the rhythms of sleep became a topic of interest beginning in the late 1920s. In a second step, it discusses how the Second World War affected and changed both the knowledge of sleep and the handling of the sleeping individual. The decisive caesura in ‘sleep history’ in the middle of the 1950s is discussed in a third step: the sleeping and working individual was now discovered as an important object of a modern form of sleep research, and ‘sleep experts’ formulated new rules regarding how to sleep ‘right’.

Angela Davis war eine der intellektuellen Leitfiguren der afroamerikanischen Bewegungen für Freiheit und Gleichheit in den USA. Als sie von 1970 bis 1972 inhaftiert war, gab es in der DDR eine breite Solidaritätskampagne, initiiert von der SED-Führung und mobilisiert durch die Massenorganisationen. Diese Kampagne verweist auf eine transnationale Dimension in der Geschichte der DDR; Davis wurde als „unsere Genossin“ vereinnahmt. Der Beitrag zeigt, welche Bedeutung die Kampagne im Rahmen der internationalen Anerkennungsbestrebungen der DDR hatte, welchen Stellenwert sie aber auch innenpolitisch gewann. Nach ihrer Freilassung besuchte Davis 1972 und 1973 die DDR und wurde als sozialistische Heldin präsentiert. Dies ist nicht allein als Ausdruck propagandistischer Steuerung zu verstehen, sondern zugleich als Teil einer genuinen Alltagskultur des Kalten Kriegs in der DDR.

 ∗       ∗       ∗

Angela Davis was one of the leading intellectual figures in the African American movement for freedom and equality in the United States. When Davis was imprisoned between 1970 and 1972, the GDR organized a broad solidarity campaign for her, which was initiated by the SED regime and mobilized by its mass organizations. This campaign illustrates an important transnational dimension in the history of the GDR, in which Davis was appropriated as ‘our comrade’. The paper shows the significance the campaign attained in the context of East German efforts for international recognition as well as internal legitimacy. After her acquittal, Davis visited the GDR in 1972 and 1973 and was staged as a socialist heroine. However, this should not only be understood as an expression of propagandistic efforts, but also as part of a genuine Cold War everyday culture in the GDR.

Die Lebensgeschichte des SED-Chefs Erich Honecker (1912–1994) gilt gemeinhin als reizlos. Näheres biographisches Interesse hat bislang vor allem die Frage erweckt, weshalb ein so „mittelmäßiger“ Parteifunktionär sich über 18 Jahre lang in der DDR an der Macht halten konnte. Der Beitrag versucht zu zeigen, dass ein klassischer individualbiographischer Zugang dem Phänomen des „blassen Diktators“ Honecker nicht gerecht wird. Erst in einer milieu- und generationsgeschichtlichen Perspektive wird die biographische Bindungskraft des Herrschaftsstils fassbar, den Honecker als Repräsentant der jüngsten Kohorte der ostdeutschen Gründergeneration entwickelte. Die für ihn charakteristische Verbindung von Starrheit und Elastizität trieb zunächst den Übergang der kommunistischen Herrschaft in ihre auf bloße Machtsicherung bedachte Veralltäglichungsphase voran; später beschleunigte sie den Untergang dieses Systems.
 ∗       ∗       ∗
The biography of Erich Honecker (1912–1994) is generally regarded as bland. One question that has aroused interest in the past, however, is how such a seemingly ‘mediocre’ GDR party functionary had been able to stay in power for more than eighteen years. This contribution attempts to show that a classical biographical approach that focuses on the individual does not do justice to the phenomenon of the ‘pale dictator’ Erich Honecker. Only a perspective that also takes into account aspects such as milieu and generation makes the biographical imprint of this style of rule tangible, which Honecker developed as a member of the youngest cohort of East German founders. The combination of rigidity and elasticity that he embodied initially facilitated the transition of communist rule into its ‘normalization’ phase, in which the regime was almost exclusively concerned with cementing its power. Eventually, however, this very aspect was to accelerate the system’s decline.

Debatte | Debate

Quellen | Sources

  • Dominik Rigoll
    Die Macht der Information. Politische Konflikte um sensible Akten im internationalen Vergleich
    Einleitung
  • Dominik Rigoll
    „Sicherheit“ und „Selbstbestimmung“
    Informationspolitik in der Bundesrepublik
  • Sonia Combe
    Confiscated Histories
    Access to ‘Sensitive’ Government Records and Archives in France
  • Maria Couroucli, Vangelis Karamanolakis
    Renegotiations of Twentieth-Century History
    Access to ‘Sensitive’ Government Records and Archives in Greece
  • Daniel Stahl
    Täterschutz und Strafverfolgung
    Staatliche Akten in den Gerichtsverfahren gegen südamerikanische Militärs

Besprechungen | Reviews

Neu gelesen

  • Axel Schildt
    Zur Durchsetzung einer Apologie
    Hermann Lübbes Vortrag zum 50. Jahrestag des 30. Januar 1933

Neu gesehen

  • Alexa Geisthövel
    Ein spätmoderner Entwicklungsroman
    „Saturday Night Fever“/„Nur Samstag Nacht“ (1977)
zu Rezensionen bei »H-Soz-Kult/Zeitgeschichte«

Neu

bei »Docupedia-Zeitgeschichte« und »Zeitgeschichte-online«