1/2016: Offenes Heft

Aufsätze | Articles

Bildagenturen, die zwischen Fotografen und Redaktionen vermitteln, sind zentrale Akteure bei der Produktion massenmedialer Sichtbarkeit. Ihre Rolle im System der NS-Bildpropaganda ist weitgehend unerforscht. Der Aufsatz widmet sich einem brisanten Spezialfall, der amerikanischen Associated Press und ihrer Niederlassung im Deutschen Reich. 1935 unterstellte sich die deutsche AP GmbH dem Schriftleitergesetz und ließ sich damit »gleichschalten«. Bis zum Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 hatte sie eine eminente Bedeutung als transatlantischer Bildlieferant für die nationalsozialistische Propaganda. Außerdem durfte AP weiterhin im Deutschen Reich produzieren. Die von der Agentur unter der Ägide des Propagandaministeriums, der Wehrmacht und der SS aufgenommenen Fotos bestückten die NS-Presse, aber die New Yorker AP-Zentrale stellte sie auch der nordamerikanischen Presse zur Verfügung, wo sie mal als scheinbar neutrale Nachrichtenbilder erschienen, mal ausdrücklich als Propagandabilder gekennzeichnet wurden.

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The A and P of Propaganda. Associated Press and Nazi Photojournalism

Picture agencies are mediators between photographers and editorial staffs; they play a crucial role in producing mass media visibility. However, their part in the system of the visual propaganda of the Nazi state is largely unexplored. This article features a controversial case, the American Associated Press and its German subsidiary. By submitting to the Schriftleitergesetz (Editorial Control Law) in 1935, the German AP GmbH (LLC) followed its German counterparts in the process of Gleichschaltung (forcible coordination). Until the United States entered the war in December 1941, AP supplied the Nazi press with American pictures. This service proved to be of particular relevance for propaganda. AP was also allowed to continue its photographic reporting in the Reich. AP pictures taken under the aegis of the Propaganda Ministry, the Wehrmacht and the SS were ubiquitous in the Nazi press. Moreover, the New York headquarters supplied the North American press with these same pictures, where they were published either as news photos or as propaganda images.

see also:
Philip Oltermann, Revealed: how Associated Press cooperated with the Nazis, in: Guardian, 30.3.2016. http://www.theguardian.com/world/2016/mar/30/associated-press-cooperation-nazis-revealed-germany-harriet-scharnberg

Unternehmensplanspiele entstanden in den USA um 1956 aus militärischen Simulationsprogrammen, Fallstudien an Business Schools sowie Kriegsplanspielen und einer Reihe weiterer Einflussgrößen. Angesiedelt am Schnittpunkt von Unternehmensführung, ökonomischen Paradigmen und Computerisierung, bietet das Feld der Unternehmensplanspiele besonders gute Voraussetzungen, um Transformationen gesellschaftlicher Steuerungslogiken nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nachzuvollziehen. In den »ernsthaften Spielen« wurden Praktiken des Entscheidens sowie die Adaption an ein neues Medium und einen veränderten Rationalitätsbegriff (spielerisch) erprobt. Der Aufsatz nähert sich diesem Feld aus einer medienkulturwissenschaftlichen Perspektive. Der Beitrag fokussiert auf die erste Phase der Verwendung von Unternehmensplanspielen bei der Ausbildung von Führungskräften in der Bundesrepublik seit Beginn der 1960er-Jahre. Näher vorgestellt wird der Einsatz des von IBM entwickelten Planspiels TOPIC 1 bei Hoechst.

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›Teaching without Lecturing‹. Business Simulation Games in the 1960s

 

 

Business simulation games emerged in the USA around 1956 amidst a range of impacting factors such as military simulations, case studies at business schools, and war games. Situated at the intersection of corporate management, increasing computerisation and shifting paradigms in economics, the field of business simulation games provides an exceptional opportunity to trace the transformations of the logics of social control in the post-WWII era. These early ›serious games‹ were sites where practices of decision-making, changing concepts of rationality and the challenges of adapting to a new medium were explored in a playful manner. In this article, the field is approached from a media and cultural studies perspective. The focus is on the early 1960s, when business simulation games were first introduced in West German companies for the purpose of management training. Special attention is paid to the deployment of the IBM-developed business simulation game TOPIC 1 at the chemicals company Hoechst AG.

Seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts verreiste die Mehrheit der Westdeutschen mindestens einmal im Jahr. Die Urlaubsreisen wurden zunehmend als Pauschalreisen ins Ausland unternommen und stellten für die meisten Haushalte auch in Krisenzeiten ein zentrales Konsumgut dar. Um sich dem Reiseverhalten eines Großteils der Bevölkerung anzunähern, werden hier Pauschalurlaube in Spanien untersucht. Dank des wachsenden Flugverkehrs entwickelte sich gerade dieses Land in den 1970er- und 1980er-Jahren zum beliebtesten Auslandsreiseziel der Westdeutschen. Von der zeitgenössischen Konsumkritik wurden Pauschalurlaube in Spanien jedoch häufig negativ bewertet; individuelle Ansprüche spielten bei dieser Urlaubsform angeblich keine Rolle. Anhand der Urlaubspraktiken, wie sie sich indirekt aus den Angeboten der Veranstalter sowie zusätzlich aus Fotoalben und Erinnerungsberichten erschließen lassen, ergibt sich ein differenzierteres Bild. Massentourismus und die Erfüllung individueller Vorlieben schlossen sich nicht aus; zudem waren Pauschalreisen mitunter der Einstieg in eine selbstständigere Begegnung mit dem Urlaubsland. Der Aufsatz verdeutlicht damit auch das Potential praxeologischer Ansätze zur Erforschung des bundesdeutschen Massenkonsums insgesamt.

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Mass Tourism and Individuality. Package Tours Taken by West German Holidaymakers to Spain in the 1970s and 1980s

 

 

The majority of West Germans went on holiday at least once a year from the mid-1970s onwards. They increasingly travelled abroad on package tours. Holidays constituted important consumer goods for most households, even in times of economic crises. With particular reference to the practices of holidaymakers in Spain, this article analyses the travel behaviour of a large section of society. The analysis refers to programmes and offers by tour operators, photo albums, and oral history interviews. Spain became the most popular destination for West Germans travelling abroad in the 1970s and 1980s due to the cheaper flights available. But package tours to Spain were also often the subject of harsh criticism. These critics maintained that a package holiday did not constitute an individual experience. Yet the analysis shows that mass tourism and individual preferences were not mutually exclusive, and package tours could in fact mark the beginning of an increased personal engagement with the holiday destination. The article thus also draws attention to the potential of praxeological approaches in researching West German mass consumption.

Strafgefangenenarbeit ist ein Merkmal des modernen Gefängniswesens in unterschiedlichen politischen Systemen. Seit einigen Jahren wird in Wissenschaft und Öffentlichkeit verstärkt diskutiert, welche Rolle sie in der DDR spielte und ob der Begriff der Zwangsarbeit dafür geeignet ist – dies nicht zuletzt deshalb, weil auch tausende politische Gefangene von ihr betroffen waren. Der Beitrag untersucht, ob die Arbeitsbedingungen politischer Häftlinge schlechter waren als diejenigen krimineller Insassen und ob die Strafgefangenen insgesamt gegenüber Zivilarbeitern in der DDR diskriminiert wurden. Das Ergebnis ist differenziert: Zwar mussten die Häftlingsarbeiter zum Teil schwerere Tätigkeiten als Zivilarbeiter ausführen, doch gab es je nach Branche und Haftort durchaus Unterschiede. Eine zentral angewiesene Benachteiligung politischer Häftlinge in Bezug auf die Arbeitsbedingungen lässt sich nicht belegen, doch konnte sie eine Folge der Gefängnishierarchie sein, die nicht zuletzt der Kontrolle der politischen Häftlinge diente.

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Penal Labour in the GDR. A Preliminary Review

 

 

In modern societies, penal labour is a defining feature of imprisonment in various political systems. The debate amongst scholars and in the public about its role in the GDR and whether the term ›forced labour‹ is appropriate has been particularly acute because it affected not only those imprisoned for criminal offences but also thousands of political prisoners. The article explores whether working conditions for political prisoners were worse than for criminal inmates and whether prisoners were in a worse position than non-imprisoned workers in the GDR. The study finds that prisoners were often forced to do harder work, but this also depended on the industrial sector and the place of imprisonment. With regard to working conditions, there is no evidence of explicit instructions to discriminate against political prisoners. However, discrimination occurred as a result of the prison hierarchy, which was established not least to keep these prisoners in check.

Debatte | Debate

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