3/2004: Europäisierung der Zeitgeschichte?

Aufsätze | Articles

Three processes provided a dynamic of violence that involved the whole continent of Europe in varying degrees. First, “total war” meant the escalation of violence applied to the entire population of enemy states. Second, “totalitarian” ideologies drew on the experience of war and sought to annihilate their own projected antagonists. Third, the tension between territory, peoples, and nation-states was resolved through ethnic violence. The worst episodes of violence, especially the Holocaust, combined all three processes. Democratic states were affected by the same violence but to a much lesser extent, due to inbuilt restraints. Determining whether this dynamic of violence was distinctively European or one dimension of a wider modernity means rethinking European history in a global historical context.

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Drei Prozesse bewirkten im 20. Jahrhundert eine Dynamik der Gewalt, die Europa als ganzen Kontinent in unterschiedlichem Maße erfasste. Erstens: „Totaler Krieg“ bedeutete eine Gewalteskalation, die sich gegen die ganze Bevölkerung der jeweiligen Feindstaaten richtete. Zweitens: „Totalitäre“ Ideologien stützten sich auf die Kriegserfahrung und waren bestrebt, ihre vermeintlichen Gegner auszulöschen. Drittens: Die Spannung zwischen Territorium, Völkern und Nationalstaaten wurde durch ethnische Gewalt zu lösen versucht. Die schlimmsten Gewaltereignisse, besonders der Holocaust, beinhalteten alle drei Prozesse. Demokratische Staaten waren an der Gewalt ebenfalls beteiligt, aufgrund systemspezifischer Kontrollmechanismen aber in viel geringerem Ausmaß. Die Frage, ob die Dynamik der Gewalt charakteristisch für Europa war oder eher Teil allgemeinerer Konfliktlagen der Moderne, rückt die europäische Zeitgeschichte dabei in einen globalgeschichtlichen Zusammenhang.

Der Nationalsozialismus bzw. der Faschismus sowie der Zweite Weltkrieg sind in den Öffentlichkeiten und Geschichtsschreibungen vieler europäischer Länder zentrale Themen. Aber nicht nur die Ereignisse selbst, sondern auch die Erinnerung an sie und die Geschichtspolitik werden seit etwa 20 Jahren intensiv erforscht. Der Aufsatz stellt die Hauptströmungen der Gedächtnisgeschichte dar und fragt nach dem Verhältnis nationalgeschichtlicher und europäischer Perspektiven. Zweitens wird zu erklären versucht, warum gerade die Erinnerung an den Holocaust in Europa so breiten Raum einnimmt. In einem Ausblick zu Gedenktagen wird das Dilemma der „Europäisierung der Erinnerung“ verdeutlicht, das sich heute zwischen rein künstlichen Konstruktionen eines gemeinsamen Gedächtnisses einerseits und der negativen Fixierung auf den Holocaust andererseits auftut.
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National Socialism, Fascism as well as the Second World War are central themes in public debates and historiographies of many European countries. However, not only the events itself, but also their remembrance and the politics of history have been closely researched in the past twenty years. The article examines the main trends of the history of memory and asks about the relationship between national histories and European perspectives. Secondly, it tries to explain why specifically the memory of the Holocaust remains such a prominent issue. Focusing in particular on memorial days, the essay sheds light on the dilemma of the “Europeanization of memory”, which nowadays emerges from the artificial construction of a common memory, on the one hand, and the negative fixation on the holocaust on the other hand.

Die Spaltung Europas im Kalten Krieg hatte zur Folge, dass sich westlich und östlich des Eisernen Vorhangs unterschiedliche Vorstellungen über „Europa“ entwickelten. Während in Westeuropa die europäische Einigung zu einem festen Referenzrahmen wurde, der über die Jahre ein mehr oder weniger homogenes Europabild generierte, gab es einen solchen Rahmen innerhalb des Ostblocks nicht. „Europa“ war dort Chiffre diverser offizieller wie inoffiziell-oppositioneller Diskurse. Dies reichte von der Verteufelung der „europäischen Integration“ als eines imperialistischen Bündnisses in den 1950er-Jahren über die Wiederkehr „Europas“ während des KSZE-Prozesses (der auf sowjetischer Seite allerdings eine antiamerikanische Stoßrichtung zugrunde lag) bis hin zu den positiven Europa-Bezügen der Dissidenten in den 1980er-Jahren, als die Selbstidentifikation mit Europa der Abgrenzung gegenüber Russland und dem Kommunismus diente.

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As a consequence of Europe’s division during the Cold War the societies east and west of the Iron Curtain developed different ideas about "Europe". Whereas in Western Europe the European integration became a permanent point of reference that gene-rated over the years a more or less homogenous idea of Europe, such a framework did not exist in the East. Within the Eastern Bloc "Europe" was the code of various official and non-official, oppositional discourses. This included the demonization of the "European Integration" as an imperialistic alliance in the 1950s, the return of "Europe" during the CSCE process (but with an anti-American undertone on parts of the Soviets), or the positive references to Europe among the dissidents of the 1980s, when the self-identification with Europe was a way to dissociate from Russia and Communism.

Interviews

  • Karl Schlögel
    Über Räume und Register der Geschichtsschreibung
    Ein Gespräch mit Karl Schlögel

Debatte | Debate

  • Iris Schröder
    Europäische Geschichte – Außereuropäische Geschichte – Weltgeschichte
    Vorwort
  • Andreas Eckert
    Europäische Zeitgeschichte und der Rest der Welt
  • Biray Kolluoglu-Kirli
    From History of Civilization to World History
    Rethinking the Boundaries of Europe
  • Dominic Sachsenmaier
    Die Globalisierung Europas
    Zum Verhältnis von europäischer und außereuropäischer Geschichte
  • Hartmut Kaelble
    Welche Chancen für eine Weltgeschichte?

Quellen | Sources

Besprechungen | Reviews

Websites

  • Susanne Brandt
    Gemeinsamer Weg im nationalen Alleingang?
    Ein europäisches Projekt zu Erinnerungsorten des 20. Jahrhunderts

Filme

  • David Rey
    Laughing at the Dictator
    Franco and Franco’s Spain in the Spanish Blockbuster „Mortadelo y Filemón“

Ausstellungen

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    Großer Krieg auf Sparflamme
    Das Deutsche Historische Museum zeigt Fragmente des Ersten Weltkriegs und schweigt sich aus

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