Eine Streitschrift

Klaus Scholder und die Kirchen im „Dritten Reich“

Anmerkungen

Klaus Scholder, Die Kirchen und das Dritte Reich, Bd. 1: Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1918–1934, Frankfurt a.M.: Propyläen/Ullstein 1977; Bd. 2: Das Jahr der Ernüchterung 1934. Barmen und Rom, Berlin: Siedler 1985. Mehrere weitere Ausgaben; zuletzt München: Econ/Ullstein/List 2000. Die Seitenzahlen der Zitate folgen der Erstausgabe.

CoverDie Meinungen über das zweibändige, unabgeschlossene Werk des protestantischen Tübinger Kirchenhistorikers gehen auseinander: Für manche ist es eine Meistererzählung, die aufgrund ihrer Brillanz zum Standardwerk avancierte, trotz ihrer mehr als 1.200 Seiten umgehend in englischer Übersetzung erschien und monumentalen Geschichten der NS-Zeit wie jenen von Richard Evans und Hans-Ulrich Wehler zugrundeliegt. Andere sehen darin eine Fülle zugespitzter Thesen, voreiliger Urteile und falscher Zusammenhänge, die sich als nicht stichhaltig erwiesen hätten. Bis heute scheiden sich immer noch die Geister an Klaus Scholders großen Bänden über die Kirchen und das „Dritte Reich“.1

Die Gegensätzlichkeit der Bewertungen verwundert kaum. Der erste, 1977 erschienene Band zog – und zieht immer noch – Kritik auf sich, während der zweite, 1985 publizierte Band weniger Unmut hervorrief. Scholder starb, bevor er den zweiten Teil abschließen und verteidigen konnte. Sein fertiggestellter Band über die Kirchen in der Weimarer Zeit und im Jahr der NS-„Machtergreifung“ enthält die bekannte Junktim-Hypothese, dass es einen kausalen Nexus zwischen der Zustimmung der Zentrumspartei zum Ermächtigungsgesetz und dem Abschluss des Reichskonkordats gegeben habe. Charakteristisch aber für beide Bände ist das Fehlen jeglicher theoretischen Reflexion über die angewandte historische Methode und Begrifflichkeit. Einzelne Erläuterungen dazu stammen aus der großen Kontroverse, die Scholder mit dem katholischen Bonner Zeithistoriker Konrad Repgen ausgetragen hat; sie wurden erst nach Scholders Tod in die Taschenbuchausgabe von 1986 aufgenommen.2

Die mangelnde Reflektiertheit von Scholders Opus magnum und die Leistungen, die ihm gemeinhin attestiert werden, müssen nicht unbedingt einen Widerspruch darstellen. Augenfällig ist die Tatsache, dass Scholder der erste deutsche Historiker überhaupt war, der den Versuch wagte, eine umfassende Parallelgeschichte der beiden Kirchen während der NS-Zeit zu schreiben. So gut und innovativ seine Absicht war, so ist gleichwohl nach dem Sinn und der Form dieser Parallelgeschichtsschreibung zu fragen. Nur an wenigen Stellen seines Werks stellte Scholder Vergleiche zwischen den Konfessionen an oder entdeckte Berührungspunkte (Bd. 1, S. 3-25, S. 160-171, S. 321, S. 353f.).

Darüber hinaus macht sich eine Disproportionalität in der Darstellung der beiden großen Konfessionen sofort bemerkbar, zumal die protestantischen Freikirchen bei der Analyse keine Rolle spielen. Scholder räumte der katholischen Kirche vergleichsweise geringen und der evangelischen Kirche relativ breiten Raum ein – gemessen in Seitenzahlen ungefähr im Verhältnis 2:5. Um sich den Vorwurf zu ersparen, diese Schieflage sei auf seine eigene konfessionelle Zugehörigkeit zurückzuführen, hob er die Verworrenheit und Undurchschaubarkeit der 28 protestantischen Landeskirchen hervor, die ihn zu einer ausführlicheren Darstellung des protestantischen „Kirchenkampfes“ veranlasst hätten (Bd. 1, S. VIII). Außerdem zog Scholder für den ersten Band eine breite Palette von Quellen aus staatlichen und protestantischen Archiven heran, während er sich bezogen auf den Katholizismus mit bereits gedruckten Quellen begnügte. Dabei muss man ihm zugutehalten, dass in den späten 1960er- und den 1970er-Jahren in den meisten katholischen Diözesanarchiven die Bestände aus der NS-Zeit noch nicht erschlossen waren. Außerdem hätte ein prominenter protestantischer Kirchenhistoriker und einstmaliger Vorsitzender des FDP/DVP-Kreisverbandes Tübingen vermutlich nur wenig Anklang bei den katholischen Ordinariatsleitungen gefunden, die ihm die Nutzung allein hätten ermöglichen können.

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Bei den Auseinandersetzungen zwischen Scholder und Repgen über die Junktim-Hypothese wird oft übersehen, dass genau diese schwierige Quellenlage eine entscheidende Rolle spielte. Der katholische Profanhistoriker Repgen warf Scholder unter anderem vor, keine hinreichenden Belege für seine These eines kausalen Zusammenhangs zwischen der Zustimmung der Zentrumspartei zum Ermächtigungsgesetz und der Aufnahme von Konkordatsverhandlungen angeführt zu haben.3 Repgen kam zu dem Schluss, dass die Mehrzahl von Scholders Thesen als „unwahrscheinlich“ zu bezeichnen sei.4 Scholder tat Repgens Position hingegen als „eine merkwürdige Art von Akten-Positivismus“ ab: „Die Nichtbeweisbarkeit eines möglichen historischen Zusammenhangs ist immer ein ernsthaftes wissenschaftliches Argument. Es jedoch als sicheren und eindeutigen Beweis für die Nichtexistenz dieses Zusammenhanges zu nehmen, ist ein methodischer Fehler [...].“5 Zwar kann dieser Streit zum Teil auf genuine Unterschiede in der hermeneutischen Herangehensweise zurückgeführt werden – um nicht zu sagen auf konfessionelle Unterschiede –, aber rückblickend lässt sich ebenfalls konstatieren, dass die Kontroverse in den ungenügenden Recherchen Scholders ihren Ursprung hatte, zumal Repgen einer der besten Kenner der damaligen Quellenlage war. Scholder musste auf das Argument zurückfallen, dass die Vertreter einer „solchen minutiösen Darstellungsweise“ trotz „überragender Quellenkenntnis“ den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sähen und den „großen Entwicklungslinien der Vorgeschichte“ keine Beachtung schenkten.6

Genau diese Kritik an Repgen weist auf eine der Qualitäten Scholders hin, nämlich auf seinen spannenden, fast literarischen und durchaus unterhaltsamen Erzählstil, dem der Erfolg seiner Bände nicht zuletzt zu verdanken ist. Bezeichnend für sein besonderes Ausdrucksvermögen ist die Art und Weise, wie er eine Vielfalt aufschlussreicher Details in eine stets klar erkennbare narrative Struktur einbettet. Dass Scholder die „großen Entwicklungslinien“ in den Vordergrund stellte, trug sicher dazu bei, seinem Lebenswerk eine weite Verbreitung bei Allgemeinhistorikern zu verschaffen.7 Hingegen wirkte sich für Repgen und andere prononciert katholische Historiker ihr nüchterner wissenschaftlicher Stil eher nachteilig auf die Rezeption ihrer Werke aus. Weitere Faktoren für den Einfluss seiner Bücher waren Scholders normativer Standpunkt und seine Bereitschaft, kritische Urteile über die Forschungsgegenstände, d.h. auch über seine eigene Konfession zu fällen. Aus seiner Absicht machte er keinen Hehl (Bd. 1, S. IX): „Ich habe in keinem Falle etwas beschönigt, sondern Blindheit und Lüge, Arroganz, Dummheit und Opportunismus beim Namen genannt, auch wenn sie in einem geistlichen Gewand steckten und die Sprache der Kirche sprachen.“

Rückblickend kommt man jedoch unweigerlich zu dem Schluss, dass sich politische und theologische Ziele und Überzeugungen in Scholders Beurteilungsmuster widerspiegeln. Denn was seinem Werk über mehr als 1.200 Seiten hinweg die besondere Einheit verleiht, ist die teleologische Anlage, der beide Bände folgen. Scholders Narrativ, das unter anderem die Neuorientierungen der evangelischen Theologie in den 1920er-Jahren, die Entstehung der „Deutschen Christen“, die Gründung der Reichskirche und die Genese des „Pfarrernotbundes“ umfasst, kulminiert in der Erneuerung der evangelischen Kirche durch die Gründung der „Bekennenden Kirche“ und die Synode von Barmen im Jahr 1934, mit der die evangelische Kirche den Mut zum Widerstand gefunden habe. Dabei nahm die dialektische Theologie Karl Barths, des großen Helden bei Scholder, die entscheidende Stelle im protestantischen Feldzug gegen den Nationalsozialismus ein. Barth habe erklärt, „warum die christliche Theologie sich jetzt nicht mit dem Nationalsozialismus verbinden und warum die deutsche evangelische Kirche sich deshalb jetzt nicht den braunen Bataillonen anzuschließen habe“ (Bd. 1, S. 64, dortige Hervorhebungen). Es überrascht kaum, dass sich diese normative Bevorzugung der dialektischen Theologie, die Scholder als einen „der ganz großen theologischen Entwürfe der christlichen Theologie“ würdigte (Bd. 1, S. 559), auf seine Darstellung nicht reformierter Gruppen wie der Lutheraner und der Katholiken eher abträglich auswirkte.

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Mit innerkatholischen Debatten setzte sich Scholder ohnehin nur am Rande auseinander, schienen ihm diese doch gänzlich durch die in Rom entschiedene Konkordatsfrage überwölbt zu sein. In seiner Behauptung, Kardinalstaatssekretär Pacelli habe sich über die Köpfe der deutschen Hierarchie und der meisten Zentrumsparteipolitiker hinwegsetzt, schwang das alte liberale Feindbild mit, der deutsche Katholizismus sei von Rom aus gesteuert (Bd. 1, S. 84, S. 518). Natürlich redete Scholder nicht mehr von den „Dunkelmännern in Rom“, doch wirkten in seiner Darstellung alte antikatholische Voreingenommenheiten nach, auch wenn sich das FDP-Mitglied Scholder von den lautstarken antiklerikalen Parolen fernhielt, wie sie von manchen seiner Parteifreunde noch in den späten 1940er- und den 1950er-Jahren zu hören gewesen waren.8

Wie ist Scholders Lebenswerk mehr als 30 Jahre nach der Veröffentlichung des ersten Bandes zu beurteilen? Bei der umstrittenen Junktim-Hypothese lässt sich diese Frage schlicht und einfach beantworten. Die jüngsten Forschungen zum Thema, die auch die neugeöffneten vatikanischen Bestände berücksichtigen, liefern keine Indizien für Scholders These.9 Bei seiner Darstellung des protestantischen „Kirchenkampfes“ nimmt der 1930 geborene Kirchen-historiker eine Art Zwischenstufe ein. Während seiner Lebenszeit beschäftigte sich eine ganze Generation von Kirchenhistorikern, zu denen einige Veteranen des „Kirchenkampfes“ und führende Persönlichkeiten der „Bekennenden Kirche“ gehörten, oft unkritisch und manchmal sogar hagiographisch mit ihren Forschungsgegenständen.10 Im Kontrast dazu setzte Scholder einen deutlich kritischeren Akzent. Zugleich blendete er aber jene Aspekte des Verhältnisses zwischen der evangelischen Kirche und dem Nationalsozialismus aus, die nicht in seine teleologische Sicht der Dinge hineinpassten, wie etwa den Antijudaismus in den Reihen der „Bekennenden Kirche“.11 So wird Scholders Opus magnum sicher auch künftig unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Es wird aber zumindest solange den Ausgangspunkt für weitere Detailstudien bilden, bis ein Historiker oder eine Historikerin den Mut findet, eine vergleichbar lebendige und umfassende Darstellung in Angriff zu nehmen.

Anmerkungen: 


1 Siehe Richard Evans, The Third Reich in Power, London 2005, S. 221-230, S. 750; Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4: Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten. 1914–1949, München 2003, S. 795-818, S. 1121; Martin Greschat, Allzu Verständnisvolles. K. Scholders großes Werk zur Zeitgeschichte, in: Wissenschaft und Praxis in Kirche und Gesellschaft 68 (1979), S. 118-125.

2 Für detaillierte Angaben zur Kontroverse siehe Konrad Repgen, P. Robert Leiber, SJ, der Kronzeuge für die Vatikanische Politik beim Reichskonkordat 1933. Anmerkungen zu meiner Kontroverse mit Klaus Scholder 1977–1979, in: Thomas Brechenmacher (Hg.), Das Reichskonkordat. Forschungsstand, Kontroversen, Dokumente, Paderborn 2007, S. 25-36, v.a. S. 25f., Anm. 1.

3 Konrad Repgen, Reichskonkordats-Kontroversen und historische Logik, in: Manfred Funke u.a. (Hg.), Demokratie und Diktatur. Geist und Gestalt politischer Herrschaft in Deutschland und Europa. Festschrift für Karl Dietrich Bracher, Düsseldorf 1997, S. 158-177; ders., Über die Entstehung der Reichskonkordats-Offerte im Frühjahr 1933 und die Bedeutung des Reichskonkordats. Kritische Bemerkungen zu einem neuen Buch, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 26 (1978), S. 499-534.

4 Ders., Reichskonkordats-Kontroversen (Anm. 3), S. 159, S. 163, S. 171.

5 Klaus Scholder, Altes und Neues zur Vorgeschichte des Reichskonkordats. Erwiderung auf Konrad Repgen, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 26 (1978), S. 535-570, v.a. S. 557.

6 Ebd., S. 539.

7 Siehe nur Ian Kershaw, Popular Opinion & Political Dissent in the Third Reich. Bavaria 1933–1945, Oxford 1983, S. 156-179.

8 Siehe dazu etwa die Auszüge aus einer Rede Thomas Dehlers von 1956 (Archiv des Liberalismus, Friedrich-Naumann Stiftung für die Freiheit, NL Thomas Dehler, N1-3086).

9 Siehe Brechenmacher, Reichskonkordat (Anm. 2).

10 Siehe Jochen-Christoph Kaiser, Wissenschaftspolitik in der Kirche. Zur Entstehung der „Kommission für die Geschichte des Kirchenkampfes in der nationalsozialistischen Zeit“, in: Anselm Doering-Manteuffel/Kurt Nowak (Hg.), Kirchliche Zeitgeschichte. Urteilsbildung und Methoden, Stuttgart 1996, S. 125-163; Robert P. Ericksen, Wilhelm Niemöller and the Historiography of the Kirchenkampf, in: Manfred Gailus (Hg.), Nationalprotestantische Mentalitäten in Deutschland (1870–1970). Konturen, Entwicklungslinien und Umbrüche eines Weltbildes, Göttingen 2005, S. 433-452.

11 Siehe Wolfgang Gerlach, Als die Zeugen schwiegen. Bekennende Kirche und die Juden, Berlin 1987.

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