LONSEA – Der Völkerbund in neuer Sicht

Eine Netzwerkanalyse zur Geschichte internationaler Organisationen

Anmerkungen

Seit Oktober 2010 ist die Datenbank LONSEA („League of Nations Search Engine“) im Internet unter http://www.lonsea.org zu erreichen. Das Projekt, das am Exzellenzcluster „Asia and Europe in a Global Context“ der Universität Heidelberg angesiedelt ist, erschließt Informationen zu internationalen Organisationen, ihrem Personal und ihren Aktivitäten in der Zeit zwischen 1918 und 1945.1 Durch die Sammlung dieser Angaben in einer relationalen Datenbank ist es erstmals möglich, die von der bisherigen Forschung beschriebenen Netzwerke in größerem Rahmen nachzuweisen und zu visualisieren. LONSEA ermöglicht damit eine neue Sicht auf den Völkerbund, die herkömmliche institutionen-, personen- und nationalgeschichtliche Ansätze erweitert. Der vorliegende Beitrag soll einerseits neue Möglichkeiten zur Verknüpfung von Quellenmaterial vorstellen und andererseits einen Zugang zu einer netzwerkbasierten Globalgeschichte aufzeigen.

„League of Nations Search Engine“ – der Name der Datenbank gibt bereits Aufschluss über den wichtigsten Bezugspunkt für die Auswahl des Quellenmaterials. Die Gründung des Völkerbunds im Jahr 1919 stellte ein wichtiges, bislang unterschätztes Ereignis in der Geschichte internationaler Organisationen dar. Artikel 24 des Völkerbundsvertrags sah zwar eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Sekretariat in Genf und anderen internationalen Organisationen vor, doch blieb diese zunächst auf gouvernementale Organisationen beschränkt: „There shall be placed under the direction of the League all international bureaux already established by general treaties if the parties to such treaties consent. All such international bureaux and all commissions for the regulation of matters of international interest hereafter constituted shall be placed under the direction of the League. In all matters of international interest which are regulated by general convention but which are not placed under the control of international bureaux or commissions, the Secretariat of the League shall, subject to the consent of the Council and if desired by the parties, collect and distribute all relevant information and shall render any other assistance which may be necessary or desirable. [...]“2

Die Beschränkung der Organisationen auf diejenigen, die durch internationale Abkommen gegründet worden waren, und die Verpflichtung zur Zustimmung aller Mitgliedsländer führten dazu, dass das Interesse eher gering blieb und dass bis 1939 lediglich sechs Organisationen diese Möglichkeit wahrnahmen. Nur eine davon, das „International Office for Information and Research Concerning Assistance to Foreigners“, war bereits vor dem Ersten Weltkrieg gegründet worden.3 Die formalen Einschränkungen wurden bereits 1921 relativiert; der Rat des Völkerbunds beschloss einen breiteren Interpretationsrahmen für Artikel 24. Auf Antrag durch den Vorstand der jeweiligen Organisation und nach sorgfältiger Prüfung durch den Völkerbund sollte allen internationalen Organisationen die Möglichkeit eröffnet werden, mit dem Völkerbund zu kooperieren.4 Das Resultat dieser gegenseitigen Annäherung bestand in einem nach wie vor informellen, nun aber klar ersichtlichen Beziehungsnetz.

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Die Konzeption der Datenbank geht davon aus, dass diese Entwicklung den Charakter des Völkerbunds grundlegend veränderte. Statt einer intergouvernementalen Organisation mit einem überschaubaren Sekretariat entstand in Genf ein vielschichtiges Netzwerk von Personen und Organisationen. Die Datenbank folgt in ihrer Konzeption also einer Neueinschätzung des Völkerbunds, wie sie auch in der jüngsten Literatur vorgeschlagen wird.5 LONSEA hat dabei eine Brückenfunktion und verleiht der hier vertretenen These der aktiven Rolle des Völkerbunds bei der Ausgestaltung internationaler Netzwerke die nötige Quellenbasis. Während zum einen Aussagen über einzelne Personen, Institutionen und Orte möglich sind, enthält LONSEA zum anderen die weiterführende Option, Vernetzungsdichten in ihrer historischen Entwicklung und Dynamik aufzuzeigen. Dieser Ansatz versteht sich als Beitrag zur Globalgeschichte und folgt der bislang eher auf die Wirtschaftsgeschichte fokussierten historischen Netzwerkanalyse.6

Für die Annäherung zwischen Völkerbund und internationalen Organisationen war die „Section of International Bureau“ zuständig. Die Sektion, Vorgängerin des besser bekannten „Committee on Intellectual Cooperation“, wurde mit der Verwaltung und Dokumentation dieses Arbeitsbereichs beauftragt. Um auf Anfragen adäquat reagieren zu können, wurden zunächst in Zusammenarbeit mit dem „Central Office of International Associations“, das von Paul Otlet und Henri Lafontaine geleitet wurde, Bestandslisten internationaler Organisationen erstellt. Diese Organisationen wurden angeschrieben und aufgefordert, standardisierte Fragebögen auszufüllen.7 Die Ergebnisse der Umfragen führten schließlich zur Veröffentlichung einer der wichtigsten Quellen für die Geschichte internationaler Organisationen in der Zwischenkriegszeit, dem „Handbook of International Organisations/Répertoire des Organisations Internationales“.8 Dieses erschien zwischen 1921 und 1938 in sieben, jeweils aktualisierten Auflagen in Französisch (1921, 1923, 1925, 1936) und Englisch (1929, 1931, 1938). Es reihte sich ein in zahlreiche ähnliche Publikationen des Völkerbunds, die versuchten, die Arbeit der Organisation systematisch zu dokumentieren und einer interessierten internationalen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. So beinhaltete etwa das von Georges Ottlik herausgegebene „Annuaire de la Société des Nations“9 Informationen zum Aufbau und zur Funktion des Völkerbunds, zu den Entscheidungen der unterschiedlichen Völkerbundsgremien und den Mitgliedern der Komitees; es gab auch Hinweise auf Protokolle und Publikationen. Kongresse und ähnliche Aktivitäten verzeichnete das zwischen 1922 und 1938 erscheinende „Bulletin trimestriel de renseignements sur l’oeuvre des organisations internationales“.10

Die in LONSEA integrierten „Handbooks of International Organisations“ stellten steckbriefartig die kooperierenden Organisationen vor und waren zunächst alphabetisch, später dann thematisch gegliedert. Zu den erfassten Informationen gehörten neben dem Namen und dem Sitz der jeweiligen Organisation das Gründungsdatum, die Ziele, die Mitgliedsländer, Informationen zur Organisation des Vorstands, die Namen der Vorstandsmitglieder, die Finanzierungsformen, eine Zusammenfassung der Aktivitäten, ein historischer Rückblick und später auch Informationen zu Publikationen. Zwischen 1921 und 1938 lässt sich ein deutlicher Anstieg der teilnehmenden Organisationen feststellen. Die erste Auflage enthielt 317 Einträge, die letzte 806. Damit spiegeln die „Handbooks“ nicht nur den allgemeinen Trend zur Neugründung internationaler Organisationen in der Zwischenkriegszeit, sondern es wird auch deutlich erkennbar, dass das Kompendium von den Organisationen als öffentliche Plattform erkannt und genutzt wurde. Wie wichtig diese gut sichtbare Form der institutionellen Dokumentation für die internationalen Akteure war, zeigt sich daran, dass Veränderungen, beispielsweise des Sitzes oder des Vorstands, häufig an den Völkerbund kommuniziert und in Neuauflagen aktualisiert wurden. So bieten die „Handbooks“ einen Blick auf den Völkerbund, der mit dem in der älteren Literatur vielbeschworenen Scheitern wenig zu tun hat, sondern ein Bild zeichnet von einem kontinuierlichen, an Bedeutung zunehmenden Austausch zwischen Genf und den in allen Teilen der Welt aktiven Organisationen.

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Auch viele Frauenorganisationen nutzten die „Handbooks of International Organisations“, um auf ihre Aktivitäten hinzuweisen. Das 1931 gegründete „Peace and Disarmement Committee of the Womenʼs International Organisations“ mit Sitz in Genf war mit zahlreichen anderen Organisationen vernetzt. Diese Verbindungen können durch LONSEA nachverfolgt werden.

 

Auch viele Frauenorganisationen nutzten die „Handbooks of International Organisations“, um auf ihre Aktivitäten hinzuweisen. Das 1931 gegründete „Peace and Disarmement Committee of the Womenʼs International Organisations“ mit Sitz in Genf war mit zahlreichen anderen Organisationen vernetzt. Diese Verbindungen können durch LONSEA nachverfolgt werden.

Die These von der wachsenden Bedeutung der Netzwerke hält auch der Konfrontation mit den Austritten aus dem Völkerbund in den 1930er-Jahren stand. Diese schwächten den oben beschriebenen Teil der Völkerbundsaktivitäten nämlich keineswegs. Vielmehr fand das Konstruktionsprinzip informeller Vernetzung das Interesse der Ausgetretenen, die nun begannen, ähnliche Beziehungsmuster zu entwerfen. 1934, ein Jahr nach dem Rückzug Japans aus dem Völkerbund, publizierte die japanische Regierung das „Handbook of International Cultural Organizations in Japan“.11 Anders als im Genfer Vorbild wurden hier überwiegend solche Organisationen erfasst, die ihren Sitz in Japan hatten; zudem konnten Verbände aufgenommen werden, die auf bilateralen Beziehungen basierten. Das ebenfalls in die Datenbank integrierte japanische Handbuch zeigt einen weiteren wichtigen Aspekt der Entwicklung internationaler Organisationen in den 1930er-Jahren: die Okkupierung bestehender und Etablierung neuer internationaler Netzwerke durch die faschistischen Achsenmächte.12 Zusätzliche Einsichten in diese „dark side“ der internationalen Beziehungen verspricht die Aufnahme des „Handbuchs der Deutschen Kongreßzentrale“ in LONSEA, die derzeit vorbereitet wird. Das nationalsozialistische Gegenstück zu den „Handbooks of International Organisations“ wurde von der „Deutschen Kongreßzentrale“ (DKZ) zusammengetragen, einer Unterabteilung des Reichspropagandaministeriums. Es enthielt bestehende Organisationen, die mit nationalsozialistischen Ideologien konform gingen, bereits von NS-Sympathisanten unterwandert waren oder deren Gründung von der DKZ selbst initiiert und durchorganisiert worden war. Die Arbeiten am Handbuch wurden jedoch 1943 eingestellt; es ist nie erschienen. Das einzige bisher bekannte Druckmanuskript wird heute in den Archiven der Hoover Institutions an der Stanford University aufbewahrt. LONSEA macht somit der Geschichtswissenschaft diesen bisher kaum bekannten Quellenbestand zugänglich.

Neben den unterschiedlichen Sammelwerken, die Informationen zu Institutionen, ihren Orten, Aktivitäten und den in Vorständen aktiven Mitgliedern lieferten, stellt ein weiterer LONSEA-Quellenbestand die Arbeit des Völkerbunds selbst in den Mittelpunkt. Es handelt sich hierbei um Informationen zu allen beim Völkerbund offiziell angestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die so genannten Personnel Sheets, eine Art Zusammenfassung der eigentlichen Personnel Files, boten den mit der Administration des Völkerbunds beauftragten Abteilungen die Möglichkeit, auf einen Blick die wichtigsten Informationen zu einer Person zu erfassen.13 Neben Angaben zur Herkunft sind für die historische Forschung insbesondere die verschiedenen Phasen der internationalen Karrieren interessant, deren Vielfältigkeit sich in dieser Quellengattung besonders deutlich zeigt. Alle Angestellten wurden mit gleichen Kategorien dokumentiert: vom Generalsekretär bis zum Liftboy. Mit Hilfe dieses Materials wird das Bild, das LONSEA dem Nutzer bietet, um eine stärker biographisch fokussierte Perspektive erweitert. Wie gewinnbringend die Kombination der unterschiedlichen Datenquellen ist, zeigt sich besonders deutlich daran, dass es zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Völkerbunds gab, die gleichzeitig in den „Handbooks“ als Organisationsfunktionäre auftraten, ohne dass die gegenseitige Beziehung thematisiert wurde. Erst LONSEA macht solche Verbindungen deutlich und rückt Personen ins Zentrum, die von der bisherigen Forschung noch kaum beachtet wurden, die aber wichtige Informationen für die Erforschung von Grenzgängern und kosmopolitischen Biographien liefern können. So war Tietse Pieter Sevensma nicht nur Generalsekretär der „International Federation of Library Associations“, sondern zugleich auch einer der Bibliothekare des Völkerbunds. Léon Steinig war, wie man dank LONSEA herausfindet, nicht nur Generalsekretär der „World Union of Jewish Students“, sondern auch Mitglied des „International Student Service“, arbeitete für das „International Labour Office“, die „Social Questions and Opium Traffic Section“ des Völkerbunds und setzte nach dem Zweiten Weltkrieg seine Arbeit für die Vereinten Nationen fort.

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Léon Steinig auf LONSEA

 

LONSEA hat für die Wissenschaft einen mehrfachen Nutzen: Das Projekt sammelt teilweise schwer zugängliches Quellenmaterial, das wichtige Basisinformationen zu internationalen Organisationen, ihrem Personal und ihren Aktivitäten bereitstellt. Darüber hinaus macht die Datenbank Verknüpfungen kenntlich, die sonst von den einzelnen Forscherinnen und Forschern immer wieder neu und in teilweise aufwendiger Quellenarbeit rekonstruiert werden müssten.

Aus einer technischen Perspektive bietet sich die schematische Struktur des Quellenmaterials für eine Umsetzung als Datenbank besonders an. Die steckbriefartige, auf die eigentliche Information konzentrierte Anlage macht es möglich, nahe an den Quellen und ohne starke Vorauswahl die Angaben so zu übernehmen, wie sie in den „Handbooks“ und „Personnel Sheets“ verzeichnet sind. Aufgrund zahlreicher in unterschiedlichen Kontexten wiederkehrender Informationen liegt es nahe, diese in der Datenbank relational zu erfassen. Im Gegensatz zur reinen Digitalisierung oder Online-Edition bietet eine relationale Datenbank den Vorteil, dass Inhalte kombiniert zur Verfügung stehen. Auf diese Weise werden zahlreiche neue Informationen sichtbar – zu wichtigen internationalen Orten (z.B. Paris), zu Aktivitäten (z.B. alle Personen, die im Bereich „Education“ aktiv waren) und zu Akteuren (z.B. in mehreren Organisationen). Damit sind nur einige ausgewählte Möglichkeiten genannt, wie LONSEA für Recherche- und Forschungszwecke eingesetzt werden kann.

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Um den Einstieg in die Datenbank zu erleichtern, sollen kurz die wichtigsten Funktionalitäten erklärt werden. Ein Aspekt ist für das Verständnis von LONSEA grundlegend: Es können immer nur Daten gefunden werden, die in den bisher vorhandenen Quellen enthalten waren. Ziel von LONSEA ist es nicht, ein umfassendes biographisches oder institutionelles Nachschlagewerk zu sein. Vielmehr stellen sich die Entwicklerinnen und Entwickler vor, dass die Resultate einer LONSEA-Abfrage als möglicherweise zu falsifizierende Thesen genutzt werden sollten.

Wie in den meisten Datenbanken ist es in LONSEA möglich, bereits bekannte Organisationen, Personen oder Orte über ein Suchfeld in den entsprechenden Bereichen direkt zu finden. Dies kann zum Beispiel dann hilfreich sein, wenn man weiß, dass eine Person in der Zwischenkriegszeit Mitglied einer internationalen Organisation war, und man herausfinden will, wer außerdem in dieser Organisation aktiv war, welche Länder hier zusammengearbeitet haben und ob sich die gesuchte Person vielleicht zur gleichen Zeit in mehreren Organisationen engagierte. Während diese Herangehensweise meist auf bereits vorhandenen Informationen basiert, bietet LONSEA außerdem verschiedene Möglichkeiten, um ausgehend vom Gesamtbestand der Datenbank anhand vielfältiger Kriterien die Menge der Datensätze zu reduzieren. So können Nutzerinnen und Nutzer beispielsweise eine Recherche mit allen Personen starten, im nächsten Schritt in der Kategorie „Gender“ alle Frauen auswählen und anschließend die Auswahl auf diejenigen Frauen beschränken, für die im Bereich „Residences“ Indien angegeben wurde – womit sich die Zahl auf neun Einträge reduziert. Ebenso braucht es nur wenige Klicks, um alle südamerikanischen Vizepräsidenten von internationalen Organisationen herauszufiltern, die sich im Bereich „Arts and Sciences“ engagierten.

Conditional-Tag-Clouds ermöglichen eine differenzierte Suche nach verschiedenen Kriterien.

 

Conditional-Tag-Clouds ermöglichen eine differenzierte Suche nach verschiedenen Kriterien.

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Ähnliche Auswahlkriterien bietet die Suche nach Organisationen. Dort können die vorhandenen Organisationen unter anderem im Hinblick auf Mitgliedsländer oder Austragungsorte von Kongressen gefiltert werden. Die Anordnung der möglichen Kriterien als Conditional-Tag-Clouds (sich mit jedem Selektionsschritt neu anpassende Navigationspunkte, deren Größe in Relation zur Häufigkeit des Auftretens in der Datenbank steht) soll nicht nur die Recherche erleichtern, sondern kann auch Nicht-Experten auf Besonderheiten aufmerksam machen. So überrascht in der langen Liste der Angaben zu den Sitzen internationaler Organisationen das prominente Auftreten einer bestimmten Adresse in Paris: 2, rue de Montpensier. 18 Organisationen sollen hier ihren Sitz gehabt haben, von der „International Federation of Modern Language Teachers“ bis zum „Co-ordinating Committee of the Major International Associations“. Während ein zufälliger Nutzer der Website diese Information vielleicht lediglich interessiert zur Kenntnis nimmt, dürfte ein Experte im Bereich der internationalen Organisationen auf den ersten Blick erkennen, dass sich hinter der genannten Adresse der Sitz des „Instituts für Geistige Zusammenarbeit“ verbarg, das gemeinsam mit der „Kommission für Geistige Zusammenarbeit“ in Genf eine wichtige Koordinationsstelle im internationalen Leben der Zwischenkriegszeit war. Davon ausgehend eröffnen sich Fragen nach den möglichen Auswirkungen solcher räumlichen Konzentrationen. Wer konnte sich in den Fluren der Vorgängerorganisation der UNESCO über den Weg laufen? Welche Folgen konnte dies für den Transfer von Wissen, für organisatorische und inhaltliche Absprachen haben? Die bisher meist abstrakt angenommenen Möglichkeiten zum Austausch innerhalb verschiedener transnationaler Netzwerke nehmen mit solchen Beispielen konkrete Form an und bieten Ausgangspunkte für weitere Forschungen. Als zusätzliches Feature wird die geographische Verteilung von Organisationen mit Hilfe von Google Maps in die Datenbank eingebunden.

Eine weitere Funktion von LONSEA – derzeit allerdings noch im Beta-Stadium – ist die „Connection Search“, die die Recherche ermöglicht, ob und auf welchem Weg zwei Akteure Mitglieder eines gemeinsamen Netzwerks waren. In diese Analyse einbezogen werden sowohl Personen als auch institutionelle Verbindungen zwischen Organisationen.14 Die in LONSEA enthaltenen Visualisierungsmöglichkeiten15 sind im Bereich der Geschichtswissenschaft noch wenig etabliert. Während die „Organisation Arcs“ und die „Country Matrix“ statisch Informationen aus der Datenbank abbilden, hat der User im Bereich „Network“ die Möglichkeit, aus der Visualisierung direkt zu den Angaben in der Datenbank zu gelangen – und erhält somit einen alternativen Einstieg in die Arbeit mit LONSEA.

 

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Die Darstellungen beruhen auf den Prinzipien des „Force Directed Layout“: Personen und Organisationen bilden Knoten, Beziehungen zwischen ihnen werden durch Verknüpfungen dargestellt. Personen und Organisationen mit vielen Anknüpfungspunkten werden größer dargestellt und verbleiben im Zentrum, weniger stark oder kaum verknüpfte Einheiten streben nach außen. Der Graph, der die Organisationen in LONSEA darstellt, die durch persönliche oder institutionelle Beziehungen miteinander verknüpft sind, macht die bisher weitgehend theoretisch angenommene enge internationale Zusammenarbeit eindrucksvoll deutlich. Knapp 2.820 Akteure (2.380 Personen und 440 Organisationen) der fast 6.000 gegenwärtig in LONSEA erfassten Einheiten (ca. 4.900 Personen und ca. 1.100 Organisationen) sind Teil des gleichen, sehr weit verzweigten Netzwerks. Dass diese Kooperationen und Überschneidungen nicht auf bestimmte Themenfelder begrenzt waren, zeigt sich an der Vielfalt der Farben in der Darstellung, die für unterschiedliche Themen stehen.

Ein vielfältiges und globales Forschungsfeld wie die Geschichte internationaler Organisationen kann nur schwer von einer einzigen Datenbank abgedeckt werden. Um den Nutzerinnen und Nutzern von LONSEA die Möglichkeit zu geben, weitere Informationen und Materialien zu ihrem spezifischen Forschungsgegenstand zu finden, werden in einem nächsten Erweiterungsschritt Links zu ähnlichen Angeboten im Netz ergänzt, beispielsweise zur Datenbank „Diplomatische Dokumente der Schweiz“ (http://www.dodis.ch). Darüber hinaus werden Verknüpfungen zu nationalen, globalen und transnationalen bibliothekarischen Informationsangeboten integriert, so dass LONSEA in Zukunft nicht nur historische Netzwerke erforschbar macht, sondern sich selbst innerhalb einer global vernetzten virtuellen Forschungsumgebung positioniert. Idealerweise kann die Datenbank neue Narrative jenseits des Eurozentrismus fördern und mit ihren technischen Mitteln sowohl neue Forschungsfragen als auch neue Antworten in die Diskussion bringen.

Anmerkungen: 


1 Für weitergehende Informationen zum Projekt „Networking the International System“ siehe <http://www.asia-europe.uni-heidelberg.de/en/research/a-governance-administration/a3.html>, für allgemeine Informationen zum Cluster „Asia and Europe in a Global Context“ <http://www.asia-europe.uni-heidelberg.de/en/>.

2 Covenant of the League of Nations, Art. 24, online unter <http://avalon.law.yale.edu/​20th_century/​leagcov.asp#art24>.

3 Madeleine Herren, Internationale Organisationen seit 1865. Eine Globalgeschichte der internationalen Ordnung, Darmstadt 2009, S. 60.

4 Société des Nations (Hg.), Répertoire des Organisations Internationales (Associations, Bureaux, Commissions, etc.), Genf 1921, S. 4.

5 Erez Manela, The Wilsonian Moment. Self-determination and the International Origins of Anticolonial Nationalism, Oxford 2007; Mark Mazower, No Enchanted Palace. The End of Empire and the Ideological Origins of the United Nations, Princeton 2009; Susan G. Pedersen, Back to the League of Nations: Review Essay, in: American Historical Review 112 (2007), S. 1091-1117; Patricia Clavin/Kiran Klaus Patel, The Role of International Organizations in Europeanization: The Case of the League of Nations and the European Economic Community, in: Martin Conway/Kiran Klaus Patel (Hg.), Europeanization in the Twentieth Century. Historical Approaches, Basingstoke 2010, S. 110-131.

6 Für eine Einführung vgl. Mark Casson, Networks in Economic and Business History: A Theoretical Perspective, in: Andreas Gestrich/Margrit Schulte Beerbühl (Hg.), Cosmopolitan Networks in Commerce and Society 1660–1914, London 2011, S. 17-49.

7 Société des Nations, Répertoire (Anm. 4), S. 5.

8 League of Nations (Hg.), Handbook of International Organisations (Associations, Bureaux, Committees, etc.), Genf 1921–1938.

9 Georges Ottlik (Hg.), Annuaire de la Société des Nations, 3 Bde., Genf 1927–1938.

10 Société des Nations – Section des bureaux internationaux (Hg.), Bulletin trimestriel de renseignements sur l’oeuvre des organisations internationales, Genf 1922–1938.

11 Kokusai Bunka Shinkōkai [Society for International Cultural Organizations in Japan] (Hg.), A Handbook of International Cultural Organizations in Japan, Tokio 1934 (u.ö.).

12 Vgl. Madeleine Herren/Sacha Zala, Netzwerk Aussenpolitik. Internationale Organisationen und Kongresse als Instrumente der schweizerischen Aussenpolitik 1914–1950, Zürich 2002, S. 151-221; Madeleine Herren, ‚Outwardly... an Innocuous Conference Authority’. National Socialism and the Logistics of International Information Management, in: German History 20 (2002), S. 67-92.

13 Die Personal-Unterlagen des Völkerbunds befinden sich heute im Archiv des Völkerbunds am Sitz der Vereinten Nationen in Genf. Das Archiv wurde 2010 in das UNESCO-Register „Memory of the World“ aufgenommen. Siehe <http://www.unog.ch/​library>.

14 Um die Personen auszuwählen, die miteinander in Bezug gesetzt werden sollen, muss auf den jeweiligen Personenseiten in der rechten oberen Bildschirmecke der Link „Mark for Connection Search“ aktiviert und anschließend in der Navigationsspalte die Funktion „Connections“ ausgewählt werden.

15 Umgesetzt mit Hilfe von Protovis (<http://vis.stanford.edu/​protovis/>), einem von der Stanford University entwickelten Visualisierungsprogramm.

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