Autorenumfrage Konrad H. Jarausch

Lieber Herr Jarausch, im ersten Heft der »Zeithistorischen Forschungen« starteten wir 2004 mit einem programmatischen Aufsatz von Ihnen zur »Integration der beiden deutschen Nachkriegsgeschichten«. Dieser Beitrag, der auch an die Arbeiten unseres zweiten Gründungsherausgebers Christoph Kleßmann anknüpfte, ist häufig zitiert und aufgegriffen worden. Wie hat sich die Forschung seitdem entwickelt: In welchem Maße hat sich die »integrierte« deutsch-deutsche Perspektive in der Zeitgeschichte durchgesetzt? Oder ist sie inzwischen womöglich schon überholt, weil europäische und globale Perspektiven noch stärker in den Vordergrund getreten sind?

Ziel der Anregung, die rivalisierenden Nachkriegsgeschichten zu integrieren, war es, die Einseitigkeit einer westdeutschen Erfolgs- und ostdeutschen Verlustgeschichte zu überwinden und die Gemeinsamkeiten des getrennten Lebens als historische Grundlage der Vereinigung bewusst zu machen. Dieser in einer Serie von Konferenzen mit dem Verband der Geschichtslehrer Deutschlands wiederholte Impuls hat ein vielfältiges Echo hervorgerufen, so in einem Sammelband des Instituts für Zeitgeschichte (»Das doppelte Deutschland«, 2008) und einer lebhaften anglo-amerikanischen Diskussion in dem elektronischen Netzwerk H-German (»Integrating Post-1945 German History«, 2011). Obwohl die neueren großen Synthesen der Nachkriegsgeschichte von Edgar Wolfrum (»Die geglückte Demokratie«, 2006) und Eckart Conze (»Die Suche nach Sicherheit«, 2009) weiterhin von der bundesrepublikanischen Entwicklung ausgehen, haben vor allem Dissertationen wie die Arbeit von Ned Richardson-Little über Menschenrechte (2013) oder die Forschungen von Monika Mattes zur Ganztagsschule den gesamtdeutschen Horizont stärker berücksichtigt. Auch die berechtigte Ausweitung der Interessen auf europäische und globale Geschichte hat die Aufgabe, die beiden deutschen Nachkriegsgeschichten zu verbinden, nicht irrelevant gemacht. Denn die deutsche Teilung war ein Teil der Spaltung Europas, und der Legitimitätswettbewerb zwischen der Bundesrepublik und DDR erstreckte sich auf die gesamte Welt. Sinn der Integration beider Nachkriegsgeschichten ist daher nicht deren Renationalisierung, sondern die Einbettung der gemeinsam getrennten deutschen Vergangenheiten in größere Bezüge wie den Kalten Krieg.

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