Editorial - 2/2005: Offenes Heft

Zu diesem Heft

Anmerkungen
 
Nach vier Themenheften von „Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History“1 erscheint mit der vorliegenden Ausgabe erstmals ein „offenes“ Heft ohne verbindendes Rahmenthema. Dies gibt uns die Möglichkeit, auch Beiträge zu veröffentlichen, die zum Profil und zum Anspruch der Zeitschrift passen, aber keinem der längerfristig geplanten Schwerpunktthemen2 zuzuordnen sind. Künftig wird in der Regel eines der drei Hefte pro Jahrgang ein solches „offenes“ Heft sein; interessierte Autorinnen und Autoren sollten sich möglichst frühzeitig an die Redaktion wenden.
 
Im Aufsatzteil dieser Ausgabe setzt sich Till van Rahden mit Geschlechterrollen und Väterbildern in der frühen Bundesrepublik auseinander. Anhand eines Urteils des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1959 zum so genannten „väterlichen Stichentscheid“, dessen Vorgeschichte und Rezeption zeigt er auf, wie die zeitgenössischen Debatten um väterliche „Autorität“ zur inneren Demokratisierung der Bundesrepublik beitrugen und welche Beharrungskräfte es dabei gab. Zwei andere Aufsätze beschäftigen sich ebenfalls mit der Geschichte der Bundesrepublik, nehmen jedoch eine vergleichende und transnationale Perspektive ein - wofür sich die Untersuchung sozialer Bewegungen besonders anbietet. Holger Nehring schildert die Protestformen der (west)deutschen und britischen Anti-Atom-Bewegungen der späten 1950er- und frühen 1960er-Jahre. Deutlich werden dabei sowohl länderübergreifende Gemeinsamkeiten und wechselseitige Bezugnahmen der Bewegungen als auch ihre nationalgeschichtlich bedingten Eigenarten. Thomas Etzemüller vergleicht die bundesdeutsche und die schwedische 68er-Bewegung. Wie Etzemüller herausarbeitet, war „1968“ in Schweden weniger spektakulär als in der Bundesrepublik, doch lassen sich manche strukturellen Gemeinsamkeiten feststellen. Der Aufsatz von Gerhard Paul knüpft an unser vorangegangenes Themenheft „Kriege nach dem Zweiten Weltkrieg“ an: Paul seziert die Entstehung und spätere Verwendung des wohl bekanntesten Fotos aus dem Vietnamkrieg, das das nackte und weinende Mädchen Kim Phúc zeigt. Wie das Bild von 1972 stufenweise entkontextualisiert und für unhistorische, vor allem religiöse Deutungsbedürfnisse genutzt worden ist, demonstriert Paul mit geradezu kriminalistischem Spürsinn.
 
Auch das Interview dieses Heftes hat den Quellenwert von Fotografien zum Thema - jedoch nicht aus der Sicht eines Wissenschaftlers, sondern einer renommierten Fotografin. Barbara Klemm, langjährige Redaktionsfotografin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, berichtet ausführlich über ihre Bilder der Zeitgeschichte. Obwohl die Tageszeitung eigentlich ein flüchtiges, zum raschen Ge- und Verbrauch bestimmtes Medium ist, sind viele von Klemms Fotos zu Schlüsseldokumenten geworden, deren Aussagewert nach gewissem Zeitabstand noch deutlicher hervortritt.

Die Debattenrubrik ist dem Verhältnis von Zeitgeschichte und Geschichtsdidaktik gewidmet - zwei Subdisziplinen der Geschichtswissenschaft, die etliche Berührungspunkte und Schnittmengen aufweisen, momentan aber wenig miteinander kommunizieren. Mit Essays von Martin Sabrow, Stefan Jordan, Dietmar von Reeken und Simone Rauthe möchten wir aus zeithistorischer Sicht eine Diskussion über Aufgabenfelder, Leistungen und Defizite der Geschichtsdidaktik beginnen.
 
In der Quellenrubrik analysiert Christoph Hamann das berühmte Foto des Maueropfers Peter Fechter aus dem Jahr 1962, das rasch zu einem allgemeinen Sinnbild der deutschen Teilung und des Kalten Krieges wurde. Mit seinem ikonographischen und rezeptionsgeschichtlichen Zugriff führt Hamann exemplarisch vor, wie zeitgeschichtliche, geschichtsdidaktische und kunsthistorische Aspekte beim Umgang mit Fotos ineinandergreifen können. Im Schnittfeld von Zeitgeschichte und Kunstgeschichte ist auch der Beitrag von Bernd Lindner angesiedelt, der Wolfgang Mattheuers Plastik „Jahrhundertschritt“ (1984) vorstellt - eine Allegorie des 20. Jahrhunderts, in der sich die widersprüchliche Biographie des Künstlers und das ambivalente Lebensgefühl der späten DDR verdichten, die aber auch nach dem Ende der DDR eindrücklich bleibt.
 
Den Rezensionsteil eröffnet Bernd Stöver mit Kommentaren zur Website des „Cold War International History Project“. Annette Weinke bespricht die ähnlich materialreiche DVD des Fritz Bauer Instituts zum ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess, einem Zentralereignis der bundesdeutschen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in den 1960er-Jahren. „Neu gelesen“ werden Theodor Eschenburgs kleines Bändchen „Herrschaft der Verbände?“ aus dem Jahr 1955 (von Albrecht Weisker) und Rudolf Bahros in Ost und West breit rezipiertes Werk „Die Alternative“ aus dem Jahr 1977 (von Kurt Seifert). Auf ganz unterschiedliche Weise sind beide Bücher heute noch oder wieder aktuell - dasjenige Eschenburgs, weil es die Expansionsdynamik der Verbände als Gefahr für die parlamentarische Demokratie kritisiert; dasjenige Bahros, weil es die philosophische Frage nach einer humanen Gesellschaftsordnung mit der ökologischen Frage nach der Bewahrung der Lebensgrundlagen kombiniert. Ein Rezensionsdigest mit Hinweisen auf wichtige zeitgeschichtliche Neuerscheinungen rundet dieses Heft wie gewohnt ab.

Die Redaktion


Anmerkungen:

1 „Zeitgeschichte - Stand und Perspektiven“ (1/2004), „Mediengeschichte(n)“ (2/2004), „Europäisierung der Zeitgeschichte?“ (3/2004), „Kriege nach dem Zweiten Weltkrieg“ (1/2005).

2 In Vorbereitung: „Migration“ (3/2005), „Imperien im 20. Jahrhundert“ (1/2006).
 


In this issue

Notes
 
After four special thematic issues of “Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History”,1this is the first “open” issue, addressing a broad range of topics. It gives us the opportunity to publish articles which correspond to the image and aims of the journal but which cannot be assigned to one of the main themes scheduled for forthcoming issues.2 Henceforth, one of the three issues in each volume will be an “open” issue; authors are invited to submit contributions well in advance.
 
Among the essays in this issue is Till van Rahden’s analysis of gender roles and images of fatherhood in the early years of the Federal Republic of Germany. By focusing on the history and reception of the verdict of the Federal Constitutional Court in 1959, which declared that the “paternal casting vote” was unconstitutional, the author shows how contemporary debates about paternal “authority” contributed to the democratization of the Federal Republic, and discusses the issues at stake. Two other essays likewise deal with the Federal Republic, but adopt a comparative and transnational approach - which is particularly appropriate when investigating social movements, for example. Holger Nehring describes the forms of protest used by (West) German and British anti-nuclear-weapons movements during the late 1950s and early 1960s. This essay reveals supranational commonalities and mutual observations or references made by each of the movements, as well as characteristics specific to each nation. Thomas Etzemüller compares the West German and Swedish protest movements which culminated in 1968. As Etzemüller observes, although “1968” in Sweden was less spectacular than in West Germany, the two movements shared some structural similarities. The article by Gerhard Paul takes up the theme of our previous issue on “Wars after the Second World War”: Paul dissects the emergence and subsequent usage of one of the most well-known photographs taken during the Vietnam War, which shows the naked and crying girl Kim Phúc. Paul reveals clues showing how this image was gradually decontextualized and charged with unhistorical and above all religious meanings.
 
The interview in this issue focuses on the value of photographs as historical sources - albeit not from the point of view of a historian, but from that of a famous photographer. Barbara Klemm, who worked for many years as a photographer for the “Frankfurter Allgemeine Zeitung”, talks about her pictures in relation to contemporary history. Although the press is a fleeting medium designed for the rapid use and consumption of information, many of Klemm’s photographs have become key documents whose statements grow clearer and more powerful as time passes.

The debate section is devoted to the relations between contemporary history and historical didactics - two subdisciplines in the field of history which share much common ground and several points of contact, but which communicate little with one another at present. The essays by Martin Sabrow, Stefan Jordan, Dietmar von Reeken and Simone Rauthe are intended to spark discussion about the tasks, achievements and shortcomings of historical didactics in a contemporary historical perspective.
 
In the sources section, Christoph Hamann analyzes the photograph of Peter Fechter, who was killed when trying to cross the Berlin Wall in 1962 - an image which rapidly became known as a symbol of the division of Germany and of the Cold War. With his application of iconographical research methods and reception history, Hamann demonstrates how contemporary historical, historical didactic and art historical elements tend to converge and interact when dealing with photographs. Bernd Lindner’s contribution also addresses questions relevant to both contemporary history and art history. He presents Wolfgang Mattheuer’s sculpture “Century Step” (“Jahrhundertschritt”, 1984) - an allegory of the twentieth century which encapsulates the artist’s contradictory biography and the ambivalent sentiments characteristic of life during the last years of the German Democratic Republic, which nonetheless remain impressive after the end of the GDR.
 
The reviews section begins with Bernd Stöver’s commentary on the website of the “Cold War International History Project”. Annette Weinke reviews the similarly wide-ranging material contained in the Fritz Bauer Institute’s DVD about the first Auschwitz trial in Frankfurt, which was one of the key events within the debate over National Socialism in the Federal Republic during the 1960s. In our series on “rediscovered classics”, Albrecht Weisker examines Theodor Eschenburg’s book on the “Rule of the Associations?” (“Herrschaft der Verbände?”) published in 1955, followed by Kurt Seifert’s reading of Rudolf Bahro’s work “The Alternative” (“Die Alternative”) from 1977, which was widely read in both East and West. Both of these books are still topical today, albeit for different reasons - for whereas Eschenburg’s book criticizes the expansionism of associations as a danger to parliamentary democracy, Bahro’s book combines a philosophical inquiry into the foundations of a humane social order with an ecological inquiry into the preservation of the basic necessities of life. As usual, we round off this issue with a Review Digest containing information about new publications in the field of contemporary history.

The Editors
 
 
Notes:

1 “Contemporary History Today - Positions and Perspectives” (1/2004), “Media History(ies)” (2/2004), “Europeanization of Contemporary History?” (3/2004), “Wars after the Second World War” (1/2005).

2 In preparation: “Migration” (3/2005), “Empires in the Twentieth Century” (1/2006).