Editorial - 1/2017: Offenes Heft

Zu diesem Heft

Anmerkungen

Ende Januar 2017, während der Druckvorbereitung dieser Ausgabe, schreibt uns Krzysztof Ruchniewicz, der dem Beirat der »Zeithistorischen Forschungen« angehört: »Sie können sich vorstellen, dass ich die neue polnische Geschichtspolitik mit großer Sorge beobachte. Sie ist Teil der polnischen Politik überhaupt. Das, was wir bis heute erreicht haben, wird ganz schnell verspielt. […] Ich hoffe nur, dass die alten Kontakte und Freundschaften nicht abgebrochen werden, noch ist Polen nicht verloren!« Auch über den polnischen Fall hinaus, wo Grundelemente der nach 1989/90 etablierten demokratischen Ordnung bedroht sind, waren die vergangenen Monate von einer in dieser Form unerwarteten Kumulation turbulenter Ereignisse geprägt, die unter Zeithistorikerinnen und Zeithistorikern ebenso wie in der allgemeinen politischen Öffentlichkeit eine eigentümliche Melange aus Sorge und Wut, Resignation und Aufbruchstimmung, Ratlosigkeit und Analyseversuchen hervorgebracht hat. Wenn Wissenschaftler, Journalisten und Beamte in der Türkei zu Tausenden verfolgt, aus ihren Berufen gedrängt und oft willkürlich inhaftiert werden, wirft dies die Frage nach Analogien zur deutschen Situation des Jahres 1933 auf,[1] und generell sind historische Referenzen momentan rasch, mitunter vielleicht zu rasch bei der Hand.

Ob der Vergleich zwischen Trump und Hitler[2] und der rasante Verkaufserfolg von Orwells »1984« in den USA[3] erkenntnisfördernd sind oder womöglich noch zu stark einer verlässlich einrastenden, aber inzwischen überholten Mechanik folgen, sei hier dahingestellt. Auffällig ist jedenfalls, dass science/humanities as usual unter den gegenwärtigen Bedingungen einerseits kaum praktikabel, andererseits aber gerade jetzt notwendig erscheint. Demokratie und freie Wissenschaft beruhen auf Voraussetzungen, die sie selbst nur begrenzt etablieren und garantieren können, zu denen die Akteure des Wissenschaftssystems und der Medien aber durchaus beitragen müssen. Bis vor kurzem hätte man eine solche Aussage für trivial halten können. Vielleicht führt die derzeitige Weltlage indes vor Augen, dass der »Nutzen« der Geistes- und überhaupt aller Wissenschaften noch einmal neu legitimiert werden muss,[4] dass aber auch politische Intervention erforderlich werden kann, wenn eine Situation eintritt, in der die distanzierte Rolle des wissenschaftlichen Beobachters nicht mehr genügt. Dabei sind Zeithistoriker/innen nicht per se klüger als andere Menschen, und die Orientierungsfunktion historischer Erfahrungen für die Gegenwarts- und Zukunftsbewältigung ist mindestens strittig. Das Vertrauen auf »unseren historischen Tastsinn«[5] ist jedoch eine leise Hoffnung, die sich auf fachspezifische Fundamente stützen kann.

Die Beiträge des vorliegenden Hefts sind natürlich keine direkten Kommentare zum Zeitgeschehen, stehen mit diesem aber in einer Relevanz- und Resonanzbeziehung. So skizzieren Habbo Knoch und Benjamin Möckel Ansätze einer »Moral History« für das 20./21. Jahrhundert. Mit einer Kombination epistemologischer, systematischer und genuin historischer Perspektiven fragen sie in ihrem Essay nach moralischen Prämissen, Standards und Praktiken, nach deren Kontinuitäten und Wandlungsprozessen. Das Ziel ist dabei keine »Moralisierung durch Geschichte«, sondern eine »Historisierung des Moralischen«. Frank Böschs Aufsatz über das Engagement für vietnamesische »Boat People« in der Bundesrepublik um 1980 liefert dazu, auch wenn die Texte unabhängig voneinander entstanden sind, in gewisser Weise eine Fallstudie. Zugleich rückt dieser Beitrag die aktuelle Frage nach der Aufnahmebereitschaft der deutschen Gesellschaft für Flüchtlinge in eine zeithistorische Perspektive, bei der einige Parallelen zur Gegenwart hervortreten. Zivilgesellschaftliches, publizistisches und staatliches Handeln ergänzten einander und schufen neue Formen humanitärer Hilfe, doch war die Phase der großen öffentlichen Empathie zeitlich begrenzt, und die Aufnahme der vietnamesischen »Kontingentflüchtlinge« blieb in mancher Hinsicht ein Sonderfall, der zu keiner generellen Transformation politisch-moralischer Standards im Sinne einer Universalisierung der Hilfe führte.

Das Handeln der »Instandbesetzer« im West-Berlin der 1980er-Jahre, das Reinhild Kreis untersucht, lässt sich ebenfalls in den größeren Zusammenhang der Suche nach einer neuen »moralischen Ökonomie« einordnen, verfolgte aber auch ganz praktische Ziele. Die handwerkliche Selbsthilfe – als ein eigenständiges Segment der politisch motivierten Hausbesetzerszene – war zwar mit einigen Misserfolgen und Frustrationen verbunden, leistete jedoch einen Beitrag für eine flexiblere Wohnungspolitik. Es mag verlockend sein, darin Anregungen für gegenwärtige Problemlagen des Immobilienmarkts zu suchen. Allerdings sind die Konstellationen wohl zu verschieden, als dass sich aus den damaligen Protestpraktiken historisch grundierte »Rezepte« ableiten ließen. Der Aufsatz liefert zum einen weitere anschauliche Facetten zur spezifischen Geschichte West-Berlins (vgl. auch ZF 2/2014); zum anderen stehen hier Debatten um Wohn-, Lebens- und Arbeitsformen im Zentrum, deren Bedeutung über West-Berlin hinausreicht. Bei solchen Debatten wurde und wird vielfach soziologisches Wissen mit aufgerufen oder neu generiert, und generell bilden Versuche zur Historisierung sozialwissenschaftlicher Theoreme und Akteure seit einigen Jahren bekanntlich einen Schwerpunkt der zeithistorischen Forschung. In unserer Rubrik »Quellen« erläutert Kerstin Brückweh nun die arbeitssoziologischen Fallstudien, die seit 1968 vom Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) betrieben worden sind. Möchte man das dortige Material für Sekundärauswertungen der Geschichtswissenschaft nutzen – und es erscheint sehr lohnend, dies zu tun –, so muss man auch die Methoden und institutionellen Konstellationen des SOFI berücksichtigen. Mit ihrem Einblick in die Göttinger Studien vor allem der 1980er-Jahre leistet Brückweh einen Beitrag zur Zeitgeschichte der Arbeit und zur Wissenschaftsgeschichte der Soziologie gleichermaßen.

Wie immer können hier nur wenige Schlaglichter auf die Inhalte des Hefts geworfen werden. Ein Thema, das in den vergangenen Monaten spezielle Aufmerksamkeit gefunden hat und mit dem Profil unserer Zeitschrift in besonderer Weise zusammenhängt (vgl. schon ZF 1/2004 und 3/2004), ist die Frage nach der »Verfassung« der Europäischen Union und des europäischen Projekts – eine Frage, die keineswegs neu ist, aber durch den Ausgang des britischen EU-Referendums vom Juni 2016 eine zusätzliche Brisanz erhalten hat. Kiran Klaus Patel erläutert unter dem Eindruck des »Brexit« vergleichbare frühere Fälle, nämlich den »Algxit« der 1960er- und den »Gröxit« der 1980er-Jahre. Betrachtet man die auf den ersten Blick etwas exotischen, aber historisch-analytisch wichtigen Beispiele Algerien und Grönland, so wird deutlich, dass die Frage nach »drinnen« oder »draußen« letztlich weniger entscheidend ist als das konkrete Ausmaß der Kooperation der verschiedenen Länder. Für die Europa-Historiographie leitet Patel daraus das weiterreichende Plädoyer ab, das »Wechselverhältnis von Integration und Desintegration« komplexer zu erforschen als bisher. Dass kluge Beobachter des europäischen Alltags der Geschichtswissenschaft dabei mitunter voraus sind, zeigt Christoph Cornelißen, der in der Rubrik »Neu gelesen« an Hans Magnus Enzensbergers treffsicheren Band »Ach Europa!« von 1987 erinnert.

Ein anderer prominenter Vertreter des »eingreifenden Denkens« in der Tradition Hannah Arendts und Ralf Dahrendorfs, der Soziologe Zygmunt Bauman, ist im Januar 2017 mit 91 Jahren verstorben. Thomas Etzemüller hat Baumans einflussreiches Buch »Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust« (auf Englisch zuerst 1989 erschienen) mit kritischem Blick noch einmal gelesen. Es ist ein Ausdruck des intellektuellen Respekts gegenüber Persönlichkeiten wie Bauman, sie nicht als »Klassiker« aufzusockeln, sondern mit dem Hinweis auf Lücken und Inkonsistenzen ihrer Schriften die heutigen Leser/innen zum eigenständigen Weiterdenken zu ermutigen.

Jan-Holger Kirsch für die Redaktion

Anmerkungen:

[1] Vgl. aus dem Sommer 2016 z.B.: Türkei-Debatte. Vom Sinn und Unsinn historischer Vergleiche. Jörn Leonhard im Gespräch mit Korbinian Frenzel, in: Deutschlandradio Kultur, 9.8.2016. Inzwischen, nach weiterer Zuspitzung der türkischen Entwicklungen, würde Leonhard seine Antworten eventuell schon etwas anders gewichten.

[2] Is Donald Trump a Fascist? Yes and no, in: Slate, 10.2.2016; Too Close for Comfort. How much do the early days of the Trump administration look like the Third Reich? Historian Richard Evans weighs in, in: Slate, 10.2.2017 (Interviews von Isaac Chotiner mit Robert Paxton und Richard Evans – vor und nach den US-Wahlen –, die beide differenziert auf Parallelen und Unterschiede hinweisen). Siehe außerdem Timothy Snyder, Him. His election that November came as a surprise…, in: Slate, 18.11.2016.

[5] »Uns bleibt nur unser Tastsinn«, in: Welt, 4.2.2017 (Interview von Andrea Seibel mit Dan Diner).

 

In this Issue

Notes

As this edition was being prepared for publication in late January 2017, we received a message from Krzysztof Ruchniewicz, member of the ›Studies in Contemporary History‹ advisory board: ›As you can imagine, I am watching the new Polish politics of the past with great concern. It is an inherent part of Polish politics. Everything we have gained will very quickly be lost. […] I can only hope that the old contacts and friendships will not be broken – »Poland has not perished yet!«‹ But even beyond the Polish case, where fundamental elements of the democratic order established after 1989/90 are under threat, recent months have been dominated by an unexpected accumulation of turbulent events. This has engendered among contemporary historians and in the general political public sphere a strange melange of concern and anger, resignation and optimism, head-scratching and attempts to analyse the situation. When academics, journalists and officials in Turkey are persecuted in their thousands, forced out of their jobs and often arbitrarily detained, the question is raised of analogies to the German situation in 1933,[1] and indeed historical references are currently very quickly, sometimes perhaps too quickly, at hand.

Whether the comparison between Trump and Hitler[2] and the skyrocketing sales of Orwell’s 1984 in the US[3] are instructive or perhaps obey an overly mechanical impulse that may have outlived its usefulness, is another matter. Whatever the case, it is evident that science/humanities as usual is scarcely practicable under the current circumstances, yet also more essential than ever. Democracy and free science depend on conditions that they themselves can only establish and guarantee to a certain extent, but which those involved in the academic system and in the media absolutely must work to uphold. Up until a very short time ago, such a statement could have been thought trivial. Perhaps the current global situation shows us that the ›value‹ of the humanities and indeed all scholarship must be legitimised anew,[4] but also that political intervention can be necessary if a situation arises in which the detached role of the scientific observer is no longer enough. Contemporary historians are of course not per se smarter than other people, and the function of historical experience as a guide for dealing with the present and future is contentious at least. But trusting in ›our historical sensitivity‹[5] offers a glimmer of hope, one which has a sound basis in knowledge and expertise.

The articles in the present issue are of course not direct commentaries on current events, but they do pertain and respond to them. Habbo Knoch and Benjamin Möckel adumbrate a ›moral history‹ for the 20th/21st century. Combining epistemological, systematic and genuinely historical perspectives, their essay explores moral premises, standards and practices and looks at continuities and transformations. The aim is not a ›moralisation through history‹ but a ›historicisation of the moral‹. Though the articles were written independently of one another, Frank Bösch’s essay about support for Vietnamese ›boat people‹ in the Federal Republic of Germany around 1980 in a sense provides a case study in this connection. At the same time, it places the current question of the willingness of German society to accept refugees in a historical perspective, revealing a number of parallels to the present time. Civil society, media and state action complemented one another and created new forms of humanitarian aid. But the period of widespread public empathy was short-lived, and the reception of the Vietnamese ›quota refugees‹ remained in some respects an exception that did not lead to any overall transformation of political and moral standards in terms of a universalisation of aid.

The action of the ›DIY home improvers‹ in West Berlin in the 1980s is the subject of Reinhild Kreis’s investigation. It can likewise be seen in the greater context of the search for a new ›moral economy‹, but it also pursued very practical objectives. Although this manual self-help – as an independent segment of the politically motivated squatter scene – suffered a number of failures and frustrations, it contributed to the development of a more flexible housing policy. It may be tempting to look for inspiration here for current problems in the property market. But the circumstances are too different to be able to derive historically founded ›prescriptions‹ from the protest practices of that time. The article sheds light on other facets of the specific history of West Berlin (cf. ZF 2/2014); it also foregrounds debates about forms of housing, living and working whose significance extends beyond West Berlin. These debates have often drawn on existing, or generated new, sociological knowledge, and attempts to historicise social science theorems and stakeholders have been a focal point of contemporary history research for a number of years. In our ›Sources‹ section, Kerstin Brückweh discusses case studies in the sociology of work undertaken since 1968 by the Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen (Göttingen Sociological Research Institute, SOFI). Anyone wanting to use the material there for secondary historical analyses (a worthwhile enterprise) needs an appreciation of the SOFI methods and institutional constellations. With her look at the Göttingen studies of the 1980s in particular, Brückweh makes a contribution both to the history of work in the 20th century and to the history of sociology.

As always, only a few aspects of the contents of this issue can be spotlighted here. One subject that has received particular attention in recent months and has a special connection to the profile of our journal (cf. also ZF 1/2004 and 3/2004) is the question of the state of the European Union and the European project – a question that is by no means new, but has been brought into sharper focus with the result of the British referendum on the EU in June 2016. Kiran Klaus Patel discusses comparable earlier cases in the light of Brexit, namely the ›Algexit‹ of the 1960s and the ›Greenxit‹ of the 1980s. A look at the examples of Algeria and Greenland, which may seem somewhat exotic but are important from a historical analytical point of view, makes it clear that the question of ›in‹ or ›out‹ is ultimately less critical than the specific level of cooperation of the various countries. For European historiography, this leads Patel to make the further-reaching plea for more extensive research on the ›correlation between integration and disintegration‹. Astute observers of everyday life in Europe are sometimes ahead of historical scholarship, as Christoph Cornelißen shows in the ›Rereadings‹ section with reference to Hans Magnus Enzensberger’s incisive 1987 book Ach Europa!.

Another leading exponent of ›intervening thought‹ in the tradition of Hannah Arendt and Ralf Dahrendorf, the sociologist Zygmunt Bauman, died in January 2017 at the age of 91. Thomas Etzemüller has undertaken a critical rereading of Bauman’s influential book Modernity and the Holocaust (first published in English in 1989). It is an expression of intellectual respect towards figures like Bauman not to place them on a pedestal as ›classics‹, but, by noting omissions and inconsistencies in their writings, to encourage today’s readers to engage in further independent reflection.

Jan-Holger Kirsch for the editorial team

(Translated from the German by Joy Titheridge)

Notes:

[1] Cf. from the summer of 2016, e.g.: Türkei-Debatte. Vom Sinn und Unsinn historischer Vergleiche. Jörn Leonhard im Gespräch mit Korbinian Frenzel, in: Deutschlandradio Kultur, 9 August 2016. Now, after developments in Turkey have continued to escalate, Leonhard might perhaps rethink his replies.

[2] Is Donald Trump a Fascist? Yes and no, in: Slate, 10 February 2016; Too Close for Comfort. How much do the early days of the Trump administration look like the Third Reich? Historian Richard Evans weighs in, in: Slate, 10 February 2017 (interviews by Isaac Chotiner with Robert Paxton and Richard Evans – before and after the American elections – who both mention parallels and differences, without oversimplifying). See also Timothy Snyder, Him. His election that November came as a surprise…, in: Slate, 18 November 2016.

[5] ›Uns bleibt nur unser Tastsinn‹, in: Welt, 4 February 2017 (interview by Andrea Seibel with Dan Diner).