Abstract

Till van Rahden

Im Juli 1959 erklärte das Bundesverfassungsgericht den so genannten „väterlichen Stichentscheid" für verfassungswidrig. Mit dieser Entscheidung verwarf es zwei Paragraphen des Gleichberechtigungsgesetzes von 1957, in denen sich ein patriarchalisches Verständnis elterlicher Autorität niedergeschlagen hatte. Diese Entscheidung des Gerichts lässt sich als ein Durchbruch einer emanzipatorischen Geschlechterpolitik interpretieren. Die Argumentation der Richter entsprach einem in der westdeutschen Öffentlichkeit verbreiteten Bedürfnis, väterliche Autorität nicht mehr als ein natürliches Entscheidungsrecht des Mannes und ein hierarchisches Verhältnis von Befehl und Gehorsam zu interpretieren. Die Suche nach neuen Formen der Vaterschaft war in der frühen Bundesrepublik ein zentrales Thema der allgemeineren Selbstverständigung über Autorität und Demokratie. In der Debatte um den „demokratischen Vater" experimentierten die Westdeutschen mit einem Lebensgefühl, das es ihnen erlaubte, die Bundesrepublik nicht nur als Schicksal, sondern als Chance zu begreifen.
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On 29 July 1959, the Federal Constitutional Court of West Germany declared that the "paternal casting vote" was unconstitutional. This ruling annulled two elements of the family law reform of 1957 which had codified a patriarchal conception of parental authority. Within the bounds of civil law, fathers no longer had the final word. This essay interprets the court’s ruling as the emergence of emancipatory gender policies. In addition, it analyses criticism of the "paternal casting vote" during the 1950s in relation to contemporaneous debates over the meaning of paternal authority. The search for new kinds of fatherhood was not merely an obsession of the West German public between the early 1950s and the mid-1960s; it also played a key role in the process of democratisation in a society whose citizens were emerging from a murderous past and striving to steer a course, marked by tensions between democracy and authority, in order to construct a better polity.