Abstract

Christian Schmidt-Rost

Der Aufsatz geht der Frage nach, wie Hörerinnen und Hörer in der SBZ/DDR und in Polen über Radio, Schallplatten und Live-Musik Zugang zu Jazzmusik erhielten. In beiden Gesellschaften entwickelte sich die Jazzszene in einem charakteristischen Spannungsfeld: Einerseits bezeichneten die sozialistischen Regime Jazz mit Beginn des Kalten Kriegs als „amerikanisch-imperialistische Musik“ und versuchten den „Jazztumult“ aus dem öffentlichen Raum und dem Rundfunk zu verdrängen. Andererseits war es mit Hilfe persönlicher Kontakte zu Menschen im Westen sowie vermittelt über die Programme der US Information Agency weiterhin möglich, sich Zugang zu Jazzmusik zu verschaffen. Der Vergleich der DDR mit Polen zeigt dabei, dass sich die bis dahin ähnlichen Kulturpolitiken beider Staaten ab 1956 wesentlich unterschieden. Polen öffnete sich für Jazz und unterstützte zum Teil die Szene wie auch die Musiker; an den Konzerteinnahmen verdienten die Kulturfunktionäre mit. In der DDR agierte das Regime dem Jazz gegenüber zunächst weiter ablehnend, bis der Beat zum neuen musikalischen Feindbild avancierte.

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This article enquires into the way in which listeners in East Germany and Poland acquired access to jazz music via radio, records and live performances. Jazz music flourished in both countries after the Second World War, even though socialist authorities labelled jazz as ‘American imperialist’ music and tried to suppress it after the onset of the Cold War. Personal contact with people living in the West and cultural programmes of the United States Information Agency became key sources of jazz music for enthusiasts living in the East. From 1956 onwards, the cultural policies regarding jazz began to differ significantly in the two Soviet satellites. Poland adopted a more open policy towards jazz and jazz musicians, and party officials even profited from the entrance fees to concerts, whereas the GDR tightened restrictions on jazz for years to come, until the Beat Generation supplanted jazz as the new musical enemy.