Im Mai 2006 einigten sich Vertreter der elf Aufsichtsländer darauf, die Ressourcen des Internationalen Suchdienstes (ISD) des Internationalen Roten Kreuzes in Arolsen für die historische Forschung zu öffnen. Bis zum Oktober 2006 unterzeichneten die einzelnen Regierungen das entsprechende Protokoll. Die Ratifizierung durch die beteiligten Staaten zog sich allerdings noch bis November 2007 hin. Für den Präsidenten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Jakob Kellenberger, nahm damit „ein langer und schwieriger Prozess“ sein Ende. Nach jahrzehntelanger Kritik an der Abschottung scheinen die Tore des Suchdienstarchivs nun endlich aufgestoßen zu werden.1
Die Öffnung ist zweifelsohne als forschungspolitischer Erfolg zu werten. Einem Ceterum censeo gleich, beklagten Zeithistorikerinnen und -historiker seit Jahren die Unzugänglichkeit der ISD-Quellen.2 Gerade durch die langdauernde Verweigerungshaltung des ISD sind die Erwartungen, die in die Bestände gesetzt werden, hochgesteckt.3 Im Zentrum des Interesses stehen bislang die Archivalien aus der NS-Zeit, vor allem die Überlieferungen zu den Konzentrationslagern. Die quantitativ noch umfangreicheren Bestände zur Flüchtlings- und Migrationsgeschichte der Nachkriegszeit werden dagegen kaum beachtet. Berücksichtigt man auch diese Quellenkonvolute, so können Kontinuitäten über die Epochenschwelle des Jahres 1945 hinaus verfolgt werden. Auf Basis dieser erweiterten Fragestellung soll im Folgenden der zeithistorische Gehalt der in Arolsen befindlichen Quellenbestände eingeschätzt werden.4
1. Geschichte und Funktionswandel des Internationalen Suchdienstes
Die anglo-amerikanischen Verbündeten errichteten 1943 in London einen ersten Vorläufer des späteren ISD. Er sollte Informationen über vermisste und verschleppte Personen sammeln. Im Februar 1944 übernahm das Alliierte Oberkommando für die Expeditionsstreitkräfte (Supreme Headquarters Allied Expeditionary Forces - SHAEF) die Verantwortung für den Suchdienst. Nach der Auflösung von SHAEF wurde der Suchdienst in rascher Folge immer neuen Organisationen unterstellt: im September 1945 der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA), die den Suchdienst nach Arolsen verlegte, im Juli 1946 der Preparatory Commission of the International Refugee Organization (PCIRO), später als International Refugee Organization (IRO) bekannt,5 die die bis heute gültige Bezeichnung „International Tracing Service“ (ITS) einführte. Im April 1951 wurde der Suchdienst der Allied High Commission for Germany (HICOG) unterstellt und 1955, mit Auslaufen des Besatzungstatuts, dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz. Seit dieser Zeit fungiert ein Internationaler Ausschuss, heute bestehend aus elf Aufsichtsländern, als zentrale Kontrollinstanz. Der Direktor, immer ein Schweizer, wird vom Roten Kreuz in Genf bestellt. Die Kosten für die Institution trägt die Bundesrepublik Deutschland.6
2
Das anfängliche Ziel, Suchfälle zu bearbeiten und Familien zusammenzuführen, trat zunehmend in den Hintergrund. Der Suchdienst entwickelte sich zu einer zentralen Anlaufstelle für Wiedergutmachungsbehörden, Entschädigungskammern, Gerichte, Nachlassverwalter und Angehörige, die die Beurkundung von Todesfällen beantragten. Der ISD bearbeitete nicht nur die ihm überlassenen NS-Dokumente und die von Betroffenen stammenden Selbstauskünfte, sondern bemühte sich um die Erweiterung seiner Sammlung. Bis heute gehört der Dokumentenerwerb zu den zentralen Aufgaben des ISD.7 Deshalb finden sich in Arolsen neben Originalen viele Dokumentenkopien, die aus anderen Archiven stammen. Auch in der Vergangenheit sind folglich nicht alle ISD-Dokumente unzugänglich gewesen, sondern nur solche, die ausschließlich in Arolsen verwahrt wurden. Für die zukünftige Forschung bedeutet dies, dass erst ein Abgleichen mit Beständen in bereits zugänglichen Archiven über den Neuigkeitswert der Arolsener Unterlagen entscheiden kann.
Seit den 1970er-Jahren war der Zugang zu den Arolsener Akten für Historiker weitgehend versperrt.8 Ein Beschluss des Internationalen Ausschusses von 1995 sollte dies ändern. Doch die Leitung des ISD berief sich auch weiterhin zum einen auf den Persönlichkeitsschutz, der die Weitergabe personenbezogener Daten verbiete. Da Arolsen in der Masse personenbezogene Dokumente beherbergt, blieben die meisten Unterlagen gesperrt. Nur die als Sachakten klassifizierten Dokumente, weniger als ein Prozent des Bestandes, konnten der historischen Forschung zur Verfügung gestellt werden. Zum anderen wurden die generelle Überlastung des Suchdienstes und die stockende Bearbeitung der Anfragen von ehemaligen Zwangsarbeitern als weitere Argumente ins Feld geführt. Kapazitäten für die Betreuung von Forschern seien nicht vorhanden gewesen.9 Dass auch eine arbeitende Behörde Akteneinsicht gewähren kann, ohne ihren Auftrag zu gefährden, zeigte demgegenüber schon frühzeitig die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg.
Mit dem im Mai 2006 gefassten, erneuten Beschluss des Internationalen Ausschusses, Bestände des Suchdienstes für die historische Forschung freizugeben, hat offensichtlich ein Bemühen um eine stärkere Kooperation mit der Geschichtswissenschaft begonnen.10 Bei meinem Besuch in Arolsen wurden mir jedenfalls umfangreiche Vorbereitungen gezeigt, die die Vorgaben des Internationalen Ausschusses in die Praxis übertragen sollen. Schon jetzt stehen erste Benutzerarbeitsplätze zur Verfügung, und es wird an Findhilfsmitteln mit Querverweisen gearbeitet, die eine systematische Recherchetätigkeit von Wissenschaftlern überhaupt erst möglich machen. Inwieweit die in Arbeit befindlichen Register mit den Fragestellungen der Historiker kompatibel sind, wird sich in der Praxis erweisen müssen.
3
2. Die Bestände und ihr Quellenwert
Originäre Zielsetzung und Entwicklung des ISD lassen erahnen, wie vielfältig die Bestände sind, die in Arolsen lagern. Sie sind in fünf hauptsächliche Dokumentengruppen geordnet, die zum Teil eigenen Abteilungen des Suchdienstes entsprechen: Konzentrationslager-Dokumente, Kriegszeit-Dokumente, Nachkriegszeit-Dokumente, (nicht personenbezogene) Sachdokumente und Suchdienst-Dokumente.11 Der ursprüngliche Zugang zu den einzelnen Dokumenten erfolgte über die „Zentrale Namenskartei“, die in einem der fünf Häuser des ISD in Arolsen untergebracht ist. Dort werden nach alphabetisch-phonetischen Regeln auf 50 Millionen Karten die Namen von etwa 17,5 Millionen Menschen archiviert. Seit dem Jahr 2000 ist auch eine elektronische Auswertung der Namenskartei möglich. Obwohl quantitativ beeindruckend, erfasst das Karteikartensystem nicht alle in Arolsen aufbewahrten Dokumente. So müssen Namen aus der „DP Registration“-Kartei, die Daten der Insassen von Displaced-Persons-Lagern enthält, gesondert ermittelt werden. Seit jüngster Zeit ist dies über einen Namensindex elektronisch möglich.
Bis zur Fertigstellung der Findbücher für die einzelnen Bestände12 wird der Name das entscheidende Recherchekriterium bleiben und somit auch die möglichen Fragestellungen eingrenzen. Nur ansatzweise können die bereits bekannten, wenn auch häufig nicht offiziell zugänglichen Bestandsübersichten weiterhelfen. So gibt es in Yad Vashem ein Findbuch, das detailliert die in Arolsen vorhandenen KZ-Bestände und Transportlisten aufführt.13 Eine genaue thematische Gesamtübersicht existiert bislang weder für den öffentlichen noch für den internen Gebrauch.14
Im Bewusstsein der Öffentlichkeit und der NS-Forschung stehen die Überlieferungen aus den Konzentrationslagern an erster Stelle. In der Abteilung „Konzentrationslager-Dokumente“ finden sich Originale vor allem aus großen KZs wie Buchenwald, Dachau, Flossenbürg, Groß-Rosen, Mauthausen, Mittelbau-Dora, Natzweiler, Neuengamme, Niederhagen und Ravensbrück. Häftlingskarteien, Nummern- und Totenbücher sowie Überstellungs- und Transportlisten dominieren die Sammlung. Auch persönliche Gegenstände (so genannte Effekten) ehemaliger Gefangener werden im ISD aufbewahrt. Deportationslisten, die die Namen verschleppter Juden nennen, sowie Indices aus den Gestapo-Dienststellen in Frankfurt am Main, Hamburg, Koblenz, Würzburg und Düsseldorf bilden ebenfalls einen Teil der Sammlung; des Weiteren existieren Unterlagen zum „Lebensborn“ und zu Kriegsgerichtsverfahren.15
4
In der jüngsten Zeit hat im ISD bezüglich der Effekten bzw. der Kooperation mit Gedenkstätten ein Umdenken eingesetzt. Eine erste, begrenzte Zusammenarbeit markierte der Workshop „Digitalisierung von Opferdaten aus der NS-Zeit“, der im Frühjahr 2004 in Arolsen tagen konnte und an dem sich die bedeutendsten europäischen NS-Gedenkstätten beteiligten. Die vollständig neubearbeitete Dauerausstellung in Neuengamme, 2005 eröffnet, enthält aus Arolsen stammende dreidimensionale Objekte.16 Flossenbürg zeigt in der kürzlich eingeweihten Ausstellung sogar personenbezogene Dokumente des Suchdienstes.17 Auch das Kreismuseum Wewelsburg/Gedenkstätte des KZ Niederhagen konnte eine Kooperation mit dem ISD aufbauen.18
Einzelschicksale können einen ersten Ansatzpunkt für die historische Forschung bilden. Hierbei mögen gelegentlich überraschende Tatsachen zu Tage treten. Einen größeren Erkenntnisgewinn versprechen allerdings statistische Auswertungen, die erst durch das Material aus Arolsen möglich werden. Für ausgewählte Konzentrationslager oder Verfolgtengruppen können - unter Beachtung quellenkritischer Methoden - genauere Verfolgungsprofile angelegt und präzisere sozialstatistische Daten ermittelt werden. Die Archivöffnung wird keine grundlegende Erneuerung der KZ-Forschung bringen, wohl aber eine Vertiefung und weitere Differenzierung bisheriger Kenntnisse.19 So steht zu hoffen, dass genaue Terminierungen von Deportationen und Todesfällen dazu beitragen, noch immer offene Fragen zur Zusammensetzung und Stärke der Häftlingsgesellschaft sowie zur Mortalität in den Lagern zu klären. Beispielsweise kann für das ansonsten gut erforschte Lager Auschwitz bislang kaum die Verteilung von Nationalitäten bestimmt und deren Veränderung nachvollzogen werden. Auch Gesamtzahlen bleiben weiter umstritten. Erst jüngst hat Tomasz Kranz von der Gedenkstätte Majdanek argumentiert, dass die Zahl der Todesfälle in Lublin-Majdanek drastisch niedriger gewesen sei, als bislang angenommen wurde.20
Umfangreiches Material aus dem ISD ist schon länger in verfilmter Form in Archiven in Polen, Belgien, Israel und den Vereinigten Staaten zu finden. Auch die staatsanwaltlichen Ermittlungsakten in Ludwigsburg enthalten Angaben aus Arolsen.21 Bislang hat die historische Forschung aber nur vereinzelt hierauf zugegriffen. In jedem Fall wird eine großzügig gehandhabte Praxis der Einsichtnahme in Arolsen auch die Erforschung der bereits andernorts als Mikrofilm zugänglichen Bestände voranbringen. Nach Abschluss der Digitalisierung der Dokumente, die laut Auskunft des ISD weit fortgeschritten ist, werden die entsprechenden Dateien den elf Aufsichtsländern zur Verfügung gestellt, so dass die Auswertung der Arolsener Bestände dann auf breiter Grundlage erfolgen kann.
5
Quantitativ ungleich umfangreicher als die KZ- und sonstigen NS-Dokumente sind die Überlieferungen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Die so genannten „Kriegszeitdokumente“ nehmen hier eine Mittelposition ein. Entgegen ihrer Bezeichnung handelt es sich nicht um Unterlagen, die vor Kriegsende entstanden sind. Vielmehr umfasst der Bestand 1946 erstellte und geografisch sortierte Listen über die zwischen 1939 und 1945 in Deutschland lebenden Ausländer und deutschen Juden. Nachträglich kompiliert durch die deutschen Lokalverwaltungen, müssen Verlässlichkeit und Erkenntniswert der Listen im Einzelnen genau hinterfragt werden.22
Als „Nachkriegszeit-Dokumente“ bezeichnet der ISD die Massenakten23 der alliierten Flüchtlingsorganisationen. Sie sind vor allem ein Abbild der DP-Lager in Deutschland, die der IRO unterstanden. Zu den Dokumenten gehören 300.000 „CM 1“-Bögen, geografisch und nach DP-Lagern geordnet. Mit dem CM 1-Formblatt beantragte ein Flüchtling die Unterstützung durch die IRO. Dabei musste er seine Wohnorte und Beschäftigungsverhältnisse der letzten zwölf Jahre offenlegen. Nachweise über Zwangsverschleppungen, Fotos und medizinische Unterlagen sind den Formblättern beigefügt. Der große Datenfundus wird allerdings nicht einfach auszuwerten sein. Da es sich um teilweise schwer nachprüfbare Selbstauskünfte der Antragsteller handelt - mit dem Ziel, IRO-Unterstützung zu erhalten -, werden nicht nur korrekte Angaben zu finden sein. Dies hat sich bereits in den kanadischen Denaturalisierungsverfahren der 1990er-Jahre gezeigt.24
6
Ein ausgefülltes CM 1-Formblatt der International Refugee Organization (IRO). Mit diesem Formblatt beantragte ein Flüchtling (Displaced Person) die Hilfe der IRO. Sie konnte durch die Aufnahme in ein Flüchtlingslager (DP Camp) gewährt werden. Der Antragsteller musste über seine Beschäftigungsverhältnisse der letzten zwölf Jahre Auskunft geben sowie für diesen Zeitraum auch seine Wohnorte nennen. Deutsche Staatsangehörige wurden nicht von der IRO unterstützt. Die IRO hatte die Aufgabe, die Flüchtlinge wieder anzusiedeln. Aus diesem Grund wurde die Auswanderung unterstützt, wie aus der letzten Seite des Formblatts hervorgeht. Im vorliegenden Fall wollte der Antragsteller in die USA oder nach Kanada emigrieren, da in seiner Heimat Polen „die Bolschewisten herrschen“. (zum Vergrößern anklicken; Quelle: ISD Arolsen)
Zur Frage nach der Aussagekraft von Einzeldokumenten tritt das methodische Problem der Analyse serieller Quellen. Eine im klassischen Sinn der Historiographie verstandene Annäherung an individuelle Lebensverläufe erscheint nur in Ausnahmefällen sinnvoll - nämlich dann, wenn auch andere Quellengattungen wie etwa Lebensbeschreibungen zur Verfügung stehen oder aus anderen Archiven beschafft werden können. Demgegenüber wird eine datenbankgestützte, den Massencharakter der Bestände und die Gleichförmigkeit der einzelnen Dokumente berücksichtigende Auswertung einen größeren Erkenntniswert haben. Zusammensetzung, Umfang und Bewegungen bestimmter Bevölkerungsgruppen können auf diese Weise genauer als bisher rekonstruiert werden - etwa Repatriierungen oder Auswanderungen von Displaced Persons.
Zu den DP-Unterlagen überwiegend der IRO treten noch andere Aktengruppen: ein Bestand des Intergovernmental Committee for European Migration (Zeitraum Mitte bis Ende der 1950er-Jahre) und ein weiterer des United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR). Letzterer umfasst Asylanträge von Flüchtlingen überwiegend aus Jugoslawien, die nach Österreich geflohen waren (späte 1950er- bis Anfang der 1960er-Jahre). Als Sonderbestand existiert eine so genannte „F18“-Liste, die in einzelnen europäischen Staaten registrierte Juden aufführt. Die Namen wurden dem ISD überwiegend von jüdischen Organisationen gemeldet. In der eigenständigen Abteilung „Suchdienst-dokumente“ sind vor allem die den Kindersuchdienst betreffenden Unterlagen zu finden. Ein weiterer, bislang in dieser Form nicht ausgewiesener Bestand umfasst die seit den 1990er-Jahren im Zuge der Zwangsarbeiterentschädigung aufgenommenen Personal-, Berufs- und Migrationsangaben hunderttausender Menschen.
7
Die in Arolsen verwahrten Massenakten der alliierten Flüchtlingsorganisationen ermöglichen einen unvergleichlich detaillierten Überblick zu Schicksalen und Bewegungen von Millionen Menschen vorwiegend in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Dieser größte Dokumentenkomplex des ISD ist bislang weitgehend unbeachtet geblieben. Das Hauptinteresse lag auf den Materialien zur NS-Zeit, was unter anderem auch damit zusammenhängt, dass für die Nachkriegszeit-Dokumente keine außerhalb des ISD einsehbaren Findmittel existieren. Vor dem Hintergrund der Debatten um transnationale Geschichte und der in den vergangenen Jahren sehr intensivierten Forschung zu europäischen Migrationsströmen25 bietet der Bestand des ISD einen Ansatzpunkt für künftige Studien. Durch die in den ISD-Unterlagen dokumentierten Auswanderungen vorwiegend nach Nord- und Südamerika sowie nach Australien lassen sich auch über den europäischen Rahmen hinausgehende Bevölkerungsbewegungen analysieren. Die bislang vernachlässigte Geschichte der International Refugee Organization kann zwar nicht allein aus den ISD-Unterlagen geschrieben werden, doch wird es möglich sein, die alltägliche Arbeit der IRO anhand der Fallakten sowie einer Vielzahl entsprechender Formblätter und Korrespondenzen mikrogeschichtlich zu fundieren.26
Zusammenfassend bleibt festzuhalten: Die Öffnung der Bestände des Internationalen Suchdienstes wird die bisherigen Kenntnisse über die NS-Verbrechen vertiefen, namentlich zu den Konzentrationslagern und den dort gefangengehaltenen Opfergruppen. Unter Einschluss dieses Quellenmaterials geben die nach 1945 entstandenen und gesammelten Konvolute zu den internationalen Flüchtlingsorganisationen eine präzedenzlos gute empirische Grundlage besonders für quantitativ angelegte Migrationsanalysen - und hier ist wohl der eigentliche Gewinn der Archivöffnung für die Zeitgeschichtsforschung zu erwarten. Im Einklang mit der neueren Migrationsforschung werden dabei chronologische und topographische Grenzen überschritten.27 Wie schon in der Geschichte des Arolsener Archivs und seiner Bestände angelegt, erweist sich die Zäsur des Jahres 1945 als wichtige, aber doch nur partielle Scheidelinie. Die erste Hälfte und besonders die Mitte des 20. Jahrhunderts waren von einem Kontinuum der Entwurzelung bestimmt. Insofern sind die Dokumente des ISD-Archivs in ihrer Gesamtheit zugleich ein Monument für das Schicksal der Verschleppten, Flüchtlinge, Vertriebenen und Emigranten Europas.
Jan Erik Schulte, Nationalsozialismus und europäische Migrationsgeschichte: Das Archiv des Internationalen Suchdienstes in Arolsen, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 4 (2007) H. 1+2, URL: http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Schulte-2-2007Beim Zitieren einer bestimmten Passage aus dem Aufsatz bitte zusätzlich die Nummer des Textabschnitts angeben, z.B. 12 oder 14-16.