AnmerkungenAngaben zur AutorinAngaben zum AutorZitierempfehlung
Mit Christian Geulens „Plädoyer für eine Geschichte der Grundbegriffe des 20. Jahrhunderts“ möchten wir eine Diskussion eröffnen zu den möglichen Konturen einer Historischen Semantik des vergangenen Jahrhunderts sowie zum Verhältnis von Zeitgeschichte und Begriffsgeschichte. Als Beitrag zur Historisierung und epochalen Charakterisierung der „Hochmoderne“1 skizziert Geulen das Programm einer begriffsgeschichtlichen Grundlagenforschung, die zugleich als Vorstoß zur wissenschaftsgeschichtlichen Erschließung der eigenen Disziplin zu verstehen ist. Nach dem editorischen Abschluss der lexikalischen Großforschungsprojekte der „Geschichtlichen Grundbegriffe“ (1972–1992), des „Handbuchs politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680–1820“ (1985–2000), des „Historischen Wörterbuchs der Philosophie“ (1971–2007) und der „Ästhetischen Grundbegriffe“ (2000–2005) beginnt soeben erst eine Rückschau auf die begriffsgeschichtliche Fundierung der deutschsprachigen Geisteswissenschaften im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts.2
In den Fußstapfen der seit den 1970er-Jahren als Paradigma Historischer Semantik geltenden „Geschichtlichen Grundbegriffe“ schlägt Geulen die Historisierung des politisch-sozialen Sprachhaushalts und der Erfahrungsdeutung des 20. Jahrhunderts anhand zentraler, strukturierender Begriffe vor. Ausgehend von der These, dieses Jahrhundert sei als neuerliche Transformationsepoche in der Entwicklung der modernen politisch-sozialen Sprache zu begreifen, entwickelt er Reinhart Kosellecks Konzeption einer Begriffsgeschichte des Übergangs in die Moderne für die folgende Umbruchphase der Moderne weiter. Mit einer Adaption von Kosellecks vier Kriterien der Demokratisierung, Verzeitlichung, Ideologisierbarkeit und Politisierung, die das historiographische Erkenntnisziel der „Grundbegriffe“ bündeln und sowohl den Wandel des Sprachgebrauchs umfassen als auch die Veränderungen der sozialen Welt, zielt Geulens Plädoyer von neuem auf eine „Zeitgeschichte der Begriffe“.3 Er schlägt die Kriterien der Verwissenschaftlichung, Popularisierung, Verräumlichung und Verflüssigung vor, um nun die Zeit der Selbsthistorisierung der Moderne exemplarisch in den Blick zu nehmen.
Ein solcher semantischer Zugang zur entfalteten Moderne und damit zur Zeitgeschichte ist mehr als überfällig. Die ereignis- und mentalitätsgeschichtlich umwälzende Epoche der Hochmoderne (hier verstanden als Zeitraum von 1890 bis 1970) ist nicht nur in Europa durch einen radikalen Wandel der Kommunikationsvoraussetzungen und -möglichkeiten gekennzeichnet, zu denen – besonders augenfällig – die massenmediale Öffnung und Expansion gehört. Weitere prägende Faktoren sind das gewandelte Verständnis von Politik und die Radikalisierung des politischen Sprechens im „Zeitalter der Extreme“ sowie die Diktaturerfahrungen mit der besonderen Rolle gesteuerter, kontrollierter und subversiver Kommunikation. Schließlich zählen auch die Emanzipation von Frauen und gesellschaftlichen Gruppen zu den neuen Bedingungen politischen Sprechens und politischer Sprachen in der Moderne, deren systematische Erschließung noch aussteht.
2
Historisch-semantische Studien und Reflexionen haben sich bisher auf die Epoche zwischen der Aufklärung und den beiden Weltkriegen konzentriert; für die Zeitgeschichte sind derartige Zugänge noch kaum entwickelt und empirisch erprobt worden. In den letzten Jahren wurde aber vor allem in sprachhistorischer Perspektive verschiedentlich versucht, Segmente des Sprachhaushalts besonders der zweiten Jahrhunderthälfte zu erschließen. So wurden „kontroverse Begriffe“ und „brisante Wörter“ des öffentlichen politischen Sprachgebrauchs in ihrer Funktion als „Schlagwörter im politisch-kulturellen Kontext“ analysiert oder auch „diskurshistorische Wörterbücher“ zusammengestellt.4 Vielfach scheinen die „Grundbegriffe“ als Folie auf; so richtet sich der Fokus auf „politische Leitvokabeln“ der Ära Adenauer als „Sattelzeit der Bundesrepublik“ oder auf Grundbegriffe der Wohlfahrtsstaatlichkeit. Eine systematische historische Untersuchung des Begriffsarsenals des 20. Jahrhunderts mit übergeordneten, auf den epochalen Zusammenhang zielenden Thesen fehlt hingegen nach wie vor – und setzt sich zweifellos besonderen methodischen Problemen und pragmatischen Fragen aus. So wünschenswert der Versuch sein mag, der unübersichtlichen Moderne semantisch beizukommen: Unter welchen Bedingungen und Vorannahmen ist ein solches Vorhaben überhaupt machbar? Wie lässt sich das Quellenmaterial eingrenzen (im Hinblick auf untersuchte Sprachen, Textsorten, Sprecher etc.), und welches Format wäre angemessen für die Darstellung eines Gegenstands, der sich aufgrund seiner Pluralität und Entwicklungsoffenheit wohl kaum als traditionelle Enzyklopädie in schweren Folianten bündeln lässt?
Angesichts der Verflechtung und Internationalisierung des Politischen, der erheblichen sozialen Ausweitung und Ausdifferenzierung der Sprecherkreise in den Massengesellschaften, der Fülle verfügbarer Quellen sowie nicht zuletzt der zeitlichen Nähe zum Gegenstand ist eine Historische Semantik des 20. Jahrhunderts mit erheblichen (für die Zeitgeschichte durchaus charakteristischen) Herausforderungen konfrontiert. Zugleich bieten die ausgefeilten kulturgeschichtlichen Ansätze und Perspektiven der letzten Jahrzehnte gerade für eine Geschichtsschreibung sprachlichen und kulturellen Bedeutungswandels neue Impulse – etwa hinsichtlich sprachlicher Netze und Topoi, der Mechanismen des Erinnerns und Vergessens sowie des Verhältnisses von Sprache und Visualität. Das Ziel der hier begonnenen Debatte ist es, diese Fragen sowohl vor dem Hintergrund der bedeutungsgeschichtlichen Theorien und Praktiken wie den Perspektiven der Zeitgeschichtsforschung zu reflektieren. Ein solches Unterfangen kann von den theoretisch-methodischen Zugängen und forschungspraktischen Erfahrungen nunmehr einer ganzen Generation interdisziplinärer semantischer Praxis aus dem und über das ,klassische Zeitalter‘ der Begriffsgeschichte profitieren.
Christian Geulens Vorschlag, das politisch-soziale Vokabular des vergangenen Jahrhunderts auszuloten, wird im Folgenden aus unterschiedlichen Blickwinkeln kommentiert – und die hier vorausgesetzte Distanz zur Sprache des 20. Jahrhunderts kritisch geprüft. Paul Nolte verdeutlicht den Gegenwartsbezug auch der „Geschichtlichen Grundbegriffe“ und ihres Blicks auf die Sattelzeit, die gleichwohl aus sicherer Entfernung von ihrem Gegenstand operierten. Auch Theresa Wobbes Lektüre aus geschlechtersoziologischer Perspektive richtet sich auf die methodische Ebene, um den Mehrwert einer heutigen semantischen Analyse weiter zu profilieren. Wobbe sensibilisiert für die Implikationen des Vergleichens als soziale Praxis und empfiehlt, die Historizität und Reflexivität Historischer Semantik methodisch ebenso zu berücksichtigen wie ihre lange Dauer; daher sei das 19. Jahrhundert mit in den Blick zu nehmen. Martin Sabrow fragt nach der Produktivität eines übergreifenden Deutungsanspruches und fordert Spielraum für die Eigenlogiken und Gegenläufigkeiten von Leitideen und Pathosformeln ein. Weitere Kommentare und Perspektiven sind ausdrücklich erwünscht – die Diskussion einer Zeitgeschichte der Begriffe hat eben erst begonnen.
Kathrin Kollmeier/Stefan-Ludwig Hoffmann, Einleitung zur Debatte: Zeitgeschichte der Begriffe? Perspektiven einer Historischen Semantik des 20. Jahrhunderts, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 7 (2010), H.1, URL: http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Kollmeier-Hoffmann-1-2010 Beim Zitieren einer bestimmten Passage aus dem Aufsatz bitte zusätzlich die Nummer des Textabschnitts angeben, z.B. 12 oder 14-16.