Plädoyer für eine Geschichte der Grundbegriffe des 20. Jahrhunderts

Anmerkungen

 

Die Grenze zwischen Demokratie und Diktatur – aus Sicht des Berliner Sowjetsektors am 30. April 1949.
(Foto: Pressebild-Agentur Schirner/Deutsches Historisches Museum, Berlin)

Kein reflektierter Historiker wird die geschichtliche Wirklichkeit mit den Begriffen verwechseln, die sie beschreibbar machen. Denn Begriffe bleiben regelmäßig hinter dieser Wirklichkeit zurück und schießen ebenso regelmäßig über sie hinaus. Da wir uns aber nicht sprachlos in der Welt bewegen, gehören die Begriffe zugleich der Wirklichkeit an, die uns historisch interessiert. Sie sind Träger einer in diese Wirklichkeit verwobenen Bedeutungsdimension. Deshalb gibt es Begriffsgeschichte.1 Im Folgenden wird dafür plädiert, das 20. Jahrhundert zum Gegenstand einer systematischen begriffsgeschichtlichen Untersuchung zu machen, seine Ereignis- und Entwicklungsgeschichte also im Medium seiner Grundbegriffe und ihres semantischen Wandels zu reflektieren. Mit den hier vorgelegten Thesen möchte ich die theoretischen Umrisse einer solchen Geschichte der Grundbegriffe des 20. Jahrhunderts skizzieren und zugleich ihren Sinn und ihre Notwendigkeit begründen. Dabei gehe ich von drei wesentlichen Prämissen aus.

Die inzwischen mehrfach geforderte Historisierung des 20. Jahrhunderts, also seine Neuinterpretation im Bewusstsein seiner historischen Abgeschlossenheit, bedarf als eines wichtigen Stücks Grundlagenforschung einer systematischen Untersuchung der historisch-politischen Sprache, die in diesem Jahrhundert geprägt wurde und die es prägte. Wie und wo immer man das Ende des 20. Jahrhunderts historisch verortet: Das Bewusstsein schwindet, mit seinen großen Ereignissen, Kriegen und Systemkonstellationen noch verbunden zu sein, im gleichen historischen Kontext zu stehen. Der größte Teil des Jahrhunderts – chronologisch wie thematisch – wird heute nicht mehr als unmittelbare Gegenwartsgeschichte wahrgenommen. Das ermöglicht nicht nur neue Perspektiven auf die Ereignis- und Strukturgeschichte des 20. Jahrhunderts, sondern auch eine Distanzierung von seiner historisch-politischen Sprache. Zu Recht hat Anson Rabinbach darauf hingewiesen, dass die Geschichte und die Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts von denselben Begriffen geprägt waren. Heute dagegen kann die Historiographie einen Abstand zu diesen Begriffen gewinnen und sie zu einem Forschungsgegenstand machen.2

Noch mitten im 20. Jahrhundert entstand die Begriffsgeschichte als eine Subdisziplin der Geschichtswissenschaft. Unter den vielen Projekten, die daraus hervorgingen, stechen die primär von Reinhart Koselleck geprägten „Geschichtlichen Grundbegriffe“ dadurch hervor, dass sie gerade keinen übergreifenden, allgemeingültigen und methodisch übertragbaren Ansatz entwarfen, sondern ihre Einsichten dem konkreten historiographischen Ziel unterordneten, die Herausbildung der modernen politisch-sozialen Sprache im 18. und frühen 19. Jahrhundert zu beschreiben. Obschon als Lexikon angelegt, sind die „Geschichtlichen Grundbegriffe“ kein Nachschlagewerk, sondern ein alphabetisch sortiertes Handbuch zur semantischen Geburt der Moderne; übertragbar ist allein ihr methodischer Zugriff. Sie gingen von der „Vermutung aus, dass sich seit Mitte des 18. Jahrhunderts ein tiefgreifender Bedeutungswandel klassischer Topoi vollzog, dass alte Worte neue Sinngehalte gewonnen haben, die mit Annäherung an unsere Gegenwart keiner Übersetzung mehr bedürftig sind. Der heuristische Vorgriff führt sozusagen eine ,Sattelzeit‘ ein, in der sich die Herkunft zu unserer Präsenz wandelt.“3 Dieses Konzept leistete 1972 einen wichtigen Beitrag zur Historisierung der Neuzeit und unterstützte die zeitgleich auch von der Historischen Sozialwissenschaft postulierte fundamentale Bedeutung der Epochenschwelle zwischen der ,Neueren‘ und der ,Neuesten Geschichte‘. Es machte eine Transformationsphase beschreibbar, in der die Sprache der Moderne entstand und der Ursprung der Gegenwart erkennbar wurde. Die vorliegenden Überlegungen gehen von einer Vermutung aus, die formal derjenigen Kosellecks ähnelt, ihr zugleich aber auch widerspricht: dass nämlich viele jener, in der Sattelzeit „neu gewonnenen Sinngehalte“ heute nicht mehr ohne Übersetzung auskommen und dass ihre damalige Herkunft nicht mehr unmittelbar in „unsere Präsenz“ mündet. Der hier verfolgte ,heuristische Vorgriff‘ besteht vielmehr in der Annahme, dass die historisch-politische Sprache der Moderne im 20. Jahrhundert noch einmal einen Bedeutungswandel vollzog und durchmachte – oder vorsichtiger: dass die Transformationen, die in die Moderne führten, sich in einer Transformation der Moderne fortsetzten. Auch hier wird also dafür plädiert, Begriffsgeschichte weniger als allgemeinen Ansatz oder Methode denn als eine historiographische Leistung zu begreifen und sie auf eine spezifische Aufgabe zu fokussieren. Diese bestände darin, den semantischen Wandel zu untersuchen, den die politisch-soziale Sprache, wie sie sich bis etwa 1850 herausgebildet hatte, in den Ereigniskaskaden seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert durchmachte. Denn heute ist es diese nachfolgende Epoche, die als der historische Formationsraum unserer Gegenwart erkennbar wird.4

Eine der zentralen Strukturformen, in denen sich die Herausbildung der modernen aus der frühneuzeitlichen Sprache vollzog, hat Koselleck mit den Kategorien von „Erfahrung“ und „Erwartung“ beschrieben. Dabei stand vor allem das Zerbrechen ihres vormodernen Zusammenhangs im Zentrum der Beobachtung. Erfahrungsraum und Erwartungshorizont (oder kürzer: Erfahrenes und Erwartbares) traten auseinander. Kaum eine andere Formel beschreibt präziser und zugleich umfassender, welcher Wahrnehmungswandel die vormoderne Welt des Glaubens, der Tradition und der ständischen Ordnung durch die geschichtliche und zukunftsoffene Welt der Moderne und ihre politischen Hoffnungen ablöste.5 Seit dem Ende der Sattelzeit aber hat eben diese Moderne ihren eigenen, inzwischen über 150 Jahre umfassenden Erfahrungsraum ausgebildet – ohne dass sich die von Koselleck betonten Dynamisierungen und Beschleunigungen, die mit ihrer Geburt einhergingen, abgeschwächt oder verlangsamt hätten. Wie aber verändert sich eine historisch-politische Sprache, die als Ausdruck und Verarbeitung eines Bruchs zwischen Erfahrung und Erwartung entstanden war, wenn die Erwartungen – erfüllt oder bitter enttäuscht – selbst zur historischen Erfahrung werden? Wie reagiert die vorherrschende Sprache der Selbstbeschreibung, wenn, wie Koselleck selbst mit Blick auf das 20. Jahrhundert andeutete, die „alten Erwartungen“ beginnen, sich an den „neuen Erfahrungen“ abzuarbeiten?6 Und wie transformiert sich eine moderne Semantik, die auf der Unterscheidung von Erfahrung und Erwartung beruhte, wenn die Moderne selbst zu einer Tradition wird?

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1. Erfahrung und Erwartung – heute

In den genannten Fragen artikuliert sich ein Verdacht gegenüber dem historischen Status unserer Gegenwart, der heuristisch als Ausgangs- und Erkenntnisstandpunkt einer Geschichte der Grundbegriffe des 20. Jahrhunderts expliziert werden muss: War die Vormoderne dadurch charakterisiert, dass die Erfahrungen der Menschen ihre Erwartungen vorprägten, so scheint die Moderne, die diesen Zusammenhang zunächst auflöste, inzwischen an einen Punkt gelangt zu sein, an dem die Umkehrung vollzogen ist und die Erwartungen das Erfahrbare vorprägen. Oberflächlich betrachtet scheint das unserer Selbstwahrnehmung zu widersprechen. Seit längerem schon sagt man, wir lebten in einem visionslosen und desillusionierten Zeitalter, in einer Ära ohne Erwartungen. Nicht zuletzt die Rede vom „postideologischen Zeitalter“, wie sie in den 1990er-Jahren aufkam, rekurrierte explizit auf die Erfahrungen des Jahrhunderts, die uns eine Kultur und Politik des Pragmatismus und Realismus gelehrt hätten. Doch fällt es bei genauerem Hinsehen leicht, solche Zeitdiagnosen, die vom Ende und von der Überwindung vergangener Illusionen berichten, als hochgradig erwartungsvolle (und erfahrungsarme) Projektionen zukünftiger Ordnung zu erkennen – ob sie nun euphorisch das „Ende der Geschichte“, alarmistisch den „Kampf der Kulturen“ oder fatalistisch die katastrophale Suspendierung der Moderne im Klimawandel proklamieren. Denn nicht ihr Erfahrungs-, sondern ihr Erwartungsgehalt zieht uns in ihren Bann.

So lässt sich das Ende des Kalten Krieges als das welthistorische Ende einer Illusion beschreiben. Doch zugleich schuf es umso mehr Platz für neue Illusionen. Bis zum Mauerfall wurden die Erwartungshorizonte der Systemideologien noch durch Verweise auf die Realerfahrungen ihrer jeweiligen Umsetzung wechselseitig im Zaum gehalten. Seitdem aber lösen die Entwürfe neuer Weltordnungen einander ab. Und selbst dort, wo, wie am 11. September 2001, eine plötzliche und massive Gewalterfahrung die Welt schockierte, wurde die empirische Frage nach den Ursachen fast unmittelbar von weitreichenden Programmen einer globalen Ordnungspolitik überholt. Seitdem steht die nach 1989 verkündete globale Zukunft der Freiheit unter dem Vorbehalt ihrer Sicherung. Seitdem gilt Freiheit häufig nur noch in der vorbeugenden Abwehr ihrer erwarteten Gefährdung als erfahrbar.7

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Auch andere Erfahrungszusammenhänge der Gegenwart, wie etwa die Bildungs-, die Finanz- oder die Klimakrise, haben heute kaum mehr eine die Erwartung begrenzende Funktion. Gegenüber den bestimmenden Faktoren politischen Handelns, gegenüber dem Erwartungsraum der Prognosen, Berechnungen und Zielutopien, bildet die Erfahrung eher eine Art Horizont historisch möglicher Handlungsfolgen, die als Fehler, Abweichungen oder Störungen schon im nächsten Anlauf (in der nächsten Reform, Intervention, Zielvereinbarung) als vermeidbar gelten. Wir scheinen in einer Epoche weniger der multiplizierten Erfahrung, als der entgrenzten Erwartung zu leben. Natürlich werden täglich Erfahrungen gemacht. Doch sie stellen immer weniger ein Anderes der Erwartung dar. Wie in der Vormoderne tendieren Erfahrung und Erwartung heute wieder dazu, einem gemeinsamen Raum anzugehören – diesmal unter Federführung der Erwartung. Ganz im Gegensatz zu dem, was Koselleck über die Rolle der Quellen im modernen Geschichtsdenken sagte, hat historische Erfahrung heute immer weniger ein Veto-Recht.

Damit korrespondiert der heute vorherrschende Modus der Welterfahrung. Je mehr sich die Welt vernetzt, desto mehr hängt ihre Erfahrbarkeit von massenmedialer Vermittlung ab. Unsere Epoche favorisiert, in den Worten Niklas Luhmanns, die Beobachtung zweiter Ordnung, denn die Massenmedien sagen uns nicht, wie die Welt ist, sondern wie sie wahrgenommen wird. Sie reichern die Erfahrungen, die sie vermitteln, laufend mit Erwartungen an. Und an diesen Erwartungen, mehr als an Erfahrungen, orientieren sich dann auch zunehmend die politischen Entscheidungen zu massenmedial inszenierten Themen.

Daran ändert der Umstand wenig, dass die meisten der aktuellen globalpolitischen Themen auf das Urteil von Erfahrungsexperten, also auf wissenschaftliche Empirie angewiesen sind. Auch die Wissenschaft steht inzwischen unter dem massiven Druck, sich an Nutzungs- und Anwendungserwartungen zu orientieren. War die „Verwissenschaftlichung des Sozialen“ eine Grundsignatur des 20. Jahrhunderts, so scheint sie spätestens heute in eine ,Sozialisierung der Wissenschaft‘ umzuschlagen. Der ehemals offene Horizont wissenschaftlicher Erkenntnis und Erfahrungssammlung wird zunehmend auf die Erwartungsräume gesellschaftlicher Funktionssysteme aufgeteilt und von diesen bestimmt.8

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Auch der Stellenwert, den Formen des Populären und der Populärkultur heute besitzen, zeugt von der Herausbildung einer Erwartungskultur, die Erfahrungen suspendiert. So lange das Populäre als eine hauptsächlich imaginäre Welt der Projektionen gelten konnte, ließ sich über seine historische Relevanz als Faktor des wirklichen, sozialen Handelns der Menschen streiten. Heute aber ist das Populäre schon längst selbst ein sozialer Handlungsraum und präsentiert sich immer massiver als ein mit allen Sinnen Erfahr- und Erlebbares. Das Schlagwort der Interaktivität markiert den deutlichen Trend, die ehemals imaginären Zweitwelten von Film, Fernsehen und Internet zu einem Teil der empirischen ,Erstwelt‘ zu machen. Genau dadurch aber beginnen die im Populären transportierten Erwartungen mit der Alltagserfahrung zu verschmelzen.

Solche und andere Merkmale der Gegenwart sind keineswegs auf diese beschränkt, sondern nur als Produkt zeithistorischer Entwicklungstendenzen zu verstehen. Gerade eine solche Historisierung aber gilt heute im Horizont immer neu deklarierter Krisen und Zäsuren als unzeitgemäß. Davon zeugt auch die allgemeine Skepsis gegenüber zeitlichen Verlaufsvorstellungen. Diese hatten am Beginn der Moderne (etwa in den Begriffen des Fortschritts und der Geschichte) eben jenen Abstand zum Ausdruck gebracht, der sich im 18. Jahrhundert zwischen Erfahrung und Erwartung auftat. Sie verdankten sich erst diesem Abstand und füllten ihn mit der neuen Gewissheit auf, dass die Zukunft in jedem Falle anders (und wahrscheinlich besser) werde. Heute dagegen richten sich Erwartungen kaum mehr auf eine ,andere Zukunft‘, auf eine Zukunft, deren sicher erwartbare Andersartigkeit zu Hoffnungen oder Ängsten Anlass geben könnte. Vielmehr verbinden sich Hoffnungen wie Ängste heute eher mit der erwarteten Fortdauer des Gegenwärtigen: endgültige und globale Durchsetzung von Demokratie, Menschenrechten, Freiheit und Wohlstand auf der einen Seite, Verhinderung und Eindämmung der negativen Begleitfolgen (Kulturkonflikte, Naturzerstörung, soziale Ungleichheit) auf der anderen. Die Zukunft erscheint so absehbar und planbar wie mögliche Schäden als im Prinzip kontrollierbar und vermeidbar. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, dass auch alle mitmachen. In diesem Sinne richten sich Erwartungen heute weniger auf zeitliche Veränderung als auf räumliche Verteilung.

Eben dadurch aber verwandelt sich der Status von Erwartung: Aus zukünftigen Möglichkeiten (basierend auf der zeitlichen Idee einer ,anderen Zukunft‘) werden potenzielle Wirklichkeiten (basierend auf der räumlichen Idee der Ausdehnung des Gegenwärtigen). Erwartung nimmt die Form potenzieller Erfahrbarkeit an und schiebt sich an die Stelle der historischen Erfahrung. Weder was war, noch was kommen könnte oder gar sollte, sondern immer ausschließlicher was (statistisch und stochastisch) ,zu erwarten ist‘, fungiert heute als maßgebender Wissenshintergrund politischer Entscheidungen und gesellschaftlicher Zukunftsentwürfe.9

Auch wenn dies eher Alltagsbeobachtungen als systematische Analysen sind, bleibt festzuhalten: Wo immer wir die mit Blick auf die Sattelzeit operationalisierten Kategorien von Erfahrung und Erwartung heute anlegen, zeigen sie eine deutliche Diskrepanz zur Konstellation am Beginn der Moderne. Von einem signifikanten Abstand zwischen Erfahrung und Erwartung, von einer offenen und anderen Zukunft sowie von begleitenden Zukunftsvisionen, wie sie im 19. Jahrhundert vielfach und nachhaltig entwickelt wurden, kann heute keine Rede mehr sein; ebenso wenig aber von einer Rückkehr der Erfahrung als maßgebendem Faktor der historisch-politischen Wahrnehmung und Zukunftsgestaltung. Vielmehr sind wir weiterhin ,modern‘, insofern es nach wie vor die Erwartungen sind, die das soziale und politische Handeln antreiben. Aber diese Erwartungen scheinen sich von einer offenen Zukunft ab- und in den Bereich des real oder scheinbar Machbaren zurückgewendet zu haben, wo sie zugleich historische Erfahrungen in vermeidbare Risiken verwandeln. In Umkehrung der Koselleck’schen Metaphorik ließe sich daher heute eher von einem Erwartungsraum und einem Erfahrungshorizont sprechen: Wir leben inmitten vielfältigster Erwartungen – und warten auf Erfahrungen.

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2. Das 20. Jahrhundert als Schwellenzeit

Aus diesen Gegenwartsbeobachtungen erwächst einer Untersuchung zur Geschichte der Grundbegriffe des 20. Jahrhunderts eine Hypothese, die den empirischen Untersuchungen als Leitfaden dienen kann: Das 20. Jahrhundert könnte sich als eine Schwellenzeit erweisen, in der die Grundbegriffe moderner Selbstbeschreibung einen nochmaligen Strukturwandel vollzogen, eine Metamorphose ihrer Semantik und eine Modifikation im Verhältnis ihres Erfahrungs- und Erwartungsgehalts. Plausibilität erhält diese Hypothese bereits in Rücksicht auf die Ereignisgeschichte. Der Erwartungsüberschuss, den das 19. Jahrhundert nicht zuletzt in seinen großen politischen Ideologien – Liberalismus, Sozialismus, Nationalismus – artikuliert hatte, erlebte in den Weltkriegen und Totalitarismen des 20. Jahrhunderts einen nachhaltigen Erfahrungsschock. Zugleich wurde die Welt ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert von weltumspannenden politischen, technologischen und sozialen Entgrenzungs- und Beschleunigungsprozessen geprägt, denen gegenüber die zeitlichen, räumlichen und mentalen Horizontverschiebungen des späten 18. Jahrhunderts marginal erscheinen könnten, wären sie uns nicht nach wie vor als der Beginn unserer Moderne im Bewusstsein.

Vor diesem Hintergrund lassen sich hypothetisch mindestens vier Entwicklungstendenzen oder übergreifende Merkmale benennen, die einen Strukturwandel in der Semantik politisch-sozialer Selbstreflexion im 20. Jahrhundert anzeigen, in dem sich die realhistorischen Umbrüche des Jahrhunderts niederschlugen. Das erste Merkmal betrifft einen Vorgang, der in den letzten zwei Jahrzehnten vermehrt Gegenstand intensiver geschichtswissenschaftlicher Untersuchungen geworden ist und dessen Relevanz für die historische Semantik auf der Hand liegt: Die meisten Grundbegriffe der gesellschaftlichen Selbst- und Weltbeschreibung wurden einer weitgehenden Verwissenschaftlichung unterzogen. Darunter fällt nicht allein die im 20. Jahrhundert zunehmende Nachfrage sozialer Systeme nach verwertbarem Wissen zum Zwecke der Selbstrationalisierung oder der von der Wissenschaft ebenso laut artikulierte Anspruch auf rationale Gesellschaftsgestaltung und -steuerung. Verwissenschaftlichung meint ebenso den laufenden und sich im 20. Jahrhundert massiv intensivierenden Transfer von Theorien, Ideen und Konzepten zwischen einzelnen Disziplinen sowie zwischen diesen und anderen Gesellschaftsbereichen – also die Ausbreitung und Wanderung von Wissen im Medium des Begriffstransfers. Was hier in den Blick kommen soll, ist die Vorgeschichte oder historische Genealogie dessen, was wir heute „Wissensgesellschaft“ nennen.10

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Es spricht einiges dafür, dass im Laufe des 20. Jahrhunderts zunehmend nur noch solche Begriffe als Grundbegriffe der historisch-politischen Selbstverortung verwendet wurden, die in Wissensform auftraten, also – berechtigt oder nicht – von der Annahme lebten, sie besäßen einen wissenschaftlichen Hintergrund. Umgekehrt hat sich aber auch die Wissenschaft im Laufe des 20. Jahrhunderts immer deutlicher an gesellschaftlichen Bedürfnissen ausgerichtet, was nicht zuletzt die massive Ausweitung und Differenzierung des Fächerkanons seit dem Ende des 19. Jahrhunderts illustriert. Eine begriffshistorische Analyse dieser Verwissenschaftlichung, im Sinne einer doppelten Verwandlung akademischer Fachkonzepte in Formen des Allgemeinwissens und gesellschaftlicher Erfahrungen in wissenschaftliche Untersuchungsfelder, könnte dazu beitragen, die historisch-semantischen Netzwerke freizulegen, die im 20. Jahrhundert Wissenschaft und Gesellschaft miteinander verbanden.11

Eines der frühesten Beispiele für eine solche Verwissenschaftlichung, die zugleich die semantische Struktur der betroffenen Begriffe transformierte, liefert die Geschichte der Begriffe „Evolution“ und „Entwicklung“. Durch Darwin erfuhren sie eine Verwissenschaftlichung, die ihrem Bedeutungsfeld auf Dauer die Form eines impliziten Wissens von der Antriebsmechanik aller Evolution und Entwicklung verlieh und in der Folge fast jede weitere Begriffsverwendung prägte. Damit wurde es für einen Großteil des postdarwinistischen Diskurses möglich, die alltägliche Erfahrung von Kampf, Konflikt, Konkurrenz und Kontingenz mit der Erwartungssicherheit eines durch eben diese Faktoren ermöglichten und garantierten Fortschritts zu verschmelzen. Von dieser Denkmöglichkeit einer laufenden Anpassung erfahrbarer an erwartbare Entwicklung ging eine Faszination aus, auf der die bis heute ungebrochene Popularität des Evolutionismus in einer Vielzahl von Wissens- und Lebensbereichen beruht.

Äquivalentes ließe sich von der Psychoanalyse sagen, die wie der Darwinismus zu denjenigen wissenschaftlichen Theorien gehört, deren Formeln das außerwissenschaftliche Denken und Sprechen im 20. Jahrhundert besonders nachhaltig beeinflusst haben. Freuds Theorie des Unbewussten war eine Theorie der sedimentierten Erfahrung, deren ‚Aufarbeitung‘ er als das eigentliche Ziel der Therapie hinstellte. In dieser Verschränkung liegt wohl der eigentliche Grund dafür, dass sich Freuds Begriffe trotz aller Anfeindung wie kaum eine andere Wissenschaftssprache in den Selbstbeschreibungen des 20. Jahrhunderts ausgebreitet und festgesetzt haben. Wo immer vom Unbewussten, vom Trauma oder von Komplexen die Rede ist, schwingt Freuds Grundgedanke mit, Erfahrungen auf dem Wege ihrer heilenden Aufarbeitung in plausible Erwartungen verwandeln zu können.

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Darwinismus und Psychoanalyse lassen sich als Agenten wie auch als Symptome der Verwissenschaftlichung sozialer Selbstbeschreibungssemantiken lesen. Die Ausbreitung und Rezeption ihrer Begrifflichkeit sowie ihr Einsickern in zum Teil weit entfernte Sachgebiete macht sie zugleich zu Beispielen eines zweiten Merkmals der Bedeutungsgeschichte des 20. Jahrhunderts: Auch jenseits direkter Transferwege konnten sich Begriffe, unter anderem bedingt durch neue Medien und Informationstechnologien, auf viel umfassendere Weise als zuvor verbreiten und erfuhren eine massive Popularisierung. Im Unterschied zu jener sozialen Ausweitung von Begriffsverwendungen bis in zuvor ausgeschlossene gesellschaftliche Bereiche, die in den „Geschichtlichen Grundbegriffen“ als „Demokratisierung“ bezeichnet wurde, lässt sich Popularisierung als Umschlag dieser quantitativen Verbreitung von Begriffen in die qualitative Veränderung ihrer Funktionalität beschreiben. Sozialhistorischer Hintergrund ist die Tatsache, dass sich Popularisierung mit dem Aufstieg zunächst der Massenpresse und später der audiovisuellen Medien professionalisierte, ein eigenes, zunehmend wichtiges und sich ausdifferenzierendes Berufsfeld wurde.12 Das betraf keineswegs nur die Popularisierung als didaktisch reduzierte Bekanntmachung von Spezialwissen. Vielmehr lässt sich der gesamte, im 20. Jahrhundert rasant expandierende Wirtschafts- und Kultursektor der Unterhaltung, der Werbung und der Mode, der medialen Massenkultur und des Journalismus als ein Feld ansehen, das – jenseits der im Einzelnen verfolgten Interessen und Motive – von Strategien der Popularisierung lebt und durch sie funktioniert.

Für Begriffe, deren Popularisierung sich im Rahmen solcher medialer Strukturen vollzieht, hat das Konsequenzen, die über eine nur beschleunigte Verbreitung hinausgehen. Zum einen wird ihre Bedeutung vervielfacht und differenziert, je stärker die Medien unterschiedlichste Verständnisse und Gebrauchsformen zu Wort kommen lassen, zum anderen wird ihre Bedeutung normiert, je mehr ihnen die mediale Verbreitung einen übergreifenden Geltungsraum schafft. Ein beredtes Beispiel dafür ist die rasante Karriere des Begriffs „Umwelt“ seit Beginn seiner massenmedialen Popularisierung. Meinte er bis dahin im Rahmen der Ökologie den natürlichen Lebensraum einer Art, so wurde er ab den 1960er-Jahren massenmedial mit der außermenschlichen, aber durch den Menschen grundlegend gefährdeten Natur gleichgesetzt. In dieser Form wurde er dann zum Objekt eines über Jahrzehnte geführten Deutungskampfs, der nicht nur die parteipolitische Struktur der meisten westlichen Staaten veränderte, sondern auch zu einer heute kaum mehr überschaubaren Vielzahl umweltpolitischer Programme führte und eine ebenso große Vielfalt verantwortungsethischer Lebensstile hervorbrachte. Inmitten dieses nicht zuletzt von den Massenmedien getragenen Differenzierungsprozesses aber wurde „Umwelt“ zugleich zu einem Konsensbegriff mit heute fast universaler Geltung als ein Grundkonzept moderner Selbstverständigung.

Das Beispiel der Umwelt führt auf ein drittes Merkmal semantischer Entwicklungen im 20. Jahrhundert. Waren die Grundbegriffe der Sattelzeit deutlich von einer Verzeitlichung ihrer Semantik geprägt, scheint im 20. Jahrhundert eine Tendenz der Verräumlichung vorherrschend zu werden (ohne die Zeitdimension völlig abzulösen). Der Hochimperialismus, der im Bewusstsein einer baldigen ,Schließung‘ der europäischen Expansion in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Weltentdeckung auf Weltaufteilung umstellte, sowie die zeitgleiche Entstehung eines vernetzten Weltmarkts, der historisch einleitete, was wir heute Globalisierung nennen, stellen zwei wesentliche historische Ausgangspunkte dar.13 Hinzu kamen die neuen kommunikationstechnologischen Vernetzungen der Welt, die Massenwanderungen, die exzeptionellen Transport- und Konzentrationsbewegungen im Kontext zweier Weltkriege sowie die verkehrstechnologischen Neuerungen, welche die Welt in einem neuen Maß erreichbar machten. In all dem lag im Vergleich zur Frühmoderne nicht mehr nur die Erfahrung einer Beschleunigung des Weltenlaufs, sondern vor allem diejenige einer räumlichen Weltverdichtung.

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Semantische Reaktionen darauf lassen sich nicht zuletzt dort ausmachen, wo bis dahin die Dimension der Zeit im Vordergrund gestanden hatte: etwa im geschichtlichen Denken. Der Historismus geriet ebenso in die Krise wie das klassische Fortschrittsdenken. Beide Begriffe, „Geschichte“ und „Fortschritt“, wurden ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sukzessiv von räumlichen Strukturen ergänzt: „Staat“, „Nation“, „Kultur“, „Volk“, „Rasse“, „Gesellschaft“.14 Selbst Begriffe, die weiterhin als Prozessbegriffe auftraten – wie etwa „Modernisierung“, „Aufklärung“, „Zivilisation“, „Europäisierung“ und „Demokratisierung“ – wurden zunehmend als geographischer Vergleich zwischen fortgeschrittenen und zurückbleibenden Fällen konkretisiert. Überhaupt fallen Zahl und Bedeutung topographischer Wortneuschöpfungen zur Beschreibung stattfindender oder angestrebter Transformationsprozesse im 20. Jahrhundert auf: „Germanisierung“, „Balkanisierung“, „Amerikanisierung“, „Sowjetisierung“, „Europäisierung“ etc. („Globalisierung“ erscheint hier gewissermaßen als der finale „Kollektivsingular“). Zudem tendierten gerade die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts deutlich dazu, ihre eher abstrakten Zukunftsvorstellungen in konkrete Raumordnungsideen zu verwandeln. So übersetzten die sozialistischen Regime den marxistischen Erwartungshorizont der klassenlosen Gesellschaft in Programme ihrer praktischen Herstellung und die geschichtsphilosophische These vom Klassenkampf in eine politische Handlungsmaxime gegenüber Klassenfeinden. In legitimationsideologisch ähnlicher Weise füllte auch der Nationalsozialismus den dezidiert offenen Erwartungshorizont des Darwin’schen Evolutionsbegriffs mit jenem Daseinskampf der Rassen auf, der bei Darwin nur ,Mittel‘ der Evolution war. In beiden Fällen wurden ursprünglich zeitlich orientierte Deutungsmuster zu Handlungsanleitungen einer räumlichen Praxis ideologisiert, die sich genau dadurch jeder real-historischen Erfahrung enthoben fühlen konnte.15

Auf eben dieser real-historischen Ebene aber hatten die totalitären Ideologien die Verwirklichung von Erfahrungsräumen zur Konsequenz, die nicht nur bis dahin unvorstellbar waren, sondern noch Jahrzehnte später als Bruch im zivilisatorischen Erwartungshorizont der Moderne wahrgenommen wurden. Bis heute sind die Vernichtungs- und Konzentrationslager Orte einer Erfahrung, die sich den vorangegangenen wie nachfolgenden Erwartungen der Moderne gegenüber wie eine strukturgebende Leerstelle verhalten.16 Entsprechend wurde die Vermeidung einer Wiederholung dieser Erfahrung nach 1945 zu einem Leitkonsens und ist bis heute eine Grundsignatur des politischen Selbstverständnisses geblieben.

Nach dieser Gewalteskalation trat der Systemkonflikt des Kalten Krieges weniger, wie noch der Ost-West-Gegensatz in der ersten Hälfte des Jahrhunderts, als ein Konflikt zwischen den widerstreitenden Leitwerten der Freiheit und Gleichheit auf denn als ein Konflikt zwischen zwei verschiedenen Programmen ihrer angemessenen Realisierung oder aber wechselseitigen Eindämmung.17 In seiner Konkurrenz- und Propagandaschlacht ging es immer weniger um die jeweiligen Zielutopien als um (technologische, militärische und propagandistische) Machbarkeit sowie zugleich um Vermeidbarkeit. Der Kalte Krieg war immer auch eine Konkurrenz um die effektivere Vermeidung seiner eigenen Eskalation. In der Gleichsetzung beider Orientierungen, in der Machbarkeit der Vermeidung, lag die Logik einer Hochrüstung zur Friedenssicherung begründet. Sie zeigt zugleich, welche Effekte die verräumlichende Aufspaltung von Semantiken in westliche und östliche Versionen auf die Zeitdimensionen dieser Begriffe hatte: Vergangenheit wie Zukunft wurden von der Anspruchsstruktur der politischen Ideologien in Beschlag genommen. Zumindest mit Blick auf Begriffe wie „Frieden“, „Freiheit“, „Sicherheit“ oder „Gleichheit“ blieb in der Konkurrenz um die Machbarkeit von Zukunft und die Vermeidbarkeit des jüngst Vergangenen wenig Spielraum für alternative Erfahrungs- oder Erwartungsinhalte von Grundbegriffen. Die Leistungsfrage, wer den ,heißen‘ Krieg besser verhindern könne, saugte im Laufe des Konflikts fast alle anderen politisch-ideologischen Differenzen auf.

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Ein letztes Merkmal der Entwicklungsgeschichte politisch-sozialer Semantiken im 20. Jahrhundert schließlich ist ein Vorgang, der mit der scheinbar simplen, aber nicht zu unterschätzenden Zunahme der Vieldeutigkeit und Gebrauchsvielfalt von Begriffen in dieser Epoche einhergeht und den man, in Ermangelung eines besseren Worts, als Verflüssigung beschreiben kann: eine durch die unvermittelte und vielfache Übertragung von Begriffen in neue Kontexte sich vollziehende Verwandlung und Einschmelzung ihrer semantischen Struktur. Das fällt vor allem bei neuen Begriffen auf, die das überkommene Vokabular moderner Selbstbeschreibungen im 20. Jahrhundert ergänzten. Dem ersten Merkmal der Verwissenschaftlichung entsprechend gehören dazu nicht zuletzt Begriffe aus dem wissenschaftlich-technischen Feld – wie etwa im ersten Drittel des Jahrhunderts: „Bevölkerung“, „Körper“, „Konstruktion“, „Stahl“, „Maschine“ und der Technikbegriff selbst; im zweiten Drittel: „Information“, „Kommunikation“, „Regulierung“, „Ressource“, „Rundfunk“, „Konsum“ und „Atom“; sowie im letzten Drittel: „Umwelt“, „Ökologie“, „Globalität“, „Medien“, „Klima“, „Netz“, „Wissen“ und „Interaktion“.

Man kann darüber streiten, welchem dieser Termini tatsächlich der Status eines Grundbegriffs gebührt. Zumindest phasenweise gehörten sie zwingend ins begriffliche Repertoire politisch-sozialer Selbstreflexion. Entscheidender ist die Form ihres Aufstiegs zu Leitbegriffen. Denn dieser ist in den seltensten Fällen rekonstruierbar. Eine allmähliche Wanderung dieser Begriffe von einem Feld ins andere oder von ihrem Ursprung in verschiedene Anwendungsgebiete ist kaum nachzuzeichnen. Ihre Ausbreitung ist weniger als Rezeption denn als multiple Projektion beschreibbar. So lassen sich etwa für die Begriffe „Mechanik“, „Mechanismus“ und „Technik“ vom 18. bis zum späten 19. Jahrhundert recht deutlich die Wege nachzeichnen, auf denen sie metaphorisch vom handwerklich-industriellen in den politisch-gesellschaftlichen Bereich übertragen wurden.18 Im 20. Jahrhundert verloren die Begriffe „Mechanik“, „Technik“ und „Technologie“ ihre metaphorische Qualität, nicht aber ihren Sinngehalt. Sie beschrieben nicht mehr Merkmale oder Zustände der Gesellschaft, sondern benannten eine ihrer inneren Dimensionen und Determinanten. Im philosophischen wie populären Technikdiskurs seit dem Ersten Weltkrieg etwa wurde die Gesellschaft nicht mehr nur als von der Technik dominiert oder metaphorisch wie eine Technologie beschrieben, sondern sie war technologisch, sie war eine neue, eine technisierte Gesellschaft.19

Ähnliches gilt für Begriffe wie „Information“, „Wissen“, „Medien“, „Umwelt“ etc. Sie beschreiben nicht bloß dominante gesellschaftliche Strukturformen, sondern bezeichnen gerade in ihrer Abstraktheit tiefer liegende, in sie verwobene Bedingungen oder Potenzen, aus denen die Gesellschaft ihre Dynamik bezieht. So markierte der Begriff „Industriegesellschaft“ vor allem die zunehmend dominantere Macht eines gesellschaftlichen Teilbereichs; wer dagegen heute von der „Medien-“, „Informations-“ oder „Wissensgesellschaft“ redet, meint eine innere Dimension, die das Ganze durchzieht. Unter politisch ganz anderen Vorzeichen war auch schon zu Beginn des Jahrhunderts die massive und in ihren Rezeptionswegen kaum rekonstruierbare Verbreitung etwa der Begriffe „Volk“ oder „Rasse“ ein Versuch, unterhalb des im 19. Jahrhundert irreparabel aufgebrochenen Gesellschaftsgefüges die manifeste Grundlage und das Rohmaterial ganz neuer Formen der Gemeinschaftsbildung und Gesellschaftsordnung zu benennen und sichtbar zu machen.20 Auch nachdem diese Begriffe durch die Folgen der totalitären Experimente diskreditiert waren (freilich ohne zu verschwinden), setzte sich im weiteren Verlauf des 20. Jahrhundert diese Suche nach einer sinn- und formgebenden Grunddimension von Gesellschaften nach ihrer Modernisierung ungebrochen fort – mit neuen, abstrakteren und weniger ,naturalen‘ Begriffen.21

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Doch auch klassische Begriffe des modernen politischen Kanons wie „Politik“, „Gesellschaft“, „Recht“ und „Kultur“ oder „Freiheit“, „Gleichheit“, „Gerechtigkeit“ und „Solidarität“ erfuhren im 20. Jahrhundert eine rasante Vervielfältigung und zugleich Abstrahierung ihres Bedeutungsgehalts – umso mehr, je unbestreitbarer sie sich als Fixpunkte der normativen Ausrichtung moderner politischer Ordnung im Laufe des Jahrhunderts durchsetzten. Hatten sich die antidemokratischen Ideologien und Systeme des 20. Jahrhunderts noch bemüht, diese Begriffe, wo sie sie nicht rundheraus ablehnten, ideologiekonform umzuprägen, so gewannen sie später umso schneller eine Universalgeltung als nicht mehr ernsthaft zu leugnende, aber auch kaum mehr problematisierte Orientierungen moderner Gesellschaften.

Auch der europäische Einigungsprozess und seine derzeitigen Probleme zeigen an, dass die klassischen Grundbegriffe modern-demokratischer Gesellschaftsordnung mit dem Bedeutungsrückgang des Nationalstaats als ihrem ursprünglichen Realisierungsraums auch ein Stück ihrer Bedeutungssicherheit eingebüßt haben. Dem entspricht die Tendenz intellektueller Zeitdiagnosen seit dem Ende des Kalten Krieges, den Blick von Nationalstaaten, Gesellschaftsstrukturen und Funktionssystemen weg und auf übergreifende Räume oder aber grundlegende Dimensionen des menschlichen Zusammenlebens zu richten. „Kultur“ und „Religion“, „Globalität“ und „Transnationalität“ sind Schlagworte eines Selbstverständnisses, das deutlich von einer Suche nach neuen Begriffen für eine Ära der größeren, komplexeren Zusammenhänge geprägt ist. Im gleichen Kontext verlieren aber auch klassische Begriffe wie „Demokratie“, „Freiheit“, „Gleichheit“ oder „Rechtstaatlichkeit“ ihre semantische Stabilität, was heute vor allem dort deutlich wird, wo das mit diesen Begriffen Gemeinte gegenüber transnationalen Bedrohungen geschützt und gesichert werden soll. Darin kommt eine Entwicklung der modernen-demokratischen Grundideen zum Ausdruck, deren historisch-semantische Vorgeschichte im 20. Jahrhundert genauer zu rekonstruieren wäre: Je weniger offene Feinde die Demokratie hat, umso mehr scheint sich ihre Bedeutung zu verflüssigen.

Die Leitbegriffe der sozialen und politischen Selbstbeschreibung haben im 20. Jahrhundert also offenbar die Tendenz, sich mit der Pluralisierung ihres Gebrauchs zugleich zu entkonkretisieren, oder genauer: auf beobachtbare Veränderungen des gesellschaftlichen Lebens mit der Suche nach grundlegenden oder aber übergreifenden Determinanten zu reagieren, die umso abstrakter sein müssen, je komplexer und vielfältiger die gesellschaftliche Wirklichkeit sich darstellt. Dies mag nicht unbedingt ein Spezifikum des 20. Jahrhunderts sein, sondern fortsetzen, was sich schon im 19. Jahrhundert an Abstraktions- und auch Ideologisierungstendenz der politischen Sprache abzeichnete. Im 20. Jahrhundert indes lässt sich eine deutliche Abkopplung der Begriffe von ihrem Entstehungskontext beobachten. Losgelöst von den Phänomenen, die sie anfänglich beschrieben, und von den Kontexten, durch die diese Beschreibungen ihren Sinn erhielten, beginnen sie ein soziales und politisches Eigenleben zu führen. Was im Nationalsozialismus mit den Begriffen „Volk“ und „Rasse“, was in den 1950er-Jahren mit den Begriffen „Technik“ und „Information“, was im letzten Drittel des Jahrhunderts mit den Begriffen „Umwelt“, „Wissen“ oder „Medien“ gemeint war und was schließlich heute „Freiheit“, „Sicherheit“ und „Kultur“ bedeuten, erscheint kaum aus ihrer wortgeschichtlichen Herkunft oder aus ideengeschichtlichen Traditionen erklärbar, sondern bildet eine Semantik, die nicht ohne die Geschichte des 20. Jahrhunderts selbst zu verstehen ist.

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3. Methodische Zugänge und pragmatische Ausgangspunkte

Die methodologische Diskussion zur Begriffsgeschichte hat weit vor den „Geschichtlichen Grundbegriffen“ begonnen und wird bis heute fortgeführt.22 Daneben hat sich die Ideen- und Wissenschaftsgeschichte (nicht erst im Anschluss an Foucault) enorm weiterentwickelt. Linguistik, Wissenssoziologie, Kulturphilosophie und Ethnologie verstehen sich heute immer stärker als kulturwissenschaftliche Disziplinen, und seitdem auch Kultur- und Mediengeschichte etablierte Felder sind, kann die Begriffsgeschichte kaum mehr im gleichen theoretisch-methodologischen Rahmen verfahren wie in den 1960er- und 1970er-Jahren. Zudem hatte sie schon damals ernstzunehmende Konkurrenz, wie etwa in Hans Blumenbergs Metaphorologie oder in der begriffsgeschichtlichen Schule um Joachim Ritter. Auch erfuhr sie eine transdisziplinäre Kritik und Herausforderung, etwa durch die Semantik-Studien Niklas Luhmanns oder auch durch die ideengeschichtlichen Studien von J.G.A. Pocock und Quentin Skinner.

Es wäre aber verfehlt, in diesen und weiteren Ansätzen nur Konkurrenten und Alternativen zu sehen. Sinnvoller erscheint es, dorthin zu schauen, wo die verschiedenen Methodologien bereits Bezüge und Verwandtschaften zueinander aufweisen, um von hier aus Kooperationen zu ermöglichen. So hat Ralf Konersmann zu Recht die unausgesprochene und uneingestandene Wahlverwandtschaft zwischen Kosellecks begriffshistorischer, Foucaults diskursanalytischer und Blumenbergs metaphorologischer Form historischer Semantik betont.23 Befreit man sich vom Schul-Denken und von der Vorstellung kategorisch sich ausschließender Ansätze, werden solche Überschneidungen sichtbar, an die eine übergreifende Untersuchung zum 20. Jahrhundert anknüpfen kann. In jedem Falle wäre eine Geschichte der Grundbegriffe des 20. Jahrhunderts wohl zum Scheitern verurteilt, wollte sie sich nur einem methodologischen Verfahren verschreiben oder aber den Anspruch auf eine theoretische Synthese erheben. Umso mehr aber bedarf es auf der Gegenstandsebene einer klaren Festlegung der Zugangsweise. Und der in pragmatischer Hinsicht geeignetste Ausgangspunkt dafür sind – Begriffe.

Auch wenn den „Geschichtlichen Grundbegriffen“ immer wieder der Vorwurf gemacht wurde, durch die Orientierung an einzelnen Begriffen von vornherein die komplexeren historischen Kontexte oder gar die mit den Begriffen bezeichneten Phänomene selbst aus dem Blick zu verlieren, unterstreicht gerade dieser Zugriff die spezifische Erkenntnisleistung historischer Semantik. Denn der Sinn und Zweck begriffsgeschichtlicher Studien besteht darin, in der Analyse von Bedeutungen, Bedeutungszusammenhängen und Bedeutungsentwicklungen einen eigenständigen Beitrag zum Verständnis historischer Kontexte und geschichtlicher Verläufe zu leisten. Diese Eigenständigkeit und damit auch die diagnostische Funktion der Begriffsgeschichte, also ihre Fähigkeit, neue, bislang nicht wahrgenommene historische Zusammenhänge freizulegen, wird am ehesten durch den Zugang über einzelne Begriffe ermöglicht.24 Das führt zu der abschließenden Frage, welche Begriffe und Begriffsgruppen mit Blick auf das 20. Jahrhundert besondere Aufmerksamkeit verdienen könnten.

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Wirft man vor dem Hintergrund der hier skizzierten Überlegungen einen Blick auf das Inhaltsverzeichnis der „Geschichtlichen Grundbegriffe“, so springen zunächst diejenigen Begriffe ins Auge, die wesentlich zur Konstitutionsphase der Moderne gehörten, deren Einzelanalysen aber meist zur Mitte oder zum Ende des 19. Jahrhunderts auslaufen, obschon sie im 20. Jahrhundert kaum weniger relevant waren als in der Sattelzeit. Dazu gehören beispielsweise „Arbeit“, „Demokratie“, „Freiheit“, „Friede“, „Gleichheit“, „Bildung“, „Menschheit“, „Politik“, „Krieg“, „Bürger“, „Christentum“, „Öffentlichkeit“, „Krise“, „System“, „Rasse“, „Regierung“, „Kritik“, „Volk“, „Natur“, „Macht“. An diesen Begriffen ließe sich am ehesten prüfen, ob die Ausgangshypothese zutrifft, dass die politische Sprache der Moderne seit der Mitte des 19. Jahrhunderts noch einmal eine signifikante Transformation ihrer semantischen Struktur erfahren hat. Für manche Begriffe – wie etwa „Volk“, „Menschheit“, „Krieg“, „Bildung“ oder „Natur“ – scheint dies überdeutlich auf der Hand zu liegen, bei anderen weniger.

Dann gibt es die Gruppe derjenigen Begriffe, die den „Geschichtlichen Grundbegriffen“ zufolge in der Entstehung der Moderne eine zentrale Rolle spielten, deren Relevanz im 20. Jahrhundert aber erkennbar nachgelassen hat. Dazu gehören etwa „Adel“, „Eigentum“, „Fabrik“, „Verein“, „Restauration“, „Tyrannis“, „Sittlichkeit“, „Vertrag“. Die Entscheidung darüber, ob sie zu den historisch-politischen Grundbegriffen auch des 20. Jahrhunderts zu rechnen sind, hängt zum einen von ihrer Gebrauchsprominenz ab, zum anderen davon, in welchem Maße ihre Semantik eine signifikante und wirklichkeitsverändernde Transformation seit Ende des 19. Jahrhunderts erfuhr.

Schließlich steht die zentrale Frage im Raum, welche neuen Begriffe an der Schwelle zum oder im Laufe des 20. Jahrhunderts einen grundbegrifflichen Status erlangten, den angenommenen Strukturwandel also trugen und zugleich den Raum des Politischen umprägten. Hierüber lässt sich ausgiebig streiten, doch wird man sich zugleich auch rasch auf eine Kerngruppe von Begriffen verständigen können. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder hierarchische Ordnung sind etwa die folgenden Begriffe mögliche Kandidaten: „Bevölkerung“, „Bild“, „Bürokratie“, „Dienstleistung“, „Dritte Welt“, „Geschlecht“, „Gesundheit“, „Gewalt“, „Glaube“, „Globalität“, „Imperium“, „Information“, „Inszenierung“, „Integration“, „Islam“, „Judentum“, „Jugend“, „Kolonie“, „Kommunikation“, „Konflikt“, „Konstruktion“, „Konsum“, „Körper“, „Kultur“, „Leben“, „Masse“, „Medien/Vermittlung“, „Ordnung“, „Praxis“, „Regulierung“, „Religion“, „Ressource“, „Rundfunk“, „Sexualität“, „Technik“, „Totalität“, „Umwelt“, „Unterhaltung“, „Verkehr“, „Wachstum“, „Wirklichkeit“, „Wissen“, …

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Zu den Herausforderungen einer Geschichte der Grundbegriffe des 20. Jahrhunderts gehört aber nicht nur die Auswahl und Untersuchung alter und neuer Begriffe, sondern auch der Umstand, dass es der Begriffshistoriker des 20. Jahrhunderts mit zum Teil völlig neuen Quellentypen und einer um ein Vielfaches gestiegenen Zahl möglicher Quellen zu tun hat. So stellt die technische Reproduzierbarkeit und Variationsmöglichkeit von Sinn und Bedeutung in den audiovisuellen Medien eine neue Grundbedingung dar, die berücksichtigt werden muss. Hinzu kommt ein gigantisches Wachstum der Printmedien seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert, das eine systematische Erfassung von Begriffsbedeutungen zunächst schwieriger macht als in der Epoche, die von den „Geschichtlichen Grundbegriffen“ ins Auge gefasst wurde.25 Schon auf der basalen Ebene lexikalischer Begriffsbestimmungen hat das 20. Jahrhundert ein ungleich größeres Quellenkorpus erzeugt.

Und schließlich wäre im Untersuchungsdesign einer Geschichte der Grundbegriffe des 20. Jahrhunderts systematisch die Wanderung von Begriffen zwischen den einzelnen modernen Sprachen zu berücksichtigen. Konnten in den „Geschichtlichen Grundbegriffen“ häufig noch die Übersetzungsvarianten Licht auf die Bedeutungsentwicklung von Begriffen werfen, so war das 20. Jahrhundert spätestens in seiner zweiten Hälfte von einer deutlichen Zunahme des direkten Imports fremdsprachiger Begriffe und Bedeutungselemente geprägt und weist zudem eine generelle Internationalisierung des Sinngehalts gerade solcher Begriffe auf, in denen sich die historisch-politische Selbstreflexion artikulierte. Vor diesem Hintergrund erscheint es überlegenswert, den Weg einer klassischen Komparatistik nationaler Sprachräume zu verlassen und stattdessen von nur einem, also etwa dem deutschen, Sprachraum ausgehend seine Internationalisierung und Vernetzung mit anderen Sprachräumen sowie deren Einfluss auf die Semantik seiner Grundbegriffe zu untersuchen.

In jedem Fall aber wären die notwendigen methodologischen und forschungspraktischen Überlegungen an der eingangs erwähnten Leitprämisse auszurichten, dass eine Geschichte der Grundbegriffe des 20. Jahrhunderts mehr sein sollte als eine bloße Anwendung der Methoden historischer Semantik nun auch auf diese Epoche. Vielmehr sollte sie eine eigene historische Deutungsleistung erbringen, die von den Befunden einer Mehrzahl der einzelnen Begriffsuntersuchungen getragen wird. Dazu bedarf es einer Hypothese, welche die übergreifenden Strukturentwicklungen in der Semantik der Einzelbegriffe beschreibbar macht. In diesem Sinne wurde hier der Vorschlag entwickelt, die zu untersuchenden Begriffe und damit die historisch-politische Sprache des 20. Jahrhunderts auf Formen der Verschränkung ihrer ehemals voneinander getrennten Erfahrungs- und Erwartungsorientierung, ihres Vergangenheits- und Zukunftsbezugs zu untersuchen. Dieser Vorschlag ging von der zeitdiagnostischen Beobachtung aus, dass heute, am Beginn des 21. Jahrhunderts, die alte, aber in neuen Formen sich verbreitende Überzeugung von einer planbaren Zukunft und korrigierbaren Geschichte dazu tendiert, die Einspruchskraft historischer Erfahrung unwirksam zu machen und sie den Machbarkeits- und Vermeidbarkeitsansprüchen der Gegenwart unterzuordnen. Sollte sich dies auch in der begriffshistorischen Rückschau als eine Konsequenz des 20. Jahrhunderts erweisen, dann hätte sich das von Friedrich Nietzsche noch bitter beklagte Übergewicht der Geschichte über das Leben im Verlauf dieses Jahrhunderts in sein Gegenteil verkehrt: vita – magistra historiae.

Anmerkungen: 


1 Vgl. Ralf Konersmann, Der Schleier des Timanthes. Perspektiven der historischen Semantik, Frankfurt a.M. 1994.

2 Vgl. Anson Rabinbach, Begriffe aus dem Kalten Krieg. Totalitarismus, Antifaschismus, Genozid, Göttingen 2009, hier bes. S. 73f.

3 Reinhart Koselleck, Einleitung, in: Otto Brunner/Werner Conze/Reinhart Koselleck (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 1, Stuttgart 1972, S. XIII-XXVII, hier S. XV.

4 Vgl. hierzu auch Paul Nolte, Abschied vom langen 19. Jahrhundert oder Auf der Suche nach einer anderen Moderne, in: Jürgen Osterhammel/Dieter Langewiesche/Paul Nolte (Hg.), Wege der Gesellschaftsgeschichte, Göttingen 2006, S. 103-132.

5 Vgl. Reinhart Koselleck, ‚Erfahrungsraum‘ und ‚Erwartungshorizont‘ – zwei historische Kategorien [1976], in: ders., Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt a.M. 1979, S. 349-375.

6 Ebd., S. 374.

7 Diese Konstellation von Freiheit und Sicherheit hat nicht zuletzt den Überlegungen Michel Foucaults neue Aktualität verliehen. Vgl. Michel Foucault, Geschichte der Gouvernementalität, 2 Bde., Frankfurt a.M. 2004; vgl. dazu auch Susanne Krasmann/Jürgen Martschukat (Hg.), Rationalitäten der Gewalt. Staatliche Neuordnungen vom 19. bis zum 21. Jahrhundert, Bielefeld 2007; Thomas Etzemüller (Hg.), Die Ordnung der Moderne. Social Engineering im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2009.

8 Lutz Raphael, Die Verwissenschaftlichung des Sozialen als methodische und konzeptionelle Herausforderung für eine Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, in: Geschichte und Gesellschaft 22 (1996), S. 165-193. Vgl. hierzu auch Peter Weingart, Die Stunde der Wahrheit? Zum Verhältnis der Wissenschaft zu Politik, Wirtschaft und Medien in der Wissensgesellschaft, Weilerswist 2001; Konrad P. Liessmann, Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft, München 2008.

9 Nicht zuletzt die Popularität des Globalisierungsbegriffs zeugt von einer Form der Weltwahrnehmung, in der sich Erwartung räumlich orientiert und Erfahrungen sich zu Erfahrbarkeit und Varianz verflüchtigen. Dem entspricht die Beobachtung, nicht einmal von Kriegen mehr wirkliche politische Entscheidungen zu erwarten; vielen erscheinen sie nur noch als Varianten eines fortlaufenden Krieges im Innern der Globalgesellschaft. Vgl. etwa Hans Magnus Enzensberger, Aussichten auf den Bürgerkrieg, Frankfurt a.M. 1993. In die historische Semantik des Politikbegriffs eingebettet wird dieser Befund bei Jörn Leonhard, Politik – ein symptomatischer Aufriss der historischen Semantik im europäischen Vergleich, in: Willibald Steinmetz (Hg.), ,Politik‘: Situationen eines Wortgebrauchs im Europa der Neuzeit, Frankfurt a.M. 2007, S. 75-134.

10 Vgl. neben Raphael, Verwissenschaftlichung (Anm. 8), auch Margit Szöllösi-Janze, Wissensgesellschaft in Deutschland: Überlegungen zur Neubestimmung der deutschen Zeitgeschichte über Verwissenschaftlichungsprozesse, in: Geschichte und Gesellschaft 30 (2004), S. 275-311.

11 Klassisch hierzu Jürgen Habermas, Technik und Wissenschaft als Ideologie, Frankfurt a.M. 1968. Siehe auch Sybilla Nikolow/Arne Schirrmacher (Hg.), Wissenschaft und Öffentlichkeit als Ressourcen füreinander. Studien zur Wissenschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 2007; Gereon Blaseio/Hedwig Pompe/Jens Ruchatz (Hg.), Popularisierung und Popularität, Köln 2005.

12 Vgl. dazu u.a. Andreas Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert. Bürgerliche Kultur, naturwissenschaftliche Bildung und die deutsche Öffentlichkeit 1848–1914, München 2001; Christina von Hodenberg, Konsens und Krise. Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945–1973, Göttingen 2006.

13 Vgl. Jürgen Osterhammel/Niels P. Petersen, Geschichte der Globalisierung, München 2003; Jürgen Osterhammel/Sebastian Conrad (Hg.), Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der Welt 1871–1914, Göttingen 2004.

14 Vgl. hierzu Anselm Doering-Manteuffel, Konturen von ,Ordnung‘ in den Zeitschichten des 20. Jahrhunderts, in: Etzemüller, Ordnung (Anm. 7), S. 41-66.

15 Vgl. Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft [1951/55], München 1986, bes. S. 944-989.

16 Vgl. Dan Diner (Hg.), Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz, Frankfurt a.M. 1988; in politisch-philosophischer Perspektive auch Giorgio Agamben, Homo Sacer. Souveräne Macht und bloßes Leben, Frankfurt a.M. 2002.

17 Vgl. Bernd Stöver, Der Kalte Krieg 1947–1991. Geschichte eines radikalen Zeitalters, München 2007; Dan Diner, Das Jahrhundert verstehen. Eine universalhistorische Deutung, München 1999.

18 Bis heute anregend zur Metaphorik der Selbstbeschreibungen dieser Epoche: Dolf Sternberger, Schriften, Bd. 5: Panorama oder Ansichten vom 19. Jahrhundert [1938], Frankfurt a.M. 1981.

19 Vgl. Helmuth Lethen, Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen, Frankfurt a.M. 1994.

20 Vgl. Eric Voegelin, Rasse und Staat, Tübingen 1933; Frank Bajohr/Michael Wildt (Hg), Volksgemeinschaft. Neue Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus, Frankfurt a.M. 2009.

21 Vgl. hierzu Etzemüller, Ordnung (Anm. 7). In den gegenwärtigen Bio- und Neurodebatten erlebt wiederum „Natur“ als Grundbegriff sozialer Selbstbeschreibung eine Renaissance.

22 Vgl. Konersmann, Schleier (Anm. 1). In den letzten Jahren erschienen wichtige Aufsatzsammlungen zum methodologischen Diskussionsstand und mit Fallstudien zu Begriffen des 20. Jahrhunderts. Vgl. u.a. Gunter Scholtz (Hg.), Die Interdisziplinarität der Begriffsgeschichte, Hamburg 2000; Carsten Dutt (Hg.), Herausforderungen der Begriffsgeschichte, Heidelberg 2003; Hans Ulrich Gumbrecht, Dimensionen und Grenzen der Begriffsgeschichte, Stuttgart 2006; Steinmetz, ,Politik‘ (Anm. 9); Ernst Müller/Falko Schmieder (Hg.), Begriffsgeschichte der Naturwissenschaften: Zur historischen und kulturellen Dimension naturwissenschaftlicher Konzepte, Berlin 2008; Michael Eggers/Matthias Rothe (Hg.), Wissenschaftsgeschichte als Begriffsgeschichte. Terminologische Umbrüche im Entstehungsprozess der modernen Wissenschaften, Bielefeld 2009.

23 Konersmann, Schleier (Anm. 1), S. 53ff.

24 Ob diese dann im Einzelnen primär als Diskurs, Metapher, Wortfeld oder mit Blick auf ihre Kontexte, Gebrauchsformen oder Verbreitungswege untersucht werden, ergibt sich aus dem jeweiligen Begriff selbst, seiner historischen Problemweite und aus forschungspragmatischen Entscheidungen.

25 Zugleich stehen mit den Möglichkeiten des Internet aber auch ganz andere Instrumente der Sammlung und Ordnung begriffshistorischer Daten zur Verfügung.