Das Friedensprogramm des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson von 1918 polarisierte mit dem Slogan der „New Diplomacy“ die Teilnehmer der Pariser Friedenskonferenz. Insbesondere der erste der Vierzehn Punkte mit seinem Versprechen von „open covenants of peace, openly arrived at, after which there shall be no private understanding of any kind but diplomacy shall proceed always frankly and in public view“1 besaß ebenso große Ausstrahlung wie Brisanz: Das Label der „New Diplomacy“ schien eingangs auch der Berufsdiplomatie, die nach dem Kriegsbeginn um öffentliche Legitimation rang, die Chance zu bieten, das Verhältnis zwischen Diplomatie und Öffentlichkeit sowie damit den eigenen Berufsstand neu zu begründen.2 Allerdings teilte der Begriff die Welt der Diplomaten in binäre Oppositionen, indem er „alte“ gegen „neue“ Diplomatie setzte, „Arkanum“ gegen Konferenzdiplomatie, „Geheimnis“ gegen „Öffentlichkeit“, „Dunkelheit“ gegen „Licht“, das alte Europa gegen die Neue Welt als „Kampf des Alten gegen das Neue“.3 Zwar befand sich die Diplomatie in einer manifesten Krise, die öffentlich diskutiert wurde. Eine solche Dichotomisierung in Alt und Neu entsprach indessen – und dies war bereits für Teilnehmer der Friedenskonferenz evident – weder der Komplexität diplomatischer Handlungsformen noch der Tiefe der Krise.
Diplomatie als komplexer Kommunikationsprozess beruhte auf einem vielschichtigen Repräsentationsverständnis, dessen Grundlage Face-to-Face-Interaktion bildete und das die diplomatische Verhandlungskultur in der Politik der „großen europäischen Kabinette“ prägte. Wesentlicher Bestandteil war das so genannte Arkanum, eine Geheimsphäre (außen)politischen Entscheidungshandelns, das seit der Aufklärung immer wieder von einer nach politischer Teilhabe strebenden bürgerlichen Öffentlichkeit kritisiert wurde.4 Seit dem Kriegsbeginn von 1914, der als Versagen diplomatischer Methoden und ihrer Mission der Friedenswahrung erschien, wurde diese Forderung nach einem neuen, sichtbaren, demokratischeren Modus der Verhandlungsführung und neuen Sichtbarkeitsregeln im Verhältnis zwischen Diplomatie und Öffentlichkeit artikuliert. Die Friedenskonferenz von Paris galt als erster Testfall für Verhandlungen im vollen Licht der Öffentlichkeit: Konferenzpolitik rückte nun in den Blickpunkt – als Versprechen und Chance für eine Neubegründung der Diplomatie und als Teil einer künftigen neuen Friedensordnung in Europa.
Einen einfachen Übergang von geheimer zu vollständig medialisierter, offener Diplomatie gab es jedoch nicht. Das Austarieren des Verhältnisses zwischen Diplomatie und Öffentlichkeit bildete vielmehr einen Teil jenes fundamentalen Wandels in den Handlungsgrundlagen der Diplomatie, die sich (massen)mediale Formen als Bestandteil ihres Repräsentationsrepertoires erst aneignen musste. Es vollzog sich also ein Wandlungsprozess mit vielfältigen Kontinuitäten und Bruchlinien, die anders verliefen als gemeinhin erwartet. Zudem waren solche strukturellen Veränderungen nicht nur Wandlungen vor und nach dem Krieg, sondern auch durch den Krieg. Der Erste Weltkrieg muss als ein Katalysator verstanden werden, der längerfristige Prozesse innerhalb der Diplomatie in Gang setzte, verstärkte und beschleunigte.
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Ziel des Beitrags ist es, diesen Wandel aus der Perspektive zeitgenössischer Diplomaten zu beleuchten, um Diplomaten „im Kontext ihrer eigenen Ideen“ zu zeigen und so eine „Innenansicht“ des Arkanums zu bieten.5 Ein solcher Fokus auf Wahrnehmungsperspektiven und Interaktionsformen diplomatischer Akteure folgt Ansätzen einer Kulturgeschichte der Diplomatie, die nach intensiven programmatischen Debatten jetzt zunehmend empirische Umsetzung erfahren.6 Den Ausgangspunkt bilden im Folgenden zeitgenössische Vorannahmen über die diplomatische Handlungskultur als Grundlage des einsetzenden Friedensprozesses 1918 (Teil 1). Diese Erwartungen deckten sich jedoch nicht mit der Erfahrung „Neuer Diplomatie“ in der Konferenzorganisation (Teil 2), sondern führten im Gegenteil die manifeste Krise der Diplomatie in Versailles vor Augen (Teil 3).7
1. Die Prämissen der „alten“ Diplomatie: Erwartungshaltungen vor Beginn der Friedenskonferenz
Was machte die „alte“ Diplomatie aus? Für zeitgenössische Diplomaten bildete Diplomatie von Angesicht zu Angesicht den „Nukleus“8 jeglicher Außenpolitik. Als „official [...] relations between states conducted by individuals“9 entstand Diplomatie für sie selbstverständlich aus der persönlichen Interaktion unter Anwesenden und der sozialen Situation heraus.10 Zum Wertehimmel der Diplomatie als Präsenzkultur gehörten gemeinsame Ansichten über Diplomatie als Beruf und Berufung, angefangen mit der Annahme großer Kohärenz und Homogenität der diplomatischen Lebenswelt,11 die der viktorianische Publizist James Spender so beschrieb: „At times, members of the corps diplomatique even considered themselves to be members of a cosmopolitan, culturally homogenous European family. They spoke a common language, read the same Marten’s ‚Guide diplomatique‘ defended similar social and political institutions, and fostered a certain consensus on the nature of the international system. They were each ‚players of the great game‘ that ‚had rules of its own‘ which were known to all initiates.“12
Diplomaten der europäischen auswärtigen Dienste formten in den Hauptstädten der Welt ein sozial homogenes diplomatisches Korps mit eigener Mentalität, eigenem Habitus und exklusivem „esprit de corps“.13 Dies ging soweit, dass man allgemein um die politische „Haltung“ eines jeden einzelnen Mitglieds des diplomatischen Korps vom Missionschef bis hin zum letzten Attaché wusste.14 Ein solches Set verinnerlichter Muster stellte bei Begegnungen durch die Überlagerung von gesellschaftlich-sozialer Position und politischer Funktion Mechanismen gegenseitigen Erkennens und Anerkennens in der „Internationalen“15 der Diplomatie bereit, der sich die Beteiligten verpflichtet fühlten.16
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Diplomaten im Allgemeinen und Botschafter als ranghöchste Vertreter im Besonderen sahen sich als Teil einer kleinen „Entscheidungselite“,17 die bedeutenden Anteil am außenpolitischen Entscheidungsprozess besaß – immerhin beantworteten Außenminister die Korrespondenz ihrer Botschafter noch selbst. Außenpolitik entstand demnach aus eigener Anschauung heraus, und zwar hinter den verschlossenen Türen des Arkanums in einer von der Öffentlichkeit weitestgehend abgeschirmten Sphäre. Diplomaten nahmen an, in nennenswertem Umfang eigene Politik betreiben zu können und für deren Implementierung verantwortlich zu sein: „[…] it was generally acknowledged that these great affairs were the special business of kings, nobles and aristocratic persons. Ambassadors, Foreign Secretaries, diplomatists of all grade, even clerks […] all belonged to the aristocratic caste. They alone were supposed to have the manners and to speak the language of the ‚Courts‘ in which great affairs were transacted. They alone could be trusted with the secrets which had to be imparted to the inner ring.“18
Zu dieser Vorstellung von Entscheidungshandeln trat im Amtsverständnis der Diplomaten das Konzept des Stellvertretungshandelns. Es verweist auf die komplexe Materie diplomatischer Repräsentation, mit der Diplomaten der europäischen auswärtigen Dienste vor 1914 beruflich sozialisiert worden waren:19 Als fonctionnaires publics teilten sie das Bewusstsein eines gemeinsamen öffentlichen Handlungsauftrags qua Staatsbeamtentum, der vor allem in der Friedenswahrung im Dienst ihrer res publica bestand.20 Diesen Auftrag hatten sie durch Informieren, Verhandeln, Repräsentieren zu erfüllen – die Trias der klassischen Alltagsaufgaben des Diplomaten. „Repräsentation“ bedeutete für Diplomaten dabei erstens die ursprünglich theologisch fundierte Vergegenwärtigung des abwesenden Souveräns, zweitens Stellvertretung qua Mandat und drittens „Identitätsrepräsentation“ ihrer Nation.21
Diplomatie wurde zeitgenössisch als Verweisungsbeziehung zwischen dem Repräsentanten (dem Diplomaten) und dem Repräsentierten (dem Souverän) verstanden. Dabei konnte der Repräsentant eine auch für den Repräsentierten allgemein verbindliche, außenpolitische relevante Entscheidung treffen und durchführen.22 Dies implizierte auch die Notwendigkeit und Fähigkeit, politische Entscheidungen gegenüber der Öffentlichkeit darstellen (wenn nicht rechtfertigen) zu können:23 In seiner Eigenschaft als Repräsentant war die Verbindung des Diplomaten zur Öffentlichkeit und die Öffentlichkeit diplomatischen Handelns damit grundsätzlich gegeben. Diplomatie hatte „Öffentlichkeit“ also nicht erst mit den Forderungen nach einer „offenen, für alle sicht-baren“ Diplomatie 1918 zu entdecken. Durch den Ersten Weltkrieg war indessen das Verhältnis zwischen Diplomatie und der Gestalt des Souveräns, zwischen Diplomatie und Demokratie mit besonderer Vehemenz in Frage gestellt und musste neu ausgehandelt werden. Bereits vor 1914 hatte die Diplomatie zunehmend den Eindruck, die Kontrolle über diese Öffentlichkeit zu verlieren. Die steigende Bedeutung der Massenmedien und die wachsende Spezialisierung der Politik, die es dem Diplomaten fast unmöglich machten, Stellung zu allen Fragen der Außenpolitik zu beziehen, waren die entscheidenden Gründe für diese Entwicklung. Durch den Ersten Weltkrieg wurde zudem das Arkanum diskreditiert und in Deutschland sogar der monarchische Souverän abgesetzt. Es ging um die Modalitäten der Sichtbarmachung und das Verhältnis zwischen der „Logik des Arkanums“ und der „Logik der bürgerlichen Öffentlichkeit“. Die landläufige (und in der Auseinandersetzung zwischen „alter“ und „neuer“ Diplomatie nach 1918 vielfach vorgetragene) These, dass sich Diplomatie und mediale Öffentlichkeit unvereinbar gegenüberstehen würden, verkennt, dass Diplomaten schon immer Experten der Performanz und Sichtbarmachung waren.
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Zu den Konstanten diplomatischen Handelns hatte lange Zeit die Annahme gehört, dass Diplomatie zur Legitimation ihres Stellvertretungshandelns auf Sichtbarkeit angewiesen war, aber Abstufungen für einen Kreis derer kannte, die es kontextspezifisch etwas anging. Dass Repräsentation mediale Vermittlung einschloss, zeigt sich am diplomatischen Protokoll, dem „Werkzeug der Diplomatie“:24 Diplomaten handeln mit einem Repertoire von „Worten, Gegenständen, Gesten: ‚Zeichen mit Überschussgehalt‘“ – einem Repertoire, das es ihnen in konkreten Verhandlungssituationen ermöglicht, einen komplexen Sachverhalt „in konzentrierter Form, zugleich mehrdeutig und interpretationsbedürftig“ darzustellen.25 Diplomaten (ver)leihen der Politik ihren Körper, verkörpern damit die Politik, für die sie stehen. In der Lebenswelt der Diplomaten kommt daher der physischen Präsenz und Wahrnehmung des politischen Gegenübers eine besondere Bedeutung zu; die Kulturgeschichte spricht von der „Körperwahrnehmung“ des diplomatischen body politic.26 Diplomaten bedienen sich dazu im Verhandlungsprozess eben jener Zeichen mit Überschussgehalt. Die Handlung steht dann für etwas: für eine Sondierung, eine Annäherung, eine politische Zukunftserwartung, einen Vertrauensbeweis, aber auch für Konfrontation und Ablehnung. In diesem Sinne können Diplomaten „mit dem Symbol reden“ und handeln.27 Dies lässt sich am vielzitierten Beispiel des „Vertrauens“ illustrieren – eine der „zentralen Handlungsressource[n] der Politik“,28 die der Bekräftigung der gegenseitigen Anerkennung dient. Wer sich in der diplomatischen Verhandlungssituation auf „Vertrauen“ beruft, geht üblicherweise davon aus, dass die dem Vertrauen zugrunde liegenden „Ausdrucks- und Verständniscodes“ vom Verhandlungspartner geteilt und von beiden Seiten als bindend erachtet werden. „Vertrauen“ enthält die begründete „Hypothese künftigen Verhaltens“, die nicht einklagbar, zugleich aber „sicher genug ist, um praktisches Handeln darauf zu gründen“,29 und um kontroverse Themen in Krisensituationen mithilfe persönlicher Begegnung verhandelbar zu machen.30
Diplomatische Interaktion setzte folglich einen spezifischen Kommunikationsmodus voraus, eine an symbolischen Konnotationen reiche, von den zeitgenössischen Diplomaten für allgemein verständlich gehaltene und verlässliche „Sprache“ der Diplomatie, die Verhaltenserwartungen beeinflusste und die Handlungsgrundlage für vertrauensvolle Zusammenarbeit liefern sollte. Insofern handelte es sich um eine Sprache mit universalem Geltungsanspruch in einer diplomatischen Ordnung der Dinge. Dies prägte den gemeinsamen Wertehimmel, die Annahme großer Kohärenz, Homogenität und Professionalität der Diplomaten – ein Handlungssystem mithin, das selbst Regeln für den Umgang mit dem Feind kannte. Während aber der Wiener Friedenskongress von 1814/15 den Berufsstand der Diplomatie begründet hatte, fürchteten Diplomaten der alliierten Delegationen ein Jahrhundert später, dass die Pariser Friedenskonferenz womöglich das Ende ihres Berufsstands bedeuten würde.
2. Chancen für eine „Neue Diplomatie“? Die Pariser Friedenskonferenz als Testfall
Wie ging die universale Sprache der Diplomatie verloren? Bedeutende Transformationsprozesse hin zu einer Pluralisierung und Fragmentierung der diplomatischen Lebens- und Verhandlungswelt setzten bereits deutlich vor 1914 ein. Diplomatische Methoden gerieten nun immer wieder in ein Spannungsverhältnis zur Öffentlichkeit, das für die „Diplomacy of Imperialism“31 geradezu charakteristisch wurde. Während für die bürgerliche Öffentlichkeit Publizität und Vertrauen untrennbar verbunden waren,32 wurde Öffentlichkeit für die Diplomaten gerade dort schwierig, wo ein Gegner über Vertrauen stiftende Interaktionsformen zu Zugeständnissen bewegt werden sollte – unter beidseitiger Gesichtswahrung. Wie gestaltete sich das Verhältnis von Geheimnis und Öffentlichkeit? Ausgerechnet das Konferenzwesen erwies sich bereits vor 1914 als Ort, an dem der Konflikt zwischen der „Logik des Arkanums“ und der Logik der um politische Teilhabe an der Formulierung von Außenpolitik ringenden bürgerlichen Öffentlichkeit immer prononcierter ausgetragen wurde.
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So hatte die Erste Haager Friedenskonferenz von 1899 – einberufen als diplomatisches Großereignis zur „Organisation des Friedens“ – die „Schiedskonvention zur friedlichen Beilegung von internationalen Streitigkeiten“ erarbeitet.33 Diese kodifizierte die diplomatische Methode der Mediation, richtete internationale Untersuchungskommissionen ein und begründete den internationalen Haager Schiedsgerichtshof – eine erhebliche Leistung für die Prozeduralisierung von Außenpolitik und Konfliktregelung. Einerseits konnte die Diplomatie den universellen Geltungsanspruch ihrer Methoden bei dieser Gelegenheit durch einen völkerrechtlichen Vertrag untermauern. Andererseits schienen sich hier für einen Moment tatsächlich die Türen des Arkanums zu öffnen, drangen doch Rechtsexperten in die ureigenste Domäne der Diplomatie ein – bei immens hoher öffentlicher Aufmerksamkeit von Seiten der internationalen Friedensbewegung. Die Integration Dritter in die diplomatische Verhandlung sahen Berufsdiplomaten durchaus als eine Multilateralisierung der Diplomatie, auch wenn für sie weiterhin der Grundsatz „Macht vor Recht“ Geltung behielt.
In Algeciras erzwang die deutsche Regierung 1906 dann eine internationale Konferenz, um die französische Regierung vor den Augen der Öffentlichkeit zu den bis dahin ausgebliebenen Absprachen über Interessensphären in Marokko zu bewegen. Damit schuf sie den Typus der „offensiven Konferenz“:34 Erstmals war eine internationale Konferenz nicht mit dem Ziel der Problemlösung, sondern als öffentliches Druckinstrument einberufen worden, was als Instrumentalisierung, wenn nicht Pervertierung des Anspruches auf Offenlegung diplomatischen Handelns verstanden werden konnte. Die Tatsache, dass einvernehmliche Marokkoabsprachen zwischen Deutschland und Frankreich nach der Konferenz von Algeciras in klassischer Face-to-Face-Verhandlung erfolgen würden und ein Schiedsverfahren vor dem neuen Haager Schiedsgerichtshof nur noch durchgeführt wurde, um den Streitgegenstand in der öffentlichen Wahrnehmung von der politischen Agenda zu tilgen, zeigt, wie schwierig sich das Verhältnis zwischen Diplomatie und Öffentlichkeit weiterhin gestaltete.35
Die Kritik am Stil, in dem Diplomaten Außenpolitik betrieben, verstärkte sich bei Kriegsbeginn weiter – in dem Moment nämlich, als es der Diplomatie bei stetem Oszillieren zwischen Kooperation und Konflikt nicht mehr gelang, Konflikte lokal zu begrenzen wie noch im Fall der Balkankriege, und die diplomatische Mission der Friedenswahrung damit gescheitert war. Die Verantwortlichkeit für den Krieg wurde bei der Diplomatie und ihren inadäquaten Methoden gesehen: „Potentates, diplomatists and militarists made this war“, so der britische Pazifist E.D. Morel im September 1914.36 In der Zeitschrift der Union of Democratic Control bezeichnete Harold Grenfell, Marineattaché der britischen Botschaft in St. Petersburg von 1912 bis 1917, die Diplomatenkaste als diskreditiert durch „its methods, its archaic outlook upon life, the education, election and training of its officials, its complacent self-sufficiency in face of shattering exposures of ignorance and incompetence“.37 Im Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik stand jene „Geheimdiplomatie“, welche die ihr erteilten Handlungsvollmachten missbraucht habe. Diplomatische Verhandlungen fänden „hinter verschlossenen Türen“ statt – „hinter dem Rücken“ des Volkes, aber auf dessen Kosten.38 Geheime Abmachungen stellten sowohl eine „Bedrohung der Sicherheit eines Staats“ als auch „einen Verrat des nationalen Vertrauens“ dar.39 Der Vorwurf gegen die Diplomatie, nicht (mehr) zum allgemeinen Wohl und zum Besten des Staats zu handeln, wog schwer.40 Die Konsequenz war eine fundamentale Vertrauens-, Legitimations- und damit Repräsentationskrise der Diplomatie. Würden sich Diplomaten nun „aus säbelrasselnden Staatsmännern in Völkeradvokaten verwandeln“, die die Belange ihrer Völker zu verhandeln wüssten? Oder würde der „Berufsdiplomat“ in Zukunft „eine Anomalie in der demokratischen Gesellschaft“ darstellen? Würden an seine Stelle „neue Formen und Verfahrensweisen für die auswärtigen Beziehungen“ treten, die „besser zu diesem Typ der politischen Gemeinschaft passen“?41 Fraglich war also, wie sich in Zukunft das Verhältnis zwischen Diplomatie und Gesellschaft gestalten sollte und welche neuen diplomatischen Handlungsformen entstehen würden.
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Das amerikanische Friedensprogramm knüpfte an diese Kritik der europäischen Friedensbewegung an. Es griff Forderungen linksliberaler Gruppierungen und Intellektuellenkreise sowie der britischen Gewerkschaften, der Labour-Partei und der Union of Democratic Control auf.42 Wilsons Vierzehn-Punkte-Programm war von seinem Peace Inquiry Bureau unter maßgeblicher Beteiligung des Journalisten Walter Lippmann erarbeitet worden, einem der späteren Begründer der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Lippmann hatte schon länger propagiert, man müsse Außenpolitik nicht in der Sprache von Sonntagsreden formulieren, sondern verständlich und zugänglich für alle: „So long as foreign politics is reserved for evenings and Sundays democracy will discuss baseball and remain perfunctory. And behind the apathy of the public an invisible diplomacy will be carried on, directed by a small class with special interests and abetted by the routine complacency of old-fashioned diplomats. [...] If people have to declare publicly what they want and why they want [it], they cannot be altogether ruthless.“43
Der aufklärerische Impetus spiegelte sich erkennbar im amerikanischen Friedensprogramm, das sich zudem aus christlichem Gedankengut, politikwissenschaftlichen Vorstellungen von „sozialer Ordnung“ („social order“) und aus US-republikanischen Gründungstexten speiste:44 Immer wieder hatte sich Wilson nämlich in seinen Ansprachen zur Darlegung amerikanischer Friedensziele auf jene US-Gründungstexte bezogen, die „trusteeship“ thematisierten, das heißt die Legitimität politischen Stellvertretungshandelns und Transparenz als Grundlage des politischen Mandats. Seine Absage an Geheimverträge begründete er damit, dass Absprachen nur mit Billigung der Völker nach Prinzipien der Ehre und des Rechts erfolgen könnten, so dass wahres gegenseitiges Vertrauen („true mutual trust“) entstehen könne. Zwar sollten damit partikulare Handlungsmaximen der amerikanischen Innenpolitik auf die internationale Außenpolitik/Diplomatie übertragen werden.45 Dass es dabei im Kern um die Legitimierung jeglicher (internationaler) Politik durch die (Welt-)Öffentlichkeit ging, ließ die Vierzehn Punkte mit ihrem Slogan einer „neuen, für alle sichtbaren Diplomatie“ jedoch gemeinhin als Versprechen und Chance auf eine Neubegründung der Diplomatie erscheinen. Auch Berufsdiplomaten teilten diese Hoffnungen.46
Die Hoffnung wich indes sowohl auf Seiten der Öffentlichkeit als auch unter Diplomaten bald der Enttäuschung. Einige Themen wie die Schaffung des Völkerbunds und der Internationalen Arbeitsorganisation, Kriegsschuld und Reparationen sowie die für das Konferenzwesen des 19. Jahrhunderts so wichtige Regelung der Wasserwege wurden im Plenum der am 18. Januar 1919 eröffneten Friedenskonferenz diskutiert. Als zentrales Gremium erwies sich jedoch der Oberste Rat, ein Nachfolgeorgan des Supreme War Council der Kriegszeit, der sich die Entscheidung über alle territorialen Angelegenheiten vorbehielt.47 Trotz umfangreicher Vorbereitungen der auswärtigen Dienste gewann somit nicht die Diplomatie die Oberhand, sondern die Ad-hoc-Entscheidungsstruktur des Obersten Rats – mithin ein Steuerungsgremium von Politikern, „Männern der Tat“, so der französische Premier Clemenceau, die dem Volk unmittelbar verantwortlich waren und daher Vorrang vor Diplomaten als „Männern des Wortes“ erhielten.48
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Der Oberste Rat hatte sich bei Konferenzbeginn für eine „elastische“ Zusammensetzung entschieden und umfasste üblicherweise neben den fünf Premiers bzw. Staatschefs der Hauptalliierten und deren Außenministern als „Zehnerrat“ je nach Bedarf eine Reihe technischer Experten und Sekretäre – zum Teil bis zu 53 Personen, was die Wahrung der Vertraulichkeit bei besonders kontroversen Themen in den nationalen Öffentlichkeiten fast unmöglich machte.49 Clemenceau traute sich zum Beispiel bis Ende März 1919 nicht, die für die französische Sicherheitspolitik so relevante Rheinlandfrage in der Zehnerrats-Konstellation anzusprechen. Aus Sorge um folgenreiche Indiskretionen gegenüber der Presse und in der Annahme, dass Konzessionen bei der Gestaltung des Friedensvertrags unter den Alliierten wohl doch nur in der vertrauenswahrenden Sphäre der Verhandlungen von Angesicht zu Angesicht möglich sein würden, schlug Wilson daher vor, das Entscheidungsgremium auf einen Vierer-Rat aus Clemenceau, dem britischen Premierminister Lloyd George, dem italienischen Außenminister Sonnino und ihm selbst zu beschränken und nicht den Verhandlungsverlauf, sondern allein das Verhandlungsergebnis öffentlich zu machen.50 So wurde eine Friedenskonferenz von rund 10.000 Teilnehmern im Prinzip auf Acht-Augen-Gespräche reduziert, die unter Ausschluss der Presse stattfanden: „Il fallait l’unanimité, c’est-à-dire, jusqu’au dernier moment, la liberté pour chacun d’évoluer et de se mouvoir, sans fermer la voie aux réciproques concessions, dont seules pouvait sortir la conclusion. Par conséquent, il fallait le secret.“51
Bereits im Obersten Rat kam den Staatsmännern und nicht mehr den Diplomaten die zentrale Führungsposition zu. Dennoch erkannten die Staatsmänner, dass ein Handeln nach diplomatischen Gewohnheiten – zur Vertrauenswahrung in Formen der Geheimdiplomatie – für das Gelingen der Konferenz notwendig war. An die Stelle der Diplomaten trat damit die Konferenzpolitik der Staats- und Regierungschefs, auch als „personal diplomacy“ oder „diplomacy by conference“ bezeichnet,52 deren Politikstil die Methoden diplomatischen Handelns fortsetzte – nur eben ohne Berufsdiplomaten. Im Ergebnis fanden sich damit Presse und Öffentlichkeit in den Friedensverhandlungen ebenso marginalisiert wie die Berufsdiplomatie.
Wie verhielt es sich dann aus Sicht der Diplomatie mit dem Grundsatz Wilsons, Verträge sollten von nun an immer offen und für alle sichtbar geschlossen werden? Auch dieses Versprechen der Vierzehn Punkte blieb unerfüllt. Nicht einmal der Friedensvertrag mit Deutschland entstand in öffentlicher Aushandlung, sondern ohne den Kriegsgegner allein unter den Alliierten; nur das Ergebnis sollte der deutschen Delegation präsentiert werden. Dieser Friedensvertrag war hinter verschlossenen Türen und nicht vor den Augen der Weltöffentlichkeit zustande gekommen, obwohl der Vertrag doch eine neue Weltordnung begründen sollte. In der Wahrnehmung der Diplomaten war eine Chance auf Neubegründung ihrer Rolle vertan, denn ein Friedensschluss nach allen Regeln der diplomatischen Kunst hätte ihrem Stellvertretungshandeln neue Legitimation verleihen können. Der Anspruch, durch Transparenz von Entscheidungsprozessen das im Krieg fundamental erschütterte Vertrauen wiederherzustellen, wurde nicht eingelöst. Wie sehr sich die Grundlagen diplomatischen Handelns verändert hatten, zeigen die Übergabe der Friedensbedingungen an die deutsche Delegation (7. Mai 1919) sowie die Unterzeichnung des Friedensvertrags zwischen den Alliierten und Deutschland im Spiegelsaal von Versailles (28. Juni 1919).
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3. Das Ende einer gemeinsamen Sprache der Diplomatie: Die Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrags
Die am 18. Januar 1919 eröffnete Friedenskonferenz war zunächst lediglich zur Vorbereitung der Friedensbedingungen gedacht, die auf dem folgenden Friedenskongress dann zwischen den Kriegsgegnern verhandelt werden sollten. Die Komplexität der Materie und der Wunsch, die wichtigsten Fragen einvernehmlich unter den Alliierten vorab zu klären, bevor sie dem deutschen Kriegsgegner präsentiert, mit ihm diskutiert und damit unter Umständen auch zur Disposition gestellt würden, bedingten jedoch, dass die ursprünglich vorgesehene Zweiteilung in Konferenz und Kongress aufgegeben wurde und am Ende Friedenskonferenz und -kongress zusammenfielen.53 Der deutschen Delegation, die mit 180 Personen offensichtlich in der Erwartung direkter Verhandlungen angereist war, wurde ein fertiger Friedensvertrag übergeben. Anstelle einer Reihe von Verhandlungen existierten daher nur zwei Gelegenheiten für eine direkte offizielle Begegnung zwischen Alliierten und deutscher Delegation, nämlich bei Vertragsübergabe und -unterzeichnung. Die „alte“ Diplomatie kannte Regeln, wie üblicherweise mit dem „Feind“ nach kriegerischen Auseinandersetzungen umzugehen sei, basierend auf den Haltungs- und Verhaltenserwartungen der gemeinsamen Sprache diplomatischer Interaktion. Wie sehr diese Interaktionsregeln durch den Ersten Weltkrieg als gesamtgesellschaftliche Krisenerfahrung und Propagandaereignis erschüttert worden waren, zeigen die Wahrnehmungen von Delegierten der alliierten und der deutschen Seite bei beiden Anlässen.
Bereits in seiner Eröffnungsrede am 18. Januar 1919 verabschiedete sich der französische Präsident Raymond Poincaré durch eine Radikalisierung der Sprache von den üblichen Handlungsgrundlagen: „Was Ihnen die Autorität verleiht, einen Frieden der Gerechtigkeit zu schaffen“, so formulierte er vor den Vertretern der alliierten und assoziierten Mächte, „ist die Tatsache, dass keines der von Ihnen vertretenen Völker irgendeinen Anteil hat an diesem Verbrechen, das zu einem noch nie dagewesenen Unheil geführt hat [...]. Die Menschheit kann Ihnen vertrauen, denn Sie gehören nicht zu denjenigen, die die Menschenrechte verletzt haben.“54 „Verbrechen“ und „Unheil“ sowie der Vorwurf der Verletzung der Menschenrechte verwiesen deutlich auf die Eskalation der Gewalt und auch der politischen Rhetorik im Zuge des Weltkriegs. Wie sehr die Friedensverhandlungen wechselseitig „von Elementen des Symbolischen, von Machtdemonstration und Totalverweigerung“ durchwirkt waren, wie unterschiedlich allein Deutsche und Franzosen den Krieg erlebt hatten, wie sehr diese „Asymmetrien“ in der Wahrnehmung die Friedensstrategien der Mächte beeinflussten, hat Gerd Krumeich anschaulich gezeigt.55
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Schon während der ersten Begegnung zwischen der alliierten und der deutschen Delegation bei der Übergabe der Vertragsbedingungen am 7. Mai 1919 wurde der Wandel deutlich. Anlass zu intensiver Diskussion unter den Alliierten boten hier nicht nur Stil und Inhalt der Replik des deutschen Außenministers und Delegationsleiters Brockdorff-Rantzau („insolent beyond description“56), sondern vor allem seine Haltung („unverschämt und unbußfertig“,57 „eine ungeheuerliche Provokation“58). Im Gegensatz zu Clemenceau zuvor hatte Brockdorff-Rantzau sich zu seiner Rede nicht erhoben. Anders als es das Erheben von den Plätzen und das beiderseitige Verbeugen bei Einzug in den Verhandlungsraum noch hatten vermuten lassen, schienen nun einvernehmliche Verhandlungen auf der Grundlage einer geteilten Ordnung nicht mehr möglich zu sein.59 Zwar stellte diese wechselseitige Provokation zweifellos eine weitere Etappe auf der Eskalationsspirale dar; allerdings blieb diese bewusste Missachtung noch im Rahmen der Handlungslogik der „alten“ Diplomatie, indem sie das System der Anerkennung lediglich negativ auflud und dadurch umkehrte. Anders verhielt es sich hingegen bei der Unterzeichnung des Friedensvertrags, der zweiten Gelegenheit direkter Interaktion zwischen alliierter und deutscher Delegation – einer für den Verlust gemeinsamer Handlungsformen diplomatischer Interaktion im 20. Jahrhundert geradezu paradigmatischen Szene.
Schenkt man den Wahrnehmungsgewohnheiten diplomatischer Repräsentanten und ihren Veränderungen besondere Aufmerksamkeit, offenbart dies Überraschendes: Alliierte und deutsche Delegierte erlebten die Vertragsunterzeichnung im Spiegelsaal von Versailles in zentralen Punkten offenbar sehr ähnlich60 – Eindrücke, die sich folglich nicht durch ein Freund-Feind-Schema erklären lassen, sondern vielmehr auf die gemeinsamen Grundlagen der Wahrnehmung selbst verweisen. Von einer neuen Omnipräsenz der Medien, die allwissend den Gang der Verhandlung begleitet und nach ihren eigenen Bedingungen gesteuert hätten, kann für das Jahr 1919 indes noch keine Rede sein. Denn in dieser Welt war selbst die Presse neu: Bislang hatte noch kein Friedensschluss unter so breiter Anwesenheit verschiedenster Personengruppen stattgefunden. Die Diplomaten blickten mit Nachdenklichkeit auf die Planung einer solchen Zeremonie, die die Diplomatie üblicherweise intern im kleinen Kreis unter Bedingungen der Face-to-Face-Interaktion beging.61 Die Ausweitung des Teilnehmerkreises über Diplomaten, Politiker, Staatsmänner hinaus, die Präsenz von Presse und Experten aus den verschiedensten Ministerien bewirkte, dass der Spiegelsaal vollkommen überfüllt war: „Es müssen Plätze für über tausend Menschen da sein. Das nimmt der Zeremonie alles Besondere und daher alle Würde. Es wirkt wie ein Konzertsaal.“62 Es handelte sich um eine Massenveranstaltung; dies veränderte den Charakter der Zeremonie grundlegend. Erstmals verfolgte auch eine Filmkamera einen Friedensschluss, was entscheidend zur Irritation der Akteure beitrug.63 So kommentierte Frances Stevenson, die Sekretärin Lloyd Georges: „How can you concentrate on the solemnity of a scene when you have men with cameras in every direction, whose sole object is to get as near as they can to the central figures?“64
Anders als von den alliierten Beobachtern erwartet, fehlten im Verlauf der Unterzeichnung „Zeremonielles“, „Würde“ und „Ritterlichkeit“.65 Enttäuscht notierte der amerikanische Diplomat und Präsidentenberater Edward House: „To my mind it is out of keeping with the new era which we profess an ardent desire to promote. I wish it would have been more simple and that there might have been an element of chivalry, which was wholly lacking.“66 Auch der britische Diplomat James Headlam-Morley und Lord Riddel, Lloyd Georges Presse-agent, hielten die Zeremonie für „[not] really well done“ und „from a spectacular point of view very badly arranged“.67 Dies betraf nicht nur die beschränkten Sichtverhältnisse durch die große Zuschauerzahl, sondern begann schon damit, dass die Menschenmassen geradezu „beiläufig“ in den Saal strömten. Die Atmosphäre im Spiegelsaal veränderte sich durch die Menschenmenge so sehr, dass der Verlauf nicht mehr der gewohnten Aufmerksamkeitslenkung diplomatischer Interaktion entsprach. In der Diplomatie des 20. Jahrhunderts waren offensichtlich andere Formen von Wahrnehmung und Performanz – visual bzw. ceremonial literacy68 – gefordert.
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James Headlam-Morley kommentierte enttäuscht den Moment, in dem die deutsche Delegation nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags wieder aus dem Spiegelsaal geleitet wurde: „Nobody got up or took any notice of them, and there was no suggestion that, the peace having been signed, any change of attitude was to be begun. Looking back, the whole impression seems to me, from a political point of view, to be desastrous.“69 Die Zeremonie konnte in diesem wesentlichen Punkt nicht das leisten, was zeitgenössische Diplomaten von einer symbolischen Handlungsform erwarteten. Sie entfaltete selbst in den Augen alliierter Teilnehmer keine Kraft als Indikator und Faktor einer Transition vom Krieg zum Frieden: „Just the necessary note of reconciliation, of hope, of change of view, was entirely wanting.“70 Bei der Unterzeichnung des Friedensvertrags ging es eigentlich darum, die Grundlage für eine neue friedliche Weltordnung zu legen und nicht die ultimative Demütigung des Gegners herbeizuführen. Das Scheitern der performativen Funktion war auch für die nachfolgenden Jahre ein stark belastender Faktor.
Die Besonderheit des Friedensschlusses im Spiegelsaal von Versailles wurde noch an einem anderen Beispiel deutlich: Clemenceau hatte explizit die Anwesenheit von Vertretern des Militärs gewünscht, so dass neben einigen Generälen auch einfache Soldaten geladen waren. Auf seine Veranlassung war zudem eine Delegation von fünf schwerstgesichtsversehrten französischen Soldaten, so genannte Gueules cassées, in unmittelbarer Nähe des Tischs der Großen Vier platziert worden.71 Als Clemenceau den Saal betrat und den Gesichtsversehrten die Hand schüttelte, veränderte sich für einen Moment die Atmosphäre: „[…] cet hommage, rendu à ceux dont le courage et les sacrifices avaient assuré la victoire, fit passer un courant d’émotion dans l’atmosphère de la galerie.“72
Die Anwesenheit der Gesichtsversehrten sollte offenbar zwei Funktionen erfüllen: Erstens sollten sie die Grausamkeit des Kriegs unmissverständlich vor Augen führen. Ihr Leid stand für den Einsatz der siegreichen französischen Nation, weshalb der Versailler Vertrag ihnen als moralische und symbolische Wiedergutmachung sowie als „Rechtfertigung für das erlittene Leid“ dienen sollte.73 Als „aufrechte Zeugen des Kriegs, Kläger und Richter“74 verkörperten sie den Artikel 231 des Versailler Vertrags (meist als „Kriegsschuldartikel“ bezeichnet). In diesem Sinne war das Arrangement zweitens als Demonstration gegenüber dem deutschen Kriegsgegner gedacht, gewissermaßen als Geste der nachholenden (Augen-)Zeugenschaft.75 Die Gesichtsversehrten waren im Spiegelsaal offenbar so platziert worden, dass die deutsche Delegation den Versailler Vertrag mit den Gesichtsversehrten im Rücken unterzeichnen sollte.76 Über die Reaktion der Anwesenden – der Alliierten und der deutschen Delegierten – ist leider nichts Genaueres bekannt.77 Es existiert nur eine einzige Zeichnung der Gueules cassées im Spiegelsaal, die das volle Ausmaß der Verletzungen bei diesen Mehrfachversehrten gar nicht klar erkennen lässt, und auch der Blickwinkel der Filmkamera hat sie nicht erfasst.78
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In der Begegnung zwischen den Kriegsgegnern stellte die Inszenierung der Gueules cassées nur noch den letzten Schritt und das visuelle Gegenstück zu den verbalen Auseinandersetzungen dar. Die Unterzeichnung des Friedensvertrags verließ mit dieser Inszenierung die herkömmlichen zeremoniellen Modi und Erwartungshaltungen der diplomatischen Welt vor 1914. Dazu gehört zuallererst der schwer einlösbare Anspruch Clemenceaus, die Gesichtsversehrten sollten den Körper der Nation darstellen. Wie aber sollte diese Repräsentation unter den Bedingungen eines versehrten Körpers aussehen? Die nationalstaatliche Affirmation und Sinnstiftung hakten erheblich, weil die Entstellungen so fundamental waren, dass sie sich kaum als Identitätsangebot eigneten.79 Im emblematischen Einsatz der Gesichtsversehrten lag eine ungeheure Vehemenz des bildlichen Ausdrucks, die zwar der Bildpropaganda des Ersten Weltkriegs entsprach, aber in der Diplomatie gänzlich neu war. Im Ersten Weltkrieg als medialisiertem Krieg hatte sich das Visuelle zu „einem eigenen Kampffeld“ herausgebildet. Die Entgrenzung der Gewalt war mit Wort und Schrift allein auch nach Kriegsende nicht mehr fassbar.
Wie emblematisch die Gueules cassées im Spiegelsaal für die Krise der Diplomatie sind, ergibt sich aus dem hohen Stellenwert, den Körperhaftigkeit in der Face-to-Face-Interaktion der ‚alten‘ Diplomatie einnahm. Was Gesichtsversehrte nämlich von anderen Schwerstverwundeten unterscheidet, hängt mit der besonderen Bedeutung des menschlichen Antlitzes als Ausdruck von Individualität zusammen. Bei einer Gesichtsverletzung, so der Anthropologe David Le Breton, stimmt das Erwartungssystem des sozialen Umfelds nicht mehr. Mit der Verwundung brach für die Gesichtsversehrten und ihr Umfeld das gewohnte Koordinatensystem der Körperwahrnehmung als Basis der Interaktion zusammen, so dass sich in der Begegnung mit den Mitmenschen erst neue Formen der Interaktion herausbilden mussten.80
Die „Urkatastrophe“ des Ersten Weltkriegs81 traf die Gesellschaften insgesamt, die Diplomatie aber in spezifischer Weise. Die Grundlagen diplomatischer Interaktion waren erschüttert, Formen der Verkörperung nie wieder ungebrochen zu denken. Wie sollten sich angesichts dieser Brucherfahrung in Zukunft Ehre, Würde und Vertrauen als unverzichtbares Unterpfand diplomatischen Handelns in einer „neuen Diplomatie“ generieren und ausdrücken lassen?
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4. Ausblick
Warum erreichten die Pariser Friedensverhandlungen die erhoffte Transition vom Krieg zum Frieden nur unvollkommen: Verlangte die Öffentlichkeit die Verurteilung oder gar Demütigung des Verlierers? Lag es an der gewählten Methode der „diplomacy by conference“? Oder scheiterten die Diplomaten, weil sie durch den Kriegsausbruch diskreditiert waren und folglich als Verhandlungspartner nicht mehr die vorherige Autorität und Funktion besaßen?
Die Antwort mag zunächst paradox klingen: Die Pariser Friedenskonferenz als Testfall einer „neuen“ Diplomatie war nicht erfolgreich, weil nicht diplomatisch verhandelt wurde. Die Entscheidung gegen einen genuin diplomatischen Verhandlungsmodus allerdings lag darin begründet, dass sich seit 1914 eine Reihe von Bedingungsfaktoren der Verhandlungskultur grundlegend verändert hatte. Nicht diese Faktoren an sich, sondern vor allem das Verhältnis und die Gewichtung zwischen ihnen mussten neu austariert werden, was den beteiligten Diplomaten durchaus bewusst war. Diplomatisches Handeln war zwar bereits vor 1914 deutlich schwieriger, vielgestaltiger und unruhiger geworden, als dies die (Auto-)Suggestionen der Berufsdiplomatie bisweilen glauben machen wollten. Die fehlende Orientierungssicherheit in der diplomatischen Lebenswelt nach dem Ersten Weltkrieg besaß indes noch größere Dimensionen.
Krisenhafte Ereignisse machten nun nicht mehr vor der Tür des Arkanums halt; vielmehr wurde die Diplomatie in ihren Interaktionsformen selbst von ihnen erfasst. Auf der Pariser Friedenskonferenz fielen langfristige, strukturelle Veränderungen der Diplomatie und tiefe Brüche durch die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs zusammen. Das Ausmaß des Weltkriegs – nicht zuletzt der Kriegspropaganda – machte die Rückkehr zu einer traditionellen Verhandlungsweise der Welt von vor 1914 schwer, wenn nicht unmöglich. In der Wahrnehmung der zeitgenössischen Diplomaten war die Pariser Friedenskonferenz zwar in den herkömmlichen Modi anvisiert worden. Im Laufe der Konferenz gelangten sie indes zur Erkenntnis, dass diese Selbstverständlichkeiten durch den Krieg offensichtlich verlorengegangen waren. Während vor dem Krieg, so Gordon A. Craig, der „Rahmen der Gespräche untereinander […] einheitlich“ war „bis zu einem Grade, der jeder am Weltgeschehen in bedeutenderem Maße beteiligten Regierung die Gewissheit gab, dass ihre Äußerungen von den anderen so verstanden wurden, wie sie gemeint waren“, konnte ab 1918 von einem solchen Einverständnis nicht mehr ausgegangen werden: „Die Nationen akzeptierten nicht mehr länger die gleichen Normen internationalen Verhaltens.“82 Der Umgang mit Gewalt- und Krisenerfahrungen sowie die Suche nach einer gemeinsamen Handlungsbasis mögen so als neuer Universalismus der Diplomatie im 20. Jahrhundert aufscheinen.
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Der Verlust der Interaktionsgrundlagen der Diplomatie bedeutete auch, dass eine zentrale Option im Friedensprozess 1919 wegfiel: nämlich diejenige eines Friedensschlusses mit der Möglichkeit, das „Gesicht“ zu wahren. Die Akten der auswärtigen Dienste der Zwischenkriegszeit sind übervoll von den Bemühungen, diese Grundbedingung diplomatischen Verhandelns als Option zurückzugewinnen – im Ringen um jede Möglichkeit zur Interaktion unter Anwesenden. Die Diplomatie musste zu einem neuen Kommunikationsmodus finden, der es erlauben würde, sich unter den deutlich veränderten Bedingungen wieder von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten zu können. Dies wurde ein Grundthema für die Diplomatie(n) der Demokratien und Diktaturen des 20. Jahrhunderts.
Dazu gehörte auch, dass sich die Diplomatie in der Wahl adäquater Organisations- und Darstellungsformen einen ganz neuen Umgang mit Öffentlichkeit und demokratischer Legitimierung von Außenpolitik zu erschließen hatte. Die Kontroversen um „alte“ und „neue“ Diplomatie auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 zeigten, dass eine Medialisierung von Politik nicht in der Medialisierung von Entscheidungsfindung bestehen würde. Politik in den Medien würde immer inszenierte Politik sein müssen. Da das „Arkanum“ durch den Krieg diskreditiert war – Diplomaten wurden schließlich für die Schrecken des Kriegs verantwortlich gemacht –, wurden die „alten“ Diplomaten durch „neue“ Staatsmänner ersetzt, die jedoch sehr schnell gleichfalls hinter verschlossenen Türen verhandelten. Für Diplomaten bedeutete dies, dass sie eine ihrer zentralen Kompetenzen – nämlich ihr Handeln als Stellvertreter – nicht mehr zur Legitimation ihres Berufsstands darstellen und nutzen durften. Ein veränderter Umgang mit Medien war daher unabdingbarer Teil der „neuen“ Diplomatie.
Die Aneignung neuer (massen)medialer Formen stand noch bevor – ein Weg, auf den sich Harold Nicolson, britischer Diplomat, Delegierter der Friedenskonferenz und Historiker, in seinen Aufzeichnungen der Pariser Friedenskonferenz begab, wenn er meinte, dass „einzig und allein durch einen Film“ ein wirklicher Eindruck der Pariser Friedenskonferenz vermittelt werden könne. Ebenso wie Nicolson als Diplomat und Historiker durch die Zweiteilung seiner Aufzeichnungen in einen Tagebuch- und einen Darstellungsteil („As it seemed then“/„As it seems now“ überschrieben) mit den Textsorten historischer Analyse und dem Perspektivwechsel arbeitete, zeugt seine Beschreibung der Friedenskonferenz und ihrer Organisation von diesem Bemühen um Aneignung neuer medialer Modi.83 Gerade Nicolson beschäftigte sich intensiv mit der beginnenden wissenschaftlichen Erforschung von Außenpolitik (im Royal Institute of Foreign Affairs) und setzte sich zugleich für eine Popularisierung dieses Wissens in einer breiten Öffentlichkeit ein.84 Ebenso wie sein französischer Kollege Jules Cambon schrieb er nicht nur Handbücher der Diplomatie, sondern erläuterte deren Handlungsgrundlagen und Methoden auch immer wieder in Vorlesungen, Radio- und Fernsehinterviews sowie Presseartikeln – so noch in der Erstausgabe von „Le monde diplomatique“ im Jahr 1954. In seinem Leitartikel mit dem Titel „Diplomatie ancienne, diplomatie nouvelle“, der ein Foto des damaligen britischen Botschafters in vollem tradi-tionellem Habit bei seiner Akkreditierung rahmte, versuchte Nicolson Licht ins Arkanum zu bringen und dennoch vor allem eins zu unterstreichen: dass das Fundament erfolgreicher Diplomatie stets die vertrauensvolle Interaktion von Angesicht zu Angesicht sei.
Verena Steller, Zwischen Geheimnis und Öffentlichkeit. Die Pariser Friedensverhandlungen 1919 und die Krise der universalen Diplomatie, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 8 (2011), H. 3, URL: http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Steller-3-2011 Beim Zitieren einer bestimmten Passage aus dem Aufsatz bitte zusätzlich die Nummer des Textabschnitts angeben, z.B. 12 oder 14–16.