Ein Museum des Kalten Krieges – oder eine Dokumentation von Teilung und Verflechtung?

Anmerkungen

„The Cold War was many things to many people. It was a division of the world into two hostile camps. It was a polarization of Europe in general, and of Germany in particular, into antagonistic spheres of influence. It was an ideological contest, some said between capitalism and communism, others said between democracy and authoritarianism. It was a competition for the allegiance of, and for influence over, the so-called Third World. It was a game of wits played out by massive intelligence organizations behind the scenes. It was a struggle that took place within each of its major adversaries as supporters and oppo-nents of confrontation confronted one another. It was a contest that shaped culture, the social and natural sciences, and the writing of history. It was an arms race that held out the possibility - because it generated the capability - of ending civilization altogether. And it was a rivalry that even extended [...] beyond the bonds of earth itself.“1

Das schrieb der bekannte US-Historiker John Lewis Gaddis vor sechzehn Jahren. Seither hat er sich mit einem knappen, gut geschriebenen Textbook als ein führender Vertreter triumphalistischer Tendenzen hervorgetan,2 was seiner Reputation zumal unter der Präsidentschaft von George W. Bush, der ihm zuhörte, nicht schadete. Ich hatte Gelegenheit, seiner Präsentation des Buches im Woodrow Wilson Center in Washington beizuwohnen. Dort erklärte er, warum das Cover weiß blieb: Der Verleger habe eine Atomwolke abbilden wollen - aber „no way“, das sei viel zu einfach. Ebenso Stacheldrahtsymbole, gegeneinander gerichtete Waffen von Artillerie bis hin zu Raketen: Das sei ebenfalls alles zu einfach. Schließlich war es der Gedanke an eine antike Vase, auf der Achill und Ajax die Waffen zerbrachen - eine Konfrontation und ihr Ende. Gaddis - so kolportierte er - blieb hart: Dann würde man sein Werk wohl für einen Beitrag zur Alten Geschichte halten? Es sei also nur der weiße Umschlag ohne Illustration geblieben. Bei der deutschen Fassung allerdings hat Gaddis offenbar nicht aufgepasst: Auf dem sonst weißen Umschlag der Siedler-Ausgabe von 2007 ist unten die Quadriga des Brandenburger Tores angeschnitten abgebildet, auf dem Cover der Pantheon-Ausgabe von 2008 ist dann doch noch eine Atomwolke zu sehen.

Was soll diese Geschichte? Es zeigt sich, dass der Kalte Krieg komplex war, dass er ungeheuer viele Facetten hatte, die je nach Zeit und Ort zusammenkamen.3 Aus Komplexität kann man aber sehr leicht Totalität machen; dann durchdrang diese Auseinandersetzung alle Bereiche, und es war die „Vorstellung, sich in einem ‚totalen Krieg‘ zu befinden, den man aber [...] nicht mit Aufbietung aller, das heißt auch militärischer Mittel führen konnte und die Mehrheit auf diese Weise auch nicht führen wollte“.4 Sieht man es so, dann war dieser Konflikt wie Feinstaub: Er drang in alle Ritzen und hatte eine erschreckende Fähigkeit, sich dort auch länger zu halten. Es macht keine Schwierigkeiten, dafür Anekdoten zu finden, skurrile Gegenstände, aber auch mentale Aufladungen von Bedrohung, Angst und Überlebenswillen. Das alles kann man in einer Ausstellung präsentieren. Aber trifft eine solche Deutung von „Totalität und Ubiquität des Kalten Krieges“ zu,5 muss sie jetzt und heute kanonisiert werden? Gibt es nicht zentrale und periphere Elemente, über deren Verknüpfung noch längst nicht alles gesagt und geschrieben ist? Wie sinnvoll ist derzeit eine umfassende Darstellung in Berlin?

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In den USA gibt es seit einigen Jahren gerade in konservativen Kreisen Stimmen, die den Cold War als siegreichen Dritten Weltkrieg bezeichnen und gegenwärtig einen neuen, Vierten Weltkrieg propagieren - denjenigen gegen den Terror. Ausdruck dieser triumphalistischen Deutung ist ein schon unter Bill Clinton 1993 (wie üblich aus privater Initiative) initiiertes Cold War Memorial, das im Juni 2007 in Washington eingeweiht wurde. Nunmehr heißt es Victims of Communism Memorial, steht zentral an der Massachusetts Avenue und dokumentiert - zugegebenermaßen auf die ganze Laufzeit des Staatskommunismus ausgedehnt - die geschätzten 100 Millionen Opfer kommunistischer Herrschaft.6 Es stellt die Bronzefassung einer kleinen Gipsstatue dar, welche chinesische Studenten 1989 auf dem Tiananmen-Platz in Beijing errichtet hatten und die bei der Brechung der Demonstrationen von Panzern niedergewalzt wurde. Präsident Bush sagte bei der Einweihung am 12. Juni 2007: „So it’s fitting that we gather to remember those who perished at Communism’s hands, and dedicate this memorial that will enshrine their suffering and sacrifice in the conscience of the world.“7 Bereits seit Jahrzehnten gibt es zudem eine US-Wanderausstellung des in der Nähe von Washington angesiedelten Cold War Museum, das permanent zu werden trachtet.8 Zurückgehend auf Nachkommen des U 2-Piloten Gary Powers, der 1960 über der Sowjetunion abgeschossen wurde, ist es derzeit ganz auf die militärische und geheimdienstliche Seite der Konfrontation zwischen Ost und West zentriert. Dies kann wohl kaum ein Vorbild für Berlin sein, das in keiner Darstellung oder Erinnerung des Kalten Krieges fehlt.

Auch wenn es verschiedene ungenügende oder einseitige Museums- und Gedenkanläufe zum gesamten Kalten Krieg gibt, kann man vielleicht dennoch ein gutes Museum einrichten. Berlin stellt einen der zentralen Plätze dar, an denen der Konflikt selbst entstand, sichtbar wurde und schließlich seine Überwindung vollzogen wurde. Dutzende Buchumschläge zum ganzen Kalten Krieg oder zu Teilaspekten setzen das Brandenburger Tor ins Blickfeld, mit der Mauer und später mit jubelnden Menschen darauf. Die in Beton gegossene Riesenskulptur, die angeblich als „antifaschistischer Schutzwall“ dienen sollte, machte von Vornherein deutlich, dass die Bevölkerung nicht in umgekehrter Richtung das sozialistische Lager an einer prekären Stelle verließ.

Es gibt in Berlin bereits einen zentralen Ort der Sichtbarmachung des Konflikts, nämlich am Checkpoint Charlie. Zwei Ansätze konkurrieren dort: zum einen das „Mauermuseum“ von Rainer Hildebrandt, das die Opfer und Leiden betont; es zeigt Freiheit und Unmenschlichkeit in einer recht privaten und dazu eigenwilligen Gesamtschau. Sodann finden sich zwei Ausstellungen an Zäunen um leere Grundstücke, auf denen gewiss Platz für ein großzügiges Museum wäre. Die dort angebrachte Beschriftung der Checkpoint-Charlie-Bildergalerie des „Berliner Forums für Geschichte und Gegenwart e.V.“, wissenschaftlich beraten von Konrad H. Jarausch, gibt auf den Zauntafeln einen Überblick der Ereignisse: erstens der unmittelbaren Chronologie der Ereignisse an der Mauer, zweitens der weltpolitischen Chronologie (welche auch die Berlin-Krisen einbezieht). Das ist knapp, pointiert und überzeugend präsentiert. Allerdings kann man bezweifeln, dass die Schlaglichter an Krisen und Konfrontationen wirklich Zusammenhänge erkennen lassen. Touristen nehmen sich beider Informationsangebote gleichwohl in Scharen an; das Informationsbedürfnis ist offenkundig.

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Bevor nun aber die Zaunflächen zu einem dreidimensionalen Raumkonzept mit umfassendem Anspruch der Präsentation und Erklärung mutieren, sollte man nochmals prüfen: Ist es wirklich sinnvoll, von einem Gesamtzusammenhang des Kalten Krieges zu sprechen? Gab es nicht unterschiedliche Phasen der Konfrontation und Gewalthaftigkeit, auf deren Differenzierung künftig vielleicht mehr geachtet werden müsste?

Halten wir zunächst fest: Ohne den Zweiten Weltkrieg wäre eine derartige Konfrontation der Supermächte wohl kaum entstanden. Zwar wurde Japans Expansion nach Südostasien und China einerseits und in den Pazifischen Ozean hinein andererseits im Kern von Amerikanern und Briten niedergeworfen. Aber die Nichtbeteiligung der zuvor so erwünschten Sowjetunion am Sieg bildete schon einen Punkt der Entfremdung. Die Sowjetunion hielt sich dem ost-asiatisch-pazifischen Krieg bis Jalta angesichts ihres Existenzkampfes in Europa fern. Und es war nur dieser nationalsozialistische Expansions- und Vernichtungskrieg, der Deutschland auf mittlere Sicht als nicht mehr friedensfähig erscheinen ließ. Daher war der Kampf der so ungleichen Kriegskoalition bis zur vollen Kapitulation erforderlich - nur deshalb trafen sich Ost und West in der Mitte Europas, in der Mitte Deutschlands und eben auch mitten in Berlin. Soll das alles in ein Museum des „Kalten Krieges“ hinein?

Eine langfristig wirksame Konfrontation war am Ende des Zweiten Weltkriegs noch nicht unausweichlich. Es waren reale Vorgänge, aber wohl mehr noch deren Perzeptionen, die mit Truman-Doktrin und Marshall-Plan auf der einen Seite, Gründung von Kominform auf der anderen Seite einen Konflikt in Gang setzten, der seit 1948 neue Kriegsgefahren heraufbeschwor. Mit dem regionalen Krieg in Korea ab 1950 drohte der (erste) Kalte Krieg auch in Europa zum Dritten Weltkrieg zu werden. Danach flaute der Ost-West-Konflikt für einige Jahre wieder ab. Doch mit der nuklearen Bewaffnung der Westdeutschen und der sich destabilisierenden DDR setzte seit dem Berlin-Ultimatum Chruschtschows von 1958 ein zweiter Kalter Krieg ein, der wiederum zu eskalieren drohte und nicht zuletzt zum Bau der Mauer führte. Abgelöst wurde der zweite Kalte Krieg von einer Serie peripherer und dann zentraler Rüstungs- und Ausgleichsabkommen (SALT I und II, die Ostverträge der sozialliberalen Regierungen - samt internationaler Absicherung - und die KSZE-Schlussakte von Helsinki 1975 waren die äußeren Höhepunkte).

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Das änderte nichts an der Polarität von Demokratie und Diktatur, Sozialismus und Kapitalismus, aber es gab nun einen Modus vivendi in Europa und darüber hinaus. Aus einem Bündel von Faktoren, die auch mit der sowjetischen und chinesischen Expansion in der „Dritten Welt“ sowie dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1979 zu tun hatten, setzte sich indes eine neue Rüstungskonfrontation durch - die Henne- und Ei-Frage der „Nachrüstung“ scheint mir heute weniger eindeutig beantwortet zu sein, als manche Analytiker mein(t)en. Das war ein dritter Kalter Krieg, der zu nachhaltigen Kriegs- und damit Atomkriegsängsten nicht nur in europäischen Gesellschaften führte. Bekanntlich bewirkte vor allem das Umdenken in der Sowjetunion unter Gorbatschow eine größere Abrüstungs- und Entspannungsbereitschaft. Darin lag eine letztlich entscheidende Bedingung für die friedliche Implosion des bisherigen sowjetischen Imperiums und dann der Sowjetunion selbst.

Endete damit eine Epoche, die in sich abgeschlossen war und keinen Anschluss finden kann? Zeitgenössisch wurde seit dem Fall der Mauer bis in die frühen 1990er-Jahre immer wieder der Begriff „unumkehrbar“ oder „irreversibel“ gebraucht. Dies zielt auf den Untergang zumindest einer der beiden Ideologien ab - des sowjetisch geprägten Kommunismus. Aber gibt es nicht vielleicht ganz andere oder zumindest ergänzende Deutungsmuster? Zur Gegen-wart des Spätsommers 2008 gehörte der Krieg in und um Georgien; Russland agierte oder reagierte mit militärischen Mitteln und Besetzung. Schon wieder ist das zumeist mit einem Fragezeichen versehene Schlagwort eines „neuen Kalten Krieges“ zu lesen. Wiederholt sich Geschichte? Das ist so nicht möglich. Aber der Verweis auf herkömmliche sowjetische oder russische Großmacht-interessen dürfte einige Plausibilität besitzen.

Die uneinheitliche Gegenwart könnte die Perspektive auf den vermeintlich so einheitlichen, hoch ideologisierten „Kalten Krieg“ modifizieren. Ich selbst ziehe es vor, für die Zeit von 1945 bis 1990 von drei Kalten Kriegen in einem andauernden Ost-West-Konflikt zu sprechen.9 In dem halben Jahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges spielten weiterhin traditionelle Großmachtinteressen eine Rolle, die anders gelagert waren als Ideologien „auf dem Marsch“ oder Weltanschauungen. Hat ein wie auch immer geartetes „Konzert großer Mächte“ eventuell doch mehr Erklärungskraft, als es die an UN-Satzung, internationale Verträge oder Menschenrechte gebundenen Vereinbarungen der Staatengemeinschaft und die daraus resultierenden Einordnungen signalisieren?

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Für die westliche Integration und die US-amerikanische Politik wurde zeitgenössisch immer schon der Begriff der „Wertegemeinschaft“ zugunsten von Frieden, Freiheit und Menschenrechten betont. Dass es dabei zugleich um Groß- und Weltmachtinteressen ging, zeigte etwa die Kuba-Krise von 1962. Dies haben nicht nur linke Kritiker immer wieder betont. Ideologie und Großmachtinteresse gingen wohl auch nach 1945 eine komplexe Mischung ein und wurden erst recht mit dem zeitweiligen Übrigbleiben der einzigen Weltmacht seit den 1990er-Jahren immer wieder hervorgehoben. Ist also nur der eine Pol der Ost-West-Konfrontation für eine gewisse Zeit in dieser Rolle alleingelassen worden?

Wenn aber zum Beispiel John F. Kennedy und Ronald Reagan einen je eigenen Ansatz US-amerikanischer Freiheits- und Großmachtvorstellungen verkörperten, so galt das auch für die sowjetische Machtentfaltung. Stalin und Gorbatschow (in den Anfängen) hatten zwar gemeinsam, dass sie auf eine marxistische Ideologie verpflichtet waren, doch liegt es auf der Hand, dass sie eine unterschiedliche Implementierung dieser Ausgangsbasis in Politik versuchten. Gerade jüngere Forschungen von Alexandr Fursenko/Timothi Naftali oder Vladislav Zubok haben gezeigt, wie vorsichtig, ängstlich, Kriege vermeidend auch Chruschtschow und Breschnew über weite Strecken intern argumentierten - und gelegentlich doch expansiv oder aggressiv auftraten.10 Zubok schreibt: „Despite the decay of its belief system and growing cynicism, the Soviet leadership and elites contributed to articulate its international behavior and security interests in both realist and ideological language. But the same ideological factors made the Soviet Union behave in peculiar, even bizarre, ways in international arena.“11 Geoffrey Roberts, einer der besten Kenner sowjetischer Außenpolitik insgesamt, argumentiert gerade für die Zeit nach Stalins Tod: „[...] extensive new evidence from the Russian archives shows that the Soviets were open to a radical compromise on the German question and to serious discussions about the establishment of pan-European collective security structures - negotiations that might have led to an end of the Cold War in the mid-1950s.“12 In dem bislang besten Buch über den Kalten Krieg in der „Dritten Welt“ vertritt auch Odd Arne Westad die These, es sei der Sowjetunion zunehmend nur noch um die Anerkennung von „super-power equality“ gegangen.13 Man muss einer solchen pragmatisch-machtpolitischen Deutung vor dem Hintergrund unterschiedlicher handlungsleitender Weltbilder nicht folgen, sollte darüber dicke Bücher schreiben oder angeregte Diskussionsrunden führen - aber man sollte sich in der Gegenwart hüten, eine anscheinend abgeschlossene Periode mit einer doch wohl sehr komplexen Matrix bereits zu musealisieren. Dafür bleibt in der ferneren Zukunft und mit größerem Abstand immer noch Zeit. Pjöngjang und Suez, Kuba und Angola, aber auch Triest und die türkischen Meerengen müssen nicht als Einheit ausgestellt werden. Vielleicht war der „Kalte Krieg“ doch weniger total, als manche meinen - und in Dauer und Intensität viel weniger notwendig, als es sich manch heutiger Schulweisheit darbietet.

Offensichtlich ist indes, dass die deutsche Teilung und die Spaltung in Berlin als Phase des Ost-West-Konflikts vorbei ist. Der frühere direkte sowjetische Einfluss kann vom heutigen Russland nicht mehr mitten in Deutschland wahr-genommen werden. Insofern ist eine der langfristigen Folgen des gescheiterten NS-deutschen Griffs nach Weltmacht an ein Ende gekommen. Es lohnt sich, die komplexe Teilung Europas auch in Berlin deutlich zu machen.14 Die Teilung Berlins, Deutschlands, Europas war das eine. Hinzu kam jedoch eine wechselseitige Beeinflussung, die Einbeziehung des Anderen in das Eigene. Gerade diese Verflechtung ist spannend15 und könnte für eine Ausstellung geeignete Themen liefern.

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Zwei Dinge bieten sich vor diesem Hintergrund an. Erstens kann man - ausgehend von der schlüssigen und erfolgreichen gegenwärtigen Beschilderung am Checkpoint Charlie - ein Museum des geteilten Berlins, des geteilten Deutschlands und des geteilten Europas bauen. Darin wäre Platz für die Erscheinungsbilder der Auseinandersetzung, mit dem konkreten Ort als Nukleus, aber auch für Deutungsangebote und Erklärungen. Den Alternativen, den Überwindungsversuchen durch soziale Bewegungen, wirtschaftliche Kooperation, Vereinbarung gemeinsamer Werte (KSZE), Rüstungsbegrenzungen etc. sollte dabei ebenfalls Raum zukommen. Ein Museum des geteilten Europas am Checkpoint Charlie - das wäre dem Ort angemessen und bescheidener als der Anspruch, den ganzen Kalten Krieg zu repräsentieren (so es ihn als einheitliche Größe überhaupt gab). Man sollte den Kalten Krieg derzeit nicht in ein umfassendes Museum gießen und damit bis zu einem gewissen Grade verstetigen, monumentalisieren und auratisieren.

Didaktische Zuspitzung und exemplarisches Vorgehen gehören zu jeder Ausstellung. Vereinfachung und Mythenbildung sind auch bei einer gut gemachten Dokumentation nicht leicht zu vermeiden. Vergangenheit anschaulich und Geschichte verständlich zu machen ist eine primäre Aufgabe. Vor einer Kanonisierung und Petrifizierung von Erklärungen sei jedoch gewarnt. Darüber hinaus gibt es gerade an diesem Ort Möglichkeiten für elektronische Vernetzungen. Im Internet kann man Basis- und Vertiefungsinformationen zur Verfügung stellen und sie leichter wieder modifizieren und korrigieren.

Zweitens eignet sich das Internet hervorragend dafür, die vielen anderen Erinnerungsorte in Berlin sichtbar zu machen - eventuell auch im Museum selbst, aber mit Verweischarakter. Dezentrale Erkundung verspricht viel mehr als ein einziges Gebäude (das zugegebenerweise für den schnellen Europatouristen sinnvoll ist). Es gibt mindestens ein halbes Dutzend Berliner Museen mit einschlägigem Bezug zum Thema - vom Deutschen Historischen Museum über das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst bis zum AlliiertenMuseum. Eine Auflistung von Erinnerungsorten an die SBZ und DDR in Berlin umfasst über 100 Seiten.16 Der ehemalige Mauerstreifen ist mittlerweile innerstädtisch sichtbar gemacht und beschriftet; er lässt sich als Fahrradweg nutzen. Für den 160 km langen Grenzstreifen um (West-)Berlin herum gibt es Entsprechendes. Das ist ein richtiger Weg, der auch am Checkpoint Charlie zusammengefasst werden kann.

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Was für Berlin gilt, sollte darüber hinaus in wesentlich größerem Maße an der ehemaligen Grenze zwischen Bundesrepublik und DDR geschehen. Auch und gerade dort gibt es eine Fülle von Gedenk- und Informationsstätten, die häufig ein erstes Stadium an Sichtbarmachung aus Betroffenheit noch nicht überschritten haben oder vor dem Abriss stehen.17 An manchen Stellen jedoch - ob in Mödlareuth, Helmstedt-Marienborn oder Lübeck - gibt es bereits viel zu sehen, gute Dokumentationen und anregende gebahnte und beschilderte Wege.18 Was sich an der früheren innerdeutschen Grenze abzeichnet, könnte zudem europäisch erweitert werden. Ein Europa-Abgeordneter der „Grünen“ verfolgt seit Jahren den Gedanken eines „Iron Curtain Trail“.19

Die Folgerung aus dem Gesagten: Der „Kalte Krieg“, so er sich denn als sinnvoller Epochenbegriff durchsetzt, sollte vorerst nicht insgesamt musealisiert werden. Eine Darstellung der Teilung Berlins, Deutschlands und Europas, aber auch der wechselnden und fortdauernden Verflechtungen würde einen bescheideneren und angemesseneren Rahmen bilden. Eine Ausstellung könnte dabei ein Kern sein, sollte jedoch vor allem eines leisten: eine vielfältige Erinnerungslandschaft in Berlin, in Deutschland, in Europa erschließen und neugierig auf sie machen.

Anmerkungen: 


1 So John Lewis Gaddis 1992; hier zit. nach Jost Dülffer, Europa im Ost-West-Konflikt 1945-1991, München 2004, S. 133.

2 Ders., The Cold War. A New History, New York 2005 (dt.: Der Kalte Krieg. Eine neue Geschichte, München 2007 und 2008). Vgl. meine Rezension: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-2-001

3 Siehe dazu auch den Beitrag von Karl Schlögel in dieser Ausgabe.

4 Bernd Stöver, Der Kalte Krieg. Geschichte eines radikalen Zeitalters 1947-1991, München 2007, S. 21 (dortige Hervorhebung).

5 Ebd.

6 http://www.victimsofcommunism.org

7 http://www.aparchive.com/metadata/US-Bush-Communism/43a78585d843aea93094d71ce524c232

8 http://www.coldwar.org

9 Dies findet sich u.a. auch bei Werner Link, Gottfried Niedhart, Wilfried Loth, Anselm Doering-Manteuffel.

10 Vladislav Zubok, A Failed Empire. The Soviet Union in the Cold War from Stalin to Gorbachev, Chapel Hill 2007; Alexandr Fursenko/Timothi Naftali, Khrushchev’s Cold War. The Inside Story of an American Adversary, New York 2006. Vgl. meine Rezension: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-3-079

11 Zubok, Failed Empire (Anm. 10), S. 342.

12 Geoffrey Roberts, A Chance for Peace? The Soviet Campaign to End the Cold War, 1953-1955, Cold War International History Project, Working Paper #57, December 2008, online unter URL (S. 3): https://www.wilsoncenter.org/sites/default/files/WP57_WebFinal.pdf

13 Odd Arne Westad, The Global Cold War, Cambridge 2005, S. 283.

14 Siehe dazu den Beitrag von Konrad H. Jarausch in dieser Ausgabe.

15 Siehe dazu jüngst Frank Möller/Ulrich Mählert (Hg.), Abgrenzung und Verflechtung. Das geteilte Deutschland in der zeithistorischen Debatte, Berlin 2008 (Interviews mit Norbert Frei, Anselm Doering-Manteuffel, Ralph Jessen, Hans Günter Hockerts, Edgar Wolfrum, Andreas Wirsching, Bernd Faulenbach); Udo Wengst/Hermann Wentker (Hg.), Das doppelte Deutschland. 40 Jahre Systemkonkurrenz, Berlin 2008.

16 Anne Kaminsky (Hg.), Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 2., aktualis. Aufl. Berlin 2007, S. 45-154.

17 Vgl. die kunsthistorische Untersuchung von Maren Ullrich, Geteilte Ansichten. Erinnerungslandschaft deutsch-deutsche Grenze, Berlin 2006.

18 Gleichfalls breit dokumentiert bei Kaminsky, Orte des Erinnerns (Anm. 15).

19 http://www.ironcurtaintrail.eu/index; siehe auch Michael Cramer, Berliner Mauer-Radweg, 4., vollständig überarb. Aufl. Berlin 2007, S. 15 (Dank für die Hinweise und Überlassung von Material an Frank Möller).

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