Lenin spannt aus

Alexander Sinowjews »Homo sovieticus« – eine mehrfache Provokation

Anmerkungen

Aleksandr Aleksandrovič Zinov’ev, Гомо Советикус [Gomo sovetikus], Lausanne: Editions L’Age d’Homme 1982; dt.: Alexander Sinowjew, Homo sovieticus. Roman (Übersetzung: G. von Halle), Zürich: Diogenes 1984 und 1987. Die Seitenzahlen der Zitate folgen der deutschen Ausgabe.

Lenin-Denkmal in Gursuf (Ukraine), am ehemaligen Sanatorium des Verteidigungsministeriums der UdSSR
Can Stock Photo Inc./dogi78)

Ein Denkmal in Gursuf, einem Schwarzmeerküstenort auf der Krim – man könnte es betiteln mit »Lenin spannt aus«. Statt der gewohnten Lenin-Statuen aus sowjetischer Zeit, die aufrecht stehend mit großer Geste den Weg in eine »strahlende Zukunft« (so auch ein weiterer Romantitel Sinowjews) weisen, finden wir in Gursuf einen ebenso überlebensgroßen, erhabenen Lenin vor; er sitzt mit übereinander geschlagenen Beinen, fast in Urlaubshaltung auf einer Bank vor einer prunkvollen Villa, die in der UdSSR dem Sanatorium des Verteidigungsministeriums zugeordnet war. Bereits in der frühen Sowjetunion – in den 1920er-Jahren – hatte Lenin dekretiert, die Kurorte der Krim seien für die Arbeiter und Bauern zu nutzen sowie die Villen und Besitztümer der Adligen in entsprechende Sanatorien umzuwandeln.[1] Die gesamte Schwarzmeerküste der Sowjetunion wurde als Kurregion entwickelt. So ließ Stalin einst Sotschi – 2014 die Stadt Putins subtropischer Winterolympiade – als Modell-Kurstadt und Prestigeprojekt ausbauen. Die Krim, deren Badeorte bereits auf das 19. Jahrhundert zurückgingen, und vor allem die Gegend um Jalta – auch russische Riviera genannt – wurde zur wichtigsten Erholungs- und Sanatorienregion der UdSSR. Die sowjetischen Konzepte der Erholung entwarfen dabei kein proletarisches Gegenmodell zur Idee des Urlaubs, sondern behielten das aristokratisch-bürgerliche Erbe weitgehend bei.[2] Privilegierte Sanatorien oder auch Kinder- und Jugendlager in der UdSSR fungierten als Heterotopien, als räumlich begrenzte Stabilisierung des Anderen innerhalb der Gesellschaft.[3] Legendär war beispielsweise das ebenfalls in Gursuf gelegene, 1924 gegründete Pionierlager »Artek«, das für Generationen von Jugendlichen eine solche Heterotopie darstellte. Diese anderen Räume – Jugendlager, Kurorte, Sanatorien –, die eine Entgegensetzung zu Routine, Alltag, Arbeit und Produktion bildeten, waren nicht nur räumlich, sondern ebenso zeitlich begrenzt. Sie waren als Unterbrechungen und Vorwegnahmen konzipiert – als Räume des Auftankens, der Gemeinschaftsbildung und der gesellschaftlichen Vision –, jedoch im Zugang beschränkt.

Wie der ausgebürgerte Kritiker der Sowjetgesellschaft Alexander A. Sinowjew (1922–2006), Autor des bissigen Romans »Homo sovieticus«, zum Missfallen antikommunistischer westlicher Beobachter nach dem Ende der UdSSR betonte, hatte das Sowjetsystem immerhin ein umfassendes Sozial- und Gesundheitswesen sowie die Garantie eines Arbeitsplatzes vorzuweisen gehabt. Zu den sozialen Errungenschaften gehörte auch das Recht auf Erholung, insbesondere für besonders belastete Berufsgruppen wie Arbeiter im Bergbau. Eine Leninstatue unter Palmen, wie sie in Jalta zu finden ist, rief die Zugehörigkeit dieser mediterran anmutenden südlichen Region zur UdSSR auf, und dass Lenin in Gursuf auch einmal in Urlaubspose zu sehen ist, verkörperte ein Bild vom Sowjetmenschen während seiner verdienten Erholung.[4]

Cover Aleksandr Aleksandrovič Zinov’ev, Гомо Советикус [Gomo sovetikus], Lausanne: Editions L’Age d’Homme 1982; dt.: Alexander Sinowjew, Homo sovieticus. Roman (Übersetzung: G. von Halle), Zürich: Diogenes 1984 und 1987.

Der Roman »Homo sovieticus« des russischen Logikers und Soziologen Sinowjew erschien zuerst 1982 in Lausanne. Mit der Erzählung im Format eines Exiltagebuchs widmete sich Sinowjew der Frage, wie der Menschentyp beschaffen sei, den die Sowjetgesellschaft hervorgebracht habe. Weit entfernt von den sozialen Utopien der frühen Sowjetunion, nach denen im Kommunismus ein neuer Mensch entstehen sollte, begegnet man in Sinowjews »Homo sovieticus« der Absurdität und Willkür staatlichen Gebarens und den notorischen Grotesken des Realsozialismus. Sinowjew diagnostizierte eine Entwicklung, die einen gnadenlosen Opportunisten produziert habe, einen »Homosos« (wörtlich: Menschensauger). Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Buches war Sinowjew bereits ausgebürgert und lebte seit 1978 in München; die akademischen Titel waren ihm aufgrund seines 1976 im Westen erschienenen Werkes »Gähnende Höhen« aberkannt worden. Im Exil entstand nun der »Homo sovieticus«: eine neuerliche Abrechnung mit der Sowjetgesellschaft, die den realen Sowjetmenschen als zugleich schwach und skrupellos porträtierte.

Solche Literatur im 21. Jahrhundert neu zu lesen ist kein einfaches Unterfangen, ist doch das System, gegen das angeschrieben wurde, verschwunden – dem nun globalen Westen ist der Gegenpart auf Augenhöhe abhanden gekommen. Das westliche Wirtschaftssystem erscheint seitdem meist als gegebene Ordnung, welchem zwar »Varieties of Capitalism«, jedoch keine Alternativen zugestanden werden. Zur Zeit des Kalten Kriegs dagegen gelang es den sowjetischen Dissidenten, alle zu provozieren: die gutmeinenden westlichen Konservativen, die West-Kommunisten, die Sicherheitsdienste – und zwar sowohl die sowjetischen wie diejenigen der aufnehmenden westlichen Regierungen. Im Stil oft besserwisserisch, mitunter chauvinistisch und stets eindeutigen Positionierungen ausweichend, erzählt Sinowjews Roman von den prekären Arrangements dissidenter Existenz. All das erscheint heute merkwürdig aus der Zeit gefallen. Der Roman fügt sich scheinbar hervorragend in das im Kalten Krieg gewohnte westliche Bild der Sowjetgesellschaft ein und schließt in bestimmter Weise nahtlos an die üblichen Haltungen an, die den Sozialismus als ein System betrachteten, das eben Opportunisten und Nichtstuer züchte. Auf den ersten Blick ist es die wenig überraschende Karikatur des »sowjetischen Menschen« und eine Abrechnung mit dem Realsozialismus.

Zugleich aber kann Sinowjews Roman auch als Auseinandersetzung mit einer anderen heterotopen Konstellation gelesen werden – derjenigen des Exils. Für Sinowjew, der immer wieder betonte, dass seine Existenz durch die Sowjetunion geprägt sei, stellte das Exil eine Art Zwischenraum dar, den er einer ebenso scharfen Analyse unterzog wie die Sowjetgesellschaft. Die Emigration kennt unterschiedliche Platzierungen und Lagerungsgefüge, Widerlager im Inneren und Enklaven im Außen. Genau diese Existenzweisen sowjetischer Dissidenten im Kapitalismus verhandelt Sinowjew. Er charakterisiert und typisiert diese Existenzen: In der Enklave des Exils begegnen sich der Witzbold, der Zyniker, der Nörgler, der Enthusiast, Spione und ehemalige Spione sowie ihre allesamt sowjetisch geprägten Strategien. Der Roman führt seine LeserInnen entlang der erfinderischen Dialektik, dem Nichtstun und der Widerständigkeit des Homo sovieticus. Das Leben der Dissidenten im westlichen Exil ist strukturiert durch Verhöre, die mal mehr, mal weniger wirksame Selbstinszenierungen oder das Beschaffen eines Auskommens als Dissident darstellen, sowie durch die Mühen, die eigene Position zur Sowjetgesellschaft und die Verbindungen nach Moskau neu zu definieren. Die Dissidenten werden porträtiert, wie sie mit den Erwartungen von beiden Seiten des Eisernen Vorhangs spielen und diese dabei immer wieder unterlaufen.

Nach Sinowjews Bekenntnis im Vorwort, auch er selbst sei ein Homo sovieticus, ein Homosos, er liebe und verachte dieses Wesen, er sei gleichzeitig entzückt und entsetzt von ihm (S. 9), lesen wir gleich auf den ersten Seiten des als Ich-Erzählung verfassten Romans (S. 11f.): »Öfter noch als die Lust, etwas zu tun, überkommt mich die Lust, nichts zu tun. Und dann lasse ich es nicht an gewaltigen Anstrengungen fehlen, meine Lust in die Tat umzusetzen. Und immer mit Erfolg. Westliche Denker betrachten das als ›ganz gewöhnliche russische Faulheit‹. Hier irren sie – wie immer.« Der Homo sovieticus hat seine eigenen Strategien gegen die Zumutungen und Vereinnahmungsversuche der Systeme entwickelt. Er lehnt das Dasein als Werktätiger oder Parteigänger ab und entzieht sich auch dieser Art von Arbeit. So fand der Homo sovieticus Taktiken, die nicht auf die Konzepte der Ingenieure des Sozialismus angewiesen waren. Denn die ohnehin knappen Optionen zur Erholung vom Druck auf die Werktätigen waren letzten Endes nur für wenige zugänglich.

Der Begriff »Arbeit« (rabota) ist schon grammatikalisch im Russischen immer ein unvollendeter Prozess, im Gegensatz zur Arbeit als Werk (trud), beispielsweise einer wissenschaftlichen Arbeit, oder auch zu dela als Begriff für Geschäfte oder Sachen (ähnlich dem Begriff les affaires im Französischen). Der russische Begriff rabota ist zudem semantisch weit und umfasst nicht nur menschliche Arbeit, sondern zugleich das Funktionieren technischer Geräte. Ein erheblicher Teil der technischen Infrastruktur (wie Aufzüge etc.) war in der späten UdSSR mit dem Hinweis ne rabotaet (außer Betrieb, außer Funktion) versehen.

»Stress« fand als medizinischer, dem Englischen entlehnter Begriff Eingang ins Russische und wurde in der späten Sowjetunion auch in die Alltagssprache aufgenommen. Hans Selyes Schriften wurden in der Sowjetunion ab 1960, beginnend mit den Abhandlungen zum Anpassungssyndrom, in russischer Übersetzung gedruckt. Selyes Buch »Stress without distress« von 1974 erschien 1977 unter dem russischen Titel »Stress bez distressa«. Die Übersetzung enthielt auch ein enthusiastisches Vorwort zur russischen Ausgabe von Selye selbst sowie eine editorische Präambel für sowjetische Leser, in der Selye als Freund der Sowjetunion vorgestellt wurde; seine Ausführungen hätten große Bedeutung für Fragen praktischer Lebensführung. Seine politischen Ansichten zur Gesellschaftsordnung seien zwar fehlgeleitet, aber nicht etwa durch seinen Charakter, sondern durch seine Erziehung in Richtung Liberalismus und Idealismus. Die sowjetischen Herausgeber betonten, dass eine sowjetische Antwort auf das Phänomen Stress bereits existiere: der konsequente Ausbau des Sozialismus.

Der im Russischen dem Wort Stress nahekommende Begriff naprjaženie (Druck) bezeichnet einen Zustand, aus dem der Urlaub (otpusk) die Menschen für eine begrenzte Zeit entlässt. Andere Begriffe für Urlaub sind otdych (Ausspannen, wörtlich: Aufatmen) oder auch peredyška (Durchatmen). Wie dies wissenschaftlich gestützt vonstattengehen sollte, war in der UdSSR ein eigenes Forschungsgebiet. Bereits in den 1920er- und 1930er-Jahren machte die sowjetische Wissenschaft den industriellen Arbeitsplatz und die Anpassungsfähigkeit (adaptivnost‘) der Werktätigen zum Analysegegenstand. Minutiös untersuchten wissenschaftliche Institute den arbeitenden Menschen, Arbeitsplätze und Belastungen, Anpassungsfähigkeiten und Stressgrenzen. Neue Forschungsfelder und Disziplinen wurden auf- oder ausgebaut: regionale Pathologie, medizinische Klimatologie, Ergonomie und Morphologie des Menschen sowie industrielle Hygiene – um nur einige zu nennen, die in der 1944 gegründeten sowjetischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften eine Rolle spielten.

Die Krim war ein Zentrum der wissenschaftlichen Balneologie (»Bäderkunde«, also der Lehre von den therapeutischen Wirkungen von Heilquellen und Bädern), die im Russischen als »Kurortologie« (kurortologija) bezeichnet wurde. Diese erforschte die zentralen Urlaubszonen der UdSSR auf ihre mikroklimatischen Bedingungen und Wirkungen sowie auf deren therapeutische Verwendung. Die Kurorte des Schwarzen Meers, die Stalin ausbauen ließ, waren Prestigeträger und Zeichen des Wohlstands der Sowjetunion. Der Staat schaffte dafür die Räume, deren Zugangsbedingungen jedoch in der Praxis wiederum hierarchisiert waren.[5] Urlaub war in der Regel über Massenorganisationen oder Betriebe organisiert. Es gab verschiedene Abstufungen des Urlaubens und Kurens hinsichtlich des Organisationsgrads: Dem medizinisch reglementierten Sanatorium folgten die Erholungsheime; zudem gab es einige Hotels, wenige Übernachtungsmöglichkeiten für Individualtouristen und schließlich die Jugendlager.[6] Ein in den Betrieben organisiertes System steuerte, wer wann Anspruch auf eine Kur hatte. Eigene Regelungen zu Urlaubsreisen galten beispielsweise für Arbeiter aus dem Kohlebergbau und ihre Familien. Regelmäßige Kuraufenthalte zur Erhaltung oder Wiederherstellung der Arbeitskraft blieben dabei jenen vorbehalten, die sich um die Sowjetunion verdient gemacht und Schädigungen erlitten hatten, wie Veteranen der Arbeit oder Angehörige von Verunglückten im Bergbau.

Das Kuren selbst war ebenfalls durchorganisiert – je nach Sanatorium gab es zwischen den Mahlzeiten ein engmaschiges Programm medizinischer Anwendungen. In den Kurkliniken und Erholungsheimen wurde das Ausspannen nicht dem Zufall überlassen oder gar das Nichtstun gefördert: Es gab klare, nach den Grundsätzen der Balneologie geplante Tagesabläufe der Erholungs- bzw. Gesundheitsregime und daneben diverse Kulturprogramme. Dieses wissenschaftlich gestützte Kuren sah eine Vielzahl spezifischer Anwendungen und dosierter Reize vor (von Schlammpackungen bis zu Radonbädern), wobei je nach Region die mikroklimatischen Bedingungen genutzt wurden. Die Plätze zur Erholung waren stets ein knappes Gut; sie wurden über Privilegiensysteme verteilt und stellten auch eine Währung der Begünstigung dar.

Eine dauerhaftere Ausweichstation gegenüber der offiziellen Sowjetgesellschaft war das Exil – in Sinowjews Fall die unfreiwillige Emigration nach seiner Ausbürgerung. Diese Form des Sich-Entziehens stand in radikalem Gegensatz zum offiziell organisierten und reglementierten Durchatmen. Neben der schonungslosen Abrechnung mit dem stalinistischen System der Sowjetunion beschreibt Sinowjews Buch die Heterotopie des Exils und die Weise, wie sich der Homo sovieticus im Exil arrangiert. Der Roman besteht aus einer Ich-Erzählung in kurzen Tagebucheinträgen und Rubriken; einige – so die Passagen »Verhör«, »Wir« oder »Der Bau« – wiederholen sich mehrfach. »Verhör« beschreibt den kreativen Umgang mit den westlichen Institutionen, die den Dissidenten Aufnahme gewähren und sie als Informanten im Kalten Krieg für sich nutzen wollen. Hier werden diverse Selbstinszenierungen und ihre Effekte durchdekliniert – die Inszenierungen als Sowjetagent, KGB-Mitarbeiter, Wissenschaftler oder Schriftsteller. Unterschiedliche Charaktere versuchen sich mit verschiedenen Strategien ein Auskommen im Exil zu sichern.

Für den »Westen« war während des Kalten Kriegs die Pflege des Antikommunismus geradezu konstitutiv, und so wurde etwaige Kritik sowjetischer Dissidenten am kapitalistischen System meist paternalistisch übergangen. Sinowjew hat seine Thesen zum Homo sovieticus nach der Auflösung der Sowjetunion mehrfach selbst kommentiert, sich von westlichen Lesarten distanziert und sich als soziologischer Analytiker überaus kritisch mit der Perestrojka auseinandergesetzt.[7] Wie die sowjetische hat er auch die westliche und die postsowjetische Gesellschaft mit Typisierungen versehen. Neben den Begriffen »Homo sovieticus« oder »Homosos« schuf er entsprechende Begriffe für den Westen – er sprach von der Gesellschaft der »Zapadoiden«, also der »Westoiden«. Ende der 1990er-Jahre analysierte er – inzwischen nach Moskau zurückgekehrt – insbesondere die Auflösung der Sozialsysteme in der Sowjetunion und das Entstehen des »Postsowjetismus« (den er mit dem Akronym »psizm« bedachte). Sinowjews Zeitdiagnose zufolge ist die postsowjetische Gesellschaft ein Hybrid aus Resten des Sowjetismus, einem zerstörten Sozialstaat, einem naiven »zapadnizm« (Westernismus) sowie reanimierten Einflüssen eines vorrevolutionären Feudalismus.[8] In dieser Kritik des Postsowjetismus und des Westens sagten ihm viele eine widersprüchliche Kehrtwendung nach, die er selbst stets bestritt. Sinowjew hatte sich nach seiner Ausbürgerung aus der UdSSR nie anders gesehen als zutiefst durch das sowjetische System geprägt.

Auch nach dem Ende des Kalten Kriegs besitzt der Roman »Homo sovieticus« eine Aktualität, geht es doch um Themen wie Individualität, Staatlichkeit, Widerstand, Vereinnahmung und Bürokratiegebaren, die in Ost wie West vieles gemeinsam hatten (und weiterhin haben). In seinem Buch zur Geschichte der Statistik bezieht sich der Wissenschaftshistoriker Ted Porter auf Sinowjew. Er zitiert die Episode aus einem Verhör (Homo sovieticus, S. 176), in dem der Dissident erklärt, dass die Zukunft nicht vorhergesagt, sondern geplant werden müsse, denn der Plan werde nur als Anleitung und niemals als Prophezeiung erfüllt werden. Porter schreibt dazu: »Zinoviev’s remark about Soviet economic plans applies with few changes to bureaucratic business corporations in the West: quantification is simultaneously a means of planning and of prediction. Accounting systems and production processes are mutually dependent.«[9] Die Art und Weise, wie West und Ost während des Kalten Kriegs versucht haben, Planungs- und Kontrolltechniken zu entwickeln, wies auch Symmetrien auf. Die Auditkulturen und Evaluationsmaschinerien westlicher Bürokratien setzen dies in einem gewandelten Kontext neuerdings fort. Der Modus dieses Optimierens sieht kein Ausspannen vor, das über die Aufrechterhaltung der Arbeitsfähigkeit hinausgehen würde und zweckfrei wäre. Vor diesem Hintergrund können die Strategien eines Homo sovieticus und seine Resilienz – ein im Umfeld des Stressbegriffs aufgekommenes Konzept[10] – durchaus bis heute als kreative Widerständigkeit gelesen werden.

Anmerkungen:

[1] Dekret Lenins »Über die Nutzung der Krim zur Behandlung der Arbeiter«; vgl. Christian Noack, »Andere Räume« – sowjetische Kurorte als Heterotopien. Das Beispiel Sotschi, in: Karl Schlögel (Hg.), Mastering Russian Spaces. Raum und Raumbewältigung als Probleme der russischen Geschichte, München 2011, S. 187-198.

[2] Vgl. Noack, »Andere Räume« (Anm. 1), S. 191.

[3] Vgl. Michel Foucault, Andere Räume [1967], in: Karlheinz Barck u.a. (Hg.), Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Leipzig 1990, S. 34-46, hier S. 39.

[4] Ein Reiseführer zu Gursuf aus dem Jahr 1972 betont gleichzeitig, dass Lenin sich Minuten solchen Innehaltens nicht oft erlaubt habe – weder sei er auf der Krim gewesen, noch habe er je wirklich Urlaub gemacht (Leonard Ivanovič Kondrašenko, Gursuf. Očerk putevoditel‘ [Gursuf. Ein Reiseführer in Essays], Simferopol‘ 1972, hier S. 64).

[5] Zum breiteren Kontext siehe Jens Gieseke, Soziale Ungleichheit im Staatssozialismus. Eine Skizze, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 10 (2013), S. 171-198.

[6] Vgl. Noack, »Andere Räume« (Anm. 1).

[7] Vgl. u.a. Alexander A. Sinowjew, Katastrojka in der offenen Stadt Partgrad. Satirischer Roman, München 1991.

[8] Vgl. ders., Zapad. Fenomen Zapadnizma [Westen. Das Phänomen des Westernismus], Moskau 1995, sowie ders., Postzovetiszm, Interview vom 10.9.2002, NTV Russia, URL: <http://www.youtube.com/watch?v=_VBo6McyWaU>.

[9] Theodore Porter, Trust in Numbers. The Pursuit of Objectivity in Science and Everyday Life, Princeton 1995, S. 43.

[10] Siehe den Beitrag von Sabine Höhler in diesem Heft.

 

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