Ronald Inglehart, The Silent Revolution. Changing Values and Political Styles among Western Publics, Princeton: Princeton University Press 1977.
„The values of Western publics have been shifting from an overwhelming emphasis on material well-being and physical security toward greater emphasis on the quality of life.“ Schon im ersten Satz proklamierte der amerikanische Politikwissenschaftler Ronald Inglehart die Essenz seiner Analyse der „stillen Revolution“ in den westlichen Industriegesellschaften. Dass sich sozialkulturell seit den 1960er-Jahren einiges verändert hatte, lag zwischen Kritik und Apologie der „68er“, den Debatten um Ostpolitik und Abtreibung und einem veritablen Kulturkampf um Bildungsreformen und Bildungsstandards gleichsam auf der Hand. Überlagert durch das Spannungsverhältnis zwischen der „Modernisierungsideologie“ der 1960er- und einer vielbeschworenen „Tendenzwende“ an den „Grenzen des Wachstums“ in den mittleren 1970er-Jahren, war die Hauptrichtung dieses Wandels indessen schwer erkennbar. Inglehart schlug eine Schneise durch dieses sozialkulturelle Dickicht: Nachdem er schon 1971 von einer Veränderung der Werteprioritäten in den westlichen Gesellschaften gesprochen hatte,1 legte er 1977 eine Monographie vor, die bald zu einem Klassiker der Soziologie avancierte.
Die These war im Grunde einfach und eben deshalb wirkungsvoll: Die Verschiebungen der Werteprioritäten deutete Inglehart als Verschiebungen von materialistischen zu postmaterialistischen Werten. Zur Ermittlung von materialistischen und postmaterialistischen Werteprioritäten setzte er zunächst eine Viererskala ein (S. 27-34). Zu den materialistischen Werten gehörten demzufolge die physischen Bedürfnisse Versorgung (Item 1: Kampf gegen steigende Preise) und Sicherheit (Item 2: Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung). Zu postmaterialistischen Wertorientierungen zählte Inglehart demgegenüber Partizipation, Achtung und Selbstverwirklichung (Item 3: Verstärktes Mitspracherecht bei wichtigen Regierungsentscheidungen) sowie soziale, d.h. intellektuelle und ästhetische Bedürfnisse (Item 4: Schutz des Rechtes auf freie Meinungsäußerung). Ermittelt wurde die Zuordnung zu materialistischen bzw. postmaterialistischen Wertetypen durch standardisierte Umfragen (mit einer hohen Zahl von Probanden und Ländern), bei denen eindimensional die Reihenfolge der Präferenzen für die verschiedenen Items erhoben wurde. Wem nun Preisstabilität und Aufrechterhaltung der Ordnung wichtiger waren als freie Meinungsäußerung und politische Mitsprache, der war reiner „Materialist“ und im Falle umgekehrter Präferenzen reiner „Postmaterialist“; die vier möglichen Zwischenstufen der Reihung bildeten „Mischtypen“ (S. 29).
Ende der 1970er-Jahre weitete Inglehart die Vierer- zu einer differenzierteren Zwölferskala aus, indem er folgende Items hinzufügte: „stabile Wirtschaft“ sowie „Erhaltung eines hohen Grades von wirtschaftlichem Wachstum“ im Bereich der Versorgung; „Sicherung von starken Verteidigungskräften für dieses Land“ sowie „Kampf gegen Verbrechen“ im Bereich Sicherheit; im Bereich Partizipation und Achtung „verstärktes Mitspracherecht der Menschen an ihrem Arbeitsplatz und in ihren Gemeinden“ sowie „Fortschritt auf eine humanere, weniger unpersönliche Gesellschaft hin“, und schließlich im Bereich der ästhetischen und intellektuellen Bedürfnisse den „Versuch, unsere Städte und ländlichen Gebiete zu verschönern“ sowie „Fortschritt auf eine Gesellschaft hin, in der Ideen mehr zählen als Geld“.2 Dies änderte aber nichts Wesentliches an den Ergebnissen, die Inglehart anhand der Viererskala gewonnen hatte.
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Postmaterialismus war dabei der Kern von allgemeinen „postmodernen Werteorientierungen“, und daher setzte Inglehart die Dichotomie Materialismus/Postmaterialismus mit der Dichotomie Moderne/Postmoderne gleich. Später erweiterte er sie, mit Blick auf die sich erst industrialisierenden Gesellschaften der Welt, um eine zweite Dimension: die Dichotomie traditional versus säkular-rational, mit der er den Gegensatz bzw. die Stufenfolge vorindustriell/industriell oder vormodern/modern beschrieb.3 Dass in solchen Stufenfolgen ein spezifisch westlich-modernes Denken in der Tradition linear-teleologischer Modernisierungstheorien zum Ausdruck kommt, markiert eine gewisse Begrenztheit und Zeitgebundenheit von Ingleharts Forschungen.
Dies gilt nicht zuletzt für die Mangelhypothese, die seiner These vom Wertewandel zugrundelag. Sie fußte auf der Bedürfnispyramide von Abraham Maslow und besagte, dass es die relativ knappen Dinge seien, denen besonderer subjektiver Wert zugemessen werde. Da mit zunehmendem Wohlstand der Konsumgesellschaften die Bedürfnisse im Bereich des Überlebens und materiellen Wohlergehens weitgehend befriedigt seien, könnten sich die Menschen nun weiteren Zielen in der postmateriellen Sphäre zuwenden. Hinzu kam die so genannte Sozialisationshypothese: „that people tend to retain a given set of value priorities throughout adult life, once it has been established in their formative years“ (S. 23). Demzufolge sind Wertvorstellungen innerhalb einer Gesellschaft generationsspezifisch bzw. nach Alterskohorten verteilt.
Der nomologische Ansatz seines Konzepts führte Inglehart zu der Prognose, dass sich postmaterialistische Werte in den westlichen Gesellschaften gegen Ende des Jahrhunderts immer stärker verbreitet haben würden.4 Dass dies indes nicht im prognostizierten Maße der Fall war und dass - plakativ verkürzt - auch die Postmaterialisten der frühen 1980er- von den Dividenden des Börsenbooms der späten 1990er-Jahre zu profitieren suchten, verwies nicht nur auf die mangelnde Erklärungskraft der Sozialisationshypothese für Wandlungen innerhalb einer Biographie, sondern nährte die Kritik an Ingleharts Modell überhaupt: an seiner Linearität, an einer verkürzten Rezeption der Maslowschen Bedürfnistheorie und allgemein an methodischen Schwächen (gleichlautende Fragen in weit auseinanderliegenden nationalen Kontexten zu verwenden und sich überhaupt auf die Aussagekraft von Massenumfragen zu verlassen, durch die Befindlichkeitsäußerungen und tiefergehende Überzeugungen kaum zu unterscheiden seien). Zudem war die Entgegensetzung materialistisch/postmaterialistisch aus dem sozialkulturellen Kontext der 1970er-Jahre gewonnen und, auf die Bundesrepublik bezogen, im Gegensatz von Wohlstandsbürgern und alternativer Bewegung evident. Aber sie war doch verkürzt dichotomisch und auf längere Sicht nicht wirklich signifikant.5
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Nichtsdestoweniger begründete Inglehart eine ganze Forschungsrichtung. In Deutschland waren es vor allem Helmut Klages und seine in Speyer angesiedelten Forschungsprojekte, die Ingleharts Modell differenzierten - etwa mit der Beobachtung eines Übergangs von „Pflicht- und Akzeptanzwerten“ zu „Selbstentfaltungswerten“. Diese könnten durchaus nebeneinander bestehen und im Leben einzelner oder in gesellschaftlichen Gruppen unterschiedliche Mischungsverhältnisse an Wertorientierungen schaffen. Klages betonte die Mehrdimensionalität und Vielschichtigkeit, ja die mögliche partielle Widersprüchlichkeit von Prozessen des Wertewandels.6 Demzufolge unterschied er fünf „typische Kombinationen der empirisch festgestellten Dimensionen des Wertewandels [...] in der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland“: Konventionalisten, Perspektivlose Resignierte, Aktive Realisten, Hedonistische Materialisten und Nonkonforme Idealisten. Freilich blieb auch die Speyerer Forschung einer modernisierungstheoretischen Sicht des Wertewandels verbunden.
In den 1980er- und 1990er-Jahren weitete sich die sozialwissenschaftliche Wertewandelsforschung interdisziplinär und international immer mehr aus, nicht zuletzt durch die von Inglehart selbst geleiteten „World Values Surveys“, die sich inzwischen auf 78 Länder erstrecken.7 Für Deutschland eröffnete die Wiedervereinigung ein eigenes Untersuchungsfeld, zum einen im Hinblick auf einen Wertewandel in der DDR sowie zum anderen bezüglich der gesamtdeutschen sozialkulturellen Entwicklung auf dem beschwerlichen Weg zur „inneren Einheit“.8
Zugleich wurde indes ein Stopp des Wertewandels der 1960er- und 1970er-Jahre, wenn nicht gar seine Umkehr diagnostiziert,9 was zugleich die modernisierungstheoretisch inspirierten Grundannahmen dieser Forschungsrichtung in Frage stellte. Überhaupt hat die sozialwissenschaftliche Wertewandelsforschung verstärkt die Grenzen ihrer eigenen Analysefähigkeit reflektiert: Aufgrund der methodischen Beschränkung auf (erst zu generierende) sozialstatistische Daten sowie aufgrund des genuin synchronen Erkenntnisinteresses der Gegenwartswissenschaften beschränkt sich ihre Aussagekapazität thematisch auf das demoskopisch Messbare und zeitlich auf das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts. „Bei allen bisher diagnostizierten Wertveränderungen bleibt [...] angesichts der fehlenden Langzeituntersuchungen die Frage“, so ist im „Historischen Wörterbuch der Philosophie“ neuerdings zu lesen, „ob es sich jeweils nur um kurzfristige Schwankungen oder in der Tat um einen langfristigen Wertewandel handelt“.10
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Dies ist eine originäre Frage an die Geschichtswissenschaften, die sich mit dem Themenfeld „Wertewandel“ indessen nur punktuell beschäftigt haben. Nach der Mentalitätsgeschichte ist es insbesondere die neuere Kulturgeschichte, die das Thema „Werte“ in den Blick genommen hat und es in einzelnen Großprojekten auch im Namen trägt.11 Freilich beschäftigen sich diese primär mit Symbolen und Repräsentationen bzw. mit Vergesellschaftungs- und Integrationsprozessen, weniger hingegen mit dem Wertewandel als solchem. Ohne „Werte“ im Titel zu führen, greifen daneben Interpretationsansätze wie diejenigen der „Westernisierung“, der „Umkehr“ oder der „Liberalisierung“ Gegenstände der Wertewandelsforschung auf.12
Thematisch benachbart ist schließlich die historische Bürgertumsforschung. Denn was die sozialwissenschaftliche Forschung, ohne es so zu nennen, als Kernbereich des postmodernen Wertewandels identifiziert hat, sind vor allem die im Konzept der „Bürgerlichkeit“ erfassten „bürgerlichen Werte“: Arbeitsethos und Selbstständigkeit, Bildung, Individuum und Gemeinwesen, Religiosität und Familie. Dabei hat sich die historische Bürgertumsforschung so sehr auf das ‚lange 19. Jahrhundert‘ konzentriert, dass „für eine tragfähige Aussage zur Kontinuität und Veränderung bürgerlicher Lebensformen und Verhaltensstandards nach 1945 [...] bislang die empirischen Grundlagen“ fehlen.13 Zugleich hat Peter Graf Kielmansegg den Wertewandel in seiner Geschichte Nachkriegsdeutschlands als „Zentrum des vielgestaltigen Gesamtprozesses vehementen sozialen Wandels“ ausgemacht, „der die Industriegesell-schaften in der zweiten Jahrhunderthälfte so gründlich verändert hat“.14 Die zeithistorische Forschung ist unterdessen empirisch noch kaum über den Stand der sozialwissenschaftlichen Wertewandelsforschung hinausgekommen.15 Insofern eröffnet die von Ronald Inglehart und seinem Buch „Silent Revolution“ initiierte Forschungsrichtung mit ihrem zentralen Desiderat der historisch-diachronen Analyse nach wie vor vielversprechende Erkenntnisperspektiven für die geschichtswissenschaftliche Arbeit.
Andreas Rödder, Vom Materialismus zum Postmaterialismus? Ronald Ingleharts Diagnosen des Wertewandels, ihre Grenzen und ihre Perspektiven, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 3 (2006) H. 3, URL: <http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Roedder-3-2006>Beim Zitieren einer bestimmten Passage aus dem Aufsatz bitte zusätzlich die Nummer des Textabschnitts angeben, z.B. 12 oder 14-16.