Als das Institut für Zeitgeschichte 2005 ankündigte, dass es in Zusammenarbeit mit dem Bundesarchiv und dem Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg eine ambitionierte 16-bändige Quellen-edition zur Geschichte des Holocaust starten werde,1 mögen manche Fachkollegen und interessierte Laien verwundert gewesen sein. Wie zeitgemäß kann ein solches Vorhaben noch sein – angesichts rasanter technischer Veränderungen und damit verbundener Möglichkeiten der Speicherung und Verbreitung von in den Archiven ‚eingelesenen‘ Akten? Demgegenüber lässt sich die Ansicht vertreten, dass die professionelle Durchführung eines derartigen Projekts längst überfällig war. Wie der Mitherausgeber Dieter Pohl treffend argumentiert hat, ist es trotz mancher Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte und ungeachtet aller Widrigkeiten zu einem Paradigmenwechsel gekommen – vor allem in der systematischen Erfassung des erhaltenen Materials durch die internationale Vernetzung verschiedener Forschungsgemeinschaften.2
Betrachtet man Referenzeditionen zur Zeitgeschichte, insbesondere zur Geschichte des Nationalsozialismus, so erscheint das Fehlen einer auf den Völkermord an den europäischen Juden fokussierten deutschsprachigen Quellenedition offenkundig. Zwar wurde dem Genozid an den europäischen Juden als Nebenaspekt der Diplomatiegeschichte3 und der Besatzungspolitik4 oder als Dokumentenbeweis in der Argumentationskette des großen Nationaldramas5 immer wieder Platz eingeräumt. Doch der Völkermord stand nie im Zentrum einer umfangreichen deutschsprachigen Quellenedition,6 die nach Umfang, Art der Aufbereitung, Tiefe des Kommentars, Erschließung durch Register und Querverweise beispielsweise mit den „Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik“ (die immerhin allein aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes gespeist werden) gleichzustellen wäre. Für die angelsächsischen Veröffentlichungen fällt der Befund ähnlich aus.7 Über Jahrzehnte hinweg existierte also eine schmerzliche Lücke.
Nun fällt das Vorhaben in eine Zeit, wo frühere Veröffentlichungen eingescannt und auch digital bereitgestellt werden,8 während andere Publikationsforen die wissenschaftliche Diskussion verstärkt oder gar ausschließlich im Internet zu führen gedenken. Deshalb drängt sich die Frage auf, ob eine derartige Quellenedition, die noch zum Ende des letzten Jahrhunderts Furore gemacht hätte (als die Öffnung der osteuropäischen Archive die Erschließung neuer Quellenbestände ermöglichte, aber die Speichermedien Begrenzungen unterworfen waren und das Internet für wissenschaftliche Zwecke noch kaum etabliert war), jetzt nicht zu spät kommt. Ginge es allein um die Verfügbarkeit der Quellen, die mögliche Verknüpfung von Bild-, Foto- und Filmsequenzen, Serviceleistungen bei der Benutzung, Minimierung von (Reise-)Kosten für noch am Original arbeitende Forscher oder die Möglichkeit, die untersuchte Quelle bei Bedarf gleich in den eigenen Text einzuarbeiten, dann dürfte es wohl keine ‚klassische Edition‘ oder mehrbändige Gesamtdarstellung mehr geben. So erscheint es symptomatisch, dass das Bundesarchiv umfangreiche Teile seines Bildbestandes dem Internetlexikon Wikipedia zur Verfügung gestellt hat9 und das Magazin „Time-Life“ in Zusammenarbeit mit Google alle seine Fotos (davon angeblich 97 Prozent bisher unveröffentlicht) über das Internet dem inter-essierten Nutzer zugänglich macht.10
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Obwohl das Bundesarchiv Mitherausgeber der Quellenedition zur Judenverfolgung ist, bleibt diese in ihrer Publikationsform und Quellenauswahl konventionell: Sie erscheint (vorerst) nur gedruckt, und berücksichtigt werden allein Schrift- und mitunter transkribierte Tondokumente. Die Bedeutung insbesondere von Fotos dürfte inzwischen jedoch auch für die Erforschung des Genozids unbestritten sein – wie etwa die Fotodokumentationen zu Baby Yar, Kamenez-Podolsk oder (um weniger bekannte Tatorte zu wählen) zu Dubno und Kriwoj Rog belegen.11 Auch handelt es sich bei der Fotogeschichte nicht mehr um eine bloße Nebendisziplin, sondern um eine sinnvolle und notwendige Ergänzung der schriftlich fixierten Quellenüberlieferung.12 Die Argumentation der Herausgeber, Fotos nicht in die Edition einzubeziehen – „weil sie allenfalls Ereignisse, nicht aber Entwicklungen und Motive von Entscheidungen und Handlungen dokumentieren“ und „die Umstände ihrer Entstehung“ nur schwer rekonstruierbar seien13 –, überzeugt nicht, ja markiert einen methodischen Rückschritt. Die Auswahl der geeigneten Quellen richtet sich nach der jeweiligen historischen Frage, und kritisch eingeordnet werden müssen schriftliche wie nichtschriftliche Quellen gleichermaßen.
Ist die Veröffentlichung des ersten, von Wolf Gruner bearbeiteten Bandes „Deutsches Reich 1933–1937“ der neuen Großedition als Reminiszenz an eine Tradition zu verstehen, in der ausgewiesene Sachkenner für alle neutral ihr Wissen ausbreiten? Diese Edition leistet viel mehr, nämlich Interpretation durch Auswahl. Statt die antisemitischen Entwicklungen nur von der Ideologie Hitlers und seines direkten Umfelds abzuleiten oder sie lediglich in den Großstädten zu betrachten, breitet der Band das ganze Kaleidoskop bis hin zum Regionalen aus – das hessische Gersfeld steht hier gleichberechtigt neben München. In der Vielfalt der Quellen ist zudem der Blick des Auslandes mit berücksichtigt. Eben diese Auswahl – aus deren kleineren wie größeren Teilen sich das Gesamtbild zusammenfügt – vermittelt eindrücklich das Geschehen in den ersten Jahren der Verfolgung.14 Der Purist mag die fehlenden Kopfzeilen beim ersten Band bemängeln, denkt sich der Historiker doch nicht nur in Sachverhalte ein, sondern über die Aktenzeichen und Verteiler auch in die Aktenzusammenhänge. Ebenso sind Auslassungen fragwürdig, da eine solche Redaktion den Sinn eines Dokuments möglicherweise verändert.
Ein so großzügig ausgestattetes Projekt – mit geförderten 250.000 Euro pro Editionsband – mag noch weitergehende Überlegungen auslösen; so vielleicht die Frage, was es kosten würde, wenn beispielsweise die Nürnberger Beweismittel15 oder die Sammlung des United States Holocaust Memorial Museum digitalisiert und in einer allgemein zugänglichen Datenbank (ohne Vorabauswahl) der Fachwelt wie der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt würden.16 Ob ein solches – zugegebenermaßen hypothetisches – Vorhaben einen ähnlichen Eindruck wie der gedruckt vorliegende Band hinterlassen würde, darf bezweifelt werden. Zwar wären die Möglichkeiten für gezielte Recherchen besser, doch würde das ganzheitliche, inspirierende Lesen und Verknüpfen der wahrgenommenen Informationen wohl auf der Strecke bleiben.17
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Trotz der Menge und Vielfalt des gesammelten Materials ist die Edition keineswegs so zu verstehen, dass nun wirklich alles erfasst und bekannt wäre. Vielmehr gibt sie Impulse für vertiefende Studien und weiterführende Fragen. So überrascht im ersten Band vielleicht die häufige Präsenz von Wilhelm Frick, Hjalmar Schacht oder Rudolf Heß, mit der gegenüber früheren Sichtweisen eine Akzentverschiebung weg vom Polizei- und SS-Apparat einhergeht.
Die konzeptionelle Vorgabe, ausschließlich zeitgenössisches Quellenmaterial zu verwenden – seien es geheime Verwaltungsdokumente der Täterorganisationen, Presseveröffentlichungen, Memoranden ausländischer Beobachter, Tagebucheintragungen der Opfer usw. –,18 kann bei den späteren Bänden an Grenzen stoßen. Sicher ist es nachvollziehbar und auch ein konsequentes Ordnungsprinzip, wenn keine (durch spätere Kenntnis beeinflusste) Memoirenliteratur oder Prozessaussagen beigefügt sind, die zum Zwecke der Strafverfolgung bzw. Strafabwehr, ja angesichts der drohenden Todesstrafe entstanden sind. Doch um einige der zentralen Vernichtungsaktionen und Mordstätten darzustellen – seien es die Vorgänge in Maly Trostenez, in Bełżec, Chelmno oder auch Verbrechen der Endkriegsphase –, wird wohl keine Auswahl möglich, sondern der Abdruck aller zeitgenössischen Dokumente nötig sein (die dennoch lückenhaft bleiben). Hier dürfte der kommentierende Bearbeiter mehr als bisher gefordert sein.
Der Editionsplan sieht vor, dass in der fünf Bände umfassenden Abteilung I die Judenverfolgung im Reich sowie im besetzten Teil Europas vor dem Beginn der Deportationen dokumentiert wird. Die Abteilung II – ebenfalls aus fünf Bänden bestehend – konzentriert sich auf die Durchführung des Genozids in Polen und der Sowjetunion, inklusive der annektierten baltischen Staaten. Die sechs Bände der Abteilung III sollen das übrige Europa (also vor allem den Südosten) sowie die Vernichtungsereignisse in Auschwitz und die Todesmärsche abdecken.19 Dabei gilt es, neben dem primären Blick auf die Verantwortung des nationalsozialistischen Deutschlands die durchaus eigenständige Rolle der Verbündeten (insbesondere der Slowaken, Rumänen und Ungarn) für die „Endlösung“ zu verdeutlichen, um der Annahme einer vom Reich (im Zuge des „Generalplans Ost“) gesteuerten teleologischen Abfolge der Verbrechen entgegenzuwirken.
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Ungeachtet einzelner Bedenken20 ist schon jetzt zu erwarten, dass es den Herausgebern und Bearbeitern der Edition gelingen wird, interpretatorische Neuansätze und zusätzliche Impulse für die tiefergehende Beschäftigung zu liefern. Die in der Öffentlichkeit und bei Politikern verbreitete Annahme, über den Nationalsozialismus und den Holocaust sei alles Wesentliche bekannt, dürfte einmal mehr widerlegt werden.
Andrej Angrick, Dokumentation, Interpretation, Impuls. Das Editionsprojekt „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden 1933–1945“, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 5 (2008) H. 3, URL: http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Angrick-3-2008Beim Zitieren einer bestimmten Passage aus dem Aufsatz bitte zusätzlich die Nummer des Textabschnitts angeben, z.B. 12 oder 14-16.