Furor und Wissenschaft

Vierzig Jahre nach „1968“

Anmerkungen

I’m free to do what I want any old time
Mick Jagger/Keith Richards, 1965

Seit dem von Ingrid Gilcher-Holtey 1998 herausgegebenen Sammelband, der das schillernde Ereignisbündel „1968“ erstmals systematisch historisierte,1 hat sich die deutsche Geschichtswissenschaft diesem Thema eingehend zugewendet. Zehn Jahre später gibt der Publikationsschub zu dem neuerlichen runden Jahrestag Anlass zu einer Zwischenbilanz. Das auffälligste Ergebnis ist dabei die im Grunde banale Erkenntnis, dass auch die historiographische Perspektive weder „objektiv“ noch homogen ist, sondern von wechselnden, zum Teil konkurrierenden Konjunkturen nationaler und zunehmend auch internationaler Geschichtskulturen beeinflusst wird.2 Dass der Wissenschaftsanspruch mit der Involvierung der Akteure in die Konflikte der Gegenwartsgesellschaft strukturell kollidiert, gehört zu den Selbstverständlichkeiten zeithistorischer Forschung. Dies gilt nicht nur für ehemalige Akteure, deren Beteiligung häufig bekannt ist und in die Bewertung ihrer publizistischen Produktion einfließt. Auch der angebliche Objektivitätsvorsprung der so genannten „Nachgeborenen“ macht deren empathische Distanz nicht automatisch wett, sondern erweist sich erst in der diskursiv zu ermittelnden Überzeugungskraft des jeweiligen Produkts. Insofern ist die Kontroverse um die aktuellen Neuerscheinungen zu begrüßen, während die immer wieder repetierten Hinweise auf die generationelle Zugehörigkeit ihrer Autoren in den Nebel vager Evidenzen führen. Dass sich beim Thema „1968“ professionelle Intellektualität und autobiographische Motive stark vermischen, ändert daran nichts.

Insbesondere die Kommunismusforschung, die zu erheblichen Teilen von Ex-Kommunisten betrieben wurde, hat erwiesen, dass frühere Beteiligung die wissenschaftliche Erforschung einer Bewegung voranzutreiben vermag. Doch nicht immer kann autobiographisches Involviertsein in die produktive Halbdistanz zwischen Engagement und Nüchternheit überführt werden, wie sich an Götz Alys neuem Buch studieren lässt.3 Dessen provokative, schon im Titel „Unser Kampf“ markant akzentuierte These - die 68er wiederholten das Engagement ihrer Nazi-Eltern unter anderen politischen Vorzeichen, aber mit ebenso totalitären Ideen und Methoden - hatte den offensichtlich erwünschten medialen Knalleffekt.4 Er hat die profunderen Stimmen zu diesem Thema leider übertönt, lohnt aber vor allem als methodisches Extrembeispiel eine nähere Betrachtung. Schon zeitgenössisch wurden Studentenbewegung und SDS mit der NS-Bewegung und der SA verglichen - mal aus ernsthafter Besorgnis, mal aus politischem Kalkül. Allerdings sollte sich eine wissenschaftliche Perspektive vom Horizont der Partikularwahrnehmung durch den Versuch unterscheiden, ein abgewogenes Gesamtbild zu gewinnen. So freilich ist Alys Buch nicht angelegt. Seine These der strukturellen Identität von NS-Bewegung und 68er-Bewegung zielt auf Provokation und überzieht einzelne zutreffende Beobachtungen ins Falsche. Das eigentliche Thema der gegenwärtigen Debatte ist die Frage, wie sich die verschiedenen Bestandteile von „1968“ zueinander verhalten - radikale und radikaldemokratische Politik, kulturrevolutionäre Strömungen, Massenkultur, alternativer Alltag, nationale Traditionen und transnationale Beziehungen, Absichten der Akteure und nicht intendierte Folgen.

1. Dialektik der Aufklärung

Obwohl die extremen Schattenseiten des Rationalismus vielen Akteuren der Studentenbewegung bekannt waren, sind nur die wenigsten selbst auf die Idee gekommen, ihr eigenes, als Aufklärung verstandenes Tun könnte dunkle Züge tragen. Es stellt sich eben häufig erst im Nachhinein heraus, welche Ideen und Handlungen Bestand haben und welche nicht. Dieses Nachhinein der selbstkritischen Einordnung begann bei manchen Autoren bereits in den frühen 1970er-Jahren; ein zweiter Schub war um 1980 zu beobachten. Nachdrücklich auf Projektionen und Verstiegenheiten gestoßen wurden viele Akteure erst seit Mitte der 1980er-Jahre, als sich die einstige Vormacht der Weltrevolution selbst zu Glasnost und Perestroika gezwungen sah. Die Phänomene, die Götz Aly nun anlässlich einer autobiographischen Rückschau verallgemeinert, sind dabei immer wieder diskutiert worden und bildeten in den letzten Jahren sogar einen Schwerpunkt der Forschung.5 Die Bereitschaft zur Militanz, das Streben nach Aufhebung der gesellschaftlichen Differenzierung, die Suche nach „Authentizität“, der Antiintellektualismus, die Arroganz gegenüber den Vorlieben der sonst stets angerufenen Masse der Bevölkerung - all dies gab es in der Studentenbewegung selbst und mehr noch in ihren radikalen Zerfallsprodukten. Aber die öffentliche Debatte der vergangenen Jahre hat „1968“ nicht selten auf die problematischsten Hervorbringungen verengt. In diesem Kontext verlängert Alys Buch die Fixierung auf den westdeutschen Terrorismus, die 2007 zu beobachten war, und zieht die Verengungsschraube weiter an. Der Autor stützt sich besonders auf staatliche Akten, die bislang kaum ausgewertet wurden. Neue Quellen zu erheben ist immer verdienstvoll, aber hier wird es problematisch, weil die Perspektive der Kritiker und Gegner die Darstellung bestimmt. Die einseitige Quellenbasis verzerrt nicht nur die Perspektive, sie trägt auch nicht viel zur Klärung des fraglichen Phänomens bei. Denn Alys Befunde belegen nicht nur gelegentliche Hellsichtigkeiten von Politikern; sie demonstrieren sehr viel eindringlicher, wie wenig die staatliche Seite von der Studentenbewegung und den Motiven ihrer Akteure verstanden hat.

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Viele Elemente des Buchs muten zunächst sympathisch an: der selbstkritische Impuls, die klare Sicht der seinerzeit problematischen politischen Kultur der Bundesrepublik, die Hochachtung vor den zurückgekehrten jüdischen Emigranten, welche der Studentenbewegung anfangs positiv, später skeptisch gegenüberstanden. Diese hellen Züge verdunkeln sich, weil die Quellen stromlinienförmig angeordnet werden, um der steilen These einer Ähnlichkeit der Studentenbewegung mit der NS-Bewegung, eines genealogischen Zusammenhangs von 68ern und 33ern, Plausibilität zu verleihen. Die eigentliche Crux dieses autobiographisch motivierten Rückblicks mit Wissenschaftsanspruch ist, dass er den Spagat zwischen Involviertsein und Abstand nicht meistert. In der Annäherung an das Thema wird zwar die im Titel postulierte Irritation erzielt, aber die erforderliche letzte Drehung der hermeneutischen Schraube, die reflektierte Distanzierung, erreicht Aly nicht. Der Versuch, mit der eigenen Vergangenheit ins Reine zu kommen, bleibt so leider im Grausen stecken und schlägt um in eine hemmungslose Affirmation des damals Bekämpften, anstatt wie behauptet kritische Distanz herzustellen. Zum heimlichen Helden wird Bundeskanzler Kiesinger, ein ehemaliges NSDAP-Mitglied, das Aly offenbar als eine Art alter ego erscheint - ausgestattet mit dem Augenmaß des durch die Selbsterfahrung der totalitären Verführung Geläuterten.

Stärker als zuvor hat sich die neuere Forschung zu „1968“ den Aufbrüchen in Osteuropa zugewandt, ohne dass hier schon ein Durchbruch festzustellen wäre. Dass die Forschungslagen auch für West- und Ostdeutschland disparat sind, demonstriert Stefan Wolles neues Buch, das die Geschichte eines Traums beschreibt.6 Denn ein solcher blieb „1968“ in der DDR, während die westdeutsche Gesellschaft genügend Spielräume bot, den Versuch einer antiautoritären Revolte tatsächlich zu wagen. Einen Traum zu rekonstruieren ist schwierig, zumal in Ostdeutschland nach der Niederschlagung des Prager Frühlings „wenig oder nichts geschehen ist“ (S. 13). Wie beschreibt man das „permanente Nichtgeschehen“? Wolle rekonstruiert zunächst vorbildlich die 1960er-Jahre als Reformzeit, beschreibt die APO im Westen und die Reaktionen der DDR-Führung. Damit ist der Kontext ausgeleuchtet, wofür allerdings auch viel Platz verwendet wird (fast die Hälfte des Buches). Wichtiger ist, dass der Autor sich auf die Hoffnungen einlässt, die gerade wegen der offensichtlichen Abschottung vom Rest einer sich schneller drehenden Welt enttäuscht wurden. Wolle reproduziert keine Schwarz-Weiß-Bilder, sondern ist neugierig und diskutiert abwägend. So kommt er manchen Widersprüchen auf die Spur, etwa der Tatsache, dass Demokratisierungshoffnungen und revolutionäre Utopien am Ende der 1960er-Jahre Hand in Hand gingen. Sie wurden von der DDR-Führung gleichermaßen als Bedrohung empfunden, weil sie die Idealisierung eines grau und undemokratisch geratenen „real existierenden Sozialismus“ in Frage stellten. Allerdings bleiben die Faktoren undeutlich, die zu einem „1968“ in der DDR hätten führen können und im „Traum von der Revolte“ eine wesentliche Rolle spielten. Das liegt zum Teil an der überblicksartigen Darstellung im ersten Teil des Buchs, die alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens einbezieht und so unweigerlich an der Oberfläche bleibt. Manche Zusammenhänge, die für „1968“ wichtig sind, werden dabei zu knapp behandelt, etwa der komplexe und dynamische Prozess der sexuellen Revolution. Wolle ist sich über die große Bedeutung eines alternativen Alltags im Klaren, aber die hier dargelegten Einzelbefunde ergeben kein schlüssiges Bild. Dass über die Verbreitung von alternativen Lebensstilen und politischer Opposition nur annäherungsweise Auskunft erwartet werden kann, ergibt sich natürlich aus der Quellenlage, die schwieriger ist als in der alten Bundesrepublik, wo die Demoskopie eine Fülle von Daten zu Politik und Alltag erhoben hat.7

Die für Staat und Regierung ebenso wie für die politische Opposition entscheidenden Ereignisse des Jahres 1968 waren der „Prager Frühling“ und seine Niederschlagung am 21. August. Wolle organisiert sein flüssig, teilweise feuilletonistisch geschriebenes Buch nach dem Rhythmus der Jahreszeiten, beginnend mit dem Frühling. Die Vorgänge in der ČSSR zur Matrix für ein Buch über „1968“ in der DDR zu nehmen leuchtet wegen ihrer enormen Bedeutung ein. Aber es ist auch ein geliehener Rhythmus, der die ostdeutschen Verläufe nicht unbedingt kongruent abbildet. Vor diesem Beziehungshintergrund, den die Akten von SED und Staatssicherheit wegen seines politisch bedrohlichen Charakters eingehend ausleuchten, bleiben die anderen, die autochthoneren Aspekte des „Traums von der Revolte“ unterbelichtet. Am nächsten kommt einer 68er-Geschichte der DDR Wolles Abschnitt über die aufständische „Jeunesse dorée“ aus dem Nachwuchs bekannter Parteifunktionäre und Kulturarbeiter, die nach der Niederschlagung des Prager Frühlings Protestflugblätter verfasste und Parolen an die Wände malte. Aber auch hier stehen nicht Ansichten und Lebensstile der Akteure im Mittelpunkt, sondern die schändliche Reaktion des Staates. Lange Zitate aus Stasi-Berichten dokumentieren weniger die vielschichtige Wirklichkeit des Aufbruchs, sondern vor allem die Denk- und Handlungsweise des Unterdrückungsapparats. Wolle reflektiert durchaus die Quellenprobleme, insbesondere die Frage nach ihrer Repräsentativität, aber es gelingt ihm nicht, das eiserne Deutungsmonopol der Apparate wirklich zu durchbrechen - etwa durch Einbeziehung von Zeitzeugeninterviews oder autobiographischen Quellen.8 So wird weniger deutlich, was ‚unten‘ gedacht und getan wurde, sondern eher, wie die erfassten Fragmente des Gedachten und Getanen ‚oben‘ bewertet wurden. Eine Darstellung des Umbruchs in der DDR aus der Perspektive der oppositionellen Akteure bleibt ein Desiderat der Forschung.

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2. Globale Revolte und deutscher Furor

Man könnte meinen, in Götz Alys „Unser Kampf“ einen späten Widerhall jenes „Furor teutonicus“ zu vernehmen, den Wilhelm Hennis einst der Studentenbewegung attestierte.9 „Sündenstolze“ Reinigungsrituale ex post sind zwar kein deutsches Spezifikum, wie 68er-Debatten in anderen Ländern seit einigen Jahren zeigen. Aber hierzulande findet der „Furor“ in der NS-Vergangenheit eine singuläre Bezugsebene, die das eigene Tun in einem ganz speziellen Licht reflektiert. Auch Franzosen oder Dänen haben Totalitäres in den Studentenbewegungen ihrer Länder ausgemacht, aber sie könnten nicht auf die Idee kommen, „1968“ auf Konflikte mit Nazi-Eltern zurückzuführen oder sich selbst zu „Kindern Hitlers“ zu stilisieren.

Wie sehr ein Blick über die deutschen Grenzen zu einer nüchterneren Sicht auf „1968“ verhelfen kann, demonstriert Norbert Freis Buch auf sehr überzeugende Weise.10 Die konsequente Durcharbeitung des Materials aus einer globalen Perspektive wirft ein neues Licht auf den Gesamtkomplex. Hinzu kommen zwei weitere perspektivische Entscheidungen, die die Lektüre besonders ertragreich machen. Zum einen reduziert Frei seine Betrachtung nicht auf die „Studentenbewegung“, sondern weitet den Blick über die im Kern politische Dimension eines Elitenphänomens aus - auf die weltweite „Jugendrevolte“, bei der das kulturelle Moment eine entscheidende Rolle spielte. Hippies, Provos und Rock’n’Roll als Triebkräfte und Bindemittel eines kulturellen Umbruchs mit durchaus politischen Implikationen bezieht Frei ausführlich ein. Zum anderen widmet er der Rolle der Medien ein besonderes Augenmerk und arbeitet damit einen für die Durchdringung von Politik und Alltag und für die Globalität der 68er-Bewegung zentralen Mechanismus heraus. „1968“ beginnt für Frei in den USA, mit der Bürgerrechts- und Free-Speech-Bewegung sowie der Counterculture in San Francisco, die in einem ersten großen Kapitel ausgeleuchtet werden. Im Unterschied zu den meisten anderen Darstellungen, die sich „1968“ als globalem Phänomen widmen, werden hier nicht nur westeuropäische Länder behandelt - exemplarisch Italien, die Niederlande und Großbritannien -, sondern mit der Tschechoslowakei, Polen und der DDR auch der europäische Osten sowie Japan stellvertretend für den außereuropäisch-atlantischen Kulturkreis. Ein eigenes großes Kapitel betrachtet die Verhältnisse in der Bundesrepublik.

Aufgrund der breiten Anlage im topographischen und inhaltlichen, aber auch im zeitlichen Zugriff tritt die Komplexität von „1968“, auch die innere Widersprüchlichkeit dieses Bündels an Ereignissen und Tendenzen, in aller wünschenswerten Farbigkeit hervor. Bezogen auf die Bundesrepublik wird hier sehr deutlich, dass durch extensive Terrorismusdebatten und Selbstkasteiungen früherer Akteure in den letzten Jahren eine verengte Perspektive entstanden ist, die sich in einem auffälligen Missverhältnis zum mittlerweile differenzierten Forschungsstand befindet. Das Verdienst von Freis Buch besteht darin, diesen engen Fokus aufzubrechen und in gut lesbarem Stil eine vielschichtige und gleichzeitig abgewogene Analyse zu bieten, die im Großen wie in den Details stets treffend urteilt. Für Frei ist „1968“ mehr als eine realgeschichtliche Koinzidenz von Modernisierungstendenzen und kritischen Ereignissen, nämlich zugleich ein „Assoziationsraum gesellschaftlicher Zuschreibungen und auktorialer Selbstdeutungen“, in dem immer wieder gegensätzliche Auffassungen aufeinandertreffen (S. 211).

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In den verschiedenen Ländern von unterschiedlicher Dauer, war „1968“ eine „Epoche“, die sich zumeist über mehrere Jahre erstreckte. Die Motivbündel setzten sich sehr unterschiedlich zusammen. Spielten in den osteuropäischen Ländern Forderungen nach politischer Freiheit eine besonders wichtige Rolle, waren es in den Ländern der „Dritten Welt“ sozioökonomische Argumente, in Westeuropa und den USA hingegen kulturrevolutionäre Vorstellungen. Transnational zusammengehalten und überformt wurden die Bewegungen durch einen erneuerten Marxismus, der dem „goldenen Zeitalter“ (Eric Hobsbawm) eine revolutionäre Deutung gab und besonders die Nachwuchsakademiker ansprach. Ganz zu Recht verweist Frei darauf, dass die utopischsten Verstiegenheiten, die in diesem fortschrittsgläubigen Kontext entstanden und als totalitär erscheinen mögen, kaum repräsentativ waren und mit weit verbreiteter Inkonsequenz im Lebensstil kollidierten. Für die große Masse der 68er waren Ideologie und Alltag nicht deckungsgleich. Bezogen auf die Bundesrepublik kann der Blick über den Tellerrand nur bedeuten, die Fixierungen auf die Nationalgeschichte zu durchbrechen: Die NS-Vergangenheit hat „1968“ eine besondere Färbung gegeben, hat sie aber nicht totalitär determiniert. Militanter als hierzulande waren die Auseinandersetzungen in Frankreich und Italien. Ideologischer Kampf zwischen den Fraktionen war kein deutsches Privileg, sondern ebenso virulent in den USA und in Schweden.11

3. Ideal und Alltag

Ähnlich wie Frei bezieht auch Wolfgang Kraushaar in seine „Bilanz“ zum Thema „1968“ ein erfreulich breites Spektrum von Themen ein, konzentriert sich aber auf Westdeutschland.12 Kraushaar, der seit vielen Jahren immer neue Teilaspekte beschrieben und Gesamtinterpretationen vorgelegt hat, beginnt sein Buch geradezu programmatisch mit einer Darstellung der Hippiebewegung - jener amerikanischen Subkultur, die nicht nur für einen gewichtigen Teil der 68er-Bewegung in der Bundesrepublik stilbildend wurde. Zwar sind in der konsum- und technokratiekritischen Bewegung, die die alternative Gemeinschaft mit eigenen Normen und Stilen propagierte, Parallelen zur deutschen Lebensreform um die Jahrhundertwende zu erkennen - aber die Bewegung war, wie Kraushaar zeigt, eben keine deutsche Erfindung. Daher verbieten sich kurzschlüssige historische Analogisierungen, die womöglich auch noch den Nationalsozialismus einbeziehen. Zum anderen wird hier deutlich, dass die 68er-Bewegung als Konglomerat von politischen Oppositionsgruppen, kulturrevolutionären Strömungen und alternativen Milieus nicht auf einen politischen Kern reduziert werden kann. Wesentlich für ihr Verständnis ist die Tatsache, dass politische Veränderung und neue Lebensweise Hand in Hand gingen. „Das Private ist politisch“ - nach der späteren Losung der Frauenbewegung lebten schon die Hippies und die Kommune 1. In elf Kapiteln durchmustert Kraushaar die verschiedensten Aspekte von „1968“. Seine Bilanz schlägt einen chronologischen Bogen von den Rahmenbedingungen und „Ursprungsmythen“ über die praktischen Modelle alternativen Lebens und die politischen Kampagnen bis hin zu den Folgewirkungen von „1968“. Er diskutiert den „Kulturkampf“ um 1968 ebenso wie die weiteren biographischen Verläufe ehemaliger 68er und widmet sich intensiv einem zeitgenössischen Interpretationsmuster, das in „1968“ eine romantische Bewegung sah. Neue Forschung wird hier, wie der Titel schon andeutet, nicht geboten, sondern eine Gesamtschau, die manches Bekannte in Erinnerung ruft und etliche in der gegenwärtigen Debatte aktuellen Fragen diskutiert.

Aus dem Anregungspotenzial dieses Buchs sollen zwei Aspekte näher betrachtet werden. Zum einen nimmt Kraushaar - wie manche anderen Autoren, allerdings weniger radikal zugespitzt als Aly - jene extremen Texte und Aktionen zu sehr für bare Münze, an denen sich das von Adorno treffend konstatierte „Quentchen Wahn“ materialisierte, „dem das Totalitäre teleologisch innewohnt“ (zit. auf S. 297). Natürlich müssen radikale Theorien, martialische Aufrufe und terroristische Aktivitäten ernstgenommen werden. Doch was genau sagen sie eigentlich über die Wirklichkeit einer Bewegung aus, in der sich Politisches und Privates vorsätzlich bis zur Ununterscheidbarkeit mischte? Es geht hier nicht darum, das Problematische oder auch das „Totalitäre“ mancher Aussagen abzustreiten. Aber, um es an einem Beispiel festzumachen, die Texte der „Kommunistischen Volkszeitung“ und die Broschüren des Kommunistischen Bunds Westdeutschland (KBW) sagen so gut wie nichts aus über die Lebenswirklichkeit junger Maoisten, die nicht selten antiautoritäre Gymnasiasten gewesen waren und nach einer begrenzten Zeit des linksradikalen Engagements wieder zu ihren früheren Haltungen zurückfanden. Gerade extremer Gruppenzwang, autoritäre Verhältnisse und Disziplinierung führten zu hoher Fluktuation in diesen Gruppen. Was ist aus gesellschaftsgeschichtlicher Perspektive höher zu bewerten - die Tatsache, dass diese Leute zwei oder drei Jahre KBW-Aktivisten waren, oder die Tatsache, dass sie einer soziokulturellen Formation angehörten, die als erste postmaterialistische Ideale wie Selbstbestimmung, Nachhaltigkeit, Ausbau der Demokratie etablierte? Ronald Ingleharts Untersuchungen haben erwiesen, dass postmaterialistische Einstellungen und linksradikale politische Neigungen kein Gegensatz waren, sondern bei den jungen Altersgruppen bis zum Ende der 1970er-Jahre in ganz Westeuropa kombiniert auftraten.13 Dass das „mit einer asketischen Lebenseinstellung verbundene Politikverständnis“ von K-Gruppen (S. 189) dauerhaft den Alltag ihrer Mitglieder widerspiegelte, darf man bezweifeln. Ein asketisches Ideal war im Kommunistischen Bund und in der DKP kaum durchzusetzen, und dort, wo dies zum Teil massiv versucht wurde (in der KPD/AO, dem KBW und der KPD/ML), war die Mitgliederfluktuation besonders stark. Ein für die Gesamtbeurteilung dieses Phänomens sehr wichtiges Faktum muss festgehalten werden: Wahnideen ließen sich auf die Dauer nicht durchsetzen in einer Klientel, deren Kernmotivation diametral entgegengesetzt war.14 Sie wollte sich nicht damit zufriedengeben, dass die Vorgänge von „1968“ „nur solche Geschichten bleiben, die man den Enkeln erzählen kann“ (Franz Josef Degenhardt), und schloss sich deshalb einer radikalen politischen Organisation an; aber politische Überzeugungen stießen dort an Grenzen, wo der Alltag eines freieren Lebens dauerhaft eingeschränkt werden sollte.

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Überhaupt spricht manches - zweitens - dafür, dass in der gegenwärtigen Beurteilung von „1968“ ideologische Positionen überbewertet werden. Wie stark die Verbindungen zu romantischen Ideen waren, mag man unterschiedlich beurteilen - vielleicht waren sie in Deutschland stärker als anderswo. Entscheidender ist die Frage, welche Bedeutung geistesgeschichtliche Traditionen in der spezifischen historischen Situation um 1970 hatten. Formal gab es gewiss Parallelen zur deutschen Jugendbewegung (was ältere Jugendbewegte zu betonen nicht müde wurden und Anleihen etwa bei Walter Benjamin oder Alexander Schwab nahelegte), aber ähnliche Stile oder politische Vorstellungen können um 1970 eine völlig andere Bedeutung gehabt haben als 1919. Beispiel Rätedemokratie: Sicherlich war sie in der Zeit der Novemberrevolution Ausdruck einer Skepsis gegenüber der modernen Gesellschaft, speziell gegenüber der repräsentativen Demokratie - und destabilisierte daher zusätzlich die von rechts fundamental bekämpfte Republik. Aber um 1970 spielte das rätedemokratische Ideal eine andere, positiv zu bewertende Rolle. Denn es richtete sich dezidiert gegen die „Alterskrankheit des Kommunismus“ und radikalisierte die Forderung nach partizipatorischer Demokratie, die sich als zukunftsträchtig erweisen sollte.15 Als „Selbstverwaltung“ und „Basisdemokratie“ haben diese Vorstellungen die Neuen Sozialen Bewegungen der 1970er- und 1980er-Jahre maßgeblich geprägt.

Ob der in Deutschland nach wie vor verbreitete Hang zur geistesgeschichtlichen Erklärung viel weiter führt, ist fraglich. Die Praxis gesellschaftlicher Strömungen geht kaum in metaphysischen Idealen auf. Wenn der Ruf nach Verwirklichung der demokratischen Leitidee individueller Freiheit immer lauter erklang, dann hatte dies weniger mit nationalspezifischen philosophischen Traditionen zu tun als mit der empirisch beobachtbaren und von den Zeitgenossen unmittelbar wahrgenommenen Ausdehnung der Freiheitsspielräume seit 1945.16 Demokratische Ordnung, Rechtsstaat und Massenkonsum waren ihre entscheidenden Voraussetzungen. Reflektiert, popularisiert und praktisch umgesetzt wurde dieses neue Freiheitsgefühl zuerst in jugendlichen Subkulturen. Die eigentliche Motivation und Sprengkraft der 68er-Bewegung lag in der umfassenden Politisierung dieses Vorgangs, in der Forderung nach Einlösung und Ausbau des gewachsenen Freiheitsspielraums auf allen Ebenen von Politik und Alltag. Die neuerdings in Mode gekommene Koppelung des Begriffs der „Selbstermächtigung“ an die 68er-Bewegung rückt diesen Freiheitsimpuls in ein negatives Licht, indem sie ihn als voluntaristisch erscheinen lässt. Das ist zu einseitig und geht in die falsche Richtung. Erst schreien sie nach Freiheit, dann rumpeln die Karren zum Schafott - so hatte der Konservatismus die Französische Revolution denunziert. Mehr Liberalität in der Lebensführung, Bereitschaft zum Engagement und Mut zur politischen Meinung - das war es, was der deutschen Kultur bis in die 1960er-Jahre gerade gefehlt hatte.

4. Fazit

Die Debatte insbesondere um Götz Alys Buch macht deutlich, dass den von Wolfgang Kraushaar zu Recht kritisierten Bemühungen, „1968“ durch Parallelisierung mit dem Nationalsozialismus, Reduktion auf den Terrorismus oder Psychologisierung als Kollektivwahn zu „finalisieren“, Grenzen gesetzt sind.17 Aber es täuscht auch der Eindruck, eine „tradierten wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Historisierung“ würde „am liebsten alles über den Kamm der Modernisierung scheren“ und damit ebenfalls daran arbeiten, „1968“ „überflüssig zu machen“.18 Nur weil dieses soziokulturelle und politische Datum seit den vergangenen zehn Jahren aus vielerlei Perspektiven erforscht wird, kann heute auf einer solideren Grundlage über die Rolle der 68er-Bewegung bei der Modernisierung der Gesellschaft diskutiert werden. Was sonst sollte der Maßstab für die Beurteilung dieser Bewegung sein, wenn nicht der Kontext der gesellschaftlichen Entwicklung, deren Teil sie war?

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Die Befunde fallen gemischt aus. Auf der politischen Ebene treten die Sackgassen hervor, in die sich manche - bei weitem nicht alle - Zerfallsprodukte manövrierten. Das Extrem bildete der Terrorismus, der politisch - ganz im Sinne seiner Urheber („die Widersprüche zuspitzen“) - nicht zu einer Liberalisierung, sondern zur partiellen Rücknahme des Demokratisierungsversprechens beitrug. Gleichzeitig hat der radikaldemokratische Impuls von APO und Studentenbewegung sehr positive Effekte gehabt: Die von den amerikanischen „Students for a Democratic Society“ übernommene Idee der partizipatorischen Demokratie fand Eingang in die politische Kultur der Bundesrepublik. Politische Reformen wurden oft schon vor 1968 initiiert - zumeist von Angehörigen der 45er-Generation -, aber häufig erst mit dem Schub der außerparlamentarischen Bewegung und der weiteren Zuspitzung durchgesetzt. Auch soziokulturell waren die „68er“ selten die Initiatoren wesentlicher Neuerungen, sondern profitierten bereits von ihnen. Aber sie beschleunigten die Veränderungen und luden sie mit Bedeutungen in ihrem Sinne auf. Das schuf einen eigenen kulturellen Raum und forcierte die Verankerung dieser Neuerungen in der Gesellschaft. Beat- und Rockmusik oder die sexuelle Revolution keimten schon Jahre vor 1968, und sie hatten nicht zuletzt privatwirtschaftliche Quellen, die linken Studierenden suspekt waren. Aber die Studenten nahmen das befreiende Potenzial von elektrifizierter Musik und liberalisierten sexuellen Normen auf, radikalisierten und politisierten es - wenn auch in zum Teil problematischen Formen. Ökonomisch war die 68er-Bewegung alles andere als irrelevant. Große Teile der Medien und der Konsumgüterindustrie - Musik, Bekleidung, Unterhaltungselektronik - erlebten durch sie einen enormen Aufschwung, während gleichzeitig ein „alternativer“ Wirtschaftssektor entstand, der zuvor kaum existiert hatte. Das Ideal der Selbstbestimmung, das im Wertewandel der ganzen Gesellschaft bereits seit den frühen 1960er-Jahren eine wachsende Rolle spielte, wurde von der 68er-Bewegung zur Grundlage vieler Projekte erhoben. Inwieweit es umgesetzt wurde, ist eine Frage, die die Forschung über alternatives Wohnen und alternative Wirtschaftsformen noch klären muss.
 

Der Deutungskampf um „1968“ setzt sich bis heute fort: „40 Jahre nach 1968 - Die letzte Schlacht gewinnen wir“. Plakat zum Kongress von Linke.SDS und Linksjugend ['solid] Anfang Mai 2008 in Berlin.
 

Einseitige, auf Provokation angelegte Thesen bewegen zwar den Blätterwald, bringen aber nicht die Forschung voran. Man muss sich schon auf die Komplexität der Phänomene einlassen, um ein überzeugendes Bild von „1968“ zu gewinnen. Dass es gleichzeitig die Mehrdeutigkeiten sind, die dieses „kalendarische Etikett“ (Wolfgang Kraushaar) immer wieder zum Gegenstand der unterschiedlichsten Projektionen werden lassen und einen Streit auslösen, der sich weniger auf die Vergangenheit richtet als auf die Gegenwart, gehört zu den faszinierenden Eigenarten von „1968“.

Anmerkungen: 

1 Ingrid Gilcher-Holtey (Hg.), 1968 - vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft, Göttingen 1998, unveränderte Tb.-Ausg.: Vom Ereignis zum Mythos, Frankfurt a.M. 2008. Vgl. auch dies., Die 68er Bewegungen. Deutschland, Westeuropa, USA, München 2001; dies., 1968. Eine Zeitreise, Frankfurt a.M. 2008.

2 Explizit zu diesem Thema siehe jetzt die erhellende Historisierung von Albrecht von Lucke, 68 oder neues Biedermeier. Der Kampf um die Deutungsmacht, Berlin 2008.

3 Götz Aly, Unser Kampf. 1968 - ein irritierter Blick zurück, Frankfurt a.M. 2008.

4 Aly hat dies durch einen kurz vor Erscheinen seines Buchs veröffentlichten Artikel selbst mit lanciert: Götz Aly, Die Väter der 68er. Vor 75 Jahren kam Hitlers Generationenprojekt an die Macht: die 33er, in: Frankfurter Rundschau, 30.1.2008, S. 19-22.

5 Exemplarisch: Gerd Koenen, Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977, Köln 2001; Wolfgang Kraushaar, Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus, Hamburg 2005; Andreas Kühn, Stalins Enkel, Maos Söhne. Die Lebenswelt der K-Gruppen in der Bundesrepublik der 70er Jahre, Frankfurt a.M. 2005; Klaus Weinhauer/Jörg Requate/Heinz-Gerhard Haupt (Hg.), Terrorismus in der Bundesrepublik. Medien, Staat und Subkulturen in den 1970er Jahren, Frankfurt a.M. 2006.

6 Stefan Wolle, Der Traum von der Revolte. Die DDR 1968, Berlin 2008.

7 Vgl. für die DDR allerdings Heinz Niemann, Meinungsforschung in der DDR. Die geheimen Berichte des Instituts für Meinungsforschung an das Politbüro der SED, Köln 1993.

8 Für einen solchen Ansatz vgl. insbesondere Dorothee Wierling, Geboren im Jahr Eins. Der Jahrgang 1949 in der DDR. Versuch einer Kollektivbiographie, Berlin 2002.

9 Aly selbst zitiert Hennis ausführlich: Aly, Unser Kampf (Anm. 3), S. 187.

10 Norbert Frei, 1968. Jugendrevolte und globaler Protest, München 2008.

11 Thomas Etzemüller, 1968 - Ein Riss in der Geschichte? Gesellschaftlicher Umbruch und 68er-Bewegungen in Westdeutschland und Schweden, Konstanz 2005; ders., Imaginäre Feldschlachten? „1968“ in Schweden und Westdeutschland, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 2 (2005), S. 203-223.

12 Wolfgang Kraushaar, Achtundsechzig. Eine Bilanz, Berlin 2008.

13 Ronald Inglehart, Kultureller Umbruch. Wertewandel in der westlichen Welt, Frankfurt a.M. 1989, S. 351ff.

14 Vgl. Wir warn die stärkste der Partein... Erfahrungsberichte aus der Welt der K-Gruppen, Berlin 1977.

15 Gabriel und Daniel Cohn-Bendit, Linksradikalismus, Gewaltkur gegen die Alterskrankheit des Kommunismus, Reinbek bei Hamburg 1968.

16 Vgl. auch Konrad H. Jarausch, Die Umkehr. Deutsche Wandlungen 1945-1995, München 2004.

17 Kraushaar, Achtundsechzig (Anm. 12), S. 296.

18 Ebd. An anderer Stelle (S. 43) wird dieses Erklärungsmuster „sozialdemokratischen Zeithistorikern“ zugeordnet - wer auch immer damit gemeint sein mag. Dass die in den 1960er-Jahren zu beobachtenden sozialen Veränderungen Ausdruck eines „unabwendbaren“, von den Akteuren „nicht intendierten Strukturwandels“ gewesen seien, behauptet wohl niemand. Eher ist zu fragen, wer wann und in welcher Weise den Wandel beeinflusste. Erst so lässt sich die Rolle der Studentenbewegung, über die viel spekuliert wurde und wird, genauer herausarbeiten.

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