Aleksandr Solženicyn, Archipelag GULag 1918-1956. Opyt chudožestvennogo issledovanija, 3 Bde., Paris: YMCA-Press 1973-1976; dt. Übers.: Der Archipel GULAG, 3 Bde., aus dem Russischen von Anna Peturnig und Ernst Walter, Bern/München: Scherz 1974-1976.
Der „Archipel Gulag“ ist eine gewaltige Anklageschrift vor dem Tribunal der Geschichte.2 Beweis wird auf Beweis gehäuft, so leidenschaftlich und radikal, dass an ein Erscheinen des Buchs in der UdSSR von vornherein nicht zu denken war. Am verstörendsten für die Sowjetmacht muss es gewesen sein, dass Solženicyns Epos der sowjetischen Lebenslüge den Boden entzog, ein prinzipiell richtiges, unter den besten Vorzeichen gestartetes Unterfangen sei von Stalin korrumpiert worden - eine Einschätzung, wie sie auch von Trotzkisten und Maoisten in Ost und West vertreten wurde. Das war einer der Gründe, warum der „Archipel Gulag“ auch im Westen zwiespältig aufgenommen wurde. Er zwang zur Stellungnahme nicht nur zum Stalinismus, sondern zum ganzen sowjetischen System.
Der sowjetischen Ablehnung und Diffamierung stand die offiziell-westliche Stilisierung Solženicyns zum verfolgten Helden der Freiheit gegenüber, der zu bestätigen schien, was der Westen schon immer gewusst haben wollte. Von besonderer Bedeutung ist die Kontroverse, der sich die nicht-sowjetische Linke im Hinblick auf den „Archipel Gulag“ stellen musste. Natürlich gab es da die Unbeeindruckbaren. Für viele Linke aber wurde die Lektüre des Werks zu einer (weiteren) desillusionierenden Erfahrung mit dem sowjetischen System, das durch Solženicyns Darstellung nachhaltig diskreditiert wurde. Dies trug wesentlich zur Entwicklung eines unabhängigen „Eurokommunismus“ vor allem in Italien und Frankreich bei.3
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Wenn man die inzwischen publizierten internen Dokumente der sowjetischen Führung liest,4 fällt auf, dass innerhalb der Sphären der Macht nicht anders gesprochen wurde als in den Verlautbarungen sowjetischer Medien. Dort herrschte dieselbe Einteilung der Welt in Freunde und Feinde, dieselbe manipulative Verwendung von Zitaten, dasselbe Streben nach „korrekter Darstellung“ in der Kunst und „korrekten“ Ansichten in der Politik, derselbe rhetorische Aktionismus. Lediglich in den praktischen Fragen der Macht war man unverblümter - etwa wenn das Politbüro die Frage erörterte, ob Solženicyn auszuweisen oder zu inhaftieren sei. Im Fall Solženicyn war die politische Führung eine treibende Kraft - indem sie ihn geheimdienstlich überwachte, Zeitungsartikel lancierte oder Aufrufe des Schriftstellerverbandes inszenierte. Aber sie war auch eine getriebene Kraft: Funktionäre und Schriftsteller äußerten permanent, Solženicyn werde immer unverschämter, immer offener antisowjetisch, man müsse jetzt doch handeln. Aber es geschah über Jahre hinweg letztlich nichts (außer den „operativen Maßnahmen“ des KGB), und in der Tat war es lange Zeit eher Solženicyn, der den Gang der Dinge bestimmte. Bei allem, was die sowjetische Führung tat, schielte sie ängstlich auf tatsächliche oder vermeintliche Reaktionen der Weltöffentlichkeit.
Die zeitweise intensiv diskutierte Frage, ob der „Archipel Gulag“ als Roman oder als historische Darstellung einzustufen sei, ist nach dem „narrative turn“ in der Geschichtswissenschaft nicht mehr so vorrangig. Ganz zweifellos nimmt das Buch eine herausragende Stellung innerhalb des Genres der Lagerliteratur ein. Soweit es die Thematik erlaubt, liest man den „Archipel Gulag“ richtig gern. Dabei macht Solženicyn es einem nicht leicht. Schon der Umfang schreckt ab, vor allem aber ist die literarische Technik anspruchsvoll: die Montage unterschiedlichsten Materials, ständige und abrupte Perspektivenwechsel, das Oszillieren zwischen Reflexion und Erzählung, zwischen Allgemeinem und Autobiographischem, die ausführlichen Zitate sowjetischer Gesetzestexte und Gerichtsprotokolle. Solženicyn tritt in einen Dialog mit dem Leser, schmeichelt ihm, widerspricht ihm, nimmt Einwände vorweg, bestreitet ihm die prinzipielle Möglichkeit zu verstehen, moralisiert, spottet, predigt, schwärmt und hasst, ist einfühlsam und plakativ polemisch zugleich. Ausgiebig macht Solženicyn von den Stilmitteln des Humors, des Sarkasmus und der Ironie Gebrauch. Der Text enthält hunderte von kleinen Preziosen und eingängigen Porträts. Gerade mit dieser sperrigen Uneinheitlichkeit kann sich Sol˛enicyn seinem Gegenstand am ehesten annähern. Auf 1.800 Seiten entwirft er ein Gesamtbild der sowjetischen Lagerwelt. Dabei verschränkt sich die (autobiographisch inspirierte) Darstellung typischer Phasen des Lagerlebens mit Ausführungen zur historischen Entwicklung des sowjetischen Repressionssystems, mit Reflexionen zur Geographie, Soziologie, Anthropologie, zur Sprache und zur Moral der Lager.5
Bei allem künstlerischen Gestaltungswillen vertrat Solženicyn mit dem „Archipel Gulag“ auch immer den Anspruch auf menschliche und moralische Wahrheit. Die moralische Perversion der Lagerwelt führte er auf die Herrschaft einer pervertierten Ideologie zurück. In diesem Sinne analysierte er das Lagersystem - bei allen der russischen Geschichte geschuldeten Spezifika - prinzipiell als ein Phänomen der ideologisierten Moderne: „Dank der Ideologie war es dem 20. Jahrhundert beschieden, die millionenfache Untat zu erleiden.“ (Band 1, Kapitel 4) Auch wenn es Solženicyn vor allem um überzeitliche moralische Aussagen ging, darf man nicht übersehen, dass er auf der Grundlage eines emphatischen Wahrheitsbegriffs auch historische Faktizität anstrebte. Die Erinnerungen von 227 Lagerhäftlingen flossen in seine Darstellung ein. Bei aller Subjektivität im Urteil bemühte er sich stets um eine möglichst akkurate Identifizierung von Ort, Zeit und Handlung, soweit seine Quellen es ihm erlaubten. Immer wieder griff er auf veröffentlichte und damit nachprüfbare offizielle Texte zurück (Gesetze, Prozessprotokolle etc.).
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Aus heutiger Sicht ist bemerkenswert, dass das Werk insgesamt recht genau ist und in den größeren Linien nur weniger Korrekturen bedarf. In vielerlei Hinsicht ist der „Archipel Gulag“ immer noch eines der besten historischen Bücher über die sowjetische Lagerwelt. Will man das Werk am heutigen Stand der Forschung messen, ergeben sich grundsätzliche Probleme. Erstens gilt immer noch, was Dietrich Beyrau vor 30 Jahren schrieb: „Mit Erlebnissen dieser Art und ihrer Bewältigung läßt sich nicht rechten.“6 Zweitens hat die Forschung zum Stalinismus durch die partielle Öffnung der Archive einen außergewöhnlichen Schub erfahren. Dennoch steht die archivgestützte Gulag-Forschung ziemlich am Anfang. Noch immer dominiert die Wiedergabe von Quellen, allerdings (nach dem anfänglichen, methodisch naiven archivalischen „Goldrausch“) inzwischen mit gesteigertem wissenschaftlichem und editorischem Anspruch - eine nicht hoch genug zu schätzende Voraussetzung für weitere Forschungen. In den letzten Jahren ist auch eine ganze Reihe von archivgestützten Arbeiten erschienen, aber es wird noch geraume Zeit dauern, bis sich hieraus ein klares Bild ergibt.7 Drittens werden bei allem Fortschritt der wissenschaftlichen Forschung viele Erklärungen für das Phänomen der sowjetischen Lager eher durch neue Sichtweisen beeinflusst als durch neue Quellen. Oft hängt von den Fragen, die man an die Quellen stellt, mehr ab als von deren Inhalt. In der Bewertung beispielsweise der Ideologie ist man heute wieder näher an Solženicyn, als man das zwischenzeitlich war.8
Der Hauptunterschied zwischen Solženicyns Vorgehensweise und der wissenschaftlichen Forschung ist einer der Differenzierung. Solženicyn spitzt zu, vereinfacht, und sein moralischer Gestus versperrt ihm den Weg zu einer ausgewogenen Darstellung. Das ist im Sinne einer moralischen Bewertung legitim, aber für historisches Verständnis stellenweise hinderlich. In der gemäldeartig angelegten Komposition gehen Entwicklungen zum Teil unter. So trifft es zu, dass der Keim für die sowjetische Lagerwelt schon in der Etablierung der bolschewistischen Herrschaft lag, aber ohne seine explosionsartige Ausweitung unter Stalin in den Blick zu nehmen, wird man den Charakter dieses Lagersystems nicht verstehen. Zudem hat Roy Medvedev mit Recht die Mitleidlosigkeit Solženicyns gegenüber bestimmten Häftlingsgruppen angeprangert, vor allem gegenüber den Opfern aus der Parteielite.9
Wichtige Themen der heutigen Forschung fehlten bei Solženicyn aufgrund seiner Häftlingsperspektive. Dazu gehören etwa die Rolle der Lager in der sowjetischen Wirtschaft und die institutionellen Auseinandersetzungen innerhalb des sowjetischen Repressionsapparats. Ebenfalls greift es zu kurz, wenn Solženicyn plakativ verkündet: „Die Machthaber wechseln, der Archipel bleibt.“ (Band 7, Kapitel 2) Sein Text und seine Biographie legen ja Zeugnis von den Brüchen auch innerhalb der sowjetischen Geschichte ab. Natürlich blieb die Sowjetunion ein repressiver Staat, aber die quantitativen und qualitativen Veränderungen des Repressionssystems nach 1953 waren erheblich.
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Mitunter hat man den Eindruck, dass Solženicyn sich durch die großartige Metapher vom Gulag als Archipel zu sehr einschränken lässt und die fundamentalen Unterschiede zwischen drinnen und draußen zu sehr betont. Dies wird besonders dort deutlich, wo man die scheinbar klare Dichotomie zwischen Bewachenden und Bewachten oder die Abgrenzung von Freiwilligen und Häftlingen hinterfragt. Solženicyn arbeitet zwar die dem Lagersystem inhärente Logik deutlich heraus, doch wird die genannte absolute Dichotomie der Existenzweise und der Herrschaftspraxis in den sowjetischen Lagern nicht völlig gerecht.
Solženicyn schrieb mit dem Bewusstsein und Anspruch eines Hüters des Gedächtnisses. Was er nicht erzählte, würde für immer verloren sein. Vor diesem Hintergrund ist es auch legitim, dass Solženicyn mit seinen Quellen nicht im historisch-wissenschaftlichen Sinne kritisch umging. Er wollte zunächst einmal retten, was zu retten war - Bewertung und Kritik kann ja erst stattfinden, wenn es überhaupt eine Überlieferung gibt. Dabei erwartete er stets, von Mithäftlingen ebenso wie von der Nachwelt, korrigiert und ergänzt zu werden. Gewidmet ist das Werk denen, „die nicht genug Leben hatten, um dies zu erzählen“. Solženicyn ist damit eigentlich ein Stammvater der breiten zivilgesellschaftlichen Bemühungen um die Aufarbeitung der Lagervergangenheit, wie sie seit den 1990er-Jahren etwa in der Organisation „Memorial“ Niederschlag gefunden haben (auch wenn diese Organisation historisch auf Solženicyns Dissidenten-Gegenspieler Andrej Sacharov zurückgeht). Der „Archipel Gulag“ bleibt ein Meilenstein der russischen Literatur ebenso wie der Geschichtsschreibung. Wer sich ernsthaft mit dem Charakter der sowjetischen Lagerwelt auseinandersetzen will, kommt an diesem Werk nicht vorbei. Die archivgestützte Geschichtsschreibung über das Lagersystem fängt gerade erst an, ein differenziertes Bild zu zeichnen. Sie tut dies auch im späten Dialog mit Solženicyn.
Johannes Grützmacher, Meilenstein der Literatur und der Geschichtsschreibung. Solženicyns „Archipel Gulag“ aus heutiger Sicht, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 3 (2006) H. 3, URL: <http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Gruetzmacher-3-2006>Beim Zitieren einer bestimmten Passage aus dem Aufsatz bitte zusätzlich die Nummer des Textabschnitts angeben, z.B. 12 oder 14-16.