1. Zwischen Hitler und Stalin
Am 13. April 1943 berichtete das Deutsche Nachrichtenbüro (DNB), die offizielle Presseagentur des NS-Staats, über einen „grauenvollen Fund“. „Durch Hinweise von Einwohnern“, hieß es in der Meldung, „wurde in der Umgebung des Waldes von Katyn […] in der Nähe von Smolensk eine Massenhinrichtungsstätte der Bolschewisten entdeckt.“ Dort seien Gräber geöffnet worden, die „einen ebenso erschütternden wie einwandfreien Aufschluss über den Massenmord an mehr als 10.000 Offizieren aller Grade […] der ehemaligen polnischen Armee durch Untermenschen der GPU“ gäben. Aufgrund der eingeleiteten Untersuchungen habe festgestellt werden können, dass „die im Auftrage Stalins von den jüdisch-bolschewistischen Mördern viehisch mißhandelten Gefangenen […] im Frühjahr des Jahres 1940, also Monate vor Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges, an dieser Stätte durch Genickschuß ermordet wurden“.1
Erst nach zwei Tagen, am 15. April, dementierte das sowjetische Informationsbüro Sowinform (Sowetskoje Informazionnoje Bjuro) die Anschuldigungen, drehte den Spieß um und beschuldigte die Deutschen der Tat: „Im Laufe der vergangenen zwei bis drei Tage verbreiteten die Goebbelsschen Verleumder eine niederträchtige Erfindung, in der behauptet wird, sowjetische Organe hätten im Frühjahr 1940 unweit von Smolensk massenhaft polnische Offiziere erschossen. Indem das deutsch-faschistische Lumpengesindel diese Ungeheuerlichkeiten erfand, schreckte es vor den schändlichsten und unsinnigsten Lügen nicht zurück, um dieses Verbrechen abzuschirmen, das – wie jetzt deutlich wurde – von ihnen selbst verübt worden ist.“ Die polnischen Kriegsgefangenen, so die Version Moskaus, waren „bei Bauarbeiten westwärts von Smolensk 1941 eingesetzt“ gewesen und „gemeinsam mit zahlreichen sowjetischen Bürgern in die Hände der deutsch-faschistischen Mörder“ gefallen, „nachdem sich die sowjetischen Truppen aus dem Raum Smolensk zurückgezogen hatten“.2
Es dauerte fast ein halbes Jahrhundert, bis eine dritte, abermals aus Moskau kommende Erklärung folgte. Am 13. April 1990 meldete die sowjetische Nachrichtenagentur TASS, dass „Archivare und Historiker […] unlängst Dokumente über polnische Soldaten gefunden [haben], die vom NKWD der UdSSR in drei Lagern in Koselsk, Ostaschkow und Starobelsk festgehalten worden sind. […] Im Ganzen betrachtet, lassen die gefundenen Dokumente den Schluss zu, dass Berija und Merkulow sowie deren Befehlsempfänger direkte Verantwortung für die grausame Tat im Wald von Katyn tragen. […] Die sowjetische Seite, die ihr tiefes Bedauern über die Tragödie von Katyn ausdrückt, erklärt, dass diese eines der abscheulichen Verbrechen des Stalinismus repräsentiert.“3
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Mit der deutschen Pressemeldung und dem sowjetischen Dementi von 1943 begann eine Jahrzehnte andauernde Verhandlung über die Täter und den Tod Tausender polnischer Kriegsgefangener.4 Die TASS-Erklärung von 1990 markierte deren Ende. Dazwischen lagen Jahre der erregten Spekulation, der politisch-ideologischen Tabus und der hilflosen Verrätselungen eines stalinistischen Kriegsverbrechens. Wer war für die Ermordung der Polen verantwortlich – die „deutsch-faschistischen Mörder“, wie Stalin behauptete, oder die „Untermenschen der GPU“, wie Goebbels’ Propaganda tönte? Erst das Eingeständnis des letzten sowjetischen Regierungschefs Michail Gorbatschow, dass es sich bei den Massenerschießungen um ein „abscheuliches Verbrechen des Stalinismus“ gehandelt habe, beantwortete die 47 Jahre währende Streitfrage. Die Geschichte der Massenerschießungen von Katyn schien an ihr Ende zu kommen.
Und in der Tat: Nachdem die TASS-Erklärung in den 1990er-Jahren eine internationale politische, wissenschaftliche und öffentliche Diskussion über Katyn und die Verbrechen des Stalinismus ausgelöst hatte, erregte das Thema um die Jahrtausendwende lediglich noch die Gemüter von Osteuropahistorikern oder nationalkonservativen Politikern in Polen.5 Während sich erstere um die historische Rekonstruktion und die Einordnung des Verbrechens in eine stalinistische Gewaltgeschichte bemühten, stilisierte die Geschichtspolitik der Brüder Lech und Jaroslaw Kaczynski Katyn zu einem postsozialistischen nationalen Opfermythos, der durchaus ein Stachel in den polnisch-russischen Beziehungen blieb. Westlich von Polen war Katyn bis zum tragischen Tod Lech Kaczynskis kein Thema mehr. Als der polnische Staatspräsident am 10. April 2010 zusammen mit seiner Frau, hochrangigen Politikern, Militärs und Intellektuellen auf dem Flug zu einer Gedenkveranstaltung an den Massengräbern tödlich verunglückte, rückte Katyn schlagartig wieder in den Blickpunkt der internationalen Öffentlichkeit.
Auch wenn die mediale Aufmerksamkeit bald nachließ: Die seither mäandernden Verschwörungstheorien und das eilige Zur-Schau-Stellen einer polnisch-russischen Trauer, die in der linkischen Umarmung zwischen Wladimir Putin und Donald Tusk ihr Bild fand, offenbarten die Gegenwartsempfindlichkeit Katyns. Nach wie vor besitzt dieses Kriegsverbrechen einen bemerkenswerten politischen Reiz- und historischen Symbolwert, der über den polnisch-sowjetischen Kontext hinausreicht. Bei der im Zuge des Flugzeugunglücks wiederholten Verengung Katyns auf einen polnisch-sowjetischen Geschichtskonflikt ist ein Akteur stets im Hintergrund geblieben: das nationalsozialistische Deutschland und sein „Anteil“ an einem Ereignis, das mit der Verhaftung der Polen 1939 begann und dessen Auswirkungen in gegenwärtige Diskussionen um eine europäische Weltkriegserinnerung hineinreichen.
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Die Massenerschießungen von Katyn gehören in eine deutsch-sowjetische Verflechtungsgeschichte, die von der historischen Forschung zum Zweiten Weltkrieg bisher nur wenig praktiziert worden ist.6 Katyn ist ein Kriegsverbrechen aus der Zeit des Hitler-Stalin-Pakts, der Hitlers Eroberungszüge in Westeuropa ebenso ermöglichte wie Stalins imperiale Erweiterung in Osteuropa: nach Polen, in das Baltikum und in den Südosten, auf die Balkanhalbinsel.7 Die Frage nach dem Einfluss, den die Begegnung und das Ineinanderwirken der beiden Diktaturen auf die Gewalt des Zweiten Weltkriegs ausübten, ist freilich selten gestellt worden.8 Die Forschungslücken, die hier bestehen, lassen sich nicht ausschließlich mit dem Verweis auf fehlende oder unzugängliche Archivmaterialien begründen. Der Umstand, dass die zwei Kriegsjahre, in denen sich Hitler und Stalin – nicht immer freundlich gesonnen – Europa untereinander aufteilten, aus dem Blick gerieten, liegt auch an den ideologischen Konstellationen des Kalten Kriegs, der die Konfrontation betonte und die Verschränkungen in den Hintergrund rückte.
Die historiographische Relevanz Katyns erschöpft sich jedoch nicht allein darin, den Blick wieder auf die Verflechtungen – aber nicht den Vergleich – von Nationalsozialismus und Stalinismus zu lenken. Sie liegt, darüber hinaus, in der Überschreitung der Zäsur von 1941, die das Bündnis beendete und mit der die Gegnerschaft begann. Indem das Verbrechen die Feindschaft der Jahre 1941–1945 mit dem vorausgegangenen Pakt in ein Verhältnis setzt, verbindet es beide Phasen des Kriegs. Die deutsche Pressemeldung, Goebbels’ Propagandakampagne, das sowjetische Dementi und Stalins Katyn-Inszenierung im Januar 19449 erscheinen so als Teil eines „Kriegs um Kriegsverbrechen“, in dem beide Seiten ihr aus der Zeit des Bündnisses stammendes Wissen um die Gewaltherrschaft des Anderen nun gegeneinander ausspielten. Aus diesen Propagandaschlachten wiederum stammen wirkungsmächtige Kommunikationsmuster, die das Reden und das Schweigen über Katyn im Kalten Krieg prägten. Am Beispiel Katyns lässt sich zeigen, wie sehr die Propaganda des Zweiten Weltkriegs das historische Gedächtnis des Kalten Kriegs beeinflusste. Die Gegenwartsempfindlichkeit der Katyn-Geschichte liegt somit auch im Hinterfragen von Geschichtsbildern, die in den ideologischen Grabenkämpfen des Kalten Kriegs auf Dauer gestellt wurden. Katyn ist ein Lehrstück über die Selektivität, Zeitgebundenheit und Generationalität historischer Narrationen – Merkmale, die nicht zu ändern sind, die aber der wissenschaftlichen Reflexion bedürfen.
2. Ein Krieg um Kriegsverbrechen
Aber zurück in das Frühjahr 1943, als sich Hitler und Stalin gegenseitig der Tat bezichtigten. Die Deutschen beschuldigten die sowjetische Geheimpolizei und nannten als Tatzeit die Monate von März bis Mai 1940. Dezidiert hatte das Deutsche Nachrichtenbüro hervorgehoben, dass die Erschießungen „vor Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges“ stattgefunden hätten, also in der Zeit des Hitler-Stalin-Pakts. Das Sowinformbüro bestand dagegen auf dem Herbst 1941 als Tatzeitpunkt, d.h. nach der deutschen Besatzung von Smolensk in den ersten Augusttagen. Von diesem Moment an stand Aussage gegen Aussage. Die Suche nach den Handlungsmotiven, Argumentations- und Legitimationsmustern führt ins Zentrum einer Kommunikationsgeschichte der Massenerschießungen. Der Zuschlag für die eine oder die andere Version hing dabei nicht von gerichtsmedizinischen Beweisen oder historischen Quellen ab. Noch während des Zweiten Weltkriegs, insbesondere aber im Kalten Krieg, auf den ich mich konzentrieren werde, war für die Beantwortung der Täterfrage entscheidend, welcher Seite aus politischer Berechnung, Indifferenz oder ideologischem Zwang geglaubt werden musste.
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Hätten historische Quellen eine Rolle gespielt, dann wäre die Frage nach den Tätern bereits in den ersten Nachkriegsjahren geklärt gewesen, als die von der polnischen Exilregierung in London publizierten Dokumente die Schuld des sowjetischen NKWD überzeugend belegten.10 Im Dezember 1944 hatte die von den Westalliierten anerkannte Regierung, die seit Kriegsbeginn zuerst von Paris und dann von London aus den Widerstand im besetzten Polen koordinierte und sich als legale Interessenvertretung der heimischen Bevölkerung verstand, eine Kommission gebildet, die zahlreiche Dokumente und Zeugenaussagen über das Schicksal der vermissten Gefangenen auswertete. Obwohl die Kommission eine eindeutige Antwort letztendlich vermied, legte ihre umfangreiche und präzise Darstellung die Schuld des NKWD unausweichlich nahe. Verglichen mit den heute zugänglichen sowjetischen Quellen war der Kenntnisstand der Londoner Kommission, die sich unter anderem auf die intensiven Recherchen des „Suchbüros“ der polnischen Streitkräfte in der Sowjetunion stützen konnte, bereits beträchtlich. Auf der Grundlage von Aussagen überlebender Soldaten, die später in der so genannten Anders-Armee dienten und die Sowjetunion in Richtung Westfront verließen,11 konnte die Londoner Kommission detaillierte Angaben zum Schicksal der Gefangenen bis zum Frühjahr 1940 machen. Umfassend berichtete sie über das Lagerleben in Koselsk, Starobelsk und Ostaschkow, über die Verhöre und die Zuckerbrot-und-Peitsche-Strategie des NKWD, die nach oft erfolglosen Anwerbeversuchen in Repressionen mündete. Ebenso genau rekonstruierte der Bericht die Liquidation der Lager und den Abtransport der Gefangenen im Frühjahr 1940, inklusive der Namenslisten und exakter Zeitangaben. Das plötzliche Verschwinden der Gefangenen sowie die widersprüchlichen Aussagen der sowjetischen Regierung, die bis hin zu Stalin auf Nachfragen teils zynisch, teils abweisend reagierte, ließen keine andere Schlussfolgerung zu als den gewaltsamen Tod der Polen noch vor dem Überfall Hitlers.
Es ist kein Zufall, dass der Bericht der Londoner Kommission erstmals im Februar 1946 beim Internationalen Militärtribunal in Nürnberg in englischer Sprache vorlag. Nachdem Moskau noch während der Vorbereitungsgespräche in London durchgesetzt hatte, Katyn als deutsches Kriegsverbrechen in die Anklageschrift des Militärtribunals aufzunehmen, bemühte sich der Verteidiger Hermann Görings, der Hamburger Rechtsanwalt Dr. Otto Stahmer, um eine öffentliche Verhandlung. Stahmers Ansinnen stand im krassen Gegensatz zu den Vorstellungen der sowjetischen Delegation, die ihr Beweismaterial absichtlich als Regierungsdokument nach Artikel 21 des Londoner Statuts eingereicht hatte. Da dieser Artikel die juristische Anerkennung staatlicher Dokumente ohne weitere Beweisführung oder Zeugenanhörung erlaubte, ging Moskau von einer zügigen und widerspruchslosen Aburteilung Katyns als eines deutschen Kriegsverbrechens aus.12 Der Plan scheiterte. Stahmers Eintreten für eine öffentliche Verhandlung, dem nach hitzigen Diskussionen unter den alliierten Richtern schließlich stattgegeben wurde, zerstörte Moskaus sicher geglaubte Strategie. Für die polnische Exilregierung in London war das ein Glücksfall. Nachdem sie zu diesem Zeitpunkt bereits von Stalin entmachtet worden war und jeden Einfluss auf die Nachkriegsordnung in Polen verloren hatte, erhielt sie die einmalige Gelegenheit, am Beispiel Katyns die Brutalität der sowjetischen Besatzer vorzuführen. Aus diesem Grund übergab Henry I. Szymanski, der seit 1942 als Verbindungsoffizier zwischen der US-Armee und der Anders-Armee fungierte, den Bericht der Kommission sowohl an Verteidiger Stahmer als auch an Robert H. Jackson, den US-amerikanischen Hauptankläger in Nürnberg.
Ohne eindeutigen Tötungsbefehl und überführte Täter konnte es in Nürnberg freilich keine Anklage geben, zumal die Kriegsverbrechen der Deutschen und nicht die der Sowjetunion vor Gericht standen. So verstörend dies auch wirken mag: Es lag nicht im Recht des Militärtribunals, Gerechtigkeit im Fall Katyn herzustellen. Der Umstand, dass Katyn trotz des immensen Widerstands der sowjetischen Seite öffentlich verhandelt wurde und das Kriegsverbrechen darüber hinaus nicht als deutsches Verbrechen in das Urteil einging, war das mögliche Signal, das die Richter in Nürnberg ohne abschließenden Tatbeweis aussenden konnten. Zwei Jahre später, 1948, lag der ursprünglich geheime Bericht der Kommission in London als Buch vor – unter dem Titel „Zbrodnia Katynska w swietle dokumentów“ („Das Verbrechen von Katyn im Licht der Dokumente“).13 1965 wurde „The Crime of Katyn. Facts and Documents“ in englischer Sprache publiziert. Bis zum Ende des Kalten Kriegs erschien der Bericht, der als das polnische Weißbuch bekannt wurde, in zwölf polnischen und mehreren englischen Ausgaben, die zum festen Bestand der Untergrund- und Samizdatpresse in der damaligen Volksrepublik Polen und im gesamten Ostblock gehörten.
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3. Wissen und Verrätselung
Die Dokumentation der Exilregierung war die empirische Basis für zahlreiche Publikationen, die im Laufe des Kalten Kriegs meist von polnischen Emigranten verfasst wurden. Im Unterschied zu den Kommissionsmitgliedern waren diese Autoren in der Frage der Täterschaft weniger zurückhaltend. Ende der 1940er-Jahre, als die ersten Bücher erschienen, war die Stalinisierung Osteuropas eine offenkundige und seit den Beschlüssen von Jalta politisch hingenommene Folge des Zweiten Weltkriegs. Ein diplomatisches Vorgehen in der Täterfrage, dem sich die Exilregierung in der irrigen Hoffnung auf politische Einflussmöglichkeiten noch verpflichtet sah, hatte sich erübrigt. Rücksichten waren nicht mehr nötig. Die sich vertiefende Systemkonfrontation des Kalten Kriegs ermöglichte es den polnischen Exilanten, die sowjetische Schuld offen zu benennen. 1949 erschien in Zürich das Buch „Katyn – ungesühntes Verbrechen“ des polnischen Emigranten Józef Mackiewicz.14 Der Autor, der 1943 an einer von mehreren Reisen polnischer Besucher nach Katyn teilgenommen hatte und auf das Weißbuch zurückgriff, hatte sein Manuskript nach eigener Aussage bereits bei Kriegsende in London fertiggestellt, wo es jedoch erst nach der deutschsprachigen Ausgabe unter dem Titel „The Katyn Wood Murders“ erscheinen konnte (1951).
Besonderes Aufsehen aber erregte 1962 die Darstellung des in die USA emigrierten Polen Janusz Zawodny: „Death in the Forest. The Story of the Katyn Forest Massacre“. Zawodny beschrieb die Ereignisse von der Verhaftung bis zur Ermordung der Gefangenen und die folgenden Propagandakampagnen, um ebenfalls zu dem Schluss zu gelangen: „The Katyn Massacre was perpetrated by Soviet Security Police […] under the auspices of the Soviet Government.“15 Der ehemalige Teilnehmer am Warschauer Aufstand 1944 und nunmehr erfolgreiche Politikwissenschaftler in Princeton und Stanford kritisierte die Haltung der westlichen Alliierten in Nürnberg. Für Zawodny bedeutete der Entschluss, Katyn nicht weiter zu verhandeln und aus dem Urteil auszuklammern, die Kapitulation der Moral vor den Zwängen der Realpolitik – eine Interpretation, die in vielen Katyn-Darstellungen wiederkehrte. Nachdem „Death in the Forest“ in den USA erschienen war, folgten 1971 viel diskutierte Ausgaben in Großbritannien und in der Bundesrepublik, hier unter dem Titel: „Zum Beispiel Katyn. Klärung eines Kriegsverbrechens“.
Angesichts der erwähnten Publikationen war die Identität der Täter seit der Frühphase des Kalten Kriegs nicht mehr als ein offenes Geheimnis. An der Schuld des NKWD zweifelten weder hochrangige Politiker noch diejenige westliche Öffentlichkeit, die sich nach Kriegsende mit der Gewalt des Stalinismus konfrontiert sehen wollte. Die Diskrepanz zwischen dem möglichen Wissen und der gleichzeitig andauernden Verrätselung ist indes erklärungsbedürftig. Warum konnte nicht benannt werden, was bekannt war? Eine erste Begründung, mit der die politische Zurückhaltung des Westens häufig legitimiert worden ist, zielt auf den fehlenden sowjetischen Tötungsbefehl ab. Erst dessen Aufsehen erregende Freigabe im Oktober 1992 durch den ersten russischen Präsidenten Boris Jelzin erbrachte den unhintergehbaren Beweis für die Schuld des sowjetischen Politbüros und Stalins. Zwei Jahre zuvor hatte sich Michail Gorbatschow noch nicht zur Veröffentlichung des Befehls durchringen können, der das Verbrechen über die direkte Täterschaft des NKWD hinaus in die Gewaltgeschichte des Stalinismus einbettete.
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Der populäre Hinweis auf den fehlenden Tötungsbefehl wurde in der Literatur gelegentlich als politische Schutzbehauptung abgetan, mit Hilfe derer sich westliche Regierungen vor einer klaren Stellungnahme gedrückt hätten. Obschon dieser Vorwurf, wie noch gezeigt wird, nicht unbegründet ist, sollte das Fehlen des Politbürobeschlusses vom 5. März 1940 ernstgenommen werden. Es erschwerte durchaus die von vielen Emigranten eingeforderte strafrechtliche Verfolgung. Der fehlende Tötungsbefehl Stalins ließ immer noch einen Restzweifel zu und die Möglichkeit offen, dass auch dieses Verbrechen Teil des nationalsozialistischen Vernichtungskriegs gewesen war. Aller Indizien zum Trotz war nicht gänzlich auszuschließen, dass die deutsche Meldung vom April 1943 nur eine weitere Fälschung der Goebbels’schen Propagandafabrik darstellte. Warum sollte ausgerechnet diese Nachricht der Wahrheit entsprechen, zumal, wie Robert H. Jackson einräumte, immer auch die Deutschen die Tat hätten begehen können? Auf die Behandlung Katyns vor dem Internationalen Militärtribunal zurückblickend, schrieb der ehemalige Hauptankläger 1950: „I watched as an interested spectator the battle between the Russians and the Germans over this subject. I came to the conclusion that both had the opportunity, both had the motive, and both had the barbarism to have committed the act; and as to which one did it, the evidence was inconclusive.“16
Der fehlende Tötungsbefehl diente vor allem der britischen Politik dazu, eine Stellungnahme im Fall Katyn wider besseres Wissen zu vermeiden. Im Unterschied zu den USA befand sich Großbritannien in einer besonderen Position. Obwohl auch Nordamerika über eine zahlenmäßig große und politisch gewichtige polnische Bevölkerung verfügte, war London das Zentrum der aktiven antikommunistischen Emigration. Von Juni 1940 bis Dezember 1990 war die britische Hauptstadt Sitz der polnischen Exilregierung, die sich auch nach ihrer diplomatischen Aberkennung durch die USA und Großbritannien bei Kriegsende und bis zur Abspaltung der antikommunistischen Gruppen nach einer Geheimdienstaffäre im Jahr 1954 als Bastion des unabhängigen Polen positionierte. In London war das polnische Weißbuch erschienen. Dort war der Alterssitz von Wladyslaw Anders und zahlreichen Veteranen der polnischen Streitkräfte im Westen, die als siebtgrößte alliierte Armee in kriegsentscheidenden Schlachten gekämpft hatten. Gerade die Gruppe der polnischen Kriegsveteranen, von denen nicht wenige zu einflussreichen politischen Vertretern der Emigration wurden, hielt das Gespräch über die Massenerschießungen am Leben. Ihre Bestrebungen für die Aufklärung des Verbrechens, eine britische Stellungnahme und die Verurteilung der Täter vor der Weltöffentlichkeit stießen bei nationalkonservativen britischen Politikern, die sich in ihrem Antikommunismus mit den Exilpolen verbunden sahen, auf Sympathien. In bemerkenswerter Regelmäßigkeit brachten konservative Parlamentarier das Katyn-Thema in Debatten ein und stellten Regierungsanfragen, die in ebenso steter Regelmäßigkeit mit dem Hinweis auf den fehlenden Tötungsbefehl abgelehnt wurden.
Anfang der 1970er-Jahre erreichte Katyn erneut die britische Öffentlichkeit, nachdem das Foreign Office Kriegsarchive freigegeben hatte. Zur selben Zeit erschien Zawodnys Buch in einer Neuauflage, und der britische Autor Louis FitzGibbon publizierte sein Buch „Katyn. A Crime without Parallel“ (London 1971). Gemeinsam mit polnischen Emigranten sowie einem konservativen Mitglied des House of Lords, Vernon Willey Lord Barnby, initiierte FitzGibbon einen „Katyn Memorial Fund“, der die Errichtung eines Denkmals im Zentrum von London zum Ziel hatte. Lord Barnby regte im Juni 1971 eine weitere Parlamentsdebatte zu Katyn an, die letztendlich jedoch nur die offizielle Haltung bestätigte, dass aufgrund eines „legitimen Restzweifels“ (legitimate residual doubt) auf politische Erklärungen verzichtet werde.17 Diese bis in die 1990er-Jahre aufrechterhaltene Position wurde im Streit um das geplante Denkmal nochmals bekräftigt. Im Kern ging es dabei um die Standortfrage sowie um die Jahreszahl 1940 und einen in Stacheldraht gefangenen polnischen Adler, die beide in den Obelisken eingraviert werden sollten. Eine derart klare Aussage hinsichtlich der sowjetischen Schuld und der fortwährenden Unterdrückung Polens im Zentrum Londons konnten weder die damalige Labour-Regierung noch die sowjetische Führung unter Leonid Breschnew hinnehmen. Nach Protesten aus Moskau und dem Einspruch der anglikanischen Church of England wurde die Errichtung des Denkmals auf einem Friedhof der St. Luke’s Church in Chelsea gestoppt; zunächst, um einen Standort außerhalb des Stadtzentrums zu finden. Am 18. September 1976 wurde das Denkmal schließlich auf dem Gunnersbury Cemetry in West London eingeweiht. Das Kriegsministerium untersagte britischen Militärs die Teilnahme an der Eröffnung, und die Labour-Regierung weigerte sich, einen offiziellen politischen Vertreter zu entsenden.
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Beide stützten sich bei ihrer Entscheidung auf ein Hintergrundpapier des Foreign Office, das die Haltung der britischen Politik seit dem Zweiten Weltkrieg zusammenfasste und bis zum Ende des Kalten Kriegs festschrieb. „On the massacre“, hieß es in dem Papier, „successive British Governments have taken the view in public that it is not possible to say definitely who was responsible for it, for want of conclusive evidence. Privately, of course, there is no reason to doubt that the Russians were responsible. But […] we still lack the conclusive evidence necessary to attribute responsibility to the Russians. Without it, and even with it, to do so would, of course, be most damaging to our bilateral relations.“18 Wie kein anderes Dokument belegt dieses Hintergrundpapier, dass die politisch abgenutzte Erklärung, die Täterfrage sei aufgrund des fehlenden Beweises nicht zu entscheiden, selbst diejenigen nicht überzeugte, die so argumentierten. Denn sogar wenn der Beweis vorgelegen hätte, gestand das Außenministerium ein, wäre von einer eindeutigen Erklärung im Interesse der britisch-sowjetischen Beziehungen abzuraten. Es sind diese realpolitischen Erwägungen, mit denen die Diskrepanz zwischen dem möglichen Wissen und dem verrätselnden Unbehagen häufig erklärt wird. Ihr Einfluss war tatsächlich groß. Als Nikita Chruschtschow im Krisenjahr 1956 Großbritannien besuchte, untersagte das Foreign Office bereits im Vorfeld jede öffentliche Diskussion sowie die Vorführung eines Films durch das British Council mit der Begründung, Chruschtschow sei so „touchy on the subject“, dass die Reise sonst garantiert abgesagt werden würde.19
Stärker noch als im Kalten Krieg, in dem die westliche Zensur zuweilen vorauseilender Gehorsam war und weniger der Abwendung einer ernstzunehmenden politischen Krise diente, beeinflusste die Realpolitik schon im Zweiten Weltkrieg den Umgang mit Katyn. Von 1943 bis zum Kriegsende war es für die Westalliierten aus politischen und militärischen Gründen völlig abwegig, einen Konflikt mit Stalin zu riskieren oder gar der deutschen Version der Verbrechensgeschichte zuzustimmen. Churchills oft zitierte Antwort auf die Bitte des polnischen Regierungschefs Sikorski, ihm bei der Aufklärung beizustehen – „Wenn sie [d.h. die polnischen Gefangenen] tot sind, kann sie nichts mehr zum Leben erwecken“ –, ist vor diesem Hintergrund zu verstehen. Dem sowjetischen Botschafter in London, Ivan Maiski, versicherte der loyale Premier gleichzeitig: „Wir müssen Hitler schlagen, dies ist nicht der Augenblick für Streitereien und Anschuldigungen.“20
Und dennoch kann der Umgang mit den Massenerschießungen von Katyn nicht allein mit realpolitischen Interessen erklärt werden, insbesondere nicht für die Nachkriegszeit. Sicher hätte eine offizielle Erklärung westlicher Regierungen über die Täterschaft des NKWD zu diplomatischen Verstimmungen und politischen Drohgebärden geführt. Weniger sicher ist schon, ob Katyn gemeinsame Wirtschaftsprojekte gefährdet hätte, an deren Erfolg beide Seiten aus unterschiedlichen Gründen interessiert waren. Zu fragen bleibt, ob die offene politische Behandlung der Massenerschießungen westlich des Eisernen Vorhangs das internationale Machtgefüge des Kalten Kriegs ernsthaft hätte bedrohen können. In Osteuropa und speziell in Polen besaß Katyn diese Kraft durchaus. So hätte eine offizielle Schuldzuschreibung des Westens die politische Opposition zweifelsohne gestärkt und die Machtbasis der polnischen Kommunisten ebenso wie diejenige Moskaus zusätzlich untergraben. Aber auch ohne den Beistand der westlichen Politik blieb Katyn durch die aktive Erinnerungsarbeit der Emigranten und die Samizdatliteratur ein Pfeil im Köcher polnischer Systemkritiker. Doch wenn der realpolitische Erklärungsansatz eher dazu taugt, die Indifferenz oder ein Unbehagen des Westens gegenüber diesem Kriegsverbrechen zu übertünchen – worum ging es dann? Wie lässt sich die Kommunikationsgeschichte Katyns jenseits von Realpolitik oder jener zynischen Ignoranz erklären, die westlichen Regierungen ebenfalls gelegentlich unterstellt wurde?
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4. Der lange Schatten der Goebbels-Propaganda
Der Umgang mit den Massenerschießungen von Katyn war von einer Gewissheit bestimmt: Es war die Gräuelpropaganda des „Dritten Reiches“, die das Verbrechen aufgedeckt hatte. Der Umstand, dass Goebbels die Täterschaft des NKWD benannt hatte, verhinderte die Aufklärung des Verbrechens und prägte dessen Kommunikationsgeschichte von 1943 bis zur Veröffentlichung des Tötungsbefehls. Angesichts des deutschen Vernichtungskriegs und der mit ihm verbundenen Propaganda erschien es abwegig, dass Goebbels Recht haben könnte. Mit dem tiefen Zweifel am Wahrheitsgehalt jeglicher deutscher Kriegspropaganda reiste schon der in Berlin akkreditierte schwedische Journalist Christer Jäderlund im April 1943 zu den Massengräbern. „Wir alle“, erinnerte sich Jäderlund, „trauten Dr. Goebbels nicht über den Weg, und wir Journalisten hatten, bevor wir die Leichen sahen, schon zueinander gesagt, daß wir versuchen würden, aus der Reise etwas herauszuschlagen und einen Lagebericht von Rußland bringen würden, und sollten wir irgendwelche Leichen finden, würden wir in den Zeitungen nur mit einigen Zeilen etwas bringen, und wir glaubten, unsere Zeitung würde sicher sagen: überlaßt die Greuelpropaganda Goebbels.“21 Es waren die Verbrechen der Deutschen, die den Vernichtungskrieg Stalins in Osteuropa von 1939 bis 1941 zunächst mit ermöglichten und ihn nach 1941 vor der internationalen Aufklärung und strafrechtlichen Verfolgung bewahrten. Sie sprachen dem NS-Staat jegliches Recht ab, sowjetische Verbrechen zu thematisieren. Die eigene Unglaubwürdigkeit und der Umstand, dass Goebbels Stalin zuerst der Tat bezichtigte, steigerten die Glaubwürdigkeit der sowjetischen Version.
Die Katyn-Erklärungen des „Dritten Reiches“ und der Sowjetunion waren entscheidende Schlachten in einem deutsch-sowjetischen „Krieg um Kriegsverbrechen“. Goebbels’ Ministerium startete eine gigantische „Glaubwürdigkeitskampagne“, stellte Anfragen beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz, veröffentlichte den gerichtsmedizinischen Befund der internationalen Ärztekommission und führte US-amerikanische und britische Kriegsgefangene sowie ausländische Journalisten in mehreren Gruppen an die Massengräber. Alle Initiativen dienten dem Ziel, die eigene Version von Außenstehenden und durch neutrale Aussagen absichern zu lassen. Moskau konterte und untergrub die deutsche Kampagne nicht nur mit der entgegengesetzten Anschuldigung sowie – nach dem Rückzug der deutschen Wehrmacht – mit einer eigenen Inszenierung der Massengräber im Januar 1944. Ungleich wirkungsvoller arbeitete Stalin im Frühjahr 1943 mit der Unterstellung, dass jeder, der Goebbels glaube, ein Kollaborateur der Hitlerfaschisten sei. Die Verbindung zwischen der deutschen Tatversion und dem Kollaborationsvorwurf entstammte der Gewaltsprache des Stalinismus, die das Andere stets zum Feind erklärte. Sie konstruierte damit ein grundlegendes Muster der Kommunikation über Katyn, das im Kalten Krieg nachwirkte.
Im Frühjahr 1943 setzte Stalin alles daran, um die polnische Exilregierung vor der Weltöffentlichkeit und den westlichen Alliierten zu diskreditieren und politisch kaltzustellen. Am 19. April 1943 erschien in der „Prawda“ der berüchtigte Artikel „Hitlers polnische Kollaborateure“, der die Bemühungen der Sikorski-Regierung um eine Verbrechensaufklärung als „direkte und offensichtliche Hilfe der Polen für die Hitler-Provokateure“ brandmarkte und eine politische Krise heraufbeschwor, die im Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den Londoner Polen und der Sowjetunion durch die Molotov-Note vom 26. April 1943 endete. Die politische Isolation der Exilpolen war Stalin gelungen. Obwohl westliche Politiker und die Presse den sowjetischen Kollaborationsvorwurf nicht direkt aufnahmen, überwog sowohl in Großbritannien als auch in den USA die Kritik am Verhalten der polnischen Regierung. Harry Hopkins, Roosevelts enger diplomatischer Berater mit guten Kontakten nach Moskau, nannte die Polen nur abschätzig „trouble-makers“.22 Quentin Reynolds, ein bekannter US-amerikanischer Kriegskorrespondent, stellte der polnischen Diplomatie ein vernichtendes Zeugnis aus. In einem 1944 erschienenen Buch beschrieb Reynolds die Versuche der sowjetischen Propaganda, Berichte über Katyn zu zensieren, und urteilte über die Politik der Exilpolen: „Whether the atrocity story were true (and Goebbels never produced proof that it was true), the Poles certainly did everything they could to handle it in the most undiplomatic way possible. The diplomacy of the Poles is as subtle as the path of a Mark VI tank through a flower garden.“23
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Die Wirkungsmacht des Kollaborationsvorwurfs ging sowohl zeitlich als auch personell über die polnisch-sowjetische Krise vom Frühjahr 1943 hinaus. In der Tradition stalinistischer Feindzuschreibungen stehend, konnte er potenziell jeden treffen – und er traf viele, die die sowjetische Täterschaft und damit die deutsche Version auch nur in Betracht zogen.24 Seine zeitliche Reichweite basierte auf der ungeheuerlichen Schwere des Vorwurfs: Wer wollte sich mit dem „Dritten Reich“ gemein machen? Und sie speiste sich aus der Tatsache, dass das manichäische Weltbild des Stalinismus im Kalten Krieg bald zur ideologischen Grundausstattung gehörte. Die von Stalin konstruierte Bindung der Täterdiskussion an den Kollaborationsvorwurf prägte den Umgang mit Katyn im sowjetischen Machtbereich. Für Zweifelnde wie den Krakauer Staatsanwalt Roman Martini konnte dies lebensbedrohlich sein. Martinis Schicksal ist ein prominentes Beispiel, aber kein Einzelfall für die tödliche Konsequenz der Skepsis. Ende 1945 war Martini vom polnischen Justizminister Henryk Swiatkowski mit der Vorbereitung eines Katyn-Schauprozesses beauftragt worden. Dieser Prozess mit dem Ziel, ehemalige Katyn-Besucher als Kollaborateure zu verurteilen, sollte ein Exempel für jeden statuieren, der die sowjetische Version in Frage stellte. Als Martini im Laufe seiner Recherchen selbst zunehmend von der Schuld des NKWD überzeugt war, wurde er am 28. März 1946 in seiner Krakauer Wohnung ermordet.
Obgleich der Schauprozess schließlich nicht stattfand – wohl weil die Regierung angesichts der weithin bekannten Schuld des NKWD ein Fiasko befürchtete –, blieb Katyn für viele Polen, die im Frühjahr 1943 zu den Massengräbern gereist waren, ein Damoklesschwert. Augenzeugen der Ausgrabungen wie der Schriftsteller Ferdynand Goetel oder der Gerichtsmediziner Marian Wodzinski, der als Vertreter des Polnischen Roten Kreuzes an der Technischen Untersuchungskommission in Katyn teilgenommen hatte, flohen aus Angst vor einer Verurteilung ins westliche Ausland. Andere, wie der polnische Offizier Stefan Mossor, der als Kriegsgefangener von den Deutschen an die Massengräber geführt worden war, ergingen sich in ideologischer Anpassung und gewaltbereitem Eifer. Mossor, der sich nach Kriegsende für eine Zusammenarbeit mit den kommunistischen Machthabern entschieden hatte, leitete 1947 die brutale Umsiedlung der ukrainischen Bevölkerung aus den südostlichen Gebieten Polens in den Norden und Westen. Die so genannte Operation Vistula (akcija wisla), bei der Angehörige der ukrainischen Intelligenz und Geistlichkeit auch in ehemalige Außenlager des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz deportiert wurden, war eine brutale ethnische Vertreibungsaktion zur „Lösung der ukrainischen Frage“ im Nachkriegspolen. Mossor selbst nutzte der Einsatz wenig. Der Makel des Katyn-Besuches und die damit verbundene latente Gefahr, als Kollaborateur gebrandmarkt zu werden, ließen sich nicht auslöschen. 1950 wurde Mossor unter dem Vorwurf der Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern und der Vorbereitung eines antikommunistischen Staatstreiches gegen die stalinistische Bierut-Regierung verhaftet. 1951 wurde er im Schauprozess der Generäle (proces generalów) zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt, 1956 jedoch rehabilitiert. Ein Jahr später starb Mossor in Warschau.
Stalins Kollaborationsvorwurf diente der Kontrolle der polnischen Gesellschaft, die die kommunistische Besatzung als „Befreiung“ zu sehen hatte – im Sinne des sowjetischen Geschichtsmythos vom „Großen Vaterländischen Krieg“. Gleichzeitig war er eine außenpolitische Waffe. Wann immer es Not tat, spielten Stalin und seine Nachfolger die „Goebbels-Karte“. Als das Repräsentantenhaus des US-amerikanischen Kongresses am 18. September 1951 den einzigen westlichen Untersuchungsausschuss zu den Massenerschießungen einsetzte, reagierte Moskau wie erwartet. Die Protestnote der sowjetischen Botschaft in Washington wies die Gründung des Ausschusses zur Untersuchung der „Fakten, Beweise und Umstände des Massakers im Wald von Katyn“ als einen Angriff zurück, der „nur den Zweck haben kann, die Sowjetunion zu verleumden und damit die allgemein als Verbrecher anerkannten Hitlerfaschisten zu rehabilitieren“.25 In der Folgezeit, als der Ausschuss in den USA und Europa recherchierte, überzog eine immense Propagandakampagne die kommunistische Presse im Osten ebenso wie im Westen. In der Bundesrepublik verteilte die KPD in der DDR gedruckte Blätter mit dem sowjetischen Burdenko-Bericht, der die deutsche Schuld an den Erschießungen zu beweisen suchte.26 Massenexekutionen, die die Gestapo bei Kriegsende in Deutschland vorgenommen hatte, unter anderem im Dortmunder Romberg-Park, wurden als „Katyn auf deutschem Boden“ präsentiert und als Beweis für die deutsche Täterschaft herangezogen. „Bis auf die letzten Einzelheiten“, hieß es in einer Broschüre von 1952, „gleichen sich diese beiden faschistischen Verbrechen.“ Hinsichtlich des US-Untersuchungsausschusses stellten die Verfasser klar: „Die amerikanischen Imperialisten und ihre Verbündeten, die deutschen Monopolkapitalisten, rüsten zu einem neuen Marsch nach dem Ural. […] Deshalb lassen die amerikanischen Imperialisten die Goebbelssche Hetze gegen die Sowjetunion wieder aufleben, deshalb erfolgt die Rehabilitierung der Kriegsverbrecher und das Reinwaschen der faschistischen Mörder.“27
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Die sowjetische Strategie, das Reden über Katyn mit dem Vorwurf der Kollaboration und – im Kalten Krieg – mit dem Vorwurf der Rehabilitation deutscher Verbrechen zu ersticken, war vielversprechend. Tatsächlich disziplinierte die Furcht davor, in Goebbels’ Nähe gerückt zu werden, westliche Regierungen mehrfach. Sie begründete, wiederum in Großbritannien, die politische Abwehr öffentlicher Gedenkinitiativen und Forderungen nach einer juristischen Untersuchung des Falls, wie sie etwa von Wladyslaw Anders erhoben wurden. Im Jahr 1950 lehnte das britische Außenministerium Anders’ Appell mit dem Einwand ab: „[…] even as a propaganda stunt Katyn is too closely identified with Dr. Goebbels.“28 Und noch in den 1970er-Jahren hieß es im Zusammenhang mit dem erwähnten Denkmalstreit, dass eine Untersuchung nur dazu tauge, „alte Wunden“ zu öffnen.29
Der Katyn-Untersuchungsausschuss des amerikanischen Repräsentantenhauses war die einzige politische Initiative einer westlichen Regierung zur Aufklärung der Massenerschießungen. Der Zeitpunkt war nicht zufällig. Seit Juni 1950 standen sich die beiden Supermächte im Koreakrieg gegenüber. Die USA war direkt mit Truppen beteiligt, während Stalin die Invasionspläne Kim Il-Sungs genehmigt hatte und dessen Armee mit Waffen versorgte. Im Kontext des Koreakriegs und der ihn begleitenden Propagandaschlachten lag es 1951 durchaus im politischen Interesse der USA, anhand von Katyn die Grausamkeit und Brutalität der Sowjetunion im Umgang mit Kriegsgefangenen zu zeigen: ein Schicksal, das, so wurde suggeriert, den eigenen Soldaten drohe, sollten sie in die Fänge der nordkoreanischen Kommunisten gelangen. Auch innenpolitisch war der Katyn-Untersuchungsausschuss opportun. Er folgte dem Geist der McCarthy-Ära und ihrer ideologischen Abrechnung mit der US-amerikanischen Weltkriegsgeschichte, mit dem Stalin-Freund Roosevelt und seinen „kommunistischen Agenten“. Das Gründungsjahr 1951 war die Hochphase der Massenhysterie und antikommunistischen Hetze des Ausschusses gegen „Un-American Activities“. Und es war das Jahr, in dem McCarthy die Untersuchungen gegen die vermeintliche kommunistische Unterwanderung im Außen- und Justizministerium intensivierte. Die Arbeit des Katyn-Ausschusses lässt sich nur im Kontext der Kriegsmobilisierung, des hysterischen Antikommunismus und einer kulturchauvinistischen Propaganda gegen die Sowjetunion verstehen. „The people of the United States“, unterwies der Chefberater des Ausschusses, John J. Mitchell, den Chairman des Anti-Communist Committee „Knights of Columbus“ in Ohio, „must be awakened to the fact that we are not doing business [here] with civilized human beings.“30
Auf die umfangreiche Tätigkeit des Untersuchungsausschusses kann hier nicht im Detail eingegangen werden. Für die historische Rekonstruktion des Verbrechens leistete er großartige Arbeit. Seine Mitglieder recherchierten von Januar bis Dezember 1952 innerhalb und außerhalb der USA: im Frühjahr 1952 in London und in Frankfurt am Main sowie stellvertretend durch die Deutsche Liga für Menschenrechte auch im damaligen West-Berlin, wo bis Ende Mai 1952 insgesamt 172 Personen befragt wurden. Der Abschlussbericht vom 22. Dezember 1952 sprach aus, was das polnische Weißbuch acht Jahre zuvor nur suggeriert hatte. „This Committee“, hieß es dort, „unanimously, beyond any question of reasonable doubt, states that the Soviet NKVD committed the mass murders of the Polish officers and intellectual leaders in the Katyn Forest near Smolensk.“31 Diese Erklärung blieb im Kalten Krieg die einzige offizielle westliche Positionierung in der Täterfrage. Konkrete juristische Folgen hatte sie nicht. Die im Abschlussbericht formulierte Forderung, den Fall vor einem internationalen Strafgerichtshof der UNO aufzurollen, wurde vom State Department aus unterschiedlichen Gründen abgelehnt.32 Dennoch beeinflusste der Untersuchungsausschuss die Katyn-Kommunikation im Kalten Krieg. Es war schwer, die Täter der Massenerschießungen zu benennen, ohne damit in die Nähe von Goebbels zu rücken oder gerückt zu werden.33 Auch wenn die politische Kollaboration mit dem NS-Staat nun nicht mehr möglich war – die „Kollaboration im Geiste“ und damit verbunden der Vorwurf der Relativierung deutscher Verbrechen waren es wohl.34
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Tatsächlich gab es Gruppen, die mit dem Hinweis auf Katyn den Vernichtungskrieg des „Dritten Reiches“ relativierten. Für viele deutsche Kriegsteilnehmer bot Katyn zunächst die Chance, die Ehre von Vaterland und Wehrmacht wiederherzustellen. Die Briefe ehemaliger Wehrmachtssoldaten, die den US-Untersuchungsausschuss während seiner Arbeit 1952 in der Bundesrepublik erreichten, geben darüber beredt Auskunft. In einem Schreiben hieß es unter anderem: „Wenn ich mein Geheimnis freigebe, meine Fotografien, Unterlagen und selbst hergestellten Schmalfilme auch aus dem Wald von Katyn dem amerikanischen Repräsentantenhaus zur Verfügung zu stellen bereit bin, so diene ich damit der Aufklärung eines schweren Verbrechens, der Bloßstellung der Sowjetunion als Lügner und Märchenerzähler. […] Ich diene ferner meinem deutschen Vaterlande bei der Wiederherstellung seiner Ehre und meinen gefallenen Kameraden, denen die Sowjetunion ein schweres Verbrechen angedichtet hat.“35
In den 1980er-Jahren, als Katyn im Zuge der Solidarnosc-Bewegung zu einem öffentlich diskutierten Geschichtsthema in Polen wurde, das auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs nicht mehr zu ignorieren war, nutzten rechtsextreme Autoren die Gelegenheit für ihre Abrechnung mit der bundesrepublikanischen Weltkriegserinnerung. 1986 erschien in dem für seinen militanten Geschichtsrevisionismus bekannten Verlag Vowinckel das Buch „Die Wahrheit über Katyn“. Nur verbrämt und mit dem abgenutzten „Aber“ verwahrte sich der Autor darin gegen den Relativierungsvorwurf. „Um von vornherein klarzustellen“, so Hendrik van Bergh in der Einleitung, „diese Untersuchung ist kein Versuch, Kriegsverbrechen gegeneinander aufzurechnen. Holocaust und Völkermord entziehen sich einer historischen Bilanz von Soll und Haben an Menschenleben. Aber es muss auch gestattet sein festzustellen, dass nicht nur die Deutschen ‚an allem schuld sind‘.“36
Dass Kriegsveteranen und rechtsextreme Autoren Katyn zur Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen nutzten, ist nicht überraschend. Vielmehr kommt es hier darauf an, dass die verschiedenen Instrumentalisierungen die Auseinandersetzung mit dem stalinistischen Kriegsverbrechen und der doppelten Gewalterfahrung in Osteuropa verstellten. Seit den Propagandakampagnen von Goebbels und Stalin war Katyn Kanonenfutter auf beiden Seiten des Kalten Kriegs. Zwischen den Fronten war kein Platz für eine Weltkriegserinnerung, die jenseits von „Gut“ und „Böse“, „Schwarz“ und „Weiß“ nach den Verschränkungen, den gegenseitigen Bezügen und der gemeinsamen Gewaltgeschichte beider Diktaturen fragte. Dazwischen standen das Beschweigen, die Verrätselung und, drittens, die Boulevardisierung Katyns in der Geheimdienst- und Spionagekultur.37 Die Präsentation Katyns als Weltkriegskrimi und Geheimdienstthriller hatte den Vorteil, die sowjetische Täterschaft in einer semifiktionalen Narration politisch folgenlos darstellen zu können.38 Während das polnische Weißbuch in den Nachkriegsjahren noch mit einem empirisch gesättigten Wahrheitsanspruch argumentierte, vermittelte die populäre Katyn-Literatur die sowjetische Täterschaft durchaus öffentlichkeitswirksam in spektakulären, teilweise sensationsheischenden Erzählungen – ohne realpolitische Interessen, Kollaborations- und Relativierungsvorwürfe berücksichtigen zu müssen. Katyn passte perfekt in die Geheimdienst- und Agentenkultur des Kalten Kriegs. Die Geschichte verfügte über alle notwendigen Zutaten: einen Mord, dessen Täter geheim bleiben mussten, verschwundene Zeugen, aus dem Nichts auftauchende Agenten, mysteriöse Drohungen und politische Verschwörungen.
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Bei dieser Gemengelage nimmt es nicht wunder, dass sich die internationale Presse schon in ihren Berichten über den US-amerikanischen Untersuchungsausschuss auf einen anonymen polnischen Zeugen stützte, der aus Angst vor dem KGB nur hinter einer weißen Maske verborgen aussagte. Das Foto des verhüllten Zeugen ging um die Welt. Es stand für die lebensbedrohliche Gefahr, die sowjetischen Täter offen zu benennen – eine Gefahr, die, wie die Ermordung des polnischen Staatsanwalts Martini gezeigt hatte, tatsächlich bestand. Katyn mischte Fakten und Fiktionen. Das Wissen, dass es sich um ein tatsächliches Verbrechen und wirkliche Bedrohungsszenarien handelte, erhöhte den Reiz der Gerüchte.
5. Nach dem Kalten Krieg
Der Verrätselung im Westen stand eine konträre Entwicklung in Osteuropa und besonders in Polen gegenüber, wo Katyn in den 1980er-Jahren zu einem zentralen Geschichtsthema der systemkritischen Öffentlichkeit wurde. In der Dissidentenbewegung und auch im Geschichtsbewusstsein der Mehrheit der Polen waren das Verbrechen und die Täterschaft des NKWD – trotz aller Tabuisierungen – stets präsent gewesen. Aber erst die „polnische Krise“ der frühen 1980er-Jahre beendete das offizielle Festhalten an einer Tatversion, an die in Polen auch die kommunistischen Machthaber nicht mehr glauben mochten. Im Gegenteil – am eigenen Machterhalt interessiert, musste die Regierung General Jaruzelskis jetzt in die Rolle des Aufklärers schlüpfen. Im Februar 1989 sanktionierte der damalige Regierungssprecher Jerzy Urban die Version von der Täterschaft des NKWD als offizielle polnische Sicht. Die polnische Bevölkerung aber forderte eine durch Beweise gestützte Aufklärung, die nur aus Moskau kommen konnte. Am 14. April 1990 erschien die eingangs zitierte „Prawda“-Meldung, und Ende August ordnete das Büro des sowjetischen Generalstaatsanwalts eine strafrechtliche Untersuchung der Massenerschießungen von 1940 an. Zuvor hatten bereits Untersuchungen in Charkov und Kalinin begonnen, den anderen zwei Erschießungsstätten. Im Oktober 1990 entschuldigte sich Michail Gorbatschow offiziell beim polnischen Volk.39
Die Tragweite des Schritts dürfte Gorbatschow geahnt haben. Obwohl bis zur Veröffentlichung des Tötungsbefehls 1992 noch verbrämt, bezichtigte die letzte sowjetische Regierung damit sich selbst und ihre Vorgänger bis hin zu Stalin der jahrzehntelangen Lüge. Das war eine unerhörte Begebenheit, umso mehr da es sich bei Katyn nicht um ein Verbrechen des Großen Terrors der 1930er-Jahre handelte. Die Dimensionen im Fall Katyn gingen über diejenigen des innersowjetischen Terrors hinaus: Die Opfer waren keine sowjetischen Staatsbürger; sie waren auch keine Kommunisten, die in die „Menschenfalle Moskau“ tappten.40 Das Infragestellen des Stalin’schen Weltkriegsmythos war die politische und historische Sensation im Fall Katyn. Ohne Perestroika, Glasnost und den Druck der polnischen Dissidenten wäre sie nicht möglich gewesen.
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Die seit dem Ende des Kalten Kriegs „wieder aufgetauchte“ stalinistische Gewalt- und Kriegserfahrung ist nicht nur eine Herausforderung für die historische Osteuropaforschung. Die Auseinandersetzung mit der das historische Koordinatensystem des Kalten Kriegs überschreitenden Geschichte geht einer europäischen Weltkriegserinnerung voraus, die ideologische Festungen verlässt, diese in ihrer Historizität aber mitdenkt. Die Massenerschießungen von Katyn lenken den Blick auf die gewaltgeschichtlichen Verflechtungen zwischen dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus. Und ihre Rezeption dokumentiert den Verlust dieser Geschichte in den ideologisierten Geschichtsbildern des Kalten Kriegs. Beide Diktaturen begegneten sich in der Zeit des Bündnisses ebenso wie im „Krieg um Kriegsverbrechen“. Im Zweiten Weltkrieg diente die Propaganda um die Verbrechen des Anderen immer auch dazu, den eigenen Terror zu relativieren. Im Kalten Krieg überdauerte diese Absicht in einer Erinnerung, die – je nach Akteuren – der Relativierungsangst, der Relativierungsabsicht und dem Stalin’schen Mythos vom „Großen Vaterländischen Krieg“ gehorchte.
Wie sehr die beiden Gewaltregime jedoch einander entsprachen, war gerade den Polen drastisch bewusst. Sie machten sich, wie eine makabere Plakataktion vom Frühjahr 1943 zeigt, wenig Illusionen über deren enge Verwandtschaft. Auf den Plakaten, die als Antwort auf die deutsche Katyn-Propaganda die Häuserwände von Krakau schmückten, hieß es: „Auf Anregung der Hauptabteilung Propaganda der Regierung im Generalgouvernement hat sich am 11. April ein Ausschuss der Repräsentanten der polnischen Bevölkerung nach Smolensk begeben, um sich an Ort und Stelle von der Bestialität der sowjetischen Polenmörder zu überzeugen. […] Im Zusammenhang damit wird […] in nächster Zeit ein analoger Ausflug nach dem Konzentrationslager in Auschwitz […] organisiert. Dieser Ausflug soll beweisen, wie humanitär im Vergleich zu den bolschewistischen Methoden die deutschen Einrichtungen sind, mit Hilfe derer die Massenliquidation der polnischen Bevölkerung durchgeführt wird. Die deutsche Wissenschaft hat hier Ungeheures für die europäische Kultur geleistet, denn anstatt eines grausigen primitiven Massenmordes der unbequemen Bevölkerung kann man in Auschwitz Gas- und Dampfkammern, elektrische Platten usw. sehen, mit deren Hilfe Tausende von Polen in kürzester Zeit auf eine Weise, die der Ehre des großen deutschen Volkes entspricht, vom Leben zum Tode befördert werden können. […] In den Sommermonaten sind weitere Ausflüge mit Sonderzügen nach den Konzentrationslagern in Mauthausen, Oranienburg, Dachau, Ravensbrück und andere vorgesehen.“41
Die Plakataktion polnischer Widerstandsgruppen verweist auf eine verstörende Verflechtungsgeschichte, der die Zeitgenossen im besetzten Polen ausgesetzt waren.42 Sie rückt allmählich in den Fokus der Geschichtswissenschaften. Die Hinwendung zu ihr ist eine Gegenwartsaufgabe der historischen Weltkriegsforschung. Eine „entangled history“ kann die heuristische Leere von Gewalthierarchien offenbaren, die der frühere Diktaturvergleich oft unintendiert, aber fast immer unausweichlich mit sich brachte.43 Dass im Fall Katyns ausgerechnet Goebbels’ Propaganda im Prinzip die wahren Täter benannte – mit der typischen Terminologie und Intentionalität –, löste vor und nach 1945 ein verständliches Unbehagen aus. Dieses Unbehagen jedoch hat seine Zeit und seinen Ort auch in der Geschichtskultur des Kalten Kriegs. Erst nach dessen Ende kann es nun, zusammen mit den Ereignissen selbst, im system- und epochenübergreifenden Kontext historisiert werden.
Claudia Weber, „Too closely identified with Dr. Goebbels“. Die Massenerschießungen von Katyn in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 8 (2011), H. 1, URL: http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Weber-1-2011 Beim Zitieren einer bestimmten Passage aus dem Aufsatz bitte zusätzlich die Nummer des Textabschnitts angeben, z.B. 12 oder 14-16.