Für eine Klanggeschichte des 20. Jahrhunderts gibt es innerhalb der Geschichtswissenschaft bisher noch kein ausgefeiltes theoretisches und methodisches Arsenal. Um ein solches zu entwickeln, lohnt sich daher ein Blick in diejenigen Nachbardisziplinen, die in der Analyse von Klängen und auditiver Wahrnehmung geübter sind. Dazu zählt in erster Linie die Musikwissenschaft, die es stets mit gestalteten Klängen (oder gestalteter Stille) zu tun hat und sich schon länger auch mit musikalischen Aufführungspraktiken und Aneignungsformen beschäftigt.1 Daneben entwickelte vor allen Dingen die Medienwissenschaft in der Auseinandersetzung mit akustischen und audiovisuellen Medien eigene Herangehensweisen an Klangphänomene, wobei besonders die Film Studies und die Radio Studies federführend waren.2 Schließlich beschäftigt sich auch die Soziologie seit Georg Simmel und Theodor W. Adorno – der nicht nur Soziologe und Philosoph war, sondern auch Musikwissenschaftler und Komponist – im Rahmen einer allgemeinen Soziologie der Sinne mit der gesellschaftlichen Funktion und Prägung des Hörens.
Die folgenden Debattenbeiträge aus diesen drei Disziplinen führen die unterschiedlichen Herangehensweisen beispielhaft vor. Der Soziologe Dominik Schrage und der Medienwissenschaftler Daniel Gethmann beziehen sich beide auf Walter Benjamins Thesen zur technischen Reproduzierbarkeit sinnlicher Wahrnehmung im medialen Zeitalter.3 Schrage unterscheidet auf dieser Basis drei unterschiedliche Hörformen massenmedial verbreiteter Musik – Erleben, Verstehen und Vergleichen –, wobei vor allen Dingen der für die Popmusik typische Hörmodus des „Soundvergleichs“ neuartige Formen der auditiven Vergesellschaftung im 20. Jahrhundert gezeitigt habe. Gethmann verfolgt die Wechselwirkungen zwischen dem politischen und dem medialen Feld dagegen an einem konkreten Beispiel: den „radiophonen Stimminszenierungen“ im Nationalsozialismus. Seine Analyse macht den Mehrwert einer Perspektive deutlich, die sich nicht nur auf das im Radio Gesprochene konzentriert, sondern darüber hinaus auf die mediale Inszenierung des Sprechens selbst. Die Musikwissenschaftlerin Annegret Fauser beschäftigt sich schließlich ebenfalls mit einem Beispiel aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts, nämlich mit der Situation (klassischer) Musik in den USA während des Zweiten Weltkriegs. Sie erläutert unter anderem, wie nordamerikanische Komponisten in der Kriegssituation einen genuin amerikanischen Musikstil zu entwickeln und zu definieren versuchten – mit Auswirkungen bis in die Gegenwart. So zeigt sie, wie sich musik- und geschichtswissenschaftliche Fragestellungen fruchtbar miteinander verbinden lassen.
Auch in anderen Fächern sind verschiedene Herangehensweisen an Phänomene des Auditiven zu finden – von der Ethnologie, der Philosophie und der Literaturwissenschaft bis hin zu Gestaltungsfächern wie der Architektur, der Stadtplanung und natürlich der Akustik.4 Die hier vertretenen Disziplinen stellen also eine Auswahl dar; diese orientiert sich vor allem daran, welche Fächer aus sich heraus bereits eine historische Frageperspektive bzw. historisches Material integrieren (was den Methodentransfer in die Geschichtswissenschaft erleichtert). Ein breiterer interdisziplinärer Austausch über die Soziologie, die Medien- und die Musikwissenschaft hinaus kann für die Geschichtswissenschaft jedoch nur fruchtbar sein, will sie zu differenzierten Analysemethoden für die Klanggeschichte des 20. Jahrhunderts gelangen.
Daniel Morat, Debatte: Perspektiven auf die Klanggeschichte des 20. Jahrhunderts. Einleitung, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 8 (2011), H. 2, URL: http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Morat-2-2011 Beim Zitieren einer bestimmten Passage aus dem Aufsatz bitte zusätzlich die Nummer des Textabschnitts angeben, z.B. 12 oder 14–16.