Tatsächlich kann von einem stringenten Aufbau des zweibändigen Werks nicht die Rede sein. Zwischen zahlreichen Comics und Gemälden finden sich auf den 1.174 Druckseiten lange Quellenzitate, die zuweilen launig-assoziativ, zuweilen gar nicht gedeutet werden. Dann gibt es wieder Passagen, in denen ein enger Bezug zu den Theorien und Deutungen von Sigmund Freud und Wilhelm Reich bis hin zu Melanie Klein und Gilles Deleuze/Félix Guattari hergestellt und das Material entsprechend ausgedeutet wird. Das Buch ist dabei alles andere als linear oder aus einem Guss geschrieben. Vor- und Zurückblättern sind in diesem durchlässig geschriebenen Netzwerk erwünscht und einkalkuliert. Theweleit gab in einem Interview den Ratschlag: „Meine Bücher soll man eher wie einen Film lesen, nicht wie einen herkömmlichen Text.“3 In der Tat enthält das Buch, vor allem im zweiten Band, neben endlosen Zitat-Collagen auch besonders verdichtet geschriebene und theoretisch ambitionierte „Szenen“ oder „takes“, die Benjamin Ziemanns Urteil unterstreichen, dass die „Männerphantasien“ noch heute als ein „ebenso genialische[s] wie konfuse[s]“ Buch gelten können.4
Neben der eigenwillig mäandernden Argumentationsstruktur verwundert an diesem Buch, dass das anti-akademische und zugleich doch theoriegesättigte Werk, zunächst beim Verlag „Roter Stern“ publiziert, gleich nach Erscheinen nicht nur im linksalternativen „Pflasterstrand“ oder in der feministischen „Courage“ besprochen, sondern eben auch in „Spiegel“, „Zeit“, „Frankfurter Allgemeiner Zeitung“, „Frankfurter Rundschau“ und in Rundfunkbeiträgen umfassend gewürdigt sowie von Rudolf Augstein in seiner achtseitigen „Spiegel“-Rezension als die „aufregendste deutschsprachige Publikation des Jahres“ gelobt wurde. Der Autor wurde nicht nur im linksalternativen Milieu zu einem intellektuellen Star. Knapp 25 Jahre später liegt das Buch - nachdem es zwischenzeitlich über den Rowohlt-Verlag und den Deutschen Taschenbuch-Verlag zu beziehen war - in einer im Jahr 2000 erschienenen Neuausgabe im Piper-Verlag vor. Es hat sich mittlerweile über 200.000-mal verkauft und wurde ins Amerikanische, Serbokroatische, Holländische, Schwedische und Italienische übersetzt. Seit 1998 ist Theweleit Professor für Kunst und Theorie an der bekannten Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe und darf mithin längst mehr als bloß Lehraufträge am Institut für Soziologie der Universität Freiburg wahrnehmen.5 Manchem Journalisten gilt er sogar als „omnipräsent“ in „Wissenschaft und Feuilleton“.6
2
Worum geht es nun in diesem Erfolgsbuch? Theweleits Arbeit befasst sich zunächst mit der Freikorps-Literatur der 1920er-Jahre; er untersucht die faschistischen Männlichkeits- und Gewaltphantasien dieser Soldateska in über 250 Romanen oder Erinnerungen. Dabei nimmt er Sprachstil wie Inhalt dieser Literatur auseinander und stellt Frauenbild, Körperverhältnis und Kampfberichte in das Zentrum seiner Analyse. Bei der Lektüre der Schriften der höchst unterschiedlichen sieben Hauptpersonen7 stellt sich heraus, dass diese im Grunde nur drei Frauentypen kannten: die Mutter, die „weiße Krankenschwester“ und die Hure. Letztlich gehe es diesen Freikorps-Männern, so Theweleit, jedoch gar nicht um die (oft namenlosen) Frauen, sondern um eine Herrschaft über die weiblichen Anteile in sich selbst. Ihre weichen, leidenschaftlichen, lebendigen und erotischen Elemente wollten die Freikorpskämpfer „ent-lebendigen“ und töten. Sie seien „nicht-zu-Ende-geborene“ Männer, die ihre frei fließenden Gefühle im Körperpanzer einzukesseln trachteten. Dies gelinge ihnen, indem sie die Phantasie von der heiligen, anständigen und hohen Frau entwickelten, der sie alles Sexuelle nahmen. In dieser Literatur waren es die Ehefrauen und keuschen Gräfinnen, die sich tapfer gegen die proletarische Flut zur Wehr setzten. Das Gegenbild hierzu war die Vorstellung von der kommunistischen Hure, die schlichtweg zusammenzuschießen sei. Die „geilen Spartakistenweiber“ und „Kommunistenfotzen“ müssten zu „blutigem Brei“ verarbeitet werden. Solche Phantasien der Entlebendigung des Weiblichen werden in einem gigantischen Gewirr an Überlegungen und Zitatanalogien bis in das 17. Jahrhundert zurückverfolgt und assoziativ in einen jahrhundertealten Diskurs der Modellierung männlicher Emotionalität eingewoben.
Der Faschismus war nach Theweleit so attraktiv, weil er eine nicht sanktionierte Erfüllung dieser jahrhundertealten Wünsche versprach. Der Faschismus übersetzte somit, wie Theweleit schreibt, „innere Zustände in riesige äußere Monumente“. Drei „Wahrnehmungsidentitäten“ und Körperaktionen standen hierbei im Zentrum: erstens der „entleerte Platz“, also die (gewaltsame) Herstellung von Klarheit, Ordnung, Sauberkeit und Übersichtlichkeit ohne das weibliche „Gewimmel“ der „ungeordneten“ und „schmutzigen“ Masse; zweitens der „blutige Brei“, womit der befreiende Schuss, Hieb oder eine Explosion gegen eine zu nahe kommende, verschlingende weibliche Bedrohung und Sexualität gemeint war; drittens der „black out“, welcher wiederum die Selbstqual, die körperliche Abhärtung und Straffung des eigenen Körpers meint - bis die Soldatenmänner das Fließen der eigenen Lust nicht mehr verspüren (Bd. 2, S. 268-279). Die Furcht vor dem Weiblichen (die im ersten Band thematisiert wird) ist somit letztlich eine Furcht vor der Ich-Auflösung, der durch die im zweiten Band geschilderten männlichen Gewaltakte begegnet wird. Der Krieg wurde zu einer Art Geburt, insoweit mit dem Schmerzprinzip ein eigenes soldatisches Selbst erschaffen wurde.
Für eine Lektüre aus heutiger Sicht, fast dreißig Jahre nach der Erstausgabe, ist das Buch vor allem als wichtiges Zeitdokument zu lesen und zeitgeschichtlich zu kontextualisieren. Inwieweit kann es als Ausdruck der Kultur der späten 1970er-Jahre und der Weltsichten der linksalternativen Szene gelesen werden, zu deren Freiburger Teil Theweleit gehörte? Im zweiten Teil dieser Ausführungen sollen die „Männerphantasien“ als historiographische Leistung zur Körper- und Geschlechtergeschichte des Faschismus (wieder)gelesen werden. Was kann an Theweleits Arbeit aus heutiger geschichtswissenschaftlicher Sicht kritisiert werden, und wo sind in diesem Buch noch immer Anregungspotenziale zu finden?
3
1. Die „Männerphantasien“ als Zeitdokument
Die voluminösen Bände wurden vor allem im linksalternativen Milieu „geradezu süchtig verschlungen“.8 „Alle - an den Universitäten, in linken undogmatischen Zirkeln, in Wohngemeinschaften oder Männergruppen - haben das Buch damals gelesen“, schrieb Cora Stephan 1992. Es gehört für sie zu den drei Bestsellern der späten 1970er-Jahre (neben Alice Schwarzers „Der kleine Unterschied“ und Svende Merians „Der Tod des Märchenprinzen“).9 Innerhalb kürzester Zeit waren damals 20.000 Exemplare vergriffen, und man schnappte sich in der Szene gegenseitig die Bücher nahezu eifersüchtig weg.10 Der sich schnell ausbreitende Theweleit-Kult führte dazu, dass in seiner Heimatstadt Freiburg im April und Mai 1978 die reich bebilderten „Männerphantasien“ sogar in einer Ausstellung gezeigt wurden.11
Dieser Erfolg in der linksalternativen Szene ist insofern verständlich, als Theweleits Buch einen Beitrag zu sechs Kernbereichen dieses Milieus lieferte: Erstens vollzog das Buch den Wandel von klassisch marxistischer zu psychologisch-postmoderner Theoriebildung nach; zweitens lieferte es mit seiner Faschismusdeutung einen Beitrag zu dem zentralen Milieuthema; drittens verstand sich das Buch als ein Beitrag zur damals hochaktuellen Geschlech-terdiskussion; viertens wurde der in den späten 1970er-Jahren einsetzende Wandel zu einer „Politik der ersten Person“ mit vollzogen; fünftens wurde die linksalternative Ästhetik bedient und sechstens über Gewalt und Terrorismus geschrieben. Diese Aspekte sind eingehender zu erläutern.
Erstens: Es gehörte bereits zu den zentralen Denkfiguren der 68er Studentenbewegung, dass Politik und Sexualität eng miteinander verwoben seien. Theweleit lieferte eine neue Deutung dieses Wechselverhältnisses, die nicht auf den bereits ausgetretenen Pfaden der Frankfurter Schule oder Wilhelm Reichs wandelte, sondern neue und originelle Beziehungen herstellte. Anstatt also über die „autoritären Charakterstrukturen“ der panischen, zwischen Bourgeoisie und Proletariat eingeklemmten Mittelklassen zu sprechen, bediente er sich im Arsenal postmoderner und psychoanalytischer Theorien von Gilles Deleuze und Félix Guattari über Margaret Mahler bis hin zu Michael Balint und der Objektbeziehungstheorie von Melanie Klein.12
4
Der französischen Koproduktion des Philosophen Deleuze mit dem Psychiater Guattari entlieh Theweleit das Konzept der „Wunsch-Maschine“, also des maschinell gedachten Unbewussten, welches nicht-sprachlich strukturierte und positive Wünsche enthalte. Die einfache Verurteilung der bösen Kleinbürger war mit diesem Versuch, ihre Wünsche zu verstehen, schwieriger geworden (Bd. 2, S. 404-410). Von der bekannten amerikanischen Psychoanalytikerin Margaret Mahler übernahm Theweleit die Erkenntnisse über die aggressiven „Erhaltungsmechanismen“ von psychotischen Kindern. Was in der Entwicklungs- und Ich-Psychologie Mahlers die Phase der „Individuation“ bezeichnet (Differenzierung des Körperschemas, Distanzierung und Abgrenzungskompetenz, vor allem gegenüber der Mutter), nannte Theweleit das „Ende der Geburt“, welches die Faschisten eben nicht erreicht hätten (Bd. 2, S. 210-246, bes. S. 211f.).13 Er grenzte sich zudem von Sigmund Freud ab, weil für Theweleit wie für seine Bezugstheoretiker vor allem die „prä-ödipalen“ (Balint) physischen Wünsche und Impulse im Vordergrund standen. Der faschistische Mann befinde sich somit „outside [of] the oedipal orbit“;14 weder das Unbewusste noch die elterliche Autorität erklärten seine gewaltsame Besessenheit gegen den weiblichen Körper. Anson Rabinbach und Jessica Benjamin weisen zudem darauf hin, dass das durch eine Vielzahl von mentalen und physischen Prozeduren erzeugte soldatische Ich mit Foucaults „Techniken des Selbst“ verglichen werden kann.15 Theweleit hat somit diejenigen Theoriebücher verwendet, die in der linken Szene aktuell diskutiert wurden und Kultstatus im links-alternativen Milieu besaßen. Die Beschäftigung mit der „Nouveau Philosophie“ um Foucault, Guattari und Deleuze machte die Sicht auf „innere Machtstrukturen“ frei, die zu den Dauerthemen im linksalternativen Milieu gehörten.16 Allein die Art und Weise, wie diese Theorien hier zusammengedacht wurden, machten sein Buch zur Pflichtlektüre. Denn die Manie des nahezu ubiquitären und oft vorschnellen Psychologisierens, die in der alternativen Szene um sich griff, fand hier gelehrte Bestätigung und einen theore-tischen Anker.
Theweleit legte, zweitens, eine Faschismusdeutung vor. Er lieferte also einen Beitrag zu einem Thema, das (neben der Arbeiter-, Kapitalismus-, Revolutions- und Geschlechterforschung) als das wissenschaftliche Zentralthema der Linken in den 1970er-Jahren gelten kann, die zu dieser Zeit die klassisch marxistischen Faschismusdeutungen aus den 1920er-Jahren bis in die 1940er-Jahre wiederentdeckten und dabei allerlei Versuche einer erneuerten Faschismustheorie vorlegten. Theweleits Interpretation des Faschismus fügte sich in diese Tradition ein, war aber dem speziell linksalternativen Milieu insofern zuzuordnen, als er eine genuin psychologische Deutung entwickelte, die man in Abwandlung eines von ihm untersuchten Buchtitels mit „Faschismus als inneres Erlebnis“ überschreiben könnte. Der Ansatz, die subjektive Attraktivität des Faschismus nachzuvollziehen und dabei die Zeugnisse der Faschisten ernstzunehmen, war ein gegenüber älteren Deutungen besonders wichtiger Vorzug. Hierin lag auch Theweleits Abgrenzung von der Frankfurter Schule begründet (vgl. etwa Bd. 2, S. 248-255), die sich weniger um den subjektiven Ausdruck, die innere Motivation und die Formen der Selbstartikulation der Faschisten als vielmehr um die vorgängigen psychologischen, kulturellen und sozioökonomischen Ursachen des Faschismus gekümmert hatte.
Zudem schloss Theweleit an Walter Benjamin und Georges Bataille an, die beide den Begriff des „Ausdrucks“ als Leitmotiv ihrer Faschismusdeutungen benutzt haben. Für Benjamin war der Faschismus Ausdruck einer bestimmten Massenästhetik und für Bataille Ausdruck der symbolischen Rituale der Macht.17 Theweleit knüpfte hier an, wobei er die Interpretationen um die Geschlechterdimension wie auch um die subjektive Verarbeitung des Faschismus erweiterte. Genau hierfür griff er auf das 1972 auf Französisch und 1974 erstmals auf Deutsch erschienene linke Kultbuch „Anti-Ödipus“ von Deleuze/Guattari zurück. Theweleit übernahm nicht nur die Konzeption der „Wunschmaschine“, sondern auch den Hinweis, dass die Massen 1933 gar nicht getäuscht worden seien, da der Faschismus ihnen in der Tat etwas zu bieten gehabt habe. Das war im linken Denken immer noch ungewöhnlich. Zugleich war es überfällig, wollte man den Erfolg der bereits vor 1933 zur Massenpartei gewordenen NSDAP erklären.18
5
Zum dritten legte Theweleits Text Probleme im Geschlechterkampf frei und konnte dabei an feministische Forschungen und Erkenntnisse anknüpfen, die mit dem Aufstieg der Frauenbewegung in den 1970er-Jahren großes Interesse im Milieu fanden. Dass die Kritik am Patriarchat auch noch mit einer Erklärung des Faschismus zusammenging, machte Provokation, Erfolg und Faszination des Buches aus. Es führt jedoch zu weit, Theweleits Buch dabei eine „Utopie der Androgynität“ zu unterstellen, wie es Jörg Lau neuerdings tut,19 oder Theweleit der „Selbstgeißelung“ zu zeihen, die im „Softy-Image“ eine „neue Mönchsmoral“ vertrete, wie in einem zeitgenössischen Rundfunkbeitrag geschehen.20 Theweleits Körpergeschichte hing vielmehr mit der Entdeckung der Körperlichkeit nicht nur in der Frauenbewegung, sondern auch in den Männergruppen ab Mitte der 1970er-Jahre zusammen. Man suchte die körperliche Nähe zueinander, gab der körperlichen Intimität bis hin zur Nacktheit in den Wohngemeinschaften viel Raum, wollte sich über den Körper ausdrücken - von der Meditation bis zur Sexualität - und stellte hierbei die „Natürlichkeit“ ins Zentrum des Verhaltenskodexes. Damit dies gelingen konnte, waren das Körpertraining im „Workshop“ und entsprechende Diskussionen am WG-Küchentisch über körperliche Distanzierungen und Abgrenzungswünsche nahezu unvermeidlich. Unter dem Primat der Lockerheit, Natürlichkeit und „Authentizität“ des linken Alternativmilieus sollte „alles Verkrampfte, Steife, Strenge schon aus der äußeren Erscheinung verbannt werden“, wie Christoph Conti 1984 schrieb: „Der Panzer der Verkrampfung soll sich lösen, die (körperlichen) Barrieren, die von anderen trennen, abgebaut werden. Die Körper sollen zu ihrem Recht kommen“.21
Männliche Gefühlskälte, ein bloß dressierendes Verhältnis zum Körper, soldatische Härte gegenüber sich und anderen, heroisierendes Beschützerverhalten gegenüber Frauen und ein männlicher Allversorger-Gestus wurden in der alternativen „scene“ zunehmend hinterfragt. Theweleit untermauerte dabei die Kritik der linksalternativen Männer an den herkömmlichen Männerbildern, weil er den soldatischen Mann als einen „Gefühlskrüppel im Charakterpanzer“ (Cora Stephan) schildert, der mit der NS-Zeit zwar seine Blüte erlebt habe, aber bis in die Gegenwart nachwirke: „Die Sorte Männer, die Gegenstand dieser Untersuchung ist, soll keineswegs prinzipiell von den übrigen Männern isoliert werden. Sie bildet vielmehr die Spitze eines Eisbergs von Patriarchialität; was unter der Oberfläche liegt, macht die Gewässer aber insgesamt kalt.“22
Die Studie hatte in einigen Männergruppen und feministischen Zirkeln deshalb zur polemischen (Selbst-)Kritik an den Männern als potenziellen Vergewaltigern und Faschisten getaugt, wobei das Buch „die Rolle des analytischen Vademecums“ spielte.23 Seit der 1968 geäußerten Kritik des Frankfurter Weiberrats am linken „Mackertum“ hatten sich, peu à peu und entsprechend den vorgängigen feministischen Selbsterfahrungsgruppen, auch Männergruppen gebildet, die eine neue Sensibilität gegenüber dem eigenen Körper und der eigenen Sexualität entwickeln wollten. Die „softies“ übten sich in Wahrnehmungs- und Verständnisübungen oder verabreichten sich gegenseitig so genannte Liebes-, Angst- oder Energiekuchen wie die Heidelberger „Männergruppe 1“. In der linksalternativen Wochenzeitung „Carlo Sponti“ bekannten sie, dass ihre Freundinnen zumeist Feministinnen gewesen seien, die die Männer auf ihre „bescheuerte Männlichkeit“ hingewiesen hätten, was regelmäßig im „Vorwurf Phallokrat“ gegipfelt habe. Der Schluss der Männer: „So standen wir also doppelt beschissen da, wir Männer.“24 Die Männer konzedierten in den Männergruppen ihre vermeintlich sadomasochistischen und brutalen Sexphantasien und verdoppelten insofern die feministische Kritik durch eine teilweise harsche Selbstkritik.25 Die Verunsicherung und Krise männlicher Identität und hergebrachter Rollenbilder artikulierten auch die Mitglieder einer 1975 gebildeten Berliner Männergruppe: „Für mein Empfinden bestand eine unüberbrückbare Kluft zwischen der in Frauengruppen dokumentierten, schier unerschöpflichen weiblichen Potenz und Wärme, Zuwendungsnähe und Offenheit und unseren eigenen kleinmütigen Anstalten.“ Zugleich wurde diese Selbstkritik aber auch als eine von der Frauenbewegung aufoktroyierte Zumutung empfunden. Bewunderung und „Frauenhaß“ überkreuzten sich, denn, so liest man weiter, „ich hatte die vorgängig ausgeteilte Unterdrückung in einem grandios komischen Versuch der Selbstbestrafung gegen mich selber gewendet. Ich hatte folgsam das große Frauenbewegungs-Überich in mir aufgerichtet.“26 Die in den Männergruppen artikulierten „affektiven Verklemmungen“ und „Blockierungen“ hatten dabei zumeist ihre Ursache in der „Zuspitzung privater Beziehungsprobleme“.27
6
Schnell entwickelte sich eine Gegenbewegung. Im Frankfurter „Pflasterstrand“ (dem wohl einflussreichsten Blatt der linksalternativen Szene) wird deutlich, dass chauvinistische Selbstbilder gerade in Abwehr feministischer Forderungen an Raum gewannen.28 So hieß es in der Buchbesprechung eines anonymen „Pflasterstrand“-Autors, der erkannt hatte, wie die Frauenbewegung ein „schlechtes Gewissen“ in ihm aufgebaut habe, in Theweleits Buch fehle der Hinweis auf den „Terror der Mütter gegen ihre Kinder, auch die Söhne“: „Die Gewaltsamkeit beruht auch darauf, daß sie durch die Mütter immer wieder neu errichtet wird. Wenn Männer Vergewaltigungsträume haben, haben Frauen Kinderwünsche. Die Frau vergewaltigt den Mann, indem sie ihm seine Geburt besorgt. [...] Männer müssen ihren Kampf gegen die Mütterlichkeit ihrer Mütter beschreiben; der Ödipus ist vielleicht kein Komplex, sondern ein Mensch, den seine Mutter ficken wollte und nicht umgekehrt.“29
Das waren zum Teil Probleme, die der allgemeinen und oft „haltlosen Lust am psychologischen Spekulieren und Konstruieren“ in dieser Zeit geschuldet waren.30 Theweleit beteiligte sich daran, indem er explizit darauf hinwies, dass die Wahrnehmungsidentitäten der faschistischen Soldatenmänner auch noch in der Gegenwart, in „ziviler Form“, vorkommen würden. Als Pendant zum „blutigen Brei“ nannte er, dass man(n) als Rache für Kränkungen alle anderen schlechtmache oder mit der Faust auf den Tisch haue. Und das Arbeiten bis zum Umfallen sei ein Pendant zum faschistischen „black out“ (Bd. 2, S. 270-274).31 Lothar Baier geißelte dies als einen „Selbstbezichtigungsfuror“. Theweleit habe nahezu um die Auszeichnung „Frau honoris causa“ gebettelt. Die viel zu weitgehende „männliche Selbstkritik“ werde einfach dadurch abgestützt, dass Theweleit die untersuchte Literatur ohne Rücksicht auf Bedeutungsdifferenzen durchforste und im Sinne eines gigantischen Zettelkastens alles zusammenwerfe, was sich auf die ausgemachten Vokabeln von „Fließen“, „Schmutz“ und „Schleim“ bzw. „hart sein“, „aufrechter Gang“ oder „stählen“ reime.32
Wie weit die Meinungen im Streit der Geschlechter der 1970er-Jahre auseinanderlagen, zeigt die Besprechung der „Männerphantasien“ in der feministischen „Courage“, die mit der Deutung überrascht, dass das Buch eine Rechtfertigung für den „Terror gegen die Frau“ sei, da der Autor die männliche Gewalt als „Notwehreffekt“ darstelle. Die „sexuelle Intensität“ der Frauen sei „prinzipiell unerträglich für den Mann“: „Der Machtträger Mann als unterdrücktes Objekt des herrschenden Mannes. Diese Konstruktion verschafft dem Mann ein Alibi für seinen Machtmissbrauch.“ Die „selbstgefällige Schreibweise“ Theweleits zeige seine „Arroganz“ an: „Sie ist diejenige dessen, der endlich wissenschaftlichen Nachweis erbringen möchte, dass nicht nur die Frau, sondern auch der Mann objektives Opfer der patriarchalisch/bürgerlichen Ordnung ist.“33 Die ständige Ambivalenz aus Annäherung und Abgrenzung sowohl in den Männergruppen als auch in der Frauenbewegung dokumentiert die milieutypische Dringlichkeit und tiefe Krise eines spannungsreichen Verhältnisses und wechselseitigen Unverständnisses der Geschlechter.
7
Viertens: Die bereits in der Geschlechterthematisierung enthaltene subjektive Dimension einer „Politik in der ersten Person“ wurde in dem Buch immer wieder aktualisiert. Wenn Theweleit zu bedenken gab, dass die Männer weiterhin Elemente des faschistischen Mannes in sich trügen (siehe etwa Bd. 2, S. 270-274), so war dies eine Frage, die in den 1970er-Jahren ständig eruiert wurde und mit Hinweis auf die nach wie vor bestehenden kapitalistischen Gesellschaftsstrukturen mit ihrer Produktion von Unterordnungsverhältnissen und autoritären Charakterstrukturen zumeist bejaht wurde. Das Konzept des autoritären Denkens, Fühlens und Handelns, die Intoleranz und die behauptete undemokratisch-repressive Politikführung der Bundesrepublik spielte bei dieser Brückenkonstruktion zwischen Vergangenheit und Gegenwart eine herausgehobene Rolle. Dagegen stellte man die eigenen Vorstellungen, die in den ambitionierten Kommunen und Wohngemeinschaften von der Berliner Kommune I und Kommune II bis zur Kölner Horla-Kommune erprobt wurden. Dass diese Entwicklung weitere Kreise zog, davon zeugt die ab 1967 entstehende und sich rasch ausbreitende Kinderladenbewegung mit den entsprechenden Experimenten antiautoritärer Erziehung. Keine andere politische Bewegung hatte bis dahin Politik, Psychologie und Pädagogik so eng miteinander verzahnt.
Die persönlichen Passagen des Buches, in denen der 1942 geborene Theweleit etwas über seinen eigenen Vater, dessen Schläge und Erziehungsmethoden berichtete (siehe etwa Bd. 1, S. 7-10), waren Wasser auf die Mühlen einer Alternativszene, die gerade in den 1970er-Jahren den subjektiven Faktor und das persönliche Erleben in den Mittelpunkt ihrer politischen Überlegungen zu „Authentizität“ und „Ganzheitlichkeit“ rückte. Man erfährt in dem Buch, dass Theweleit als Kind geschlagen wurde, dass ein trendiges Pinbrett an seiner Wand hing, dass er in kameradschaftlicher Solidarität mit Arbeiterfrauen lebte, denen er bei der Erziehung half. Man erfährt auch, dass er sich selbst als Linken bezeichnete, der die Frauenbewegung bewunderte. Theweleits ausgesprochen psychologische Deutung des Faschismus passte jedenfalls hervorragend in den Zusammenhang eines Milieus, welches sich mit der Idee und Praxis einer „Politik in der ersten Person“ auseinandersetzte. Es ging hier nicht nur um eine geschichtswissenschaftliche Faschismusdeutung, sondern auch um eine Art nachgeholten Schulddiskurs, in dem nach dem potentiellen Nazi-Charakter, nach dem „Nazi in uns“ gefragt wurde - gerade in der ersten Generation, die dem persönlichen Leben nach als schuldlos bezeichnet werden kann. In dieser Hinsicht sind die „Männerphantasien“ durchaus mit Bernward Vespers im Juli 1977 publiziertem autobiographischem Romanessay „Die Reise“ zu vergleichen.34
Die Grundidee der Subjektivität und Introspektion in den „Männerphantasien“ lautete, sich seines persönlichen Umgangs mit der Sexualität bewusstzuwerden, um möglichen psychologischen Abhängigkeiten von der Elterngeneration, aber auch von der kapitalistischen Medien- und Konsumindustrie zu entkommen und die eigenen sadomasochistischen Charakterstrukturen abzubauen. Man kann das Buch als einen Beitrag zu einer solchen Selbstbefreiung verstehen. Theweleit: „Der Sexualitäts-Pol wurde angeschlossen. [...] Jetzt hört dieses Land auf, ein Land von Mördern zu sein, dachte ich.“35 Man habe versucht, sich von den „naziverbundenen Elternkörpern“36 loszureißen, den Schweigevorhang der Elterngeneration zu lüften. Wenngleich es dabei meist weniger um Auschwitz als um tatsächliche oder vermeintliche Probleme in der eigenen Kindheit in den 1950er-Jahren ging, so wollte man, wie Theweleit im Rückblick erläutert, „auch an den in einem selbst vergrabenen Gewaltkomplex herankommen“.37 Darin lag die innovative und provokative Sprengkraft des Buches, da im Alternativmilieu bis dahin nur zu gern auf die faschistischen Charakterstrukturen der Anderen verwiesen wurde, also der Neonazis, der Elterngeneration, der kalten Machtpolitiker oder der „Bullenschweine“.38
8
Fünftens knüpfte die ganze Ästhetik und Schreibweise an Diktion und Gestaltung der linksalternativen Presse von der Kultzeitschrift „Pänggg“ bis zum Frankfurter „Pflasterstrand“ an. Allein die Nutzung der oft nach amerikanischem Vorbild eingeführten Comic-Kultur dieser Zeit wäre eine eigene Abhandlung wert. Mit Gerhard Seyfried, Chlodwig Poth und den bewunderten amerikanischen Underground-Comiczeichnern wie Robert Crumb oder Gilbert Shelton wurden in dieser Zeit nicht nur regelrechte Kultzeichner geschaffen - alle Alternativblätter versuchten sich in mehr oder weniger gelungenen Handzeichnungen und Comic-Strips. Dies war ihr Ausweis von Authentizität, Antielitismus, Jugendlichkeit, Lockerheit und Kreativität. Die Verfremdung und Umfunktionierung der aufgewerteten Populärkultur mit einer Cut-up-Ästhetik, die im absichtlich dilettantischen Verfahren so einfach sein sollte, dass sie von allen hergestellt werden konnte, gehörte zum Standardrepertoire alternativer Kommunikationsformen.39 Die unzähligen Comics in Theweleits Buch sind oft wie eine Kommentierung seines Textes zu verstehen, in dem der Autor seine Befindlichkeiten beim Schreiben des Buches dokumentiert. Dem typisch alternativen Authentizitätsideal entsprechen auch die überbordenden Originalzitate, die mit abgebrochenen Satzfragmenten und Frageformen kommentiert werden („ja, was wohl?“; „da kommt schon einiges zusammen“; „Das Programm des ‚Paradieses auf Erden‘ kann doch nicht sein, dass man sich auflöst, oder...?“).40
Durch diese nahezu anarchistische Kommentierungsfreude und assoziative Form wird die Darstellung insgesamt wenig konsistent - das Kapitel zu Kampf und Terror enthält etwa auch inhaltlich nicht strikt notwendige Bemerkungen zur Homosexualität, zu Folterriten in Konzentrationslagern und „allerlei Einzelnes, das mit dem Ich des Nicht-zu-Ende-Geborenen zu tun hat“ (Bd. 2, S. 143-340, Zitat S. 248). Theweleit bevorzugte eine fast schon mündliche Argumentationsform, mit vielen Anmerkungen, Abschweifungen und Exkursen - eine Sprache mithin, die auch in den Schriften der Sponti-Linken und hedonistischen Alternativen üblich war und durch einen Vorrang von Lustbetonung, Gefühl und Konkretion vor begrifflich präziser Theoriesprache geprägt ist. Komplizierte Satzbaumuster wurden in dieser auf Körperlichkeit, Empfindung und Konkretion ausgelegten alternativen Sprache nicht verwandt.41 Theweleits Tonlage und Sprachfärbung zeigt überdeutliche Bezüge zu dieser Ausdrucksweise und lieferte damit ein Stück ungewöhnlicher Wissenschaft, die jede Frage zwischen Sexualität, Gewalt und Geschlecht „irgendwie“ anschnitt.
Sechstens war das Thema der Gewalt im Zuge des Terrorismus, gerade im „Deutschen Herbst“ 1977, zu einem zentralen Diskussionsgegenstand der linken Szene geworden. Die leidenschaftliche Feier der Gewalt und ihre kultische Verehrung in der Freikorps-Literatur bildeten für Theweleit daher nicht zufällig den Ausgangspunkt seiner Untersuchung. Von hierher baute sich Theweleits Interesse am Körperlichen und Physischen auf, wobei er allerdings nicht den Anspruch erheben kann, damit bereits zu einer vollgültigen „Theorie der Gewalt“42 beigetragen zu haben. Gleichwohl bot das Buch die Möglichkeit, „endlich [...] mal über diese Gewalt in einem selbst [zu] reden, das öffnet etwas“.43
9
Der Erfolg des Buches gründete auf dem Schock, dass „welche von uns“ zu Terroristen wurden. Theweleit hat selbst Verbindungen zur gewaltbereiten Szene im Alternativmilieu und zum Umfeld der RAF hergestellt. Deren kaltherzige Bespitzelung der eigenen „Genossen“ und deren maßloser Hass erinnerten ihn an nationalsozialistische Machenschaften: „Ein Staat, Spitzel, Bullenknüppel können zwar viel, aber nicht so viel wie Leute, die bis gestern Abend um halb neun deine ‚Genossen‘ waren und ab halb zwölf und heute morgen dich unter denen sehen, die besser aufgehoben wären an einem Strick oder so. Sie haben etwas gegründet in der Nacht. [...] Die Genickschüsse fielen verbal oder durch Auslöschung deiner Person aus der Wahrnehmung der Genossen.“44
Trotz dieser Bezugspunkte zu Denk-, Wahrnehmungs- und Beurteilungsformen im linksalternativen Milieu, und obwohl das Buch zuerst in dem vom ehemaligen SDS-Bundesvorsitzenden Karl-Dietrich Wolff 1970 gegründeten Szene-Verlag „Roter Stern“ erschien: Die höchsten Lobeshymnen auf Theweleit waren nicht im „Pflasterstrand“ oder in der „Courage“ nachzulesen, sondern in den etablierten linksliberalen Blättern „ZEIT“ und „Spiegel“. In der marxistisch inspirierten Theorieschule wurde das Buch hingegen regelrecht verrissen. Das kann man schon in der Kritik Lothar Baiers vom April 1978 nachlesen. Baier, der der Frankfurter Schule anhing, bemängelte die „ungezwungen, unbekümmert“ geschriebene Arbeit Theweleits, in der die „‚Wunschproduktion‘ zum Absolutum gemacht [werde]: der historische Erklärungswert seiner Theorie tendiert deshalb eher gegen Null“. Die „Ontologisierung“ des wunschtheoretischen Ansatzes, so der bedenkenswerte Einwand, sei eine „Abkürzung“, weil sie im Grund unhistorisch argumentiere. Vor allem störte Baier jedoch die „Arroganz“, mit der Theweleit „andere Theoretiker abfertigt“, um sich dann auf der allgemeinen „Theorienmüdigkeit“ auszuruhen und zu proklamieren, es komme nur auf das „richtige Gefühl“, nicht aber auf das „richtige Bewusstsein“ an. Für Baier war das „fadenscheinige Textgewebe“ dieses Buches insgesamt eine „Enttäuschung“, und er mochte dem Autor denn auch bloß einen „Dr. leb.“ verleihen.45
Von der DKP wurde das Buch ebenfalls als „Droge des intellektuellen Irrationalismus“ kritisiert.46 Und Gerd Koenen, ehemaliges KBW-Mitglied, schrieb noch 2001 vom „Theweleit-Syndrom“ als einem „System von elaborierten Zwangsgedanken“, als Ausdruck der damals „hypochondrischen Weltgefühle“. Theweleits „gesteigerte adoleszente Verklemmungen“ über den angeblich „naziverbundenen Elternkörper“ seien nichts als „schlichte Dialektik“.47 Reinhard Kühnl schließlich urteilt: „Den höchsten Grad an Irrationalität und methodischer Verworrenheit erreicht [...] das Buch von Theweleit, das den Faschismus auf ein gestörtes Verhältnis der Männer zur Frau reduziert.“48 Was die K-Gruppen-Szene und marxistisch argumentierende Forschung in der Tat von der hedonistisch-linksalternativen Szene Theweleits unterschied, kann man bei Koenen nachlesen - eine „radikal in die erste Person gesetzte Geschichte, in der die Leiden des jungen Th. den Horizont bilden. [...] Jede kindliche und adoleszente Projektion ist hier eine unhintergehbare Realität.“49 Diese Vermischung von Persönlichem und Wissenschaftlichem war den kommunistischen Politniks und Theoretikern ein Graus.
10
Letztlich zog das Buch jedoch deutlich weitere Kreise als nur in der linksalternativen oder K-Gruppen-Szene. Dies hatte damit zu tun, dass das Thema der Männlichkeit und der Geschlechterbeziehungen in den 1970er-Jahren gesamtgesellschaftlich in das Blickfeld geraten war. Es war eben Rudolf Augstein, der das Buch in den höchsten Tönen lobte und von Theweleit am liebsten auch gleich noch eine „Nutzanwendung“ und „Therapie“ bekommen hätte, wie man nun die „kranke Menschenwelt“ von diesen ihren Männerphantasien heilen könne.50 In der „ZEIT“ lobte man ebenfalls die „phantasiereiche, umfangreiche und heitere Darstellung“ als „bisher am weitesten führende[n] Beitrag linker Theoretiker zur Faschismusdebatte“.51 Die „Stuttgarter Nachrichten“ schwärmten von einem „hervorragende[n] Buch“ und der „gleichzeitig schönste[n], spannendste[n] und [...] wichtigste[n] Neuerscheinung des Jahres“, die „Frankfurter Rundschau“ wiederum von einem „reizvollen Sachbuch“, das sich „über lange Strecken spannend wie ein Krimi“ lese. Der Südwestfunk schließlich berichtete von einer „Pflichtlektüre“, die man „erfühlen, durchfühlen“ müsse.52
Die allgemeine gesellschaftliche Liberalisierung der Sexualität, die sich ab Mitte der 1960er-Jahre zunächst mit der so genannten „Sexwelle“ und dem Aufstieg der Sexindustrie vollzog, schlug sich nicht nur in Oben-ohne-Fotos junger Frauen in der Werbung und auf den Titelblättern der Magazine oder im Aufstieg von Zeitungsberichten über Partnertausch auf Partys, über Ehebruch und Untreue nieder. Tatsächliche Veränderungen im Sexualverhalten Jugendlicher hatten diesen medialen Hype begleitet und wurden vermutlich von ihm mitgeprägt. Die Jugendlichen hatten drei oder vier Jahre früher erste Sexualkontakte als selbst noch ihre älteren Geschwister. 1971 hatte jeder dritte Jugendliche zwischen 16 und 17 Jahren Geschlechtsverkehr gehabt, mit 20 Jahren mehr als zwei Drittel der Frauen und drei Viertel der Männer. Dies war ein Trend, der sich im Verlauf der 1970er-Jahre fortsetzte.53 Hinter solchen Zahlen standen gravierende persönliche Veränderungen, die die Jugendlichen durchlebten, zumal die Sexualaufklärung durch Elternhaus und Schule meist unterblieb und der Sexualkundeunterricht erst in den 1970er-Jahren bundesweit eingeführt wurde. Der Schriftsteller Peter Schneider berichtete 1974: „Diese ganzen mechanischen und kalten Versuche sexueller Enthemmung, die uns tagtäglich vorgeführt werden, sind am Ende nur langweilig und führen zu neuen, nämlich emotionalen Verklemmungen.“ Er erzählte davon, dass ihm in seiner Jugend die „wilden Erregungen“ „manchmal richtig faschistisch vorkamen“.54 Die öffentlich diskutierten Veränderungen wurden häufig als Befreiung, aber auch (im Zusammenhang mit der eigenen Sexualität) als Verunsicherung empfunden. Eben diese Unsicherheiten und daraus resultierenden Konflikte machen den Erfolg von Theweleits „Männerphantasien“ in einer Gesellschaft des kulturellen Übergangs zur Liberalisierung verständlich, die sich intensiv mit dem Thema der Sexualität im Geschlechterverhältnis beschäftigte.55
2. „Männerphantasien“ und die Geschichtswissenschaft
Theweleit selbst schreibt im Jahr 2000, rückblickend auf die Rezeption seines Buches in Deutschland: „Die Historiker-Kaste [...] erwies sich als resistent besonders gegenüber der Psychoanalyse des weißen Terrors“.56 Auch wenn mit Lutz Niethammer ein prominenter Zeithistoriker das Buch 1979 als „the most fertile contribution to the study of fascism over the last decade“ bezeichnet hat,57 ist die Einschätzung des Autors sicher nicht ganz falsch. Dies hat jedoch nicht nur mit der Schreibweise, den Zitat-Collagen und dem zusammengewürfelten Bildmaterial vom Gemälde bis zum Comic zu tun - einer Form, die bei einer in solchen Dingen eher konservativ eingestellten Historikerzunft keine Gnade fand.
11
Die Karriere der 1987 und 1989 übersetzten „Male Fantasies“ in den US-Geschichtswissenschaften verlief demgegenüber besser, wie Theweleit im Jahr 2000 stolz vermerkt: „Am besten und genauesten gelesen sind die Männerphantasien in den USA. [...] Jeder amerikanische Historiker, den ich getroffen habe im Lauf der letzten zwanzig Jahre, hat zumindest Kenntnis von Male Fantasies. Die meisten haben es gelesen, viele haben es zitiert.“58 Tatsächlich liest man in der Würdigung des in Princeton lehrenden Kulturhistorikers Anson Rabinbach und der New Yorker Psychoanalytikerin Jessica Benjamin: „It weaves the most productive strands of the post-1968 German new left’s intellectual and political preoccupations into an original, fascinating, often profound, and occasionally outrageous narrative of the fascist unconscious.“59 Das positive Urteil mag zum einen mit der erst in den späten 1980er-Jahren erfolgten Rezeption und der mittlerweile größeren Offenheit für postmoderne Darstellungsformen sowie zum anderen mit der größeren Affinität der US-Historiker zur Literaturwissenschaft zu tun haben.60
Mit dem Aufstieg der westdeutschen Sozialgeschichte etablierten sich zwar auch in der Bundesrepublik die Soziologie und die Wirtschaftswissenschaften als Nachbardisziplinen der Geschichtswissenschaft. Die Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaften sowie die Psychologie fanden aber eigentlich erst in den 1990er-Jahren im Zuge des Aufstiegs der Kulturgeschichte volle Anerkennung.61 Der Psychologie wird nach wie vor eine ahistorische und primär individualistische Argumentationsstruktur vorgeworfen. Obwohl letzterer Einwand angesichts der Gruppen- und Sozialpsychologie nicht aufrechtzuerhalten ist, haben sich aufgrund der Schwierigkeiten, eine adäquate Quellengrundlage zu finden, erhebliche Reserven gegen die Verwendung psychologischer Theorien entwickelt.62 Theweleit versuchte der Quellenproblematik dadurch zu begegnen, dass er (wie in der Psychoanalyse üblich) die Sprache in das Zentrum seiner psychologischen Deutung stellte.
Nun ist Theweleits Buch in der Tat kein eigentlich geschichtswissenschaftliches Werk, da der Autor zwar ein historisches Thema behandelt, dieses aber nur sehr vage in seinen historischen Kontext einordnet. Die „Männerphantasien“ bleiben dadurch merkwürdig zeit- und ortlos. Das war, wie oben dargestellt, ausdrücklich beabsichtigt; jeder Historiker würde dennoch danach fragen, warum der soldatische Mann in dieser Form gerade in Deutschland entstand (und auch in Italien, möchte man hinzufügen). Warum dagegen nicht in England und den USA? Warum nach dem Ersten Weltkrieg, aber nicht auch nach dem Zweiten Weltkrieg? Überhaupt wird die Bedeutung des Ersten Weltkriegs, der in der Historiographie als Zäsur sehr stark betont wird, bei Theweleit zu wenig gewürdigt. Kurzum: Theweleit verbindet seine weit ausgreifenden psychologischen Thesen nur wenig mit anderen historiographischen Deutungen und bindet seine Darstellung kaum in den historischen Forschungsstand ein. Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Dar-stellung, die den Quellentext und seinen Stil ganz nach vorn stellt.
12
Wie handlungsrelevant war das, was in solchen Texten geschrieben stand? Theweleit ging über solche Fragen mit leichter Hand hinweg, indem er über die „intimsten Zwangsvorstellungen“ dieser Faschistenmänner schrieb: „Kein Zweifel, daß sie selbst ihr Handeln von ihnen bestimmt finden.“ (Bd. 2, S. 353) Diese Texte sind für ihn eine geschriebene Form von Erfahrung, da der Schreibvorgang selbst eine Destruktion darstelle. Phantasie und Tat, gelebte Erfahrung und imaginierten Wunsch würde man jedoch gern genauer miteinander verbunden sehen. Dies ist zwar nicht Thema eines Buches über „Männerphantasien“, wäre aber für den Historiker eine Dimension, der man sich durch Sprachvermögen und Darstellungskunst nicht entziehen dürfte. Wie interagierten also soziale Herkunft und Stellung, wie die Gewalterfahrungen im Ersten Weltkrieg und in den paramilitärischen Kampfbünden mit den beschriebenen psychologischen Verarbeitungsmechanismen? Das sind Fragen, die sich die von Theweleit kritisierte Frankfurter Schule vorgelegt hatte und die von ihm insoweit zu leichtfüßig kritisiert wurden, als er diesem Wechselverhältnis von sozialer Welt und psychischer Innenwelt kaum Beachtung schenkte.63
Unter Historikern lautet zudem ein beliebter Einwand gegen Theweleit, dass er in seinem Buch gar keine Nationalsozialisten untersucht habe. Auf den ersten Blick leuchtet dies ein, da Theweleit sieben Biographien an den Beginn seiner Untersuchung stellt, von denen die meisten im nationalsozialistischen Regime nicht zurechtkamen. Die Freikorps-Typen vom Afrika-Generalmajor Paul von Lettow-Vorbeck bis zum Kapitänleutnant Martin Niemöller, der später im KZ einsaß, wurden keineswegs umstandslos zu Nationalsozialisten. Selbst solche Haudegen wie der Freikorpskommandeur Gerhard Roßbach, der charismatische Chef der Marinebrigade Kapitän Ehrhardt, rechtsradikale Literaten wie Ernst von Salomon und Ernst Jünger wurden bekanntlich im nationalsozialistischen Regime zu unbequemen, keineswegs angepassten Figuren. Lutz Niethammer hat dementsprechend darauf hingewiesen, dass die Freikorpsmänner zum einen keine typischen Nationalsozialisten waren und zum anderen auch nicht den Massenzuzug zur NS-Bewegung seit 1930 erklären könnten.64 Das ist ein durchaus treffender Einwand, da viele NS-Mitglieder schlicht zu jung waren, um schon in den Freikorps aktiv gewesen zu sein.
Aber: Theweleit spricht in seinem Buch nicht davon, die Nationalsozialisten untersuchen zu wollen, sondern, wie es immer wieder heißt, die „Faschisten“ - eine Gruppe mithin, die größer und weiter gefasst ist als der Kreis der deutschen Nationalsozialisten. In vielem erinnern die Sprache, die Metaphern und narrativen Strukturen, die Theweleit freilegt, eher an den Stil des europäischen Faschismus der Zwischenkriegszeit, etwa an Filippo Tommaso Marinetti, Maurice Barrès, Robert Brasillach oder Pierre Drieu la Rochelle. Und in der Tat gab es ja auch vielerlei Verbindungen zwischen den paramilitärischen Verbänden aus der Frühzeit der Weimarer Republik und der späteren NS-Massenbewegung. Während sich die Freikorps vor allem in sozialer Hinsicht von der NS-Bewegung unterschieden, bestanden in Gewaltpraxis und -verherrlichung, im Militarismus und in der Männerkameraderie, in der kultischen Jugendverehrung oder im Antisemitismus und Antifeminismus vielerlei Ähnlichkeiten und Überschneidungen mit der späteren NS-Bewegung. Nicht zuletzt waren Anfang der 1930er-Jahre über 40 Prozent der hohen SA-Führer ehemalige Freikorpskämpfer.65
13
Gleichwohl bleibt auch auf den zweiten Blick die Frage offen, auf welche (soziale und kulturelle) Gruppe von Männern man Theweleits Theorie beziehen soll. Den Begriff des „Faschisten“ hat er in seinem Buch nie definiert; es scheint so, dass er darunter alle subsumiert, die militaristisch, nationalistisch, antifeministisch, antikommunistisch, antisemitisch und gewaltbereit waren. Kann man aber die vielen jüngeren Mitglieder der NS-Bewegung, die den Ersten Weltkrieg eben nicht als Soldaten, sondern als Kinder erlebt hatten und die auch die kaiserlichen Kadettenanstalten nicht durchlaufen hatten, mit den untersuchten Freikorpskämpfern umstandslos gleichsetzen? Inwiefern spielten etwa die beschriebenen bürgerlichen Erziehungsprinzipien in der stärker proletarisch strukturierten SA eine Rolle? Inwiefern kann man zudem den Stil und die Sprache der Freikorpsliteratur als genrespezifische Darstellungsform verstehen, die man insofern nicht vorschnell psychologisieren sollte, sondern hinsichtlich ihrer medialen Eigengesetzlichkeit prüfen müsste? Gehörten also Formulierungen von Menschenmassen, die durch die „Straßen fluten“, zum literarischen Bestand dieses Genres? Ist die Tatsache, dass die Ehefrauen nicht beim Namen genannt werden, nicht ebenfalls den Konventionen dieser Darstellungsform geschuldet?
Der wichtigste Beitrag Theweleits für die Geschichtswissenschaft besteht darin, innovative Themen für die NS- und Faschismusforschung entwickelt zu haben, die zum Teil bis heute ein Schattendasein in der Historiographie fristen. So lag mit diesem Buch weit vor dem eigentlichen Durchbruch der Körpergeschichte eine Darstellung des Körpers als eines mentalen Objekts vor. Theweleit zeigte, wie die Ereignisse sich in den mechanisierten, entsensibilisierten Körper einschrieben, und ging dabei über Elias und Foucault hinaus. „The body constructs the external world in its own image“, haben Rabinbach/Benjamin sehr treffend formuliert.66 Mit der Geschichte der Männlichkeit und der Körpergeschichte betrat Theweleit innovative Forschungsfelder und erweiterte die damalige Frauengeschichte. Bis heute findet man nur wenige Arbeiten, die sich so avanciert mit der Männlichkeit und dem Selbstbild der faschistischen Männer auseinandergesetzt haben. Es ist ein Buch „für Frauen und Männer ausschließlich über Männer“.67 Allerdings war die Attraktivität des Faschismus für Frauen noch kein Gegenstand von Theweleits Erörterungen. Dass Frauen nicht nur unterdrückte Opfer im faschistischen Männerprogramm waren, sondern sich an verschiedenen Stellen im Regime engagierten und Anhängerinnen des Faschismus sein konnten, wurde erst in den 1980er-Jahren verstärkt zum Thema.68
Aus heutiger Perspektive müsste ein zweiter „Theweleit“ als eine praxeologische Beziehungsgeschichte beider Geschlechter geschrieben werden, wobei anhand einer kultur- und sozialgeschichtlichen Achse eine differenzierte Skala zwischen gewaltsamer Zu- und Mitarbeit, Gleichgültigkeit, Resistenz und Widerstand aufzuspannen wäre. Die grobschlächtigen geschlechtergeschichtlichen Einteilungen, die vorschnelle Psychologisierung eines bestimmten Literaturgenres, die enge Quellenbasis sowie die historiographische Zeit- und Ortlosigkeit seiner Argumentation lassen das Buch überholt erscheinen. Nur: Ein besserer Ersatz ist immer noch nicht zu erkennen.
Sven Reichardt, Klaus Theweleits „Männerphantasien“ – ein Erfolgsbuch der 1970er-Jahre, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 3 (2006) H. 3, URL: <http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Reichardt-3-2006> Beim Zitieren einer bestimmten Passage aus dem Aufsatz bitte zusätzlich die Nummer des Textabschnitts angeben, z.B. 12 oder 14-16.