Die Wissenschaft von der „Überbevölkerung“

Paul Ehrlichs „Bevölkerungsbombe“ als Fanal für die 1970er-Jahre

Anmerkungen

Paul R. Ehrlich, The Population Bomb, New York: Ballantine Books 1968; dt. Übers.: Die Bevölkerungsbombe, München: Carl Hanser 1971, Tb.-Ausg.: Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1973. Die Zitate im folgenden Text sind der letztgenannten Ausgabe entnommen.

Die Industrieländer Europas, Nordamerikas und teilweise Asiens leiden derzeit unter Schrumpfungsängsten: Der „demographische Wandel“, der Übergang von hohen zu niedrigen Geburtenraten, hat düstere Prognosen von Kindermangel, Überalterung, Entleerung großer Landstriche, ja vom Verschwinden ganzer Nationen hervorgerufen, die in Deutschland innerhalb weniger Jahre enorme Medienpräsenz entfaltet haben. Der Alarmismus ist umso bemerkenswerter, als vor knapp 40 Jahren mit ähnlicher Dringlichkeit davor gewarnt wurde, dass die Welt im Begriff sei, an „Übervölkerung“ zu ersticken. Im „Umweltzeitalter“ geriet der fast unangefochtene Wachstumsglaube des Westens heftig in die Kritik und die Endlichkeit natürlicher Ressourcen der Erde in den Blick. Nicht nur den Ländern der „Dritten Welt“, sondern auch den Industriestaaten wurden damals sofortige Kontrollmaßnahmen zur Durchsetzung eines „Nullwachstums“ der Bevölkerung abverlangt, um das schiere „Überleben“ der Menschheit auf dem begrenzten Globus zu sichern.

Im Jahr 1968 brachte der Biologe Paul Ehrlich die Probleme globaler Dimension auf den Nenner „Zu viele Menschen - Zu wenig Nahrung - Der sterbende Planet“. Sein Buch „The Population Bomb“, das unter dem Titel „Die Bevölkerungsbombe“ 1971 bzw. 1973 auf Deutsch erschien und diese Trias schon im Inhaltsverzeichnis nannte, ist nicht das einzige, jedoch eines der prägnantesten Beispiele für die Radikalität des Umwelt- und Bevölkerungsdiskurses der 1960er- und 1970er-Jahre, in dem die Naturwissenschaften dominierten. Paul Ralph Ehrlich, geboren 1932, ist bis heute als Professor am Fachbereich Biologie in Stanford, Kalifornien, tätig. Sein Spezialgebiet war neben der Entomologie zunächst die Populationsbiologie, die Tier- und Pflanzenpopulationen studierte. Die daraus entwickelte Humanökologie, die menschliche „Populationen“ naturwissenschaftlicher Forschung unterzog, berief sich sowohl auf demographische Mathematik und Statistik als auch auf erbbiologisch gestützte Entwicklungstheorien. Ehrlichs Ziel war es, Bevölkerungsentwicklung als integralen Bestandteil globaler ökologischer Verhältnisse zu begreifen und die Verschränkung von „Bevölkerung, Ressourcen und Umwelt“ auch für Laien verständlich darzustellen. Mit Methoden der Planungsforschung und Systemanalyse strebte er an, die Mensch-Umwelt-Beziehungen als komplexes Ökosystem zu untersuchen. Der Physik geschlossener Systeme entlehnte er die Hauptsätze der Thermodynamik, insbesondere das Entropiegesetz. Dementsprechend hatte er die Vision, „unseren Planeten wieder ins Gleichgewicht zu bringen“ (S. 102).

Ehrlichs Buch stellte das Bevölkerungswachstum als eine unmittelbar bevorstehende Katastrophe dar, auf dem Einband symbolisiert durch „die Bombe“ mit brennender Zündschnur, kurz vor der Explosion.1 Ehrlich prognostizierte, dass die erreichten Lebensstandards im Westen und weltweit schon innerhalb zweier Jahrzehnte kollabieren würden, da das Bevölkerungswachstum das Wirtschaftswachstum gefährlich schnell zu überholen drohe, „die DNA stärker sei als das BSP“.2 Die Tücke liege in der „Natur“ des exponentiellen Wachstums: Die Weltbevölkerung hatte sich innerhalb eines Jahrhunderts auf drei Milliarden Menschen verdoppelt und nahm mit einer Rate zu, die eine weitere Verdopplung binnen einer Generation befürchten ließ. Anknüpfend an Rechen- und Bedrohungsszenarien, die in Europa seit Malthus’ „Essay on the Principle of Population“ von 1798 kursierten, wies Ehrlich darauf hin, dass die „Verdoppelungszeit“ sich auf nur noch 37 Jahre verkürzt habe. Ehrlich sah die (westlichen) Gesellschaften am Ende eines exponentiellen Wachstumsprozesses angelangt, dessen Grenze nun sehr unvermittelt erreicht sei. „Offenkundig“, mahnte er, „impliziert eine lange Geschichte exponentiellen Wachstums nicht unbedingt eine lange Zukunft.“3

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In naturalistischer Analogie zu einem Krebsgeschwür als „hemmungslosem Vermehren von Zellen“ fasste Ehrlich die „Bevölkerungsexplosion“ als „ein hemmungsloses Vermehren von Menschen“ auf (S. 109). Unter Rückgriff auf das evolutionstheoretische Motiv der natürlichen Selektion formulierte er eine These zum „Fortpflanzungstrieb“ als evolutionär begründeter Bürde des Menschen, die an Malthus’ Annahme des „passion between the sexes“ erinnert. Auf der Grundlage des Selektionsprinzips der differentiellen Reproduktion, demzufolge ein genetischer Typ sich „auf Kosten anderer“ fortpflanzt (S. 23), indem er diese anderen schlicht durch Vermehrung übertrumpft, ordnete Ehrlich auch kulturgeschichtliche Faktoren in ein übergreifendes deterministisches Entwicklungsschema ein. Zu solchen Faktoren gehörten für ihn beispielsweise die Intensivierung der Landwirtschaft, die Mechanisierung der Produktion, die Gesundheitsversorgung oder die Religionen. Nach seinem Evolutionsmodell fielen die Sterberaten in entwickelten Gesellschaften zwangsläufig weit unter die Geburtenraten und resultierten in einem „Bevölkerungsüberschuß“ (S. 18).4 Der Logik Malthus’ folgend sah Ehrlich nur zwei mögliche Auswege aus dem „Bevölkerungsproblem“: Gegenüber der „Sterblichkeitsziffern-Lösung“ (S. 27), die die Menschheit in Form von Kriegen, Seuchen und Hungersnöten von selbst treffen würde und die er für die nachfolgenden Dekaden als bereits unabwendbar voraussagte, empfahl er die „Geburtenziffern-Lösung“, das sofortige Senken der Geburtenraten.5

Ehrlich verlangte, die Familienplanung als erfolglose individualistische Form der Geburtenkontrolle durch eine übergreifende Bevölkerungspolitik bzw. Bevölkerungskontrolle abzulösen. Er sprach sich für die Einführung drastischer Kontrollmaßnahmen aus, um - nach einem kontrollierten „Massensterben“ (S. 54; im Original deutlicher: „die-back“ [S. 79]) - schließlich die Weltbevölkerung auf einem Niveau von rund zwei Milliarden Menschen im 21. Jahrhundert zu stabilisieren. Die Abschnitte zu der Frage, was zu tun sei, um „eine stabile optimale Bevölkerungszahl“ festzulegen und zu erreichen, sind ohne Zweifel die provokantesten Teile seines Buches (S. 86ff.). Ehrlich diskutierte hier die Schlüsselrolle der Supermacht USA für Maßnahmen zur Geburtenregulierung - zunächst im eigenen Land und dann weltweit -, die auch zu Ehrlichs Zeiten umstritten waren, darunter die zeitweilige Zwangssterilisation der Bevölkerung durch Beigabe von Sterilisationsmitteln zum Trinkwasser und zur Nahrung, aber auch finanzielle Anreize und Sanktionen der Steuergesetzgebung. Kennzeichnend für die damalige Bevölkerungsdebatte ist es, dass Ehrlich die Geburtenraten ausschließlich nach verursachten gesellschaftlichen Kosten bewertete. Familien mit mehr als zwei Kindern bezichtigte er der Verantwortungslosigkeit; sie hätten ihre finanziellen Belastungen künftig selbst zu tragen, etwa durch „Luxussteuern“ für Babyausstattungen und Spielzeug. Als Anreize zur Kinderlosigkeit hingegen diskutierte er „Verantwortungsprämien“ (S. 90) für Ehen, die fünf Jahre kinderlos blieben, bzw. für irreversible Sterilisation nach dem zweiten Kind. Ein Ministerium für Bevölkerung und Umwelt solle die Erforschung von Verhütungs- und Massensterilisationsmitteln sowie der embryonalen Geschlechtsbestimmung vorantreiben, um den Wunsch nach einem Sohn gleich mit dem Erstgeborenen zu befriedigen und auf diese Weise die Zahl ungewollter Töchter zu verringern.

„Nötigung? Vielleicht, aber zum Wohle der Genötigten“ (S. 108) - so Ehrlich über seine Vorschläge, die er auf die Weltbevölkerung ausweitete. Seiner Bevölkerungsökonomie entsprechend diskutierte er die internationale Entwicklungshilfe als ein bioökonomisches Verteilungsproblem. Zur Metaphorik des kranken Planeten passte auch seine Referenz an die Gebrüder Paddock, die wenige Jahre zuvor die eigenwillige Strategie formuliert hatten, die Entwicklungsländer seien bei der Verteilung von Nahrungsmitteln entsprechend dem System der „Triage“ zu kategorisieren, einer Klassifikation von Kriegsverwundeten zur medizinischen Erstversorgung (S. 103f.).6 Nach diesem Selektionsprinzip werde die tragische Gruppe derjenigen, bei denen alle Bemühung vergeblich wäre, sich selbst überlassen, ebenso diejenigen, die ohne Behandlung überleben würden. Priorität werde den Verwundeten eingeräumt, die durch sofortige Hilfe gerettet werden könnten. Ehrlich empfahl, internationale Erste-Hilfe-Leistungen nach diesem System zu rationalisieren, um eine sachliche Wahl zwischen den Ländern treffen zu können: erstens denen, die dazu verurteilt seien, die Malthusianische Katastrophe zu erleiden, zweitens denen, die aus eigener Kraft mit ihrer Überbevölkerung fertig würden, sowie drittens denjenigen, die mit Hilfe von außen die Chance erhalten sollten, ihre Krise in den Griff zu bekommen.

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„Ich weiß, das klingt alles ziemlich brutal. Aber man bedenke doch, vor welcher Alternative wir stehen.“ (S. 108) Für seinen radikalen neomalthusianischen Entwurf des „Bevölkerungsproblems“ ist Ehrlich bis heute umstritten. Sein Bild des „Raumschiffs Erde“ (S. 86; im Original: „good ship Earth“ [S. 132]) propagierte die neue Sicht der Welt als einer Schicksalsgemeinschaft mit wechselseitigen Abhängigkeiten, ohne rettendes Außen: „Es steht fest, daß wir Amerikaner nicht unberührt vom Schicksal unserer Mitmenschen am anderen Ende des Raumschiffs Erde leben können. Wenn ihr Schiff sinkt, werden wir zumindest den Anblick ihres Untergangs ertragen und ihre Angstschreie vernehmen müssen.“7 Zugleich wird deutlich, dass es Ehrlich und vielen seiner Zeitgenossen weder nur um „zu viele“ Menschen noch um eine gerechte internationale Balance von Bevölkerungen und Ressourcenverteilung ging. Vielmehr zielten die Kosten- und Nutzenvergleiche vorrangig auf den Erhalt politischer und wirtschaftlicher Vormachtstellung des Westens ab.

Die in der Rezeption mitunter geäußerten Vorwürfe, das Buch weise faschistoide Züge auf, greifen zu kurz, wenn sie vor einer Bevölkerungspolitik nach rassistischen oder eugenischen Kategorien warnen, von der Ehrlich sich überdies deutlich distanzierte. Kritikwürdig sind eher die nicht reflektierten Normen in dem totalitären Plan, den Ehrlich entwarf. Der umfassende Hegemonieanspruch des Westens artikulierte sich im Konzept der „Überbevölkerung“ selbst, das von angeblich wissenschaftlich bestimmbaren Grenzen ausging, um resultierende „Überschüsse“ feststellen und naturwissenschaftlich „behandeln“ zu können. Das (human)ökologische Konzept einer ultimativen „Tragfähigkeit“ der Erde ist insofern heikel, als sich dessen mathematische und moralische Ökonomie dem Bereich des Politischen entzieht. Der Biologe Garrett Hardin, auf dessen Arbeiten sich Ehrlich unter anderem bezog, forderte etwa zur selben Zeit, gegen die „Politik des laissez-faire in der Fortpflanzung“ anzugehen und einen „Prozess gegen die Unterstützung der Armen“ zu führen. Seiner Meinung nach sollte sich die optimale Weltbevölkerung durch einen Ausleseprozess gemäß der „Fitness“ einer Nation ausbilden. Wie Ehrlichs Empfehlungen entsprang auch dieser Vorschlag einer bioökonomischen Logik, die den Wohlstand einer Nation zum betrachteten Zeitpunkt zugrunde legte. Die Verfügung, wer leben und wer sterben sollte, ließ globale Machtbeziehungen sowie historisch entstandene und veränderbare Ungleichverteilungen außer Acht.8

Ehrlichs Stärken lagen in der Bestandsaufnahme von Umweltproblemen der damaligen Zeit. Seine Ausführungen zur Rohstoffverschwendung, zum Verbrauch fossiler Energieträger und zur Lagerung atomarer Abfälle, zur Luft- und Gewässerverschmutzung, zu Düngern und Pestiziden, zu Überfischung und Artensterben sowie zum „Treibhauseffekt“ sind vergleichsweise informiert und detailliert. In seinen schlimmsten Befürchtungen jedoch gilt Ehrlich als historisch widerlegt. Seine Vorschläge zur Geburtenregulierung fallen gegenwärtig weniger durch ihre Drastik als durch die Überzeichnungen ins Auge. Heute, wo Vermehrung nicht bestraft, sondern gefordert wird, wirken sie befremdlich. Binnen weniger Jahrzehnte haben sich demographische Prognosen und öffentliche Problemwahrnehmungen in ihr Gegenteil gewendet. Dies spricht für ein gesundes Misstrauen gegenüber aller vermeintlich gesicherten Erkenntnis - in der Geschichte und in der Gegenwart.

Anmerkungen: 


1 „The population bomb keeps ticking“, heißt es auf dem Einband des amerikanischen Originals. Nach eigenen Angaben entnahm Ehrlich den Begriff der „Bevölkerungsbombe“ wie auch die semantisch verwandte „Bevölkerungsexplosion“ einem Flugblatt des Geschäftsmanns Hugh Moore mit dem Titel „The Population Bomb“, das 1954 in den USA millionenfach kursierte; siehe die Angabe im amerikanischen Original auf S. 4.

2 Aus dem Vorwort zum amerikanischen Original von David Brower, geschäftsführender Direktor des Sierra Club, einer amerikanischen Umweltschutzorganisation. Ehrlich war 1968 auch einer der Begründer der Gruppe „Zero Population Growth“. Seine Angriffe gegen das herrschende Wachstumsparadigma korrespondieren mit zahlreichen wissenschaftlichen Studien und Prognosen der damaligen Zeit über die bald erreichten „Grenzen des Wachstums“; vgl. auch den Beitrag von Nils Freytag in diesem Heft.

3 John P. Holdren/Paul R. Ehrlich, Human Population and the Global Environment, in: American Scientist 62 (1974), S. 282-292, hier S. 290.

4 Der Originaltext verwendet die Begriffe „human surplus“, „overpopulation“ und „overcrowding“ (S. 167).

5 Malthus hatte die beiden Möglichkeiten der „positive checks“ und der „negative checks“ des Bevölkerungswachstums vorgesehen.

6 Vgl. William Paddock/Paul Paddock, Famine - 1975! America’s Decision: Who will survive?, Boston 1967 (dt.: Vor uns die mageren Jahre?, Bern 1969).

7 Dies ist eine sehr unpräzise Übersetzung des Originals, wo es konsequent heißt: „If their end of the ship sinks [...]“ (S. 132).

8 Garrett Hardin, Lifeboat Ethics: The Case Against Helping the Poor, in: Psychology Today 8 (1974) H. 4, S. 38-43, S. 123-126.