Leistungsdruck! Hetze! Stress?

Daimler-Werkszeitungen und die auffällige Unauffälligkeit des Stress-Begriffs in der betrieblichen Kommunikation der 1970er- und 1980er-Jahre
  1. Werkszeitungen und betriebsnahe Publikationen: Das Beispiel Daimler
  2. Arbeitsbelastung, Rationalisierung und Humanisierung als Themen der innerbetrieblichen Kommunikation
  3. Fazit

Anmerkungen

»Scheibenwischer« vom Mai 1990 (Werkszeitung der IG Metall für die Stuttgarter Beschäftigten von Daimler-Benz AG und Mercedes-Benz AG)
»Scheibenwischer« vom Mai 1990 (Werkszeitung der IG Metall für die Stuttgarter Beschäftigten von Daimler-Benz AG und Mercedes-Benz AG)
 

»Aktiv gegen Streß« – mit dieser Schlagzeile informierte »Der Scheibenwischer«, die Werkszeitung der IG Metall für die Beschäftigten der Daimler-Benz AG und der Mercedes-Benz AG am Standort Stuttgart, im Mai 1990 über die laufenden Tarifverhandlungen.[1] Arbeitstempo und Leistungsdruck nähmen rasant zu, diesem Trend müsse man gemeinsam entgegenwirken. Dazu habe die IG Metall für die Tarifrunde ein »Anti-Streß-Paket« geschnürt, in dessen Mittelpunkt die Forderung nach einer 35-Stunden-Woche »für mehr freie Zeit und Lebensfreude« stehe. Die insgesamt acht Seiten des Hefts, das vor allem an die Angestellten in den Verwaltungszentralen des Konzerns verteilt wurde, informierten über Probleme wie Personalabbau, psychische Gründe für steigende Fehlzeiten und drohende Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen durch das von der Unternehmensberatung McKinsey eingeführte Programm zur »Optimierung der Gemeinkosten« (OGK). Hervorgehobene Kästchen definierten zentrale Begriffe der Artikel, darunter »Streß«. Mit Verweis auf das seit 1976 in vielen Auflagen erschienene Buch »Phänomen Streß« von Frederic Vester wurden in knappen Worten medizinischer Hintergrund und psychisch-soziale Folgen der modernen Industriegesellschaft für den »natürlichen Verteidigungsmechanismus des Körpers« zusammengefasst.

Die »Streß«-Ausgabe der IG-Metall-Zeitung von 1990 ist interessant, weil der Begriff in den werksinternen oder direkt an die Beschäftigten gerichteten Zeitungen, Flugblättern und Plakaten bis in die zweite Hälfte der 1980er-Jahre nur eine erstaunlich kleine Rolle spielte. Obwohl körperliche wie psychische Folgen der Arbeitsbedingungen im Konzern seit den 1970er-Jahren immer wieder thematisiert wurden und im Kontext der bis an die letzte Werkbank geführten Debatten um die »Humanisierung der Arbeitswelt« sowie um die Folgen der einschneidenden Rationalisierungsmaßnahmen breiten Raum einnahmen, argumentierten die beteiligten Akteure selten explizit mit Stress. Dieser Befund überrascht, denn Untersuchungen zur Geschichte des Phänomens gehen mit guten Argumenten davon aus, dass Stress spätestens seit Mitte der 1970er-Jahre über Printmedien wie den »Spiegel«, Fernseh- und Radioberichte sowie eine stetig wachsende populärwissenschaftliche Ratgeberliteratur tief in die (westliche) Alltagssprache eingedrungen war.[2] Die Stress-Debatte stand zudem in engem Zusammenhang mit arbeitsmedizinischen sowie psychologischen Untersuchungen. Auch die zunehmende Kopplung des Stress-Begriffs mit »Lebensqualität« legt eine enge Verbindung zwischen Stress und der humanen Gestaltung von Arbeitsplätzen nahe.[3] Welche Schlüsse lassen sich aus der auffälligen Unauffälligkeit des Begriffs in der innerbetrieblichen Kommunikation ziehen? Welchen Blick ermöglichen Betriebszeitungen und ähnliche Quellen auf die Arbeits- und Vorstellungswelt ihrer Verfasser und Rezipienten?

1. Werkszeitungen und betriebsnahe Publikationen:
Das Beispiel Daimler

Werkszeitungen und weitere Schriften, die sich an die Angehörigen eines Betriebs wenden, sind keine neuen Quellen. Seit dem 19. Jahrhundert nutzten Unternehmen Zeitungen und Flugschriften, um ihre Mitarbeiter im Sinne der Firmenleitungen anzusprechen. Während der NS-Herrschaft waren Werkszeitungen ein Medium gezielter ideologischer Indoktrination; Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern wurden zur Gründung und Verbreitung werkseigener Zeitschriften angehalten und über Direktiven zur inhaltlichen Gestaltung zentral gesteuert.[4] Obwohl sich nach 1945 ein scharfer Bruch mit patriarchalischen Werkszeitschriften und eine Hinwendung zu Prinzipien wie »Information, Meinungsaustausch, Diskussion, Partnerschaft« beobachten lässt, sahen zeitgenössische Kritiker die Manipulation der Werksangehörigen weiterhin als zentrales Ziel der Publikationen.[5] Die Kommunikation »von oben« war freilich keine Einbahnstraße. Schon im Kaiserreich versuchten auch Gewerkschaften und politische Parteien, Beschäftigte in bestimmten Werken und Betrieben anzusprechen. Häufig entstanden entsprechende Zeitungen unter Mitarbeit von Betriebsangehörigen, wurden etwa von parteipolitischen Betriebsgruppen oder Gewerkschaftern erstellt. Ein systematischer Überblick zur Fülle der verschiedenen Formen oder auch nur zur Anzahl solcher Schriften ist naturgemäß schwer; gerade die nicht offiziell veröffentlichten Zeitungen und Broschüren sind oft bloß zufällig und bei weitem nicht vollständig überliefert. Dennoch kann man davon ausgehen, dass in sehr vielen mittleren und großen Betrieben im Laufe des 20. Jahrhunderts zumindest zeitweise regelmäßig Betriebszeitungen erschienen.[6]

Die zeithistorische Forschung hat für Studien zum letzten Drittel des 20. Jahrhunderts bisher selten auf derartige Publikationen aus Betrieben zurückgegriffen. Dabei entstanden gerade in industriellen Großbetrieben während der 1970er- und 1980er-Jahre regelrechte Presselandschaften, weil sich einerseits die interne Kommunikation der Unternehmen professionalisierte, andererseits die erweiterte Mitbestimmung zu verstärkten Bemühungen um Selbstdarstellung von Gewerkschaften und anderen Arbeitnehmervertretern im Betrieb führte. Nicht zuletzt versuchten auch studentische Gruppen und Akteure der Neuen Linken häufig, die Beschäftigten in Betrieben zu agitieren; der Weg von der Studien- an die Werkbank schlug sich dabei in zahlreichen (oft kurzlebigen) Zeitungen und Flugblättern nieder, die direkt an Arbeiterinnen und Arbeiter in bestimmten Betrieben gerichtet waren.

Am Beispiel des Daimler-Stammwerks in Stuttgart-Untertürkheim lässt sich das gut illustrieren. Um 1970 arbeiteten hier rund 22.000 Arbeiter (und wenige Arbeiterinnen) in der Produktion; zu ihnen können noch einmal etwa 6.000 Beschäftigte in der unmittelbar mit dem Werk verbundenen Firmenzentrale gerechnet werden.[7] Seit 1965 erhielt jeder Konzernangehörige in der Bundesrepublik vier bis fünf, später sechs Mal im Jahr die firmeneigene Zeitschrift »Daimler-Benz intern«. Mitte der 1970er-Jahre erreichten die manchmal 48 Seiten starken Hefte eine Auflage von 147.000 Exemplaren, die sich im Laufe des nächsten Jahrzehnts auf über 200.000 steigerte.[8] Innerhalb des Werks wurden zudem häufig Informationen der IG Metall verteilt, die zum Teil an alle Betriebsangehörigen gerichtet waren, zum Teil speziell an Arbeiter, Angestellte oder bestimmte Werksbereiche. Dazu gehörten Flugblätter, Aufrufe, Plakate und verschiedene Formen von Mitteilungsblättern. Ab 1985 erschien dann regelmäßig der bereits erwähnte »Scheibenwischer«. Auch der Betriebsrat gab – formal unabhängig von der IG Metall – häufig Informationsblätter und Broschüren heraus. Ebenso taten dies andere Betriebsratslisten und kleinere Arbeitnehmerorganisationen. Darüber hinaus existierten über mehrere Jahre hinweg zahlreiche Zeitungen verschiedener linker Betriebsgruppen.[9] Von größerer Bedeutung dürfte nur das »Blinklicht« der SPD-Betriebsgruppe gewesen sein, vor allem aber die von der gleichnamigen Betriebsratsgruppe herausgegebene »plakat«-Zeitung, die seit 1969 im Werk verteilt wurde und bisweilen eine Auflage von mehreren tausend Exemplaren erreichte.[10]

»plakat«-Titel vom 29.4.1981

 

roter stern. dkp-betriebszeitung der arbeiter und angestellten des daimler-benz konzerns, 9. Jahrgang, Nr. 8/1978
Die Triebachse. KPD-Zelle Daimler-Benz, Nr. 8/1978Es gab noch diverse weitere Betriebszeitungen mit mehr oder weniger kreativen Titeln – etwa »Stoßstange« (Kommunistischer Arbeiterbund Deutschlands, KABD), »Betriebszeitung« (Kommunistischer Bund Westdeutschland, KBW) und »Marxistische Arbeiterzeitung« (Marxistische Gruppe).
 

»plakat« stellte in mancher Hinsicht eine Untertürkheimer Besonderheit dar. Die Zeitung entstand aus der Zusammenarbeit von Daimler-Arbeitern und studentischen Gruppen aus dem Umfeld der Stuttgarter außerparlamentarischen Opposition. Zu den wichtigsten Personen hinter der Zeitung zählten der Drucker bzw. Kleinverleger Peter Grohmann, der Maschinenschlosser Hermann Mühleisen und der Schweißer Willi Hoss.[11] Sie hatten die Idee einer betrieblichen Lokalzeitung, die unmittelbar von der Werkbank berichtete und zugleich Kritik an undemokratischen Strukturen und fehlender Radikalität der IG Metall transportierte. Hoss und Mühleisen gerieten innerbetrieblich schnell in Konflikt mit den Gewerkschaftsfunktionären. 1972 kandidierten sie mit einer eigenen Liste für den Betriebsrat und gewannen auf Anhieb 28 Prozent der Stimmen. Ihr Erfolg und der Ausschluss aus der IG Metall erregten bundesweit Aufsehen; die Gruppe bestand bis 1990 fort und war mit Wahlergebnissen zwischen 20 und 40 Prozent der Stimmen durchgängig im Betriebsrat vertreten.[12] Ebenso lang erschien »plakat« – meist in Form von zwei oder drei ineinandergelegten, beidseitig bedruckten DIN A3-Blättern, die mit studentischer Hilfe etwa vier Mal pro Jahr vor der Frühschicht an den Werkstoren verteilt wurden. Auffälliges Merkmal der Zeitung waren Beiträge in italienischer, griechischer und serbokroatischer, später auch türkischer Sprache. Deutlich früher als die IG Metall wandte sich die Gruppe auch an die wachsende Zahl der bei Daimler beschäftigten »Gastarbeiter«.

Die verschiedenen Betriebszeitungen lassen ein reiches Themenspektrum aufscheinen und erlauben sehr unterschiedliche Perspektiven auf die innerbetriebliche Welt des Konzerns sowie auf werksinterne Konflikte. Deutlich werden die jeweiligen Interessen und Strategien der Akteure hinter den Publikationen, angefangen von den aufwendigen Versuchen der Unternehmensführung, die konzerneigene Corporate Identity zu verbreiten und die Identifikation der einzelnen Mitarbeiter mit den eigenen Produkten, Arbeitsstätten und Kollegen zu fördern, bis hin zu den manchmal an Schülerzeitungen erinnernden Schriften aus dem Umfeld der linken K-Gruppen, die mit schlichtem Layout klassenkämpferische Botschaften in die Belegschaft tragen wollten. Die Analyse der vielfältigen Presselandschaft ermöglicht aber nicht nur Rückschlüsse auf das Selbstverständnis der Herausgeber und Autoren, sondern gibt auch Hinweise darauf, welche Begriffe und Themen bei der Belegschaft auf Resonanz stießen bzw. welche Werte und Vorstellungswelten die Rezipienten des betriebsinternen Diskurses verbanden.[13]

2. Arbeitsbelastung, Rationalisierung und Humanisierung als Themen der innerbetrieblichen Kommunikation

Auch wenn der Stress-Begriff keine zentrale Rolle in den Daimler-Betriebszeitungen spielte, waren die Themen, die seit den 1970er-Jahren in Verbindung mit Stress diskutiert wurden, in allen werksinternen Publikationen präsent. Steigende Anforderungen am Arbeitsplatz, Leistungsdruck sowie psychische Folgen von Rationalisierungsmaßnahmen und technologischem Wandel wurden immer wieder angesprochen und mit grundsätzlichen Forderungen für die Weiterentwicklung des Konzerns bzw. die Gestaltung der Arbeitsbedingungen verbunden.

Die auffällige Unauffälligkeit des Stress-Begriffs war dabei nicht nur Zufall. Aus naheliegenden Gründen hatte die offizielle Mitarbeiterzeitung kein sonderliches Interesse daran, die eigene Darstellung der Daimler-Welt unmittelbar mit dem negativ besetzten Begriff Stress in Verbindung zu bringen. »Daimler-Benz intern« präsentierte den Konzern in den 1970er- und 1980er-Jahren als Musterschüler in Fragen der humanen Gestaltung industrieller Arbeitsplätze. Berichte über neugeschaffene Werkshallen, technisch-handwerkliche Produktionsstätten und erneuerte Büroräume, die Entlastung von schwerer körperlicher Arbeit im Zuge des technischen Fortschritts und die gezielte Umgestaltung von Arbeitsplätzen zur Reduktion von Lärm, Schmutz oder Schadstoffbelastung für die Beschäftigten nahmen in der Zeitung großen Raum ein. Überschriften wie »Genutzte Chance: menschengerecht gestaltete Arbeitsplätze« (Februar 1976), »Roboter entlasten von schwerer Arbeit« (März 1979) und »Arbeitserleichterung und mehr Arbeitssicherheit« (Sommer 1985) stehen stellvertretend für eine Fülle derartiger Beiträge. Als gelungen betrachtete Beispiele für die Verbindung von moderner Technik und zeitgemäßer Arbeitsgestaltung wurden im Hochglanzformat mit zahlreichen Fotos illustriert.

»Textverarbeitung: Mehr Abwechslung im modernen Büro«
(Daimler-Benz intern, Nr. 3/1985)
»Aus einem schädlichen können wir einen guten Streß werden lassen.«
(Daimler-Benz intern, Nr. 7/1989)
 

Arbeitssicherheit und die individuelle Gesundheit der Beschäftigten waren zudem in regelmäßigen Rubriken der Zeitung präsent. Seit den frühen 1970er-Jahren meldeten sich immer öfter Werksärzte zu Wort. Sie gaben Tipps zur Ernährung, zur Zahnpflege oder zur richtigen Gestaltung des Urlaubs; daneben warnten sie vor den Gefahren des Alkohols oder des Tablettenmissbrauchs und informierten über Krebsvorsorge und Diabetes. Interessanterweise finden sich in diesem Kontext die wenigen expliziten Hinweise auf Stress: 1983 etwa taucht der Begriff bei der Darstellung einer Alkoholerkrankung auf, 1987 empfahl man den Mitarbeitern Laufen als »Mittel gegen Streß«.[14] Erst 1989 wurde Stress zu einem breiteren Thema. »Streß! Was tun?«, fragte der Werksarzt und empfahl eine »persönliche Streßanalyse« sowie körperliche Aktivität, eine gezielte Tages- und Wochenplanung sowie volle Konzentration auf die gerade zu erledigende Aufgabe.[15] Bis weit in die 1980er-Jahre hinein ließ sich Stress als Thema für die Konzern-Journalisten aber weitgehend vermeiden; wenn der Begriff überhaupt benutzt wurde, dann im Kontext von individueller Vorsorge oder der mangelhaften Selbststeuerung einzelner Mitarbeiter bis hin zum Alkoholismus. Grundsätzlich hatte das Unternehmen ein Interesse daran, auf die Gesundheits- und Körperpraktiken der Beschäftigten Einfluss zu nehmen – die Bekämpfung von Stress sollte aber ganz in deren persönlicher Verantwortung liegen. Bei Fragen der Arbeitsplatzgestaltung sah »Daimler-Benz intern« den Konzern dagegen stärker in der Pflicht.

Die Lektüre von »plakat« und von Publikationen der IG Metall führt zu einem ähnlichen Ergebnis. Während Fragen der Humanisierung, der Rationalisierung und der Automation regelmäßig angesprochen wurden, nutzten die Autoren den Stress-Begriff allenfalls sporadisch. Das gilt selbst dann, wenn »plakat« wie etwa im April 1981 unmittelbar auf eine positive Humanisierungs-Berichterstattung aus »Daimler-Benz intern« reagierte und mit Hinweis auf den gestiegenen Leistungsdruck gegen eine nur vermeintlich »humane« Neugestaltung von Arbeitsplätzen protestierte.[16] Die gelegentliche Verwendung des Stress-Begriffs etwa bei der Darstellung der Arbeitsbedingungen im Kantinenbereich oder der Auseinandersetzung um Überstunden und Nachtarbeit zeigt, dass der Terminus den Kolleginnen und Kollegen im Werk selbstverständlich vertraut war; ein gewerkschaftlicher oder linker Kampfbegriff war er nicht.[17] Dafür waren andere Begriffe wichtiger: »Hektik«, »Hetze«, »Leistungsdruck« oder gar die Umschreibung von Stress mit »nervlicher und seelischer Belastung« waren viel gängigere Termini, die insbesondere im Fall von »Arbeitshetze« und entsprechenden Komposita bereits eine lange Tradition innerhalb der Arbeiterbewegung besaßen.[18] Dass Stress dabei eher als neues Synonym für altbekannte Probleme wahrgenommen wurde, lässt sich etwa daran ablesen, dass die italienische Übersetzung eines deutschen Artikels von 1989 über »Noch mehr Hektik in der Dreimaschinenbedienung!« schlicht »Stress attraverso il servizio a 3 macchine« lautete. Stress und Hektik waren austauschbar.[19]

Typisch waren die Frage nach dem Verhältnis von »Mensch und Maschine«[20] sowie die Kritik an der These, dass der »Mensch im Mittelpunkt« der Humanisierung der Arbeitswelt stehe. Gerade »plakat« schaltete sich immer wieder in die innerbetriebliche Diskussion um Gesundheitsfragen ein – auch jenseits des unmittelbaren Arbeitsschutzes. Bezeichnenderweise konnte man sich noch im Januar 1989 mit der Klage der Untertürkheimer Werksleitung über krankheitsbedingte Fehlzeiten beschäftigen, ohne von Stress zu sprechen. Stattdessen brachte der Beitrag die Haltung der »plakat«-Betriebsräte auf die Formel: »Wer den Krankenstand senken will, muß die Arbeitshetze stoppen.«[21]

Auffällig ist, dass Stress in eher an Gewerkschaftsfunktionäre und Multiplikatoren gerichteten Veröffentlichungen aus dem Umfeld der Gewerkschaften durchaus erwähnt wurde, deutlich weniger bis gar nicht aber in den innerbetrieblichen Medien der Kampagnen.[22] Dem entsprechen Eindrücke aus der bundesweit erscheinenden IG-Metall-Funktionärszeitschrift »Der Gewerkschafter«: Bis Mitte der 1980er-Jahre wurde Stress dort zwar immer wieder benutzt, aber nicht als zentraler Begriff behandelt. Stress war ein Wort unter vielen, wenn es um Rationalisierungsfolgen und Humanisierung ging; bei der Forderung nach kürzeren Arbeitszeiten bzw. der Einführung der 35-Stunden-Woche stand das Argument der Schaffung neuer Arbeitsplätze dagegen ganz im Vordergrund.[23] Die Sorge um Arbeitslosigkeit überlagerte den Stress im Betrieb gerade zu dem Zeitpunkt, als der Begriff seinen massenmedialen Siegeszug antrat. Zunehmend erkannten Funktionäre dies als Problem: So klagten die Autoren der Münchner DGB-Zeitung »wir« im Sommer 1986 zwar über den schlechten Besuch einer Podiumsdiskussion mit Jürgen-Peter Stössel zum Thema »Herz im Streß – das Infarktrisiko am Arbeitsplatz«, kamen aber zu dem Ergebnis, »daß neben der Frage der Arbeitszeitverkürzung auch der inhaltlichen Gestaltung der Arbeitsplätze wieder mehr Raum gewidmet werden muß«.[24]

3. Fazit

Erst am Ende der 1980er-Jahre mehren sich die Anzeichen für eine stärkere Verwendung des Stress-Begriffs in betrieblichen Kontexten. Das Beispiel Daimler deckt sich dabei mit den Ergebnissen einer Auswertung von Betriebszeitungen und betriebsnahen Publikationen aus anderen Branchen und Regionen.[25] Die auffällige Unauffälligkeit des Begriffs lässt sich zum einen als Ausdruck einer spezifischen Interessenkonstellation deuten: Während offizielle Werkzeitungen wie »Daimler-Benz intern« das Bild des modernen Betriebs nicht mit Stress in Verbindung bringen und das Problem der Arbeitergesundheit ganz in den Bereich der individuellen Gesundheitspflege verlagern wollten, verfügten Akteure aus dem Umfeld der Arbeiterbewegung über traditionelle Begriffe, mit denen sich der Wandel der Arbeitswelt und die durchaus wahrgenommene Zunahme auch von psychischen Belastungen beschreiben ließen. Die Sprache der Debatten um Humanisierung und Rationalisierung war älter als die Popularisierung des Stress-Begriffs. Die Verwendung dieses Worts in der breiten Öffentlichkeit mag gegenüber klassischen Beschreibungen von Hektik, Arbeitshetze und Leistungsdruck zudem einen stärker individualisierenden Zug getragen haben, der gewerkschaftliche und linke Akteure vor einer Verwendung als zentralem Begriff im Betrieb zurückschrecken ließ. Wer von Hetze und Druck spricht, impliziert dagegen klare Verantwortlichkeiten und einen benennbaren Täter, der hetzt oder »Druck macht«.

Wichtiger aber ist etwas anderes: Weder die offizielle Stimme des Konzerns noch ihre verschiedenen Gegenüber versprachen sich von der Verwendung des Begriffs in der Kommunikation mit der breiten Mehrheit der Belegschaft Vorteile. Zugleich fürchteten sie auch keine Nachteile dadurch, dass sie einen zentralen alltagssprachlichen Begriff nicht aufnahmen. Die Analyse der Daimler-Betriebszeitungen öffnet damit einen Blick auf die Rezeption oder Nicht-Rezeption eines neuen Konzepts unter Industriearbeitern, die sonst nur schwer zu erfassen ist und sich zum Beispiel nicht durch rückblickende lebensweltliche Interviews ermitteln lässt. Gerade die Breite der betrieblichen Presselandschaft in den 1970er- und 1980er-Jahren erlaubt eine differenzierte Rekonstruktion der betrieblichen Kommunikation sowie der ihr vorgeschalteten Interessen und Vorstellungswelten. Darin liegt der besondere Reiz der Quellengattung »Betriebszeitungen« für die Zeitgeschichte. Aus Sicht einer Wissensgeschichte des Stress-Begriffs ergeben sich Fragen nach einer sozialen Differenzierung beim Aufstieg von Stress zu einer zentralen Kategorie gesellschaftlicher Selbstbeschreibung: Wer sprach wann, wie und warum von Stress – und wer tat das aus welchen Gründen nicht? Welche lebensweltlichen Bereiche waren für den Stress-Begriff offen, welche (noch) nicht? Welche Praktiken und welche Ziele verbanden verschiedene Akteure mit dem Verweis auf Stress? Auch zu solchen Fragen kann die vertiefte Analyse von Betriebszeitungen einen Beitrag leisten.

Anmerkungen:

[1] Vgl. Der Scheibenwischer, Mai 1990. Ausgaben gesammelt im Archiv der sozialen Demokratie, Bonn (AdsD), Bestand IG Metall/Verwaltungsstelle Stuttgart, 5/IGMC000619.

[2] Vgl. Cary L. Cooper/Philip J. Dewe, Stress. A Brief History, Malden 2004; für den deutschsprachigen Raum bes. Patrick Kury, Der überforderte Mensch. Eine Wissensgeschichte vom Stress zum Burnout, Frankfurt a.M. 2012. Interessant ist eine schnelle Volltextrecherche zur Verwendung von »Stress« und »Stress«-Komposita in der »ZEIT«: Erstmals verwendet wird »Stress« dort 1956, zwischen 1972 und 1999 kommen »Stress«-Begriffe bei ganz leicht steigender Tendenz jeweils zwischen 49- und 100-mal im Jahr vor (Ausnahme 1998: 120), ab 2000 erhält man deutlich über 100, ab 2007 über 200, ab 2009 über 300 Treffer pro Jahr. Durchgeführt unter <http://www.zeit.de/suche/index?q=> (30.1.2014).

[3] Vgl. Cooper/Dewe, Stress (Anm. 2), S. 85-110; Patrick Kury, Vom physiologischen Stress zum Prinzip »Lebensqualität«: Lennart Levi und der Wandel des Stresskonzepts um 1970, in: Body Politics 1 (2013), S. 119-137. Siehe auch Anne Seibring, Die Humanisierung des Arbeitslebens in den 1970er Jahren: Forschungsstand und Forschungsperspektiven, in: Knud Andresen/Ursula Bitzegeio/Jürgen Mittag (Hg.), Nach dem Strukturbruch? Kontinuität und Wandel von Arbeitswelten, Bonn 2011, S. 107-126.

[4] Vgl. Michael Kißener, Unter Aufsicht – Die Firma Boehringer Ingelheim 1936 bis 1944 im Spiegel der Werkszeitung, in: Hans-Georg Meyer/Caroline Klausing (Hg.), »Freudige Gefolgschaft und bedingungslose Einordnung…«? Der Nationalsozialismus in Ingelheim, Ingelheim 2011, S. 311-342, bes. S. 312ff.; Alexander Michel, Von der Fabrikzeitung zum Führungsmittel. Werkszeitschriften industrieller Großunternehmen von 1890 bis 1945, Stuttgart 1997.

[5] Vgl. Monika Held, »Bete, arbeite und streike nicht!« Kleine Geschichte der Werkzeitschriften, in: dies./Hella Schlumberger, Schöne, heile Arbeitswelt… Methoden und Manipulationen der Werkpresse, Köln 1976, S. 7-11. Vgl. auch Heinz von Gruben, Die Werkzeitschrift als Mittel der betrieblichen Sozialpolitik. Die historische Entwicklung und der heutige Stand des Werkzeitschriftenwesens, Diss. Ludwig-Maximilians-Universität München 1957, Kap. IV und V.

[6] Für die offiziellen Werkszeitungen lassen sich Zahlen ermitteln: 1974 zählte die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände 360 Werkzeitschriften mit einer Auflage von insgesamt ca. 4,5 Millionen Exemplaren. Vgl. Held/Schlumberger, Schöne, heile Arbeitswelt (Anm. 5), S. 209. Für Mitte der 1980er-Jahre nennt Michael Kißener die Zahl von ca. 420 Werkszeitungen. Vgl. Kißener, Unter Aufsicht (Anm. 4), S. 314.

[7] Vgl. Richard Osswald, Lebendige Arbeitswelt. Die Sozialgeschichte der Daimler-Benz AG von 1945–1985, Stuttgart 1986; Rainer Fattmann, 125 Jahre Arbeit und Leben in den Werken von Daimler und Benz. Die Geschichte der Beschäftigten und ihrer Interessenvertretung, Ludwigsburg 2011.

[8] Vgl. Daimler-Benz intern, gesammelt im Daimler-Werksarchiv, Stuttgart (DA). Die Auflage wurde seit 1977 im Impressum angegeben.

[9] Vgl. die Sammlungen von Betriebszeitungen der IG-Metall-Verwaltungsstelle Stuttgart im AdsD: 5/IGMC000471, 5/IGMC000619. Entsprechende Sammlungen finden sich in den Akten des DA, bes. Personal 7: Gewerkschaften, Parteien und andere Gruppen (1930–1999). In einer internen Auswertung zählte der Werkschutz allein im Februar 1981 insgesamt 39 linke Informationsschriften in allen Werken des Konzerns (DA: Personal 7).

[10] Vgl. zur Auflage die Broschüre Elefanten Press Galerie (Hg.), Kunst und Betrieb. Gruppe »plakat« Stuttgart. Eine Dokumentation, Berlin 1973.

[11] Vgl. Willi Hoss, Komm ins Offene, Freund. Autobiographie, hg. von Peter Kammerer, Münster 2004; Peter Grohmann, Alles Lüge außer ich. Eine politische Biografie, Stuttgart 2013.

[12] Vgl. Fattmann, 125 Jahre (Anm. 7), S. 165ff.

[13] Dazu ausführlich: Jörg Neuheiser, Der »Wertewandel« zwischen Diskurs und Praxis. Die Untersuchung von Wertvorstellungen zur Arbeit mit Hilfe von betrieblichen Fallstudien, in: Bernhard Dietz/Christopher Neumaier/Andreas Rödder (Hg.), Gab es den Wertewandel? Neue Forschungen zum gesellschaftlich-kulturellen Wandel seit den 1960er Jahren, München 2014, S. 141-168.

[14] Alkohol am Arbeitsplatz, in: Daimler-Benz intern, Oktober 1983; Laufen – ein Mittel gegen Stress, in: ebd., Nr. 5/1987.

[15] Streß! Was tun?, in: Daimler-Benz intern, Nr. 7/1989.

[16] Nach einer Runde völlig fertig, in: plakat, April 1981.

[17] Vgl. etwa folgende Beiträge: Stimmung im »Goldenen Löffel«, in: plakat, Mai 1981; Überstunden, Samstagarbeit: zwei Beispiele, in: ebd., Oktober 1981; Wenn der Urlaub zum Streß wird, in: ebd., Juni 1986.

[18] Diese Einschätzung beruht auf einer Durchsicht aller im AdsD und im DA verfügbaren »plakat«-Ausgaben von 1969 bis 1990, der übrigen dort gesammelten Werkspublikationen der IG Metall und anderer linker Gruppen seit Beginn der 1970er-Jahre und des »Scheibenwischers« von 1985 bis 1990. Für die frühe gewerkschaftliche Thematisierung von »Arbeitshetze« im Kontext von Rationalisierungsmaßnahmen vgl. Alf Lüdtke, »Deutsche Qualitätsarbeit«, »Spielereien« am Arbeitsplatz und »Fliehen« aus der Fabrik: industrielle Arbeitsprozesse und Arbeiterverhalten in den 1920er Jahren – Aspekte eines offenen Forschungsfeldes, in: Friedhelm Boll (Hg.), Arbeiterkulturen zwischen Alltag und Politik. Beiträge zum europäischen Vergleich in der Zwischenkriegszeit, Wien 1986, S. 155-198, bes. S. 162.

[19] Vgl. plakat, Januar 1989, S. 2 und 3.

[20] Vgl. Martina Heßler, Die Halle 54 bei Volkswagen und die Grenzen der Automatisierung. Überlegungen zum Mensch-Maschine-Verhältnis in der industriellen Produktion der 1980er-Jahre, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 11 (2014), S. 56-76.

[21] Vgl. plakat, Januar 1989, S. 1.

[22] Vgl. dazu Hans-Ulrich Deppe, Arbeitszeitverkürzung als präventive Gesundheitspolitik, in: Gerhard Bosch u.a., Her mit dem ganzen Leben. Argumente für die 35-Stunden-Woche, Marburg 1984, S. 115-133, der Stress als einen Faktor anspricht, im Kontrast zur Darstellung der Kampagne der Stuttgarter IG Metall im Frühjahr 1984 von Sybille Stamm/Walter Riester, »Offensive Mobilisierungsstrategie« heißt breite Einbeziehung der Mitglieder! Das Beispiel Stuttgart, in: ebd., S. 81-113.

[23] Vgl. Der Gewerkschafter; durchgesehen habe ich die Ausgaben der Jahre 1979 bis 1986.

[24] Vgl. Mai: »Herz im Streß«, in: wir, Nr. 3/1986, S. 11. Zu Jürgen-Peter Stössel siehe auch Robert Suters Beitrag in diesem Heft.

[25] Vgl. die Sammlung von Betriebszeitungen der Verwaltungsstelle Stuttgart (Betriebe: Mahle GmbH, Hewlett Packard, IBM Labor Böblingen, Fa. Haushahn in Feuerbach, Werner und Pfleiderer, Dürr, Trumpf, Thyssen Krupp Aufzüge, Bosch) im AdsD, 5/IGMC000617+618; daneben die Ausgaben der Münchner DGB-Zeitung »wir« (1976–1988).

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