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Koenig-2-2007

Susanne König

Bilder vom Menschen – Geschichte und Gegenwart
Die Dauerausstellung des Deutschen
Hygiene-Museums in Dresden

Gliederung:

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Text:


Stiftung Deutsches Hygiene-Museum, Lingnerplatz 1, 01069 Dresden.

Begleitband zur Dauerausstellung: Klaus Vogel (Hg.), Deutsches Hygiene-Museum Dresden. Prestel Museumsführer, München 2005.

Der für uns ungewöhnlich klingende Name „Deutsches Hygiene-Museum“ bezeichnet ein einzigartiges Spezialmuseum in der gegenwärtigen Museumslandschaft. Im Zentrum seiner Arbeit stehen der Mensch und die unterschiedlichen Aspekte des menschlichen Lebens, eingebettet in den natur-, kultur- und gesellschaftswissenschaftlichen Kontext. Doch warum trägt das Museum diesen eigenartigen und belasteten Namen, der museologischen Marketingstrategien so gar nicht entspricht und die heutigen Ausstellungsinhalte höchst unvollständig beschreibt? Dies ist nur aus der Geschichte des Museums und seiner Themen zu erklären.


Die Hygiene ist die Lehre der Verhütung von Krankheiten sowie der Erhaltung der Gesundheit und bedeutet in der Alltagssprache einfach Sauberkeit.1 Im engeren Sinn werden unter Hygiene die Reinigungsmaßnahmen zur Vorbeugung von Infektionskrankheiten verstanden. Seit dem 19. Jahrhundert, parallel zur Urbanisierung und der Entstehung der modernen Nationalstaaten, war die Hygieneaufklärung ein wichtiges Thema. Sie gehörte zu einer Reihe von Strategien, mit denen die Regierungen auf die Bevölkerung einzuwirken versuchten, die sie als Herrschafts- und Machtressource entdeckten. Auch wenn die Hygiene die Lebensbedingungen gerade der Unterschichten verbesserte, war sie nicht allein Ergebnis philanthropischer Absichten, sondern zugleich ein Mittel gesellschaftlicher Regulierung und Normierung. Deshalb wird der Hygienediskurs heute, etwa mit Hilfe von Michel Foucaults Konzept der „Gouvernementalität“,2 kritisch betrachtet.



Plakat zur Internationalen Hygiene-Ausstellung 1911 von Franz von Stuck
(Quelle: Deutsches Hygiene-Museum)

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Die Geschichte des Deutschen Hygiene-Museums ist in diesem Kontext zu sehen.3 Die Vorgeschichte des Museums beginnt mit der (Sozial-)Hygiene-bewegung Ende des 19. Jahrhunderts. Die Bewohner moderner Großstädte hatten wegen der Verschmutzung der Städte und der verunreinigten Abwässer Angst vor Seuchen. Gerade Dresden entwickelte ein Bewusstsein für ein gesundes Leben in der Stadt und wurde zu einem Zentrum der „Lebensreform“. Hier wurden die ersten Hygiene-Ausstellungen organisiert, deren Förderer von Beginn an der Dresdener Fabrikant Karl August Lingner war - der Hersteller des Mundwassers „Odol“. Er verband seine Unternehmensinteressen mit dem Anspruch der „hygienischen Volksbelehrung“ und nutzte dafür besonders das neue Medium Wissenschaftsausstellung. Aus dem vorläufigen Höhepunkt, der I. Internationalen Hygiene-Ausstellung von 1911, resultierte der Wunsch nach einem dauerhaften Museum. Der Erfolg der Ausstellung mit fünfeinhalb Millionen Besuchern hinterließ einen beachtlichen Reingewinn, der für das Museum verwendet werden sollte. Doch Lingner verstarb bereits 1916, und das ersparte Gründungskapital wurde durch die Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg vernichtet. So konnte der Museumsbau erst 1930 errichtet werden.



Deutsches Hygiene-Museum, Außenansicht (Foto: David Brandt)




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Grundrisse der Ausstellungsräume des Deutschen Hygiene-Museums bei der Eröffnung 1930
(zum Vergrößern anklicken; Quelle: Deutsches Hygiene-Museum)



Blick in den Ausstellungsraum „Kampf dem Krebs“ von 1930
(Quelle: Deutsches Hygiene-Museum)


Der Architekt dieses Neubaus war Wilhelm Kreis (1873-1954),4 der „ornamentlose Formen des Neuen Bauens mit einem monumentalen Gesamtausdruck“ vereinte.5 Zuvor war Kreis bereits Chefarchitekt der Düsseldorfer Ausstellung „Ge-So-Lei“ (Gesundheit - Soziale Fürsorge - Leibesübungen) von 1926 gewesen. Als wissenschaftliche Institution und Fabrikationsbetrieb belieferte das Deutsche Hygiene-Museum das NS-Regime ab 1933 mit rassistischen Forschungsergebnissen und visualisierenden Lehrmittelprodukten. Die Verbindung von Museumsarbeit und politischer Anwendung zeigte sich auch daran, dass zwischen 1933 und 1941 verschiedene Ämter für Gesundheit und Rassenpolitik auf dem Museumsgelände angesiedelt waren. Gewiss war das Jahr 1933 im Hygienediskurs und speziell für die propagandistische Funktion des Museums eine Zäsur: Nun organisierte der Staat die Verfolgung und letztlich die Ermordung von Juden, Sinti und Roma, Behinderten und anderen Bevölkerungsgruppen, die als „Schädlinge“ am „Volkskörper“ definiert wurden. Aber gerade die Geschichte von Hygiene und Eugenik zeigt auch, dass das zugrundeliegende Denken keine nationalsozialistische Erfindung war, sondern - nicht nur in Deutschland - in der „Degenerationsangst“ seit der Jahrhundertwende und besonders seit dem Ersten Weltkrieg wurzelte.6 Das heutige Hygiene-Museum geht mit der „unheilvolle[n] Allianz von Reinheit und Vernichtungswahn, von Hygiene-Auge [dem Symbol des Museums seit 1911] und SS-Totenkopf“7 offen und kritisch um. Der Name „Hygiene-Museum“ mag anachronistisch, belastet und zu eng erscheinen, kann jedoch auch als Geschichtszeichen verstanden werden, das irritiert und so zu historischen Fragen anregt.8

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Die Zeit nach 1945 begann für das Museum mit der Neuerrichtung des Hauses, das im Zweiten Weltkrieg zu 80 Prozent zerstört worden war. Bereits 1946 konnte eine erste Ausstellung zu Geschlechtskrankheiten gezeigt werden. In der DDR war das Museum, neben seiner Funktion als vielfältiger Veranstaltungsort, wiederum Teil gesundheitspolitischer Propaganda. Im Kalten Krieg stand es zudem in Konkurrenz zum Kölner „Deutschen Gesundheitsmuseum“ (das 1967 in die „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“ umgewandelt wurde). Neben der Ausstellungsarbeit entwickelte das Museum Film- und Fernsehbeiträge; ab 1982 war es auch Kooperationspartner der Weltgesundheitsorganisation. Die Ausstellungen der 1980er-Jahre waren thematisch und inszenatorisch durchaus ambitioniert. So konnte schon in der Umbruchphase von 1990 die Schau „Leibesvisitation. Blicke auf den Körper in fünf Jahrhunderten“ gezeigt werden, eine Kooperation mit dem Deutschen Historischen Museum.9


Im vereinten Deutschland hat sich das Hygiene-Museum mit ambitionierten Wechselausstellungen einen guten Ruf erworben: „Darwin und Darwinismus“ (1994), „Die Pille“ (1996), „Der Neue Mensch“ (1999), „Der (im)perfekte Mensch“ (2000/01) - so lauteten einige der Themen. Die Stärke des Museums liegt darin, dass es aktuelle Debatten aufgreift, sie zugleich aber historisiert und dadurch zentrale Konflikte und Ambivalenzen moderner Gesellschaften aufscheinen lässt. Der wissenschaftsgeschichtliche Zugang demon-striert auch für Laien „die historische Gemachtheit jeder Erkenntnis“10 und die Gestaltbarkeit von Gesellschaft.


Die jetzige Dauerausstellung im Obergeschoss des Museums wurde 2004/05 eröffnet. In sieben Räumen bietet sie einen Rundgang an, der sich an Besucher ohne Vorkenntnisse wendet. Jedem Raum ist ein eigenes Sachgebiet zugeordnet: „Der gläserne Mensch“, „Leben und Sterben“, „Essen und Trinken“, „Sexualität“, „Erinnern, Denken, Lernen“, „Bewegen“ sowie „Schönheit, Haut und Haar“. Einige dieser Räume sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden. Bei den Exponaten handelt es sich einerseits um ältere Objekte und Modelle, die inzwischen selbst historische Dokumente sind, und andererseits um neue Modelle aus den letzten Jahren. So entsteht kein homogenes Gesamtbild, aber ein vielfach überraschendes Patchwork von Aspekten und Sichtweisen menschlicher Existenz. Verschiedene multimediale Elemente wie Filme, Hörstationen, Computerspiele und Audioguides ergänzen die großzügige Ausstellungspräsentation der einzelnen Sachgebiete.

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Blick in den heutigen Ausstellungsraum „Der gläserne Mensch“ (Foto: David Brandt)


Der erste Raum „Der gläserne Mensch“ thematisiert den menschlichen Körper und zeigt als Kernstück den Exportschlager der ehemaligen museumseigenen Lehrwerkstätte, eben den „Gläsernen Menschen“ (1927). Diese Figur bietet einen Einblick in die Organe des menschlichen Körpers, die über ein Lichtsystem aufzurufen sind. Das Museum sieht in diesem Objekt ein zentrales Symbol jener „zweischneidigen Modernität“, die sein übergreifendes Thema ist. Der „Gläserne Mensch“ sei „nicht nur ein Triumph des Modellbaus und der Museumsdidaktik, sondern eine überaus ambivalente Metapher, in der sich der Optimismus der Volksaufklärer mit dem Erlösungswillen der Sozialingenieure trifft“.11 Im selben Raum finden sich auch ältere Objekte, die auf die Anfänge der wissenschaftlichen Anatomie verweisen, die seit dem 16. Jahrhundert Präparate von seziertem Körpergewebe sowie anatomische Lehrmodelle entwickelte - wie das Modell einer „Schwangeren Frau“ um 1700. Eine artifizielle Umsetzung von präparierten Organen zeigen Bilder aus dem mehrbändigen „Thesaurus Anatomicus“ des Anatomen Frederik Ruysch (1638-1731), der in seine barocken Allegorien der Vergänglichkeit Fötusskelette und Abgüsse von Blutgefäßen integrierte. Das sich gestaffelt öffnende Modell „Körper eines Kindes“ (um 1890) ist aus der Zusammenarbeit eines Anatomen und eines Bildhauers hervorgegangen, was exemplarisch die vielfach enge Verbindung von Naturforschung und Ästhetik belegt. Weitere wichtige Ausstellungsstücke dieser Abteilung sind eine Reihe von Moulagen des ehemaligen pathoplastischen Instituts für Moulagen-Herstellung, die krankhaft veränderte Körperteile nachbildeten und das Erscheinungsbild von zum Teil längst ausgestorbenen Krankheiten, aber auch von Kriegsverletzungen vermitteln.


Neben dem Blick in den menschlichen Körper, auf seine Krankheitsbilder und Verwundungen thematisiert die Abteilung, wie der Typus eines idealen Körpers zu verschiedenen Zeiten aussehen sollte. Gesundheitsaufklärung kann nicht nur auf Abschreckung setzten, sondern musste und muss stets auch positive Leitbilder bieten. Das Museum präsentiert den idealen Körper nach Maß und Proportion der Antike in Form von Gipsabgüssen des „Speerträgers“ des Polyklet. Ausgehend von solchen Idealmaßen versuchten Mediziner und Ethnologen seit Ende des 18. Jahrhunderts, die Erscheinungsformen des Menschen zu systematisieren; zu diesem Zweck entwickelten sie unterschiedliche Messgeräte für Körper und Gesicht. So ist in der Ausstellung ein tragbares Anthropometer zu sehen, das Rudolf Virchow um 1893 entwickelt hatte. Mit der Vermessung des Körpers, seiner Idealisierung und der Feststellung von Abweichungen wurde zunächst einmal das vielfältige Aussehen des Menschen erkannt. Dies führte jedoch bald zu einer Hierarchisierung in „höherwertige“ und „minderwertige“ Rassenzugehörigkeiten sowie zu dem Ziel, die Gesellschaft in Richtung der behaupteten Idealmaße zu normieren. Die Rassenlehre der Zeit um 1900, die eng mit dem Kolonialismus verbunden war, bildete die Grundlage der Rassenhygiene des Nationalsozialismus.12 Den angeblichen Zusammenhang zwischen „Körperbau und Charakter“ vertrat besonders der Psychiater Ernst Kretschmer in seinem gleichnamigen Buch aus dem Jahr 1921, wo er eine Korrelation zwischen dem Körpertypus und der Häufigkeit von Geisteskrankheiten beschrieb. In der Ausstellung sind die von ihm definierten Körpertypen des „Athletikers“, „Pyknikers“ und „Leptosomen“ als Modelle vertreten.


Die Abteilung „Leben und Sterben“ stellt zunächst das Wachstum des menschlichen Fötus im Mutterleib bis zur Geburt dar. Neben Modellen und Präparaten, die die Entwicklungsstadien des Fötus dokumentieren, zeigt ein Film die Geburt eines Kindes. Ergänzt werden die Ausstellungsstücke durch medizinische Hilfsinstrumente der letzten 150 Jahre, was die Entwicklung der Medizin auf diesem Gebiet veranschaulicht. Der Beginn menschlichen Lebens führt zu dem kleinsten Baustein, der Zelle. In einem überdimensionalen Modell einer Zelle werden deren einzelne Bestandteile dargestellt. Den Weg von der Entstehung des Lebens bis zum Tod beschreitet das Museum interaktiv; es versucht, dem Besucher das Altern des Menschen nachvollziehbar zu machen. Mit einfachen Mitteln wird es ihm ermöglicht, sich in die Rolle eines älteren Menschen hineinzuversetzen und dabei den unsicheren Gang, die zitternden Hände und die schlechten Augen zu erleben. Die Eindämmung der massenhaft Menschen dahinraffenden Seuchen und Immunkrankheiten seit dem 19. Jahrhundert wird mit der Umsetzung von Hygienemaßnahmen und als Erfolg des Gesundheitssystems erklärt. Den Tod selbst dokumentieren Arbeiten von Rudolf Schäfer (um 1980), der Gesichter Verstorbener fotografisch festgehalten hat. Leider wird das Thema „Leben und Sterben“ vorrangig auf der naturwissenschaftlichen Ebene thematisiert. Kultur- und gesellschaftswissenschaftliche Komponenten kommen nur am Rande vor, etwa wenn ein „AIDS-Quilt“ auf neue Formen des Totengedenkens und der Trauer verweist. Auch die Alterung der westlichen Gesellschaften wird nur punktuell erfasst. Hier und an anderen Stellen wäre der eigene Anspruch des Museums, Natur- und Kulturphänomene zu verknüpfen, noch konsequenter umzusetzen.

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Der Raum „Essen und Trinken“ bietet einen Überblick zum menschlichen Verdauungsprozess von der Nahrungsaufnahme über die Verwertung der Nährstoffe bis zur Ausscheidung der nichtverwertbaren Stoffe. Im Mittelpunkt steht der naturwissenschaftliche Aspekt der Ernährung, ergänzt durch Informationen zum Verhältnis der einzelnen Nahrungselemente zueinander. Zu kurz kommt jedoch das gesellschaftlich wichtige Problem falscher Ernährung; Hintergründe der Fettleibigkeit in unserer Gesellschaft werden nicht erörtert. Das Problem der Magersucht wird über die erzählte Leidensgeschichte einer Magersüchtigen einbezogen, doch eine wirkliche Erklärung dieses Zeitphänomens fehlt. Computerspiele bieten dem Besucher die Möglichkeit, die Heilkraft von Kräutern sowie die Speisepläne unterschiedlicher Religionen kennenzulernen. Im Verhältnis zum Zeitaufwand der Spiele ist der Informationsgehalt indes gering. Vergleichsweise viel Raum nehmen dagegen diverse Objekte ein - wie die gläserne Kuh, das Modell einer Industrieküche, eine moderne Kücheneinrichtung aus den 1960er-Jahren und Geräte zur Nahrungsherstellung. Gerade bei diesen - alltags-, sozial- und geschlechtergeschichtlich durchaus aufschlussreichen - Exponaten wäre jedoch eine weitergehende Erklärung und Einordnung wichtig gewesen.


Kindern bietet die Abteilung einen lustigen Zeichentrickfilm mit „Kundi“, einer Comicfigur aus der DDR-Zeit. Darin werden die Nachteile erklärt, die mit dem Genuss von Süßigkeiten verbunden sind. In Form von Trickfilmen, Comics und Kartenspielen war die einem „Jungen Pionier“ ähnelnde Puppe seit 1962 jahrelang Hausmaskottchen des Museums im Kampf gegen die Feinde des sozialistischen Gesundheitsbewusstseins: Dreckfinger, Stinkfuß, Tropfnase, Faulzahn und Schwarzohr.13 „Kundi“ ist mit Kontrollmonitor und magischem Fernrohr ausgestattet, das in die Vergangenheit und Zukunft blicken kann. Obwohl das heutige Museum diese Figur mit den Überwachungsmechanismen der Staatssicherheit in Verbindung bringt, verzichtet es nicht darauf, „Kundi“ weiterhin für pädagogische Zwecke einzusetzen. Ungeachtet dieser Blindstelle ist festzuhalten, dass das Hygiene-Museum Besuchern aller Altersgruppen vielfältige Anregungen gibt - je nach Vorkenntnissen und Interessenlage kann wohl jeder Besucher etwas für ihn Neues entdecken.


Der Raum „Erinnern, Denken, Lernen“ beschäftigt sich mit dem Gehirn. Wie erfährt der Mensch über seine fünf Sinne die Welt, und wie gelangt er zu Erkenntnissen? Der eine Teil der Ausstellungsobjekte liefert einen Einblick in den biologischen Aufbau des Gehirns und versucht biochemische Abläufe bei der sinnlichen Wahrnehmung zu erklären, während die andere Hälfte der Exponate dem Besucher die Möglichkeit bietet, interaktiv seine eigenen Sinne und verschiedenen Arten der Erkenntnis zu testen. Auch in dieser Abteilung wird versucht, gesunde und krankhafte Phänomene gleichermaßen einzubeziehen. So werden unterschiedliche Formen von Geisteskrankheiten vorgestellt und die Auswirkungen von Drogenmissbrauch auf das Gehirn erklärt.

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"Gallscher Schädel", 1840: Der Arzt und Anatom Franz Joseph Gall erforschte den Verlauf von Nervenbahnen im Gehirn und versuchte eigenständige Bereiche des Gehirns zu lokalisieren, die für bestimmte Begabungen und Eigenschaften zuständig seien (Foto: David Brandt).


Das interaktivste Segment ist der Raum „Bewegung“. Neben Modellen, die die Muskulatur des Menschen erklären, und Fitnessgeräten aus dem letzten Jahrhundert, die zur Stärkung der Muskulatur dienten, bieten unterschiedliche Installationen dem Besucher die Möglichkeit, seine eigene Bewegungsfähigkeit zu prüfen. Er kann seinen Gleichgewichtssinn testen, Tanzschritte erlernen oder an neuen Fitnessgeräten trainieren. So vermittelt das Museum nicht nur theoretische Erkenntnisse über den menschlichen Körper, sondern ermöglicht auch Körpererfahrungen und sensibilisiert für die Notwendigkeit ausreichender körperlicher Bewegung. (Nicht zufällig ist eine große Krankenversicherung einer der Hauptsponsoren des Museums.)


Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden ist eine bemerkenswerte und einzigartige Institution, die sich dem menschlichen Leben über einen interdisziplinären Ansatz nähert. Die Voraussetzungen und Grundlagen heutiger Debatten um Gesundheit und Krankheit, Geburt und Tod, Schönheit und Fitness, Sexualität und Reproduktionsmedizin werden nicht nur allgemeinverständlich dargestellt, sondern zugleich so historisiert, dass man für Fragen und Antworten einen neuen, aufgeklärteren Blick entwickelt und bei manchen aktuellen Katastrophenszenarien vielleicht etwas mehr skeptische Distanz bewahrt.14 Natur und Kultur des Menschen behandelt das Hygiene-Museum in engem Zusammenhang, wobei die verschiedenen Strömungen biologistischen und rassistischen Denkens als inhumane Kontrastfolie stets präsent sind. Das Museum profitiert in seiner Arbeit zweifellos von neueren körper-, medizin- und wissenschaftsgeschichtlichen Studien der Historiographie, der Ethnologie, der Kunstgeschichte und benachbarter Fächer - Studien, die das Museum mit Ausstellungsprojekten seinerseits intensiviert. Doch je umfangreicher und grundsätzlicher ein Thema angelegt ist, desto größer ist auch die Gefahr, dass Teilaspekte zu kurz kommen und der übergreifende Anspruch nicht durchgängig umgesetzt wird. So ist der kultur- und gesellschaftswissenschaftliche Bezug zu unserer Gegenwart in der Dauerausstellung teilweise nicht konkret genug ausgearbeitet, und manche Objektbeschreibungen könnten aussagekräftiger sein.





Anmerkungen: 

1 Vgl. Musée d’Histoire de la Ville de Luxembourg (Hg.), „Sei sauber...!“. Eine Geschichte der Hygiene und öffentlichen Gesundheitsvorsorge in Europa, Köln 2004; Peter Blenke/Ulrike Schuster, Götter, Helden, Heinzelmännchen. Ein Streifzug durch die Geschichte der Sauberkeit und Hygiene von der Antike bis zur Gegenwart, Limburg 2005; Alison Bashford, Imperial Hygiene. A Critical History of Colonialism, Nationalism and Public Health, Basingstoke 2004.

2 Siehe dazu die Debatte in Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 3 (2006), S. 273-296. Für körpergeschichtliche Zugänge, bei denen der Hygienediskurs ebenfalls einen wichtigen Stellenwert besitzt, siehe etwa Thomas Alkemeyer, Aufrecht und biegsam. Eine politische Geschichte des Körperkults, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 57 (2007) H. 18, S. 6-18; Ute Planert, Der dreifache Körper des Volkes: Sexualität, Biopolitik und die Wissenschaften vom Leben, in: Geschichte und Gesellschaft 26 (2000), S. 539-576; Maren Lorenz, Leibhaftige Vergangenheit. Einführung in die Körpergeschichte, Tübingen 2000; Philipp Sarasin, Reizbare Maschinen. Eine Geschichte des Körpers 1765-1914, Frankfurt a.M. 2001.

3 Vgl. Klaus Vogel (Hg.), Das Deutsche Hygiene-Museum Dresden 1911-1990, Dresden 2003.

4 Vgl. Wilhelm Kreis, Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden. Mit einem Geleitwort von Georg Seiring und Beiträgen von Martin Richard Möbius und Walther Schulze, Berlin 1930, Reprint mit einem Nachwort von Sabine Schulte, Berlin 2001; Sabine Schulte, Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden von Wilhelm Kreis. Biographie eines Museums der Weimarer Republik, phil. Diss. Bonn 2001.

5 So Vogel, Das Deutsche Hygiene-Museum (Anm. 3), S. 61.

6 Alkemeyer, Aufrecht und biegsam (Anm. 2), S. 11.

7 Vogel, Das Deutsche Hygiene-Museum (Anm. 3), S. 100. Siehe demnächst auch den in der Schriftenreihe des Hygiene-Museums erscheinenden Band: Klaus-Dietmar Henke (Hg.), Tödliche Medizin im Nationalsozialismus. Von der Rassenhygiene zum Völkermord, Köln 2008.

8 Siehe Vogel, Das Deutsche Hygiene-Museum (Anm. 3), S. 9: Nach internen Diskussionen hat sich das Museum entschieden, den tradierten Namen beizubehalten, ergänzt um den Untertitel „Das Museum vom Menschen“.

9 Vgl. ebd., S. 134.

10 Elke Buhr, Das kleine Jenseits, in: Frankfurter Rundschau, 3.4.2007, S. 15 (zur Wechselausstellung „Schlaf und Traum“).

11 Vogel, Das Deutsche Hygiene-Museum (Anm. 3), S. 8. Siehe auch Rosmarie Beier/Martin Roth (Hg.), Der gläserne Mensch - Eine Sensation. Zur Kulturgeschichte eines Ausstellungsobjekts, Berlin 1990.

12 Vgl. etwa Christian Geulen, Wahlverwandte. Rassendiskurs und Nationalismus im späten 19. Jahrhundert, Hamburg 2004; Stefan Kühl, Die Internationale der Rassisten. Aufstieg und Niedergang der internationalen Bewegung für Eugenik und Rassenhygiene im 20. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 1997.

13 Vgl. Vogel, Das Deutsche Hygiene-Museum (Anm. 3), S. 132f.

14 Vgl. in diesem Sinne etwa auch Thomas Etzemüller, Ein ewigwährender Untergang. Der apokalyptische Bevölkerungsdiskurs im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2007.




Angaben zur Autorin: 

Susanne König
Eggerstedtstraße 82
D-22765 Hamburg

E-Mail: koenig.susanne@web.de

Position/Tätigkeit: Doktorandin am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg; Lehrbeauftragte an der Universität der Künste Berlin, Institut für Kunst im Kontext

Forschungs- und Interessengebiete: Das „Musée d’Art Moderne, Département des Aigles“ von Marcel Broodthaers (Dissertationsthema), Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, Museumsgeschichte und Museumstheorie

wichtigste Veröffentlichungen:

Nimmersatt, in: Texte zur Kunst 44 (2001), S. 163-166

Das Symposium „Die Visualität der Theorie vs. Die Theorie des Visuellen“ im KünstlerHaus Bremen, in: Texte zur Kunst 48 (2002)

Tehran 1380 von Solmaz Shahbazi und Tirdad Zolghadr am 28. April 2004 im Haus der Kulturen der Welt, in: Neue Review 7 (2004), S. 26-27

Berlinische Galerie. Wiedereröffnung am 23.10.2004, in: Neue Review 8 (2004), S. 7-9

Sektionsberichte "Universalia sunt in re. Sammlungen als kritische Masse für Kunstgeschichte und Museen" zum XXVIII. Deutschen Kunsthistorikertag, Bonn, 16.–20. April 2005, in: H-ArtHist, 18.4.2005

Bericht zur 51. Biennale in Venedig, 12. Juni – 6. November 2005, in: H-ArtHist, 3.8.2005

Zwischen Realität und Fiktion – Das Museum von Marcel Broodthaers, in: Annette Geiger/Stefanie Hennecke/Christin Kempf (Hg.), Imaginäre Architekturen. Raum und Stadt als Vorstellung, Berlin 2006, S. 164-181

Zwischen realer Melancholie und abstraktem Rattenkönig. Die inszenierten Fotografieserien von Roman Schramm, in: Don’t accept mañana. Ausst.-Kat. Kunstverein Braunschweig, Frankfurt a.M. 2006, S. 40-42

(Stand: März 2008)



Zitierempfehlung: 

Susanne König, Bilder vom Menschen – Geschichte und Gegenwart. Die Dauerausstellung des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 4 (2007), H. 1+2,
URL: http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Koenig-2-2007

Beim Zitieren einer bestimmten Passage aus dem Aufsatz bitte zusätzlich die Nummer des Textabschnitts angeben, z.B. 12 oder 14-16.




 

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